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Hintergrundinformation
Die Industrielle Revolution
England und Amerika verändern die Welt
Mit der verbreiteten Nutzung des fossilen Brennstoffs Kohle, ermöglicht durch Dampfmaschinen und die Nutzung von Kokskohle zur Eisenherstellung, änderte sich die Lebensgrundlage der Menschheit. Die Industrielle Revolution breitete sich von England nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus. Sie veränderte aber nicht nur das Leben in den Industriegesellschaften, sondern fast überall auf der Erde.
 Die Kruppschen Hüttenwerke Rheinhausen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1880 übertraf die deutsche Industrieproduktion die englische (>> mehr). Abb. aus wikipedia, Bild Krupp Rheinhausen
Kohle, Dampfmaschine und Stahl Der Beginn der industriellen Revolution in England
Die industrielle Revolution hat ihre Wurzeln in der Entdeckung der Kohle als Brennstoff, angetrieben wurden sie durch die Umwandlung von Wärme in Bewegungsenergie (“Kraft”) mittels Dampfmaschine.
Als im England des 13. Jahrhunderts das Brennholz knapp wurde, hatten die Engländer in größerem Umfang angefangen, Kohle zu verheizen. Die Kohle stammte aus Flözen, die entlang des Flusses Tyne zutage traten. Im Jahr 1378 exportierte der Haupthafen Newcastle bereits 15.000 Tonnen Kohle. Der Verbrauch stieg stetig; im Jahr 1700 wurden alleine in der Stadt London 1.700 Tonnen Kohle pro Tag verbrannt. Durch diesen Verbrauch waren die englischen Bergwerke so tief geworden, dass sie mit Wasser vollliefen – Pumpwerke wurden gebraucht. Die ersten wurden von Pferden angetrieben, doch bald reichten diese nicht mehr. Zum Abpumpen dieses Grubenwassers entwickelte Thomas Newcomen im Jahr 1712 eine Dampfmaschine, die den im Jahrhundert zuvor entdeckten Luftdruck (>> mehr) nutzte: Wasserdampf wurde in einem Zylinder durch kaltes Wasser zur Kondensation gebracht, der dadurch entstehende Unterdruck zog einen Kolben nach unten, und dieser zieht über eine Wippe eine Pumpe aufwärts. Durch diese Maschine konnte die Wärme, die durch die Verbrennung von Kohle erzeugt wurde (um Dampf zu erzeugen), erstmals in mechanische Arbeit umgewandelt werden.
1769 ließ sich der geniale schottische Erfinder James Watt zwei entscheidende Verbesserungen patentieren: Die Kondensation des Wasserdampfes in einem separaten Kondensator, so dass der Zylinder nicht mehr abkühlen und bei jedem Kolbenhub neu aufgeheizt werden musste; und die Isolierung des Zylinders. Damit verbesserte er den Wirkungsgrad um das Sechsfache - auf immer noch bescheidene drei Prozent. Nach Jahren der Entwicklung gründet Watt gemeinsam mit dem Fabrikanten Matthew Boulton die Firma Boulton & Watt zur Herstellung von Dampfmaschinen, 1777 läuft die erste Watt’sche Dampfmaschine in der Erzmine von Chacewater. Boulton & Watt wurde zum Riesenerfolg, denn die Firma stellte Machinen her, die nicht nur die Kohleförderung billiger machten, sondern mit der auch Erze und andere Rohstoffe leichter und billiger abgebaut werden konnten. Auf Drängen von Boulton arbeitete Watt zudem daran, mit der Dampfmaschine Drehbewegungen zu erzeugen: Damit würde sie zur allseits einsetzbaren Industriemaschine, geeignet zum Antrieb von Mühlen, Spinnmaschinen, Walzwerken und anderen Maschinen. 1782 gelang es Watt, die “doppelt wirkende Dampfmaschine” herzustellen, die dies konnte. (Aus der Zahl der von einer Dampfmaschine eingesparten Pferde zum Abpumpen des Grubenwassers entstand übrigens ein lange gebräuchliches Maß für Leistung - die Pferdestärke [PS].)
Watts Dampfmaschine kam in eine Zeit, die auf sie gewartet zu haben schien: Schon seit dem Mittelalter waren Maschinen genutzt worden - etwa um Metall zu formen, Getreide und Malz zu mahlen oder Garn zu spinnen; viele von ihnen wurden bereits mit Hilfe von Wasser- oder Windkraft mechanisch betreiben. In England, wo der Absolutismus sich nie durchsetzen konnte und die Bauern bereits seit dem Mittelalter frei waren, herrschte bereits Gewerbefreiheit. Im 16. und 17. Jahrhundert war die englische Landwirtschaft dank neuer Techniken hochproduktiv georden – wodurch jetzt genügend Arbeitskräfte für die Industrie zur Verfügung standen. Das Land war in der Eisen- und Textilindustrie führend: 1709 wurde hier zum ersten Mal Koks- statt Holzkohle für die Eisenherstellung eingesetzt, 1740 Gussstahl hergestellt und 1783/84 wurde Stahl mit dem Puddel-Verfahren zum Massenprodukt. In der Textilindustrie waren seit 1730 das fliegende Weberschiffchen und die Streichmaschine eingesetzt worden, 1764 wurde die Spinnmaschine erfunden: In Manufakturen hatte die arbeitsteilige Produktion und die Automatisierung begonnen. 1772 entstand die erste Fabrik: Richard Arkwright baute sie um eine von ihm verbesserte Spinnmaschine herum, an der auch ungelernte Arbeiter Garn spinnen konnten. 1775 kam die Walzenkarde dazu, die die rohen Baumwollfasern zum Spinnen vorbereitet. Damit gab es einen von Wasserkraft angetriebenen Prozess, der einen Rohstoff in mehreren Arbeitsschritten mit Maschinenhilfe zum Massengut machte - eine Industrie.
Die entstehende Industrie beschäftigte auch die Wissenschaft: 1776 veröffentliche der schottische Moralphilosoph Adam Smith sein Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“. Er analysierte die Mechanismen des Marktes, der Preisbildung und die Vorzüge der Arbeitsteilung. Smith war von der Aufklärung geprägt, und betonte die Rolle des Individuums; die „unsichtbare Hand des Marktes“ würde dafür sorgen, dass aus dem Eigeninteresse Gemeinwohl entstünde: „Wir erwarten uns das Abendmahl nicht von der Wohltätigkeit des Fleischers, Bauers oder Bäckers, sondern von deren Bedacht auf ihre eigenen Interessen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.“ Aber gerade aus Eigennutz würden sie dort investieren, wo es der Gemeinschaft am meisten nütze, da das eingesetzte Kapital dort am meisten Gewinn brächte. Das Buch wurde zur Grundsatzprogramm des Wirtschaftsliberalismus. Smith sah auch die Vorteile der Arbeitsteilung, sie “dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern”.
Mit der Dampfmaschine war die mechanische Produktion nicht mehr an die Flüsse als Quelle der Wasserkraft gebunden; sie konnte nun das ganze Land erobern. England erlebte eine tief greifende Umgestaltung und zuvor nicht gekannte Steigerungsraten der Produktion: Mit dem mechanischen Antrieb wurden die Fabriken konkurrenzfähig: große Maschinen machten es möglich, die Preise der Heimarbeiter zu unterbieten. Das nötige Geld für die Maschinen wurde von privaten Kapitalgebern in der Hoffnung auf Gewinne gegeben - die Industrielle Revolution wurde zugleich die Geburtsstunde des “Kapitalismus”. Billige Kohle befreite die Metallherstellung von ihrer Abhängigkeit von Holzkohle, damit wurden Eisen und Stahl zum bevorzugten Material im Machinenbau. Das Wirtschaftswachstum betrug 8 bis 10 Prozent pro Jahr – vergleichbar mit China heute. 1786 gab es in Manchester die erste dampfbetriebene Textilfabrik; um 1800 waren es bereits fünfzig. 1784 baute Watts Freund und Partner William Murdoch die erste mobile Dampfmaschine und 1804 Richard Trevithick die erste Dampflokomotive als Zugmaschine für eine Bergwerks-Schienenbahn – die Geburtsstunde der Eisenbahn. Allerdings war der erste Zug für die gusseisernen Schienen zu schwer - sie zerbrachen. Erst 1812 konstruierte der Ingenieur John Blenkinsop eine Bahn, die schwere Lasten aushielt. Die erste Fernbahnlinie, vom englischen Baumwollhafen Liverpool zur Textilstadt Manchester, ging 1830 in Betrieb; die erste deutsche Eisenbahnstrecke 1835 zwischen Nürnberg und Fürth. 1884 wurde schließlich des Hin und Her der Kolben durch die wirkungsvollere Drehbewegung der Dampfturbinen ersetzt. Die Eisenbahn verbesserte und verbilligte den Transport über Land, brachte frische Milch und frisches Fleisch in die Städte - aus Sicht der Produzenten vergrößerte sie die Märkte; auf größeren Märkten rentieren sich große Maschinen aber noch leichter, damit förderte die Eisenbahn das Fabrikwesen ungemein.
Textilindustrie, Eisen- und Stahlindustrie und die Eisenbahn waren die Pfeiler der Industrialisierung
Die Nutzung der Kohle bewirkte, als ob England über viel mehr Land und Menschen verfügte. Man brauchte nun nun weniger Holz, dass in Wäldern wuchs, konnte das Land also anders nutzen: Im Jahr 1815 nutzte England 23 Millionen Tonne Kohle - um eine entsprechende Energiemenge aus Holz zu erzeugen, hätte das ganze Land mit Wald bestanden sein müssen. Indirekt kam noch hinzu, dass England auch weniger Flächen für die Landwirtschaft brauchte: Es konnte nämlich seine industriell hergestellten Waren gegen Getreide aus Amerika und Russland und Zucker aus der Karibik eintauschen. Die aus der Kohle stammende Energie leistete mit den damaligen Maschinen etwa die Arbeit von 50 Millionen kräftigen Männern - zu einer Zeit, als die gesamte Bevölkerung 13 Millionen Menschen betrug, England also vielleicht über drei Millionen kräftige Männer verfügte. Diese Zahlen lassen ahnen, wie sehr Englands Bedeutung mit der Industriellen Revolution anstieg.
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