|
|
 |
 |
|
 |
|
 |
|
|
|
Hintergrundinformation
Die Industrielle Revolution
Kohle und Kapitalismus prägen die Welt
Das Zusammentreffen von Erfindungen, die dem ungeliebten Brennstoff Kohle neue Einsatzmöglichkeiten verschaffte (Dampfmaschine und Verschwelung zu Kokskohle, mit der Eisen hergestellt werden konnte) mit neuen Formen wirtschaftlichen Denkens (“Kapitalismus”) prägten die Industrielle Revolution. Von England aus breitete sie sich nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus; sie sollte das Leben der Menschheit nicht nur in den Industriegesellschaften, sondern fast überall auf der Erde ändern.
 Die Kruppschen Hüttenwerke Rheinhausen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1880 übertraf die deutsche Industrieproduktion die englische (>> mehr). Abb. aus wikipedia, Bild Krupp Rheinhausen
Teil 1: Kohle, Dampfmaschine und Stahl Der Beginn der industriellen Revolution in England
Die “Industrielle Revolution”, die in kurzer Zeit die Lebensverhältnisse fast der gesamten Menschheit umstürzen sollte, begann harmlos: In der englischen Textilproduktion waren seit 1730 das fliegende Weberschiffchen und die Streichmaschine eingesetzt worden - in den englischen Manufakturen hatte damit die arbeitsteilige Produktion und die Automatisierung begonnen. 1764 wurde die Spinnmaschine erfunden; und 1772 baute Richard Arkwright um eine von ihm verbesserte Spinnmaschine herum die erste Fabrik. Arkwrights Spinnmaschine war mit Wasserkraft angetrieben, und auch ungelernte Arbeiter Garn konnten an ihr Garn spinnen konnten. 1775 kam die noch Walzenkarde hinzu, mit der die rohen Baumwollfasern zum Spinnen vorbereitet wurden - und so gab es einen mechanisch angetriebenen Prozess, mit dem ein Rohstoff in mehreren Arbeitsschritten und mit Maschinenhilfe zum Massengut gemacht wurde - also eine Industrie.
Die Rolle dieser Industrie wäre aber, da sie an Wasserkraft gebunden war und auch diese durch alte Nutzungs- und Wasserrechte nur eingeschränkt nutzen konnte, vermutlich sehr beschränkt geblieben. Was sie prägen sollte, war die Dampfmaschine. Seit im England des 13. Jahrhunderts Brennholz knapp geworden war, hatten die Engländer in größerem Umfang angefangen, Kohle zu verheizen. Die Kohle stammte aus Flözen, die entlang des Flusses Tyne zutage traten. Im Jahr 1378 exportierte der Haupthafen Newcastle bereits 15.000 Tonnen Kohle. Der Verbrauch an Kohle stieg stetig; im Jahr 1700 wurden alleine in der Stadt London 1.700 Tonnen Kohle pro Tag verbrannt. Durch diese Mengen waren die englischen Bergwerke so tief geworden, dass sie mit Wasser vollliefen – Pumpwerke wurden gebraucht. Die ersten wurden von Pferden angetrieben, doch mit tierischer Arbeitskraft oder Windkraft angetriebene Pumpwerke reichten bald nicht mehr. Auch die Geschichte der Kohle wäre vermutlich zu dieer Zeit zu Ende gewesen, hätte nicht 1712 Thomas Newcomen zum Abpumpen des Grubenwassers eine Dampfmaschine entwickelt, die den im Jahrhundert zuvor entdeckten Luftdruck (>> mehr) nutzte: Wasserdampf wurde in einem Zylinder durch kaltes Wasser zur Kondensation gebracht, der dadurch entstehende Unterdruck zog einen Kolben nach unten, und dieser zieht über eine Wippe eine Pumpe aufwärts. Mit Newcomens Maschine konnte erstmals Wärme (Kohle wurde verbrannt, um den Dampf zu erzeugen) in mechanische Arbeit umgewandelt werden. 1769 ließ sich der geniale schottische Erfinder James Watt zwei entscheidende Verbesserungen patentieren: Die Kondensation des Wasserdampfes in einem separaten Kondensator, so dass der Zylinder nicht mehr abkühlen und bei jedem Kolbenhub neu aufgeheizt werden musste; und die Isolierung des Zylinders. Damit verbesserte er den Wirkungsgrad um das Sechsfache - auf immer noch bescheidene drei Prozent. Nach Jahren der Entwicklung gründete Watt gemeinsam mit dem Fabrikanten Matthew Boulton die Firma Boulton & Watt zur Herstellung von Dampfmaschinen, 1777 lief die erste Watt’sche Dampfmaschine in der Erzmine von Chacewater. Boulton & Watt wurde zum Riesenerfolg, denn die Firma stellte Machinen her, die nicht nur die Kohleförderung billiger machten, sondern mit der auch Erze und andere Rohstoffe leichter und billiger abgebaut werden konnten. Auf Drängen von Boulton arbeitete Watt zudem daran, mit der Dampfmaschine Drehbewegungen zu erzeugen: Damit würde sie zur allseits einsetzbaren Industriemaschine, geeignet zum Antrieb von Mühlen, Spinnmaschinen, Walzwerken und anderen Maschinen. 1782 gelang es Watt, die “doppelt wirkende Dampfmaschine” herzustellen, die dies konnte. (Aus der Zahl der von einer Dampfmaschine eingesparten Pferde zum Abpumpen des Grubenwassers entstand übrigens das lange gebräuchliches Maß für Leistung - die Pferdestärke [PS].)
Watts Dampfmaschine kam in eine Zeit, die auf sie gewartet zu haben schien. In England, wo der Absolutismus sich nie durchsetzen konnte und die Bauern bereits seit dem Mittelalter frei waren, herrschte Gewerbefreiheit. Schon seit dem Mittelalter waren Maschinen genutzt worden - etwa um Metall zu formen oder Getreide und Malz; viele von ihnen wurden bereits mit Hilfe von Wasser- oder Windkraft mechanisch betreiben. Das Land war nicht nur in der Textil- sondern auch in der Eisenproduktion führend: 1709 wurde hier zum ersten Mal Koks statt Holzkohle für die Eisenherstellung eingesetzt, 1740 Gussstahl hergestellt und 1783/84 wurde Stahl mit dem Puddel-Verfahren zum Massenprodukt. Die technischen Entwicklungen standen aber nicht alleine; auch das wirtschaftliche Denken der Menschen hatte sich geändert. 1776 veröffentliche der von der Aufklärung geprägte schottische Moralphilosoph Adam Smith das Werk „Der Wohlstand der Nationen“, das ihn zum Begründer der klassischen Nationalökonomie machen sollte. Smith analysierte darin die Mechanismen des Marktes, der Preisbildung und beschrieb die Vorzüge der Arbeitsteilung. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ würde nach Smith dafür sorgen, dass aus dem Eigennutz der Marktteilnehmer Gemeinwohl entstünde: „Wir erwarten uns das Abendmahl nicht von der Wohltätigkeit des Fleischers, Bauers oder Bäckers, sondern von deren Bedacht auf ihre eigenen Interessen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.“ Gerade aus Eigennutz würden sie dort investieren, wo es der Gemeinschaft am meisten nütze, da das eingesetzte Kapital dort am meisten Gewinn brächte. Das Buch wurde zur Grundsatzprogramm des “Wirtschaftsliberalismus” - nach dem die Menschen so wenig wie möglich an ihrer wirtschaftlichen Entfaltung gehindert werden sollten und der Staat sich aus Planung und Steuerung der Produktion heraushalten soll. (Er sollte allerdings auf die Einhaltung der Gesetze achten, Monopole verhindern und Zinsen und Bankgeschäfte regulieren, insofern war Smith kein Änhänger eines schwachen Staates, wie mancher seiner Anhänger heute.) Smith beschrieb am Beispiel einer Stecknadelmanufaktur, die er besucht hatte, auch die Vorteile der Arbeitsteilung, die “sinnvolle Teilung und Verknüpfung aller Arbeitsgänge”, sie “dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern”.
Smith konnte aber noch nicht die Rolle erkennen, die die Dampfmaschine spielen sollte. Arkwrights mit Wasserkraft betriebene Fabrik belegt, dass die Mechanisierung schon vor der verbreiteten Nutzung fossiler Brennstoffe begonnen hatte; aber mit der Nutzung der Kohle konnte die mechanische Produktion das ganze Land erobern. Damit änderten sich die Spielregeln in der Wirtschaft: In einer von Handarbeit abhängigen Manufaktur brauchte man die doppelte Anzahl von Arbeitern, um seine Produktion zu verdoppeln, hatte also doppelte Lohnkosten und dazu durch ein größeres Absatzgebiet höhere Transportkosten - eine zu große Manufaktur war daher weniger lohnend als eine kleine. Eine Fabrik lohnte sich aber erst ab einer bestimmten Größe, und eine doppelt so große Maschine war nicht doppelt so teuer: die Kosten je produzierter Einheit sanken, und daher konnten immer größere Fabriken immer billiger produzieren. In diesem “Skaleneffekt” (engl. economy of scales), der systemtheoretisch eine positive Rückkoppelung ist, kann man einen Ursprung des Zwangs zum wirtschaftlichen Wachstum sehen, dem Unternehmen unterliegen: wer nicht immer größer wird, wird von Wettbewerbern überholt, die weiter wachsen. (An seine Grenzen stößt der Skaleneffekt jedoch durch den “abnehmenden Grenznutzen”, der durch zusätzlichen Aufwand bedingt wird: Wenn die Transportkosten beispielsweise die eingesparten Stückkosten ausgleichen, lohnt weiteres Wachstum sich nicht mehr.) Ein anderer Ursprung des Wachstumszwangs liegt in der neuen Rolle des Kapitals: Hatte man vor der industriellen Revolution mit wenigen Werkzeugen Waren produziert, und dafür Geld erhalten, wurde Geld jetzt zur Voraussetzung für die Produktion von Waren: Geld musste eingesetzt werden, um Maschinen zu kaufen, mit denen Waren produziert werden konnten, die für mehr Geld verkauft werden konnten. Das nötige Geld für die Maschinen wurde von privaten Kapitalgebern in der Hoffnung auf Gewinne gegeben - die Industrielle Revolution wurde zugleich die Geburtsstunde des Kapitalismus.
Die Dampfmaschine hatte Kohle in großen Mengen verfügbar und billig gemacht, und so die Metallherstellung von ihrer Abhängigkeit von Holzkohle befreit. Damit wurden Eisen und Stahl zum bevorzugten Material im Machinenbau. Das Wirtschaftswachstum in England betrug Ende es 18. Jahrhunderts 8 bis 10 Prozent pro Jahr – vergleichbar mit China heute; 1786 gab es in Manchester die erste dampfbetriebene Textilfabrik, um 1800 waren es bereits fünfzig. Die wachsende Produktion verschärfte jedoch ein Problem, dass schon die Kohlebergwerke hatten: wie konnte man die Kohle oder die Ware transportieren? 1761 wurde für den Kohletransport nach Manchester der erste Kanal gebaut, dessen Erfolg eine canalmania in England auslöste. Aber Kanäle waren extrem aufwändig und teuer; kurze Wege hatte man für die Kohlewagen mit Holzbalken befahrbar gemacht. 1767 wurden zum ersten Mal gusseisene Schienen verlegt; auf diesen “tramways” zogen Pferde die beladenen Wagen. 1784 baute Watts Freund und Partner William Murdoch die erste mobile Dampfmaschine und 1804 Richard Trevithick die erste Dampflokomotive als Zugmaschine für eine Bergwerks-Schienenbahn: Dies sollte die Geburtsstunde der Eisenbahn sein. Allerdings war der erste Zug für die gusseisernen Schienen zu schwer - sie zerbrachen. Erst 1812 konstruierte der Ingenieur John Blenkinsop eine Bahn, die schwere Lasten aushielt. Die erste Dampfeisenbahn baute George Stephenson 1821 von Stockton nach Darlington, die erste Fernbahnlinie vom Baumwollhafen Liverpool zur Textilstadt Manchester ging 1830 in Betrieb. 1884 wurde schließlich des Hin und Her der Kolben durch die wirkungsvollere Drehbewegung der Dampfturbinen ersetzt. Die Eisenbahn verbesserte und verbilligte den Transport über Land, brachte frische Milch und frisches Fleisch in die Städte. Aus Sicht der Produzenten vergrößerte die sie vor allem die Märkte; auf größeren Märkten rentieren sich große Maschinen aber noch leichter, damit förderte die Eisenbahn das Fabrikwesen ungemein.
Textilindustrie, Eisen- und Stahlindustrie und die Eisenbahn waren die Pfeiler der Industrialisierung
Die Nutzung der Kohle wirkte, als ob England über viel mehr Land und Menschen verfügte, als dies tatsächlich der Fall war. Im Jahr 1815 nutzte England 23 Millionen Tonne Kohle - um eine entsprechende Energiemenge aus Holz zu erzeugen, hätte das ganze Land mit Wald bestanden sein müssen. Jetzt konnte man das Land anders nutzen. Hinzu kam noch, dass das industrialisierte England auch weniger Flächen für die Landwirtschaft brauchte: Es konnte nämlich seine industriell hergestellten Waren gegen Getreide aus Amerika und Russland und Zucker aus der Karibik eintauschen. Die aus der Kohle stammende Energie leistete etwa die Arbeit von 50 Millionen kräftigen Männern - zu einer Zeit, als die gesamte Bevölkerung 13 Millionen Menschen betrug, England also vielleicht über drei Millionen kräftige Männer verfügte. Land und Menschen waren damals aber die wichtigsten Machtfaktoren, und so lassen die Zahlen ahnen, wie sehr Englands Bedeutung mit der Industriellen Revolution stieg.
|
 |
|
|
 |
 |
Die Bedeutung fossiler Energien
Weit über 90 Prozent unserer Geschichte, die wir als Jäger und Sammler verbrachten, waren wir Menschen vor allem auf unsere eigene Muskelkraft angewiesen, deren Wirksamkeit nur durch Werkzeuge wie Pfeil und Bogen erhöht wurde; dazu kam seit der Erfindung des Feuers die Nutzung von Biomasse (meist in Form von Brennholz). Mit der Domestizierung großer Tiere wurde auch deren Muskelkraft dem Menschen nutzbar gemacht, und mit Wasser- und Windmühlen sowie Segeln wurde schon in der Vorgeschichte die (bescheidene) Nutzung erneuerbarer Energiequellen begonnen (>> hier).
Mit der Ausbeutung während geologischer Zeiten angesammelter fossiler Energiebestände vervielfachte sich das verfügbare Energieangebot in kürzester Zeit, wie das obige Beispiel England zeigt: Schon bald nach Beginn der Industrialisierung konnten kohlebefeuerte Dampfmaschinen die Arbeit von 50 Millionen “Energiesklaven” leisten. Dabei wurde aber nicht nur die Menge der geleisteten Arbeit vervielfacht, sondern noch wichtiger: es wurden Arbeiten möglich, die selbst Millionen Arbeitskräfte nicht hätten leisten können; etwa das Schmelzen von Eisen. Die Nutzung fossiler Energie befreite die Menschen von seit Jahrtausenden bestehenden Grenzen; sie schien es ihnen zu ermöglichen, ihre tierische Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Sie bilden auch heute noch die Basis moderner Industriegesellschaften (>> mehr). Die Nutzung fossiler Energien verstärkte alle Faktoren, die dem Menschen schon im Zeitalter der Landwirtschaft erlaubt hatte, sich einen immer größeren Anteil an den Energie- und Stofflüssen der Erde zu sichern (>> hier): Sie waren eine zusätzliche Energiequelle, mit der neue Werkzeuge (Dampfmaschine...) angetrieben werden konnten, die den Handel beförderte (Eisenbahn, Dampfschiff) und die eine neue Dimension der Ausbeutung von Rohstoffen (Kohlebergbau) bedeutete. Sie sollte dazu beitragen, diesen Anteil auf 40 Prozent zu steigern und vervielfachte die Folgen menschlicher Aktivitäten für die Umwelt (>> hier). Dies ist ein ungelöstes Problem, wenn wir etwa an den >> Klimawandel denken.
Das andere Problem besteht darin, dass die fossilen Brennstoffe im Zeitrahmen menschlichen Handelns nicht erneuerbar sind. Beim Öl ist der Höhepunkt der Förderung schon erreicht oder nahe bevorstehend (>> hier). Das Zeitalter der fossilen Energien wird daher historisch eine Episode bleiben, die zu Ende geht, lange bevor die fossilen Brennstoffe ausgehen, weil die Förderung der verbliebenen Bestände immer schwieriger und teurer wird. Die Frage, wie Industriegesellschaften ohne fossile Energien aussehen können; ist offen. Den aktuellen Stand der Überlegungen finden Sie >> hier.
|
|
|
Westeuropa zieht nach
Um 1800 war Englands Vorsprung für seine europäischen Nachbarn unübersehbar geworden; zumal die billigeren englischen Industriewaren auch den Handwerkern in anderen Ländern Konkurrenz machte. Immer dringlicher schien es daher, die notwendigen Kenntnisse auch zu erwerben und anzuwenden. Die Voraussetzung für die Aufholjagd wurde im Gefolge der Französischen Revolution (>> mehr) geschaffen: In großen Teilen Europas brach die alte poltitische Ordnung zusammen; die Befreiung der Bauern und die Abschaffung der Zünfte schafften Gewerbefreiheit - jeder konnte nahezu jedes Gewerbe ausüben. Wo es Kohle und Eisenerz gab, entstehen danach mit der Einführung riesiger, dampfgetriebener Maschinen Fabriken - und erste Industriegebiete: im Benelux, im Nordosten Frankreichs, im Rheinland und im Ruhrgebiet - die Region von England bis zum Ruhrgebiet wurde daher auch schon der “Kohle-Halbmond” genannt, um seine Bedeutung für die Industrielle Revolution analog zum “fruchtbaren Halbmond” für die Entstehung der Landwirtschaft (>> hier) zu betonen. Um den Vorsprung Englands aufzuholen und um sich die inzwischen zwei Generationen lang weiterentwickelten Maschinen leisten zu können, um passende Gebäude und ein Eisenbahnnetz aufbauen zu können, brauchten die Nachzügler vor allem eins: Geld. Es entstehen überall in Europa Banken und erste Kapitalgesellschaften - wer Geld hatte, konnte sich mittels Aktien an den neuen Unternehmungen beteiligen. 1850 war die Industrialisierung Westeuropas in vollem Gang.
Deutschland war dabei zunächst ein Nachzügler gewesen. In Preußen wurden die Bauern erst nach längerem Zögern im Jahr 1807 aus der Leibeigenschaft entlassen, 1810 werden die Stände aufgelöst und die Gewerbefreiheit eingeführt; 1834 schlossen sich die Regierungen der deutschen Staaten zum Zollverein zusammen und ermöglichten damit einen gemeinsamen, großen Markt. 1835 fuhr auch in Deutschland die erste Dampfeisenbahn – die „Adler“ auf der Strecke von Nürnberg nach Führt. Der Eisenbahnbau schuf wie in England Transportwege, verband die Märkte und förderte die Eisenindustrie und den Maschinenbau. Im Ruhrgebiet fanden sich große Mengen der für die Koksherstellung geeigneten Fettkohle, wodurch die zuvor ländliche Region zu einem der wichtigsten Industriereviere wurde. Mit der Kohle und der Eisenbahn gewann die industrielle Revolution auch in Deutschland an Schwung; die Produktion von Eisen und Stahl stieg in manchen Jahren um 30 bis 50 Prozent. In Deutschland führten vergleichsweise niedrige Löhne bei hohem technischen Standard um 1880 herum dazu, dass die Industrieproduktion erstmals die englische übertraf.
|
 |
|
|
 |
 |
Technik unter Kontrolle
Immer wieder explodierten in den ersten Jahrzehnten der Industriellen Revolution die Dampfkessel: Mit Drücken von bis zu 10 Atmosphären wissen viele Ingenieure nicht umzugehen, die Anlagen werden oft von ungelernten Tagelöhnern bedient. Nach der Explosion eines Dampfkessels in der Mannheimer Brauerei Mayerhof im Januar 1865, bei der der Kesselbursche ums Leben kommt und Teile der Wände des Brauhauses einstürzen, wird auf Druck des badischen Handelsministerium eine “Gesellschaft zur Überwachung und Versicherung von Dampfkesseln” gegründet, deren Techniker zweimal im Jahr die Dampfkessel der Mitglieder kontrollieren. Zuerst ist die Mitgliedschaft freiwillig, aber bald wird die jährliche Inspektion zur gesetzlichen Pflicht, und auch die anderen Bundesstaaten gründen Überwachungsvereine. Bald stellen diese auch Normen zum Bau von Dampfkesseln und anderen technischen Anlagen auf; 1936 ändern sie ihren Namen in “Technische Überwachungsvereine”. Heute haben sie ihr Monopol für die Prüfung technischer Anlagen verloren, aber die deren Prüfung ist immer noch ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitsschutzes (mehr zu diesem Thema >> hier).
|
|
|
Auf dem Weg zur Weltmacht: Die USA
Noch schneller kam aber Nordamerika voran. Im Norden der späteren Vereinigten Staaten blieb der Landbesitz vor der Mechanisierung klein und mehr oder weniger gleichmäßig verteilt, der Arbeitskräftemangel sorgte für hohe Löhne in den Manufakturen, die nach englischem Vorbild bald nach der Besiedelung entstanden – zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien im Jahr 1776 gab es dort bereits etwa 200 Eisenhütten. Dies erwies sich als Nährboden für Unternehmertum, wobei die Amerikaner nicht nur schnell englische Maschinen übernahmen, sondern diese verbesserten und sogar nach England exportierten. In Amerika spielte die Kohle zunächst eine wesentlich geringere Rolle - bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden vor allem Holz aus den riesigen Wäldern und Wasserkraft genutzt (in der Landwirtschaft im Süden dagegen Sklavenarbeit). Auch Lokomotiven und Flussschiffe fuhren mit Holz. Erst ab 1880 wurde in großem Maßstab Kohle genutzt, die in Pennsylvania, West Virginia, Kentucky und Tennessee reichlich vorhanden war. In Pennsylvania wurde sie zur Grundlage für den Aufbau einer Schwerindustrie.
Der Arbeitskräftebedarf wurde von Millionen von Einwanderern gedeckt, die in großer Zahl ins Land kamen. Dazu trug auch das Dampfschiff bei, das ab 1840 regelmäßig die alte und die neue Welt verband und die Passagen billiger machte. Die Einwanderer konnten sich aber oft untereinander kaum verständigen, und trugen damit zum eigentlichen amerikanischen Beitrag zur industriellen Revolution bei: Mit einfachen Arbeitsvorgängen wurde die industrielle Fertigung vereinfacht, das Können von Fachkräften war kaum noch gefragt. Gelernt hatten die amerikanischen Ingenieure die Herstellung standardisierter Bauteile (das “amerikanische Fabrikwarensystem”) bei der Produktion von Gewehren für den Bürgerkrieg (>> mehr). In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhundert lag die Produktivität in Amerika bereits weit vor Großbritannien. Die amerikanische Produktivität setzte die Maßstäbe für die Welt. Die Massenproduktion machte den Massenkonsum möglich, und so sollten Telefon und Auto in Nordamerika bereits selbstverständlich sein, als sie in Europa noch als Luxus für Reiche galten.
Die Erschließung des Westens mit dem Bau transnationaler Eisenbahnlinien nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg förderte Eisen- und Stahlindustrie, Maschinenbau und Kohleförderung an der Ostküste und schuf Zugang zu den Bodenschätzen und dem Holz des Westens. In dieser Blütezeit des Kapitals entstanden Reichtümer, die bis heute sprichwörtlich sind: Cornelius Vanderbilt machte sein ersten Geld mit einem Segelboot, baute eine Flotte auf und tauschte diese 1818 gegen ein Dampfschiff, gründete 1829 eine eigene Dampfschiffgesellschaft und investierte ab 1848 in die Eisenbahn; damit wurde er zum damals reichsten Amerikaner. Der Leiter der Western Division der Pennsylvania Railroad, Andrew Carnegie, verließ diese 1865 und gründete Eisenhütten und -werke und stellte 1870 auch Stahl nach dem Bessemer-Verfahren her. Als er sein Unternehmen 1901 an den Bankier John Piermont Morgan verkaufte, den der Kapitalbedarf der Eisenbahnen reich gemacht hatte, war er nach Vanderbilt der zweitreichste Amerikaner. Seit etwa 1890 übertraf die amerikanische Industrieproduktion die deutsche, und seither blieben die USA die größte Wirtschaftsnation der Welt. Bald versorgte eine industrialisierte Landwirtschaft (>> mehr) die Städte mit billiger Nahrung; in den großen Schlachthöfen von Chicago wurde das Fließbandsystem zur Zerteilung der Rinder eingeführt; und der Ingenieur Frederick W. Taylor (“Taylorismus”) begann, weitere Arbeitsvorgänge in einzelne Schritte zerlegte und deren Dauer mit der Stoppuhr zu messen - ein weiterer Ausgangspunkt für Rationalisierung und spätere industrielle Fließbandproduktion.
|
 |
|
|
 |
 |
Die sozialen Folgen der Industrialisierung
Die Bauern, die aus der Leibeigenschaft befreit wurden, waren mit den Worten von Karl Marx “doppelt frei”: Frei von der Abhängigkeit, aber auch frei vom Schutz des Grundherrn und jedem Eigentum. Sie wanderten vom Land in die entstehenden (Industrie-)Städte. Auch viele Handwerker verloren aufgrund der viel billigeren Preise für Industrieprodukte ihre Arbeit. Das Überangebot machte Arbeitskraft billig. Die Lebensbedingungen für die Arbeiter waren in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung noch schlechter als zuvor: Industriearbeit war Knochenarbeit und oftmals trostlos (auch diese Folge der Arbeitsteilung hatte Adam Smith gesehen: “Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche Ergebnis ... haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben. ... So ist es ganz natürlich, dass er so stumpfsinnig und einfältig wird, wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann.”); die Städte waren dem Ansturm nicht gewachsen. Zu beengten Wohnverhältnissen kam noch der Rauch der Industrie: In Manchester starben 1840 sechs von zehn Kindern, bevor sie fünf Jahre alt werden konnten - doppelt so viele wie auf dem Land. Die Löhne reichten gerade zum Überleben, bei Arbeitslosigkeit - die in Zeiten von Wirtschaftkrisen drei Viertel der Arbeiter betreffen konnte - hatten die Armen oft nicht genug Geld für ausreichendes Essen. Da trotzdem immer mehr Menschen aus den landwirtschaftlich geprägten Gebieten in die Industrieregionen zogen, konnten die Löhne auf dem Minimum verbleiben; Frauen und Kinder waren zur Mitarbeit gezwungen – was die Löhne weiter sinken ließ. Kein Wunder, dass die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz im Zeichen der „sozialen Frage“ stand (>> mehr).
Aber es gab auch Gewinner - die Unternehmer: Am Anfang waren es oft Handwerker, die die neuen Techniken beherrschten; mit zunehmender Größe der Betriebe wurden dann ihre organisatorischen Talente immer wichtiger – vor allem die Disziplinierung der Arbeiterschaft. (Die Regelmäßigkeit der Fabrikarbeit war ja etwas Neues - vorher hatten Sonnenaufgang und Sonnenuntergang den Tagesrhythmus bestimmt, jetzt die Uhr; die Fabrikordnungen der frühen Jahre sahen harte Strafen für kleinste Unregelmäßigkeiten vor.) Viele der Gründer kamen aus bescheidenen Verhältnissen, etwa Friedrich Krupp und Werner von Siemens. Ein solcher Aufstieg wäre zuvor unmöglich gewesen. In der Phase des explosiven Wachstums wurden aus kleinen Unternehmen oft riesige Konzerne: Krupp wuchs von 76 Arbeitern im Jahr 1847 auf 20.000 im Jahr 1887.
Eine neue Idee von Reichtum
Parallel dazu wurden die geistigen Grundlagen der neuen Zeit geschaffen: Der „Luther der Nationalökonomie“ (Karl Marx über Adam Smith) hatte den Reichtum neu definiert - war es zuvor um die militärische Macht des Staates gegangen, rückte für Smith der in Geld darstellbare Wohlstand der Menschen in den Mittelpunkt. In einen friedlichen Wettstreit der Individuen würde für den liberalen Vordenker das materielle Niveau der Gesellschaft ständig steigern; der Preismechanismus würde alle Ungleichgewichte schnell ausgleichen, vorausgesetzt, der Markt war wirklich frei. Ganz so einfach war dies dann nicht (>> mehr), aber Geld sollte tatsächlich zum neuen Gott der Industriegesellschaft werden, dem alles andere untergeordnet wurde.
|
 |
 |
|
Unterdessen hatten auch die Wirtschaftswissenschaftler erkannt, dass die klassischen Theorien von Smith und Ricardo etwa nicht alle Fragen beantworten konnten: Der Markt regelte Angebot und Nachfrage nicht immer perfekt, Kursstürze an den Börsen wie die von 1836/37, 1847 und 1857 (>> mehr) und die Armut der Arbeiter verlangten nach Antworten. Der englische Ökonom John Stuart Mill, der 1848 die klassische Ökonomie in seinem Buch”Grundsätze der politischen Ökonomie” zudammengefasst hatte, forderte, zur “gerechten Verteilung der Früchte der Arbeit” müsse der Staat dort eingreifen, wo Märkte nicht funktionieren - etwa beim Eisenbahnbau, wo es Monopole zu verhindern gälte; außerdem sollten die unteren Klassen durch Bildung zu eigenverantwortlichem Handeln ermächtigt werden. Die Neoklassiker wie der Franzose Léon Walras und der Brite Alfred Marshall entdeckten, das Preise nichts mit einem objektiven Wert zu tun hatten (etwa dem Materialwert und der zur Herstellung nötigen Arbeitszeit), sondern dass der Nutzen für den Kunden darüber entscheidet, wieviel dieser für ein Produkt auszugeben bereit ist. Die produzierte Menge hängt dagegen vom Verhältnis der Kosten zum Preis ab, und aus beiden Erkenntnissen leiten sich die bekannten Darstellungen von sich schneidenden Angebots- und Nachfragekurven ab. Mit der Neoklassik wurde die Mathematik in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt; das Los der Arbeiter verbesserte sich aber vor allem dank politischer Reformen aus Angst vor der erstarkenden Sozialdemokratie - und der Erkenntnis der Unternehmer, dass sie ihre Arbeiter auch für den Konsum brauchen. Irgendjemand musste die in großen Mengen hergestellten Waren ja kaufen; mit diesem Gespür waren die Unternehmer den Wirtschaftswissenschaftlern voraus, die die Nachfrage erst später als fundamentalen Faktor begreifen sollten (>> mehr).
Weiter mit: >> Chemie, Elektrizität und Auto - Die zweite industrielle Revolution
Zurück zur: >> Übersicht Das Zeitalter der Industrie
|
 |
 |
|
© Jürgen Paeger 2006 - 2011
|
|
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
|
|
 |
|
|
|
 |
|
|
|
Leistung (1): Mittelschwer arbeitender Mensch: 100 Watt.201
|
|
|
Leistung (2): James Watts größte Dampfmaschine (um 1800): 100.000 Watt.201
|
|
|
Watt? Mehr zu den Einheiten der Energie siehe >> hier
|
|
|
|
Koks entsteht, wenn Kohle wie bei der Herstellung von Holzkohle einem Verschwelungsprozess unterzogen wird. Sie kann wie Holzkohle als Reduktionsmittel bei der Stahlherstellung eingesetzt werden.
|
|
|
|
|
Stahl wurde schon vor der Zeitenwende hergestellt, indem die Verunreinigungen des Eisens mit Holzkohle herausgebrannt wurden. Das Verfahren war jedoch aufwändig. Das Puddel-Verfahren beschleunigte den Vorgang, in dem das Roheisen gerührt (engl. puddled) wurde. 1855 verbesserte Henry Bessemer das Verfahren mit der Bessemerbirne, in der Luft durch das flüssige Roheisen geblasen wurde - so wurden unerwünschte Bestandteile komplett verbrannt. Heute wird Stahl industriell meist im LD-Verfahren mit reinem Sauerstoff oder im Elektrostahlverfahren hergestellt, bei dem der Sauerstoff zur Oxidation aus zugegebenem Schrott stammt.
|
|
|
|
Der Begriff Kapitalismus wurde in der Tradition von Karl Marx und seiner Kapitalismusanalyse oft als Kampfbegriff zur Kritik an Ausbeutung und Ent- fremdung benutzt; in der Wirtschaftsgeschichte steht er für eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel (z.B. Maschinen) Privateigentum sind, Produktion und Konsum über den Markt gelenkt werden und das Ziel der Wirtschaft ist, das eingesetzte Kapital zu vermehren.
|
|
|
|
Das der Handel zwischen Ländern für alle Beteiligten vorteilhaft sein, begründete der englische Ökonom David Ricardo mit der Theorie der “komparativen Kostenvorteile”: Wenn England etwa Industrieware besser als andere herstellen kann, tut es gut daran, sich hierauf zu konzentrieren und alle anderen Waren - wie Lebensmittel - dort einzukaufen, wo diese am günstigsten hergestellt werden.
Diese Theorie führte unter anderem dazu, dass die Kolonialmächte ihre Kolonien zwangen, Exportprodukte anzubauen (>> hier)
|
|
|
|
Siehe auch eine kleine Geschichte des Geldes >> hier
|
|