Hintergrundinformation

Eine kleine Geschichte der Menschheit

Neue Herausforderungen

(1945 – heute)

Mahatma Gandhi auf dem Salzmarsch 1930

Mit einer Kampagne des gewaltlosen “zivilen Ungehorsams” trug Mahatma Gandhi dazu bei, dass Indien 1947 unabhängig wurde. (Foto: Der Salzmarsch (hier) von 1930; Fotograf unbekannt,  aus wikipedia. Public Domain) 

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs bedeuteten das Ende des "alten Europa" und einen dauerhaften Machtverlust der europäischen Staaten: In Europa sicherten sich die beiden wichtigsten Siegermächte, die USA und die Sowjetunion, eine dauerhafte Rolle; außerhalb Europas beschleunigte sich der Verlust der Kolonien. Die USA hatten während des Zweiten Weltkriegs vom Aus­fall der europäischen Industrieproduktion profitiert und war zum wichtig­sten Materiallieferanten der Alliierten geworden: von 1938 bis 1945 war die Industrie­produktion um mehr als das Dreifache gestiegen; bei Kriegsende betrug sie mehr als die Hälfte der Weltproduktion. Die Sowjetunion hatte zwar am Ende viele Gebiete in Ost- und Südosteuropa zurückerobern können und war die stärkste Militärmacht in Europa, litt aber selber schwer unter den Kriegsfolgen. Großbritannien und Frankreich (das ohnehin nur wegen der Résistance und den Truppen des "Freien Frankreich" zu den Siegermächten gezählt wurde) waren ökonomisch so ausge­zehrt, dass sie von den Amerikanern abhängig waren. Deutschland hatte mit der Kapitulation seine Souveränität verloren.

Die Interessen der USA und der Sowjetunion unterschieden sich von Anfang an: Die USA fürchteten nach der kriegsbedingten Ausweitung ihrer Industrie­produktion eine Überproduktion mit steigender Arbeitslosigkeit und wollten Europa als Absatzmarkt und Handelspartner schnell wieder aufbauen; Stalin wollte an der Spitze der nach leninistischer Sichtweise anstehenden revo­lution­ären Überwindung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse und des "Sieg des Sozialismus" stehen (und jedenfalls einen zu starken amerika­nischen Einfluss in Europa verhindern). Er wusste aber auch, dass die USA weitaus stärker aus dem Krieg hervorgegangen waren als die Sowjetunion, die sich einen neuen Krieg auf keinen Fall leisten konnte und viele Jahre harten Wiederaufbaus vor sich hatte, um auch nur den Vorkriegsstand wieder zu erreichen. So war er zur "taktischen" Zusammenarbeit mit den westlichen Siegermächten bereit. Und auch in den USA drängte die Bevölkerung auf De­mobi­lisierung: zunächst sah es trotz der Interessenunterschiede nach einer weiteren Zusammen­arbeit der beiden großen Siegermächte aus, zumal Osteuropa, das vorrangige Interessengebiet der Sowjetunion, für die USA wirtschaftlich nicht sonder­lich wichtig war.

Im Februar 1945 legten Churchill, Roosevelt und Stalin auf einer Konferenz in Jalta die Grundzüge einer künftigen Völkergemeinschaft fest – und be­schlos­sen, Deutschland nach dem Sieg in vier Besatzungszonen aufzuteilen. Die in Jalta entworfene Charta der Vereinten Nationen, die im Geiste des Glaubens an eine dauerhafte Kooperation der Siegermächte ein Vetorecht für die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates – neben den USA, der Sowjet­union und Großbritannien auch China und Frankreich – vorsah, wurde am 26. Juni in San Francisco unterschrieben und trat im Oktober in Kraft. Die Vereinten Nationen sollen “künftige Generationen vor der Geißel des Krieges bewahren” (aus der Charta). 1948 verabschiedete die Voll­versammlung der Vereinten Nationen als weitere Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

In der Potsdamer Konferenz vom Sommer 1945, als es um die Zukunft Deutsch­lands ging, wurde aber deutlich, dass die Alliierten längst gespalten waren: Die Sowjetunion hatte in Jalta große Teile Osteuropas als Einflussgebiet zu­ge­­sprochen bekommen, und Briten und Amerikaner wollte insbesondere den Polen betreffenden Teil revidieren. Aber Stalin setzte sich durch, die Oder-Neiße-Linie wurde zur deutsch-polnischen Grenze und die Vertreibung der im Osten zurückgebliebenen Deutschen beschlossen. Als sich in den osteuropäischen Länder dann aber keine Massenbasis für eine sowjetfreundliche Politik fand, griff Stalin auf leninistische Methoden der Wahlmanipulation und offener polizeilicher oder militärischer Unterdrückung zurück. Dieses wurde von den Amerikanern als Bruch des Abkommens von Jalta gesehen (in dem Stalin "dem Volkswillen entsprechende Regierungen" zugesichert hatte) und ließ in den westeuropäischen Staaten die anfänglich durchaus vorhandene Sympathie für die eigenen kommunistischen Parteien schwinden. Die Einrichtung einer ge­meinsamen Verwaltung für die vier Besatzungszonen in Deutschland wurde allerdings nicht von der Sowjetunion, sondern von Frank­reich verhindert – de Gaulle wollte damit die Separierung des Rheinlands und die Internationa­li­sierung des Ruhrgebiets erreichen. Winston Churchill sprach 1946 erstmals von einem “Eisernen Vorhang”, der Europa teile; die Briten glaubten seither nur an eine staatliche Organisation der drei west­lichen Besatzungszonen – ohne die sowjetische Besatzungszone.

Vertieft wurde die Spaltung durch den "Marshall-Plan": Im Frühjahr 1947 erkannten die USA, dass die Wirtschaftshilfe nicht reichte, um die Europäer von der Errichtung von Handelshemmnissen abzuhalten. Neue Kredite waren aber im Kongress umstritten; um sie durchzusetzen, stellte Präsident Truman die sowjetische Bedrohung übergroß dar und stilisierte sie zum Kampf zwischen "Terror und Unterdrückung" und "Freiheit". Um die Europäer zu überzeugen, wurden aber auch die Sowjetunion und die osteuropä­ischen Länder eingeladen, an diesem Wiederaufbauprogramm teilzunehmen. Außenminister Molotow lehnte – wohl aus Angst um den Einfluss der Sowjetunion in Osteuropa – den Plan als "Plan zur Unterjochung Europas" ab und zwang auch die weiterhin interessier­ten osteuropäischen Regierungen, ihre Beteiligungszusagen zurückzu­nehmen. Die amerikanischen Hilfsgelder fehlten aber in Osteuropa, und als der stockende Wiederaufbau dort zu Unruhen führte, wurden die Freiräume für die Opposition immer enger. In der Tschechoslowakei wurde der demokratische Koalitionspartner aus der Regierung gestürzt; überall wurden sozialdemo­kra­tische Parteien (nach ausgiebigen "Säuberungen") mit den Kommunisten ver­schmolzen. Zentrale Planung, der Aufbau einer Schwerindustrie und die Kollektivierung der Landwirtschaft wurden nach sowjetischem Vorbild voran­getrieben, Verbindungen mit westlichen Märkten reduziert. Aus dem sowjet­ischen Einflussgebiet wurde ein geschlossener Sowjetblock.

In Westeuropa verstärkte das Vorgehen der Sowjetunion einen antikommunis­tischen Konsens und half den alten bürgerlichen Eliten, deren Ruf durch ihr Versagen gegenüber den Nazis geschädigt war, wieder Machtpositionen zu besetzen. Dazu kam das Interesse der Amerikaner, zugunsten eines schnellen Wiederaufbaus keine Experimente einzugehen. Da die Europäer sich nicht auf ein – wie von den Amerikanern eigentlich gefordert – eigenes Wiederaufbau­programm einigen konn­te (insbesondere, weil die Briten zögerten, sich an den Kontinent zu bin­den), organisierten die USA schließlich den Wiederaufbau nach ihrem eigenen – in diesem Fall liberalen – Modell. Bald konnte Deutsch­land mit einer wiederaufgebauten Schwerindustrie wieder seine traditionelle Führungsrolle einnehmen, die von den Franzosen geforderte Internationali­sie­rung der Ruhrindustrie fand nie statt. Eine logische Folge der Einbeziehung nur der drei westlichen Besatzungszonen in das Wiederaufbau­programm war zudem die Bildung eines westdeutschen Staates: dieser wurde im Juni 1948 in London beschlossen. Stalin wollte sie verhindern, und reagierte auf die Durchführung einer Währungsreform mit der Blockade Berlins ab dem 24. Juni 1948 – die fast ein Jahr andauernde Versorgung der Stadt durch ameri­ka­nische, britische und französische Flugzeuge wandelte das Bild der ehemali­gen westlichen Besatzungsmächte in ein Bild von Schutzmächten vor der Sowj­et­union, die nun endgültig als Bedrohung wahrgenommen wurde. Die Blockade war zugleich der Beginn des Kalten Krieges; sie führte (zusammen mit dem Februarumsturz in der Tschechoslowakei, mit dem die demokratischen Parteien dort entmachtet wurden) zudem im April 1949 zur Gründung des Nordatlanti­schen Verteidigungspakts (NATO) als westliches Militärbündnis. Dem Sowjet­block stand nun ein westlicher Block gegenüber.

Deutschland und Italien nach dem Krieg

Deutschland war nach Kriegsende auch moralisch zerstört: Der Bombenkrieg hatte Millionen Wohnungen zerstört, und Millionen Flüchtlinge und Vertrie­bene aus den Ostgebieten suchten ebenfalls eine Bleibe. Im Winter fehlte Kohle zum Heizen; viele Menschen hungerten. Amerikaner und Briten trieben die Deutschen in den von ihnen besetzen Zonen energisch an, sich selbst zu helfen – aus ganz pragmatischen Gründen: Sie wollten zuerst die teuren Hilfslieferungen einstellen; und später verhindern, dass Deutschland kom­munistisch wird. Dabei halfen der "Marshall-Plan " und im Juni 1948 die Wirtschaftsreform. Am 1. Juli 1948 erhielten die westlichen Zonen den Auftrag, eine Verfassung für eine neue Bundes­republik (der amerikanische Generalgouverneur General Lucius Clay war ein überzeugter Föderalist) zu erarbeiten. Zur Umsetzung dieses Auftrages mussten die Länder nahezu gezwungen werden, da die Sowjetzone nicht betei­ligt war: Die Länder fürchteten um die deutsche Einheit. Das deutsche Grundgesetz wurde am 8. Mai 1949 verabschiedet und trat am 24. Mai in Kraft (am 12. Mai hatte Stalin die Berliner Blockade beendet); Konrad Adenauer, zuvor Vorsitzender des verfassungsgebenden Parlamentarischen Rats, wurde erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard konnte – gegen manche Skepsis – die freie Marktwirtschaft durch­setzen und gilt als Vater des “Wirtschaftswunders”; bis 1973 wuchs die Wirtschaft jedes Jahr im Schnitt um sechs Prozent. Nach den ersten Bundes­tagswahlen am 14. August 1949 setzte Stalin am 7. Oktober die von einem "Volkskongress" erarbeitete Verfassung der Deutschen Demokratische Republik (DDR) für die sowjetische Besatzungszone in Kraft. Die ersten Wahlen hier wurden am 15. Oktober 1950 nach einer "Einheitsliste" ohne Wahlmöglich­keiten durchgeführt.

In Italien hatte der Wiederaufbau schon 1943 mit dem geglückten Putsch gegen Mussolini begonnen; die befreiten Teile Italien wurden als Alliierte gesehen. Gegen die deutschen Besatzer im Norden formierte sich die Resis­tenza, der Widerstand, die nach der Befreiung Roms 1944 die Regierung in den besetzten Gebieten übernahm. Im Juni 1946 stimmte Italien in einer Volksabstimmung für die Einführung der Republik; die Wahlen zur verfas­sungsgebenden Versammlung wurden von den Christdemokraten gewonnen.

In Asien bestand eine ähnliche Konstellation wie in Europa nur in Korea: der Norden war von russischen Truppen, der Süden von amerikanischen Truppen be­freit worden; die Besatzungszonen wurden entlang des 38. Breitengrads abge­grenzt. Auch hier entstanden 1948 zwei Staaten: Die "Republik Korea" im Süden, die "Demokratische Volksrepublik Korea" im Norden. (1950 versuchte Nordkoreas Führer Kim Il Sung mit einem Überfall auf den Süden, diese Spal­tung rückgängig zu machen: siehe >> Der Koreakrieg).

Die Befreiung des übrigen Asien war im wesentlichen den Amerikanern allein überlassen gewesen. Japan blieb nach dem Krieg von den Amerikanern unter General MacArthur besetzt. Das Land sollte demokratisiert und entmilitari­siert werden; aber als sich in China der Sieg der Kommunisten abzeichnete, wurde Japan auch als Verbündeter gebraucht: Der amerikanische Kongress be­willigte 100 Millionen Dollar für den Wiederaufbau Japans; die Aufarbeitung der Kriegsschuld blieb sehr beschränkt und formalistisch, der Kaiser wurde etwa nie angeklagt (stattdessen gab es aber eine antikommunistische Säube­rungs­welle). 1947 trat eine mit amerikanischer Hilfe erarbeitete neue Ver­fas­sung in Kraft, 1951 wurde Frieden mit den USA geschlossen und im April 1952 wurde Japan wieder unabhängig. In der Folgezeit hat sich Japan, ähnlich wie Deutschland, vor allem auf den wirtschaftlichen Aufbau konzentriert; beide Länder wurden vor allem Kraft ihrer Wirtschaft wieder zu angesehenen Mittelmächten.

Anfänge einer neuen Weltwirtschaftsordnung

Da die Weltwirtschaftskrise neben dem Nationalismus als eine wichtige Kriegsursache galt, standen der Wiederaufbau und die Entwicklung einer haltbaren Weltwirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg ganz oben auf der Tagesordnung. Hierbei nutzen die USA ihre Vormachtstellung: Die Welt­wirtschaft sollte ausreichend Investitionsmittel zur Verfügung haben und auf dem freien Austausch von Gütern beruhen. 1944 wurde in Bretton Woods der Grundstein zur Gründung für die Bildung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank gelegt. Der IWF machte den Dollar zum neuen "Gold­standard", der Wechselkurse festlegte; internationale Geschäfte wurden in Dollar abgewickelt. Der freie Warenverkehr sollte mit einem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) gefördert werden. Zölle und andere Handels­hemmnisse konnten mit dem GATT jedoch nur begrenzt abgebaut werden, da viele Staaten heimische Produkte schützen wollten. Die USA akzeptierten dies, da sie im beginnenden Kalten Krieg ihre Handelspartner stärken wollte; Macht und Einfluss der Sowjetunion sollten auch ökonomisch eingedämmt werden.

Westeuropa wächst zusammen

Mit dem Marshall-Plan und seinen insgesamt 13 Milliarden Dollar Unter­stützung gelang es den Westeuropäern, ihre Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Die Demokratie sollte durch verstärkte Zusammen­arbeit gesichert und Deutschland eingebunden werden. Umstritten war inner- und außerhalb Deutsch­lands die deutsche Wiederbewaffnung. Die USA verlangten diese unter dem Eindruck des Koreakriegs als Gegen­leistung für ihr militärisches Engagement in Europa; Frankreich schlug eine Europäische Ver­teidigungsgemeinschaft vor, die die Verfügungsgewalt über deutsche Truppen haben sollte, was wiederum Adenauer ablehnte. Die Idee scheiterte, nach den 1955 in Kraft getretenen Pariser Verträgen erhielt Westdeutschland eine Teilsouveränität, noch im gleichen Jahr wurde die Bundeswehr gegründet. Auch die Idee einer poli­tischen Europäischen Gemeinschaft kam – wenn auch aufgrund britischen Zögerns langsam – voran. 1951 gründeten Belgien, die Bundesrepublik Deutsch­land, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande die  Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, auch “Montanunion”). Eine gemeinsame Aufsicht über die damaligen Schlüssel­industrien sollte dafür sorgen, dass es beim Wieder­aufbau der Schwerindustrie nicht wieder zu einer deutschen Hege­monie kam, zudem boten größere Wirtschaftsräume die Chance, gegenüber die USA wieder wettbewerbsfähig zu werden. Daneben planten die Anhänger der Europa-Idee eine Atomgemeinschaft: hier gab es noch keine nationalen Indus­trien und damit keine Lobbys, die die Idee bekämpfen konnten. Die Nieder­lande schlugen aber auch einen gemeinsamen Markt vor, und 1957 wurden sowohl die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) als auch die Europäische Wirt­schaftsgemeinschaft (EWG) gegründet. 1967 wurden EGKS, Euroatom und EWG zu den Europä­ischen Gemeinschaften (EG) zusammengelegt. Aus dieser ging 1993 die Europä­ische Union (EU) hervor, die nach mehreren Erweiterungsrunden schließlich 28 Mit­glieds­staaten umfasste (nach dem 2020 erfolgten Austritt Großbritanniens sind es aktuell noch 27). Der gemeinsame Wirtschaftsraum hat erheblich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas beigetragen; und ein Krieg innerhalb Westeuropas ist heute schwer vorstellbar. Dagegen erscheinen oftmals gehörte Kritikpunkte, wie Bürgerferne oder Demokratie­defizite vergleichsweise unbe­deutende (wenn auch verbesserungswürdige) Probleme.

Unabhängigkeit für die Kolonien

Blutige Freiheit – Indien und Pakistan

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatten die Briten Deutschland auch im Namen Indiens den Krieg erklärt. Die Minister des indischen Nationalkongres­ses traten daraufhin aus Protest aus den Provinzialregierungen zurück; Gandhi forderte die Kolonialmacht auf, Indien zu verlassen (versprach jedoch, dass ein unabhängiges Indien auf Seiten der Alliierten in den Krieg ziehen würde). Gandhi und die anderen Führer des Kongresses wurden hierfür verhaftet. Jinnahs Muslime stützten die Briten aber, und schließlich kämpf­ten zwei Millionen indische Soldaten für die britische Armee. Zudem wurde die indische Industrie in die Kriegsproduktion eingespannt, die Waren auf Kredit lieferte. Obgleich Roosevelt und Churchill 1941 in ihrer Atlantik-Charta den Völkern der Welt "Selbstbestimmung" versprochen hatten, und die Eroberung Singapurs durch Japan 1942 das Ende des British Empire in Asien möglich erscheinen ließ, kam Indien der Unabhängigkeit zunächst nicht näher. Im Gegenteil: 1942 erklärte das Kriegskabinett in London, die Selbst­bestim­mung beziehe sich nur auf die von den Achsenmächten besetzten Länder. Manche Inder setzten jetzt auf Subhas Chandra Bose, den ehemaligen Oberbürger­meister von Kalkutta, der sich mit Gandhi überworfen hatte. Dieser hoffte auf Unterstützung durch Hitler: vom "befreien" Singapur aus baute er eine Armee auf und erklärte den Alliierten den Krieg. Auf dem Weg von Burma nach Indien wurde seine Armee jedoch vernichtet.

Indiens Unabhängigkeit war dennoch unvermeidbar geworden: Wie wollte Groß­britannien die zwei Millionen Soldaten kontrollieren, die in der britisch-indischen Armee gekämpft hatten? Die Briten waren zudem nicht nur bei den USA, sondern auch bei ihrer Kolonie Indien hoch verschuldet; und der neuen Labour-Regierung waren die asiatischen Kolonien ohnehin nur mehr eine Last. Der als Vizekönig eingesetzte Lord Mountbatten sollte das Land bis August 1948 in die Unabhängigkeit entlassen. Jetzt zeigt sich aber, wie erfolgreich die Briten ethnische und religiöse Gruppen gegeneinander ausgespielt hatten: Zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs brachen Kämpfe aus, die in einem kollek­tiven Blutrausch mündeten: Mehrere Hunderttausend Menschen kamen ums Leben, über 26 Millionen Menschen wurden vertrieben (die größte Vertreibung in der Geschichte der Menschheit). Die Muslime flohen nach Osten, ins heutige Pakistan. Auch wenn Gandhi versuchte, eine Teilung des Landes zu verhindern, war diese nicht mehr zu vermeiden: um die Unruhen zu beenden, zog Mount­batten die Unabhängigkeit vor, teilte aber das Land: bereits im August 1947 wurden Indien und Pakistan (sowie Burma) unabhängig. 40 Millionen Muslime blieben jedoch in Indien. Gandhis Versöhnungsversuche – er trat für die faire Aufteilung der kolonialen Staatskasse ein – trugen ihm Hass aus den eigenen Reihen ein, er wurde 1948 von einem hinduistischen Fanatiker er­schos­sen.

Erster Premierminister des unabhängigen Indien war Jawaharlal Nehru. Nehru war ein überzeugter Demokrat und schaffte es, in Indien ein funktionierendes parlamentarisches System aufzubauen; wirtschaftlich orientierte er sich an der Sowjetunion. Präsident Pakistans wurde Mohammed Ali Jinnah, der ein Präsidialsystem bevorzugte; der Präsident entschied und regierte mit Hilfe der Bürokratie und des Militärs. Nach Jinnahs Tod behielt das Militär dauer­haft die Macht im Land (mal direkt, mal eher im Hintergrund). Das ehemalige Fürstentum Kaschmir, dessen Bevölkerung mehrheitlich muslimisch, dessen Maha­radscha aber Hindu war, war 1947 unabhängig geblieben, wurde aber 1949 von pakistanischen Freischärlern besetzt, worauf es Indien um Hilfe und Anschluss an Indien bat. Indien schickte Truppen – und traf auf pakista­nische Soldaten. Die Vereinten Nationen vermittelten 1949 einen Waffenstill­stand, die Waffenstillstandslinie ist noch heute faktisch die indisch-pakistanische Grenze. 1954 schloss sich Pakistan dem nach dem Koreakrieg entstehenden amerikanischen Bündnissystem an; Indien blieb “blockfrei”, orientierte sich aber als Reaktion noch enger an der Sowjetunion. 1965 marschierte Pakistan in Indien ein und versuchte, Kaschmir von Indien abzuschneiden, wurde aber von Indien schnell zurückgedrängt. Diese Aktion führte auch zu Autonomieforderungen Ostpakistans, die 1971 zur Entstehung des unabhängigen Bangladesh führte (womit die Zweinationen-Theorie der Muslimliga, die angesichts von 40 Millionen Muslime in Indien ohnehin fragwürdig war, endgültig ad absurdum geführt wurde).

1974 zündete Indien seine erste Atombombe und wurde damit Atommacht (was in Pakistan ebenfalls ein Atomprogramm auslöste; das Land zündete schließlich 1998 eine Atombombe). Indien blieb aber von Unruhen und Unabhängigkeits­bewegungen, unter anderem der Sikh, die einen eigenen Staat im Punjab for­derten, geprägt. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Wirtschaft reformiert, und der indische Wirtschaftsaufschwung begann. Dieser wird allerdings durch vorgeblich religiöse Unruhen und Bombenanschläge (etwa 1992 und 2008 in Bombay, 2002 in Gujarat) immer wieder überschattet, zumal die Armen im Land kaum von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren. Auch der Krisenherd Kaschmir ist längst nicht beruhigt, 1999 versuchte Pakistan erneut einen Einmarsch; und in den letzten 20 Jahren kosteten von Pakistan unterstützte terroristische Aktivitäten dort knapp 30.000 Menschen das Leben.

Das Ende des British Empire und Unabhängigkeit in Afrika

Mit der indischen Unabhängigkeit war vom British Empire wenig mehr als die afrikanischen Kolonien verblieben. Hier sollte nun unter neuen Vorzeichen gezeigt werden, dass die Kolonialpolitik noch nicht am Ende war. Die neue Labour-Regierung wollte die ökonomische Ausbeutung beenden; es war viel von "Wohlstand" und "Entwicklung" die Rede. Bei den britischen Kolonialbeamten vor Ort hielt sich die Begeisterung für die neue Linie jedoch in Grenzen; und die Planungen aus London gingen oft an der Realität vorbei: So wurden Maschinen für 1,3 Millionen Hektar große Erdnussplantagen in Ostafrika angeschafft, die auf den Böden dort gar nicht einsetzbar waren. So gewann der Nationalismus in Afrika an Boden, 1951 gab es in der Kolonie Goldküste und 1954 in Nigeria eine erste Selbstverwaltung auf regionaler Ebene. In Kenia, einer Siedlerkolonie, versuchten die Briten hingegen, die einhei­mische Bevölkerung mit Gewalt einzuschüchtern: Als Reaktion auf die Mau-Mau-Unabhängigkeitsbewegung wurden ab 1952 eine Million Kenianer in Internie­rungslagern festgehalten.

Das Ende des afrikanischen Kolonialreichs begann 1957 mit der Unabhängigkeit Ghanas (den ehemaligen Kolonien Goldküste und Britisch-Togoland). Die ehe­malige Goldküste war schon im 19. Jahrhundert zur "Musterkolonie" geworden, die ein wichtiger Kakaolieferant war. Nachdem 1959 die Tories die britischen Wahlen gewannen, gewann eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse an Bedeutung: die afrikanischen Kolonien kosteten mehr, als sie einbrachten. Zudem kündete de Gaulle, der mit Algerien genug Probleme hatte, die "Selbstbestimmung" der französischen Kolonien in Afrika an, 14 ehemalige Kolonialgebiete wurden zu formal unabhängigen Staaten (die wirtschaftlich jedoch von Frankreich ab­hängig blieben und in denen französische Unternehmen weiterhin die Rohstoffe ausbeuteten) und Belgien erklärte – nach heftigen Unruhen in der Haupt­stadt Léopoldville – 1960 die Unabhängigkeit des Kongo. Beginnend mit Nigeria (1960) wurden rasch weitere britische Kolonien unabhängig, darunter auch Kenia (1963). Als sich jedoch 1965 die Siedlerkolonie Südrhodesien für un­abhängig erklärte, um einer Übergabe der Macht an die schwarze Bevölkerungs­mehrheit zuvorzukommen, erkannte Großbritannien die weiße Siedlerregierung nicht an. Diese konnte aber bis Ende der 1970er Jahre die einheimische Opposition mit ihrer hochgerüsteten Armee unter Kontrolle halten; erst 1980 wurde das Land als Simbabwe unabhängig.

1962 hatte Belgien auch Ruanda und Burundi in die Unabhängigkeit entlassen. Portugal unterdrückte die Befreiungsbewegungen in seinen Kolonien Angola, Mosambik und Guinea-Bissau gewaltsam; diese wurden erst 1974 und 1975 nach dem Sturz der Diktatur unabhängig. Belgien und Portugal kümmerten sich zudem am wenigsten um die wirtschaftliche Zukunft ihrer ehemaligen Kolonien, aber nicht nur in diesen kam es zu einer unseligen Zusammenarbeit einheimischer Führer und europäischer Unternehmen, die weiterhin die Rohstoffe ausbeuteten – an der Bevölkerung ging der dabei erwirtschaftete Reichtum oftmals völlig vorbei, so dass viele schwarzafrikanische Länder lange zur "Vierten Welt" (die kaum Aussicht auf Entwicklung hat) gezählt wurden (230). Noch heute wird leidenschaftlich diskutiert, inwieweit die Probleme Afrikas auf die Kolonialzeit mit ihrer Zerstörung gewachsener Strukturen zurückgeführt werden können oder inwieweit dieses Argument (zumindest auch) von den einheimischen Eliten genutzt wird, um von eigenem Versagen abzulenken.

1997 musste Großbritannien schließlich die Kronkolonie Hongkong an China zurückgegeben – vom British Empire bleibt formell nur noch das Commonwealth.

Vom Apartheitsstaat zur Regenbogennation – Südafrika

Im schon seit 1910 unabhängigen Commonwealth-Mitglied Südafrika verschärfte sich die Diskriminierung der schwarzen Einwohner mit dem Wahlsieg der National Party im Jahr 1948: Die Rassentrennung (Apartheid) wurde offizielle Politik. Die Schwarzen durften das ihnen zugeteilte Land nur mit Erlaubnis und einem “Pass” verlassen. Der Widerstand gegen diese Politik wurde unter anderem vom African National Congress (ANC) organisiert. 1960 zogen 8.000 Demonstranten zu einer Polizeistation bei Johannesburg, um sich verhaften zu lassen, die Polizei schoss auf die unbewaffnete Menge und tötete 69 Menschen; die UNO verurteilte Südafrika, die Regierung verbot den ANC und dieser kündigte das Ende der Gewaltlosigkeit an. 1962 wurde der ANC-Führer Nelson Mandela verhaftet, und die Regierungen Europas und Amerikas übten sich in Nachsicht mit (dem rohstoffreichen) Südafrika. Parallel zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung entstand aber auch in Südafrika eine Black-Consciousness-Bewegung, und 1976 protestierten in Soweto 15.000 Schulkinder dagegen, dass künftig die Hälfte des Unterrichts in Afrikaans (der Sprache der Buren) erfolgen sollte – wieder schoss die Polizei in die Menge und tötete und verletzte Hunderte von Kindern. 1977 wurde (zum wiederholten Male) der Anführer der Black-Consciousness-Bewegung, Steve Biko, verhaftet – und starb an den Folgen der Polizeifolter. Über Jahre stand Südafrika danach kurz vor dem Bürgerkrieg, die Regierung versuchte, die Lage mit Todes­schwadronen unter Kontrolle zu bekommen, die Apartheitsgegner töteten. Diese Politik isolierte Südafrika aber dann doch international, und die weiße Regierung unter Pieter Willem Botha begriff, dass sie Südafrika so in den Ruin führen würde. Nach jahrelangen Geheimverhandlungen mit dem ANC und dem immer noch gefangenen Nelson Mandela wurde 1990 von Bothas Nachfolger de Klerk das Verbot des ANC aufgehoben und Mandela freigelassen. Nach Jahren der Gespräche über eine neue Verfassung (und blutigen Kämpfen zwischen dem ANC und der von Zulus dominierten Inkatha Freedom Party) wurde 1994 der 75-jährige Nelson Mandela mit über 62 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Mandela machte sich mit zahlreichen großherzigen Gesten um die Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen verdient. Aber auch wenn einige Schwarze inzwischen reich wurden: Die Kluft zwischen Arm und Reich konnte in dem Land noch nicht verringert werden.

Israel und die arabische Welt

Unter dem Eindruck des Völkermords an den Juden drängten die jüdischen Sied­ler in Palästina sofort nach dem Kriegsende auf einen eigenen jüdischen Staat – und die Briten hatten nicht mehr die Mittel, sich um ihr Mandats­gebiet zu kümmern. Sie wollte das Gebiet eigentlich in einen Zweinationen­staat überführen; 1947 entschied sich die Vollversammlung der Vereinten Nationen aber für die Schaffung von zwei Staaten. Noch am selben Tag brachen Kämpfe zwischen militärischen Einheiten der Juden und palästinensischen Arabern aus; jede Seite wollte die Entstehung des anderen Staates verhindern oder sich zumindest möglichst viel Land sichern. Als die Briten 1948 das Gebiet verließen, erklärte Israel seine Unabhängigkeit, die sowohl von den USA als auch der Sowjetunion (die darin eine Schwächung des britischen Einflusses sah) schnell anerkannt wurde. Der Krieg ging weiter, etwa eine Million Araber wurden vertreiben und Israel konnte sich mit Galiläa und der Negev zusätzliche Gebiete sichern, als es 1949 zum Waffenstillstand kam.

Die Niederlage der untereinander zerstritten Araber förderte aber die nationalistische Unzufriedenheit mit der alten – oftmals mit den Europäern zusammenarbeitenden – Oberschicht: 1949 kam es in Syrien zu einem Militär­putsch, 1951 wurden der libanesische Premierminister und der jordanische König bei Attentaten getötet und 1952 übernahm in Ägypten ein aus Militärs gebildeter Revolutionsrat die Macht und rief die Republik aus. 1954 wurde Gamal Abdel Nasser ägyptischer Präsident. Als Nasser 1955 aus Sorge vor einem israelischen Angriff Waffenlieferungen aus der Sowjetunion erbat, regierten Großbritannien und die USA mit einer Einstellung der Zahlungen für den Assuan-Staudamm, Nassers wichtigstem Entwicklungsprojekt. Daraufhin verstaatlichte Nasser 1956 den Suez-Kanal, die Einnahmen sollten die Fertig­stellung des Assuan-Staudamms ermöglichen. Obgleich die alten Anteilseigner der Kanalgesellschaft ausgezahlt wurden, wollten Frankreich und Groß­britannien den Verlust des Suez-Kanals nicht hinnehmen: sie baten Israel um einen Angriff auf die Palästinenser und ihre ägyptischen Unterstützer – und wollten unter dem Vorwand, die streitenden Parteien zu trennen, die Kanalzone wieder in Besitz nehmen. Ägypten konnte den Angriff aber abwehren, wozu der amerikanische Präsident Eisenhower, der von dem Plan nicht informiert war, entsetzt reagierte und Frankreich und Großbritannien mit Ausschluss aus der NATO drohte, erheblich beitrug. Frankreich und England verloren mit dieser Niederlage ihre Stellung im Nahen Osten; die USA wurden zur neuen Schutzmacht Israels. Nasser wurde nach diesem "Sieg" quer durch Arabien von den Massen verehrt und zum Vorbild nationa­listischer Führer. 1958 schlossen sich Ägypten und Syrien gar zur Ver­einigten Arabischen Republik zusammen.

Die USA unterstützten nicht nur Israel, sondern auch die Nasser-Gegner im Libanon und Jordanien – und suchten darüber hinaus die Zusammenarbeit mit den konservativen Führungen in den Ölförderstaaten: 1953 rettete der Sturz des iranischen Premiers Mohammed Mossadegh dem Schah den Thron (und gewährte den USA bevorzugten Zugang zu den Ölquellen des Landes), und auch das öl­reiche Saudi-Arabien verbündete sich mit den Amerikanern, um revolutionäre Bewegungen abzuwehren. Frankreich gewährte 1956 seinen ehemaligen Kolonien Marokko und Tunesien die Unabhängigkeit, in Algerien wehrten sich aber die französischen Siedler im Land: Hier weitete sich ein 1954 begonnener Auf­stand zu einem Befreiungskrieg aus, in dem beide Seiten versuchten, den Gegner mit Terrorakten zu demoralisieren. Berichte über französische Fol­terun­gen von Frauen und Kindern ließen die Stimmung in Frankreich kippen, und 1962 wurde Algerien unabhängig. Über 900.000 der rund eine Million französischer Siedler verließen daraufhin aus Angst vor Racheakten das Land.

Mao Zedong und die chinesische Revolution II

Der Sieg der Amerikaner über Japan im Zweiten Weltkrieg hatte auch den Krieg in China beendet; und der Konflikt zwischen Kuomintang und Kommunistischer Partei (KPCh) verschärfte sich wieder. Amerikanische Vermittlungsversuche scheiterten und Mitte 1946 brach der Bürgerkrieg wieder aus. Trotzt deut­licher zahlenmäßiger Unterlegenheit konnte die “Volksbefreiungsarmee”, wie der Armee der KPCh jetzt hieß, den Krieg gewinnen. Dazu trug auch bei, dass sie auf dem Land mehr Unterstützung fand, und auch Arbeiter, Unternehmer und Intellektuelle in den Städten zunehmend von der korrupten Kuomintang ent­täuscht waren; zum Schluss liefen auch noch Truppenteile zur Volksbefrei­ungs­armee über. Im Januar 1949 fiel Peking, im April und Mai auch der Süden und Westen des Landes. Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong die Volksrepublik China aus; er wurde “Vorsitzender des Zentralrats der Volksregierung”. Chiang Kai-shek floh mit einer halben Million Soldaten (sowie Chinas Gold­reserven und den Schätzen des Nationalmuseums) nach Taiwan. In der Volks­republik wurden über eine Million Menschen zum Tode verurteilt und hinge­richtet, 1953 hatte die KPCh unangefochten die Macht im Lande.

Anfänglich kooperierte China intensiv mit der Sowjetunion, die insbesondere beim sozialistischen Wirtschaftsaufbau, der auf Schwerindustrie basierte, Modell stand. Dieser erfolgte in China aber nicht im gleichen Maße auf Kosten der Landwirtschaft, deren Kollektivierung auch weniger Widerstand hervorrief. Damit begann eine Abkehr vom sowjetischen Modell, und 1957 setzte Mao durch, dass die Intellektuellen aufgefordert wurden, ihre Kritik an der Partei offen zu äußern (Hundert-Blumen-Kampagne). Die vehement los­brechende Kritik erschreckte die Partei, die schon knapp sechs Wochen später die Kampagne wieder abbrach – und die Kritiker zu Hunderttausenden verbannte oder hinrichtete. Hiermit begannen die “zwanzig verlorenen Jahre” bis zu Maos Tod, denn das Land verlor die Mitarbeit seiner fähigsten Köpfe. Im Mai 1958 wandte das Land sich endgültig von der sowjetischen Politik ab, mit dem “Großen Sprung nach vorne” begann die eigentliche maoistische Reform: Die Produktionsgenossenschaften wurden zu Volkskommunen, bis hin zu den Wohn­häusern wurde alles Eigentum in die Kommune überführt. Kleine Fabriken in den Dörfern sollten für den örtlichen Bedarf produzieren – zum Symbol hierfür wurde die Stahlerzeugung “im Hinterhof”. Die Bauern wurden massen­haft für staatliche Infrastrukturprojekte eingesetzt, die Felder von ihren (unerfahrenen) Frauen bestellt. 1958 rettete außergewöhnlich gutes Wetter die Ernte, danach folgte die Katastrophe – die größte Hungersnot der bis­herigen Menschheitsgeschichte mit 30 bis 40 Millionen Hungertoten (und zu allem Überfluss erwies sich auch der “Volksstahl” aus den örtlichen Stahl­öfen als unbrauchbar).

Mao zog sich aus der praktischen Politik zurück, und die Pragmatiker in der Parteiführung um Generalsekretär Deng Xiaoping begannen, die Wirtschaft neu aufzubauen. Aber Mao hatte nicht aufgegeben: 1966, mit 72 Jahren, rief er die Jugend in China zum Aufstand gegen diejenigen in der Partei, die sich “auf den Weg des Kapitalismus” begeben hatten, auf. So begann die Kultur­revolution, ab 1967 regierte in China die Gewalt: Die aus Schülern und Studenten gebildeten “Roten Garden” demütigten und quälten Lehrer, Profes­soren, Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle; und bald auch Parteikader und Regierungsbeamte. Deng Xiaoping wurde verbannt, andere Minister zu Tode gefoltert. Schließlich begannen bürgerkriegsartige Kämpfe rivalisierender Roter Garden untereinander, woraufhin Mao die Volksbefrei­ungs­armee losschickte, die Kämpfe zu beenden. Vier Millionen Oberschüler und Studenten wurden zur Umerziehung aufs Land geschickt. Die Zahl der Toten in der Kulturrevolution ist umstritten, sie geht in die Millionen. Die letzten Jahre Maos waren eine “bleierne Zeit” (Konrad Seitz), nach Kämpfen am Grenz­fluss Ussuri wurde die Sowjetunion zum Hauptfeind erklärt und zum Staunen der Welt ein Bündnis mit den USA geschlossen. 1976 starb Mao.

Nach Maos Tod setzten sich die Pragmatiker in der Partei durch, denen es vor allem auf politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung ankam; im September 1978 übernahm Deng Xiaoping die Führung der KPCh. In einem plan­wirtschaftlichen Rahmen erhielten die Marktmechanismen mehr Bedeutung, fach­liche Kompetenz wurde in der Wirtschaft wichtiger als politische Linien­treue. Erster Schritt war die “Dekollektivierung” der Landwirtschaft, die Bauern erhielten ehemaliges Kollektivland zur Bewirtschaftung und konnten die Ernte frei verkaufen; die Ernährung verbesserte sich innerhalb weniger Jahre (vor allem in den Städten – auf dem Land zeigte sich, dass es neben der Chance auf Reichtum auch die Möglichkeit zur Verarmung gab; viele Bauern wanderten in die Städte ab und speisen dort das Heer der Wanderarbeiter). Auch in den Städten wurde Privatinitiative erst geduldet, dann gefördert; der chinesische Markt für westliche Unternehmen geöffnet, die in “Sonder­wirtschaftszonen” wie Shenzhen bei Hongkong Steuer- und Zollvergünstigungen erhielten. Eine Demokratisierung war damit jedoch nicht verbunden; 1989 wurde etwa eine Studentendemonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz) in Peking blutig niedergeschlagen – mit etwa 3.000 Toten. 1997 starb Deng Xiaoping, seine Politik und die stürmische wirtschaftliche Entwicklung gingen aber weiter. Zunehmende Bedeutung erlangten die ökologischen (mehr) und sozialen Folgen des schnellen Wirtschaftswachstums (wachsende Ungleichheit zwischen Küste und Innenland, Stadt und Land, Gewinnern und Verlierern), die bisher nur durch immer mehr Wachstum bekämpft werden. Wie krisenfest diese Strategie ist, bleibt offen.

Südostasien

Nach Japans Kapitulation hatte im ehemaligen Indochina der Anführer der Vietnamesischen Unabhängigkeits-Liga (Vietminh), der Kommunist Ho Chi Minh,  die Unabhängigkeit Vietnams erklärt – was die vormalige Kolonialmacht Frankreich aber zunächst nicht akzeptierte. Es folgte ein siebeneinhalb­jähriger Krieg, der 1954 mit der Spaltung des Landes in einen (von Ho Chi Minh geführten) Nord- und Südteil endete, in dem der Nationalist und Anti-Kommunist Ngo Dinh Diem regierte. Dieser erzwang nach wenigen Monat den Abzug der Franzosen und beendete damit endgültig die französische Kolonial­zeit in Asien. Auch in Indonesien versuchte die ehemalige Kolonialmacht Holland vergeblich, die Unabhängigkeit zu verhindern: in einem Guerillakrieg verspielten die Niederlande derartig viel Sympathie, dass sie auf Druck der USA 1949 die Unabhängigkeit Indonesiens weitgehend (nur West-Papua blieb zunächst unter niederländischer Verwaltung) anerkennen mussten. Die USA selbst hatte ihre Kolonie auf den Philippinen 1946 in die Unabhängigkeit entlassen, konnten sich aber – nachdem sie der Regierung bei einem von den Kommunisten unterstützten Bauernaufstand beistand – bis in die 1980er Jahre Einfluss und Militärstandorte sichern. Auf Malaysia blieb die Unabhängig­keits­bewegung lange auf den chinesischen Bevölkerungsteil beschränkt; erst als Malaien, Inder und national orientierte Chinesen ein Bündnis bildeten, zogen die Briten sich ohne Widerstand zurück – 1957 entstand die Föderation Malaysia.

Lateinamerika

In Lateinamerika gab es keine Kolonien mehr, dort waren aber die USA zum wichtigsten ausländischen Investor geworden. Als in Lateinamerika kommunis­tische Parteien an Einfluss gewannen, reagierten die USA hart: Als in Guate­mala 1952 die Bananenplantagen der United Fruit Company enteignet wurden, beauftrage Präsident Eisenhower den CIA mit einem Umsturz, der eine Militär­junta an die Regierung brachte. Als 1959 nach zweijährigem Guerillakampf Fidel Castro auf Kuba die Macht übernahm und 1960 ein Handelsabkommen mit der Sowjetunion unterzeichnete, sollte auch hier der CIA eine Invasion vor­bereiten. Die Invasion in der Schweinebucht schei­ter­te aber, und indirekt stärkte sie Castro und förderte Guerillabewegungen nach kubanischem Vorbild in vielen lateinameri­ka­nischen Ländern. Letztendlich wurden sie alle von Polizei- und Militär­einheiten besiegt, die von den USA ausgebildet wurden; die USA gelten in Lateinamerika vielen seither als die neue imperialistische Weltmacht.

Der Kalte Krieg

Der Kalte Krieg gewann seine Brisanz aus der Atombombe: Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki war diese zu einem Alptraum der Menschheit geworden. Albert Einstein soll gesagt haben: “Ich weiß zwar nicht, wie der Dritte Weltkrieg geführt, wohl aber, wie der Vierte ausgetragen wird: mit Stöcken und Steinen.” Die Amerikaner hatten nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Atombomben gebaut – vor allem aus Kostengründen: Dem amerikanischen Präsidenten Truman war eine konventionelle Aufrüstung zu teuer. Aber weit früher als von den Amerikanern erwartet, nämlich bereits 1949, verfügte auch die Sowjetunion über Atombomben. Damit begann ein atomares Wettrüsten, das beide Supermächte in die Lage versetzen sollte, die Welt mehrfach zu zerstören und sie mehrfach an den Rand eines Atomkriegs führte.

Der Koreakrieg und seine Folgen

Die erste dieser Krisen war der Überfall des kommunistischen Nordkorea auf Südkorea am 25. Juni 1950. Beide koreanische Staaten hatten sich mit der Teilung nicht abgefunden und versuchten, ihre jeweilige Schutzmacht für einen "Befreiungskrieg" zu gewinnen. Die Amerikaner stellten sich taub, der Nordkoreaner Kim Il Sung fand aber schließlich bei Stalin Gehör. Nordkorea wurde von (wie sich erst später herausstellte) 70.000 mit chinesischen Uniformen getarnten Soldaten der sowjetischen Luftwaffe unterstützt; Süd­korea von einer (vor allem amerikanischen) UNO-Truppe, die von dem US-Ober­kommandierenden in Japan, General MacArthur geleitet wurde. Den USA gelang es schnell, über den 38. Breitengrad in den Norden vorzudringen, woraufhin China in den Krieg eingriff und die Amerikaner in den Süden zurückdrängte. MacArthur schickte Heilig Abend 1950 eine Liste mit 24 chinesischen Zielen in die USA, die er mit der Atombombe angreifen wollte, was Verteidigungs­minister Dean Acheson aber ablehnte. So blieb der Koreakrieg ein konven­tioneller, bei dem über 3,5 Millionen Menschen starben. Es war auch ein Krieg, bei dem über 3.000 Tonnen Napalm eingesetzt wurden – eine Brandwaffe, die schwer heilbare Verbrennungen auslöst und kaum mit Wasser gelöscht werden kann. Zu einem Waffenstillstand kam es erst 1953 nach Stalins Tod. Nord­korea entwickelte sich zu einem zunehmend stalinistischen Staat. In Südkorea wurde der konservative, zunehmend autoritäre Syngman Rhee 1960 nach Demons­tra­tionen abgelöst, nach einer kurzen Phase der Demokratie begann eine Militär­regierung unter General Park Chung Hee mit dem Umbau des Landes zu einem modernen Industriestaat.

Der Sieg der Kommunisten in China, die russische Atombombe und der Korea­krieg änderten die amerikanische Strategie gegenüber der Sowjet­union: die Überlegenheit als einziger Atomwaffenstaat war dahin, weshalb auch die USA konventionell aufrüsteten; und es wurde kommunistischer "Drang zur Weltherr­schaft" diagnostiziert. Die NATO wurde zur Militärallianz ausgebaut und durch ein weltweites Bündnissystem ergänzt. (Die Sowjetunion gründete als Antwort den Warschauer Pakt und baute ihr eigenes Bündnissystem auf, das allerdings beginnend mit Aufständen 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn auch zur Machtsicherung im eigenen System eingesetzt werden musste.) Die amerika­nischen Militärausgaben verviel­fachten sich; das Atomwaffenarsenal wurde ausgebaut und 1952 die erste Wasserstoffbombe getestet (begleitet von einer nach Senator McCarthy be­nannten, bis Ende 1954 anhaltenden antikommunis­ti­schen Gesinnungs­schnüf­fe­lei). Die USA und ihre Verbündeten riskierten aber keinen militäri­schen Kon­flikt, um etwa den osteuropäischen Völkern zu hel­fen, in denen Panzer der Roten Armee wie in der DDR oder Ungarn Aufstände niederwalzten: Präsident Dwight D. Eisen­hower (1953 bis 1961) glaubte nicht, dass ein Krieg im Atomzeitalter gewinn­bar sei. Das hinderte ihn aber nicht, in Europa auf eine Strategie der ange­drohten massiven Atomvergeltung für den Fall eines (auch nur konventionellen) sowjetischen Angriff zu setzen; er war überzeugt, dass die Sowjetunion diesen nicht riskieren würde.

1956 wollten die europäischen Staaten sich als Reaktion auf eine Ausdünnung der amerikanischen Truppen in Europa mit Trägerwaffensysteme für kleine gefechtstaugliche (sog. "taktische") Atomwaffen ausstatten, was die Sowjet­union, wo Nikita Chruschtschow aus den Diadochenkämpfen um Stalins Nachfolge als Sieger hervorgegangen war, als Bedrohung empfand. Um die neuen Waffen zu verhindern, schlug Polens Außenminister Adam Rapacki vor, eine atomwaffen­freie Zone aus Polen und den beiden Deutschlands zu bilden. Der Vorschlag scheiterte aber, als Chruschtschow die Verhandlungen zum Rapacki-Plan mit einem Friedensvertrag mit beiden deutschen Staaten verbinden wollte (was für Westdeutschland ein Tabu war, da es die DDR nicht anerkannte); die ohnehin aufgrund der konventionellen Überlegenheit der Sowjetunion skep­tischen NATO-Staaten stellten diesen Vorschlag als Beleg für mangelnden Abrüstungswillen dar. Stattdessen beschlossen die Verteidigungsminister Westdeutschlands, Italiens und Frankreichs sogar eine gemeinsame Produktion von Atomwaffen. Endgültig gescheitert war der Rapacki-Plan, als Chruscht­schow auf Drängen Walter Ulbrichts (dem starken Mann der DDR, dem immer mehr Bürger nach West-Berlin entflohen) den Westmächten ein Ultimatum stellte, West-Berlin inner­halb von sechs Monaten in eine "freie Stadt" umzuwandeln. Damit hoffte er, die DDR attraktiver zu machen, die beiden deutschen Staaten aus ihren Militär­blöcken zu lösen und doch noch eine atomwaffenfreie Zone in der Mitte Europas zu erreichen. Aber sowohl Eisenhower als auch John F. Kennedy, der Eisenhower 1961 ablöste, machten klar, das sie den Status Berlins nicht ändern würden. Daraufhin erteilte Chruschtschow Ulbricht die von diesem lange geforderte Erlaubnis, die Sektorengrenze in Berlin abzuriegeln: dies erfolgte in der  Nacht zum 13.8.1961; der eigentliche "Mauerbau" erfolgte zum größten Teil erst danach. Dabei standen sich am 27. & 28. Oktober am Checkpoint Charly sowjetische und amerikanische Panzer 16 Stunden lang gegenüber: Walter Ulbricht wollte (ohne Absprache mit der Sowjet­union, wie heute bekannt ist) alliierte Offiziere kontrol­lie­ren lassen (eine Verletzung der Siegerrechte), Chruschtschow glaubte, der Westen wolle die Mauer durchbrechen; die Welt stand, so der sowjetische Diplomat Walentin Falin später, “Sekunden und Meter ... [vor] einem Unglück.

Die Kubakrise und ihre Folgen

Kennedy hatte zudem im April 1961 eine Invasion von durch die CIA ausgebil­deten Exil-Kubanern in der Schweinebucht auf Kuba unterstützt, die schnell gescheiterte. Im Herbst 1962 entdeckten die Amerikaner dann, dass die Sowjetunion heimlich atomare Mittelstreckenraketen auf Kuba stationierte. Sowjetische Atomraketen, die San Francisco erreichen konnten, wollten die USA auf keinen Fall dulden, und wenige Tage später stand die Welt erneut vor einem Atomkrieg. Kennedy dachte ernsthaft an einen Luftangriff (weil der fälschlicherweise glaubte, die Raketen wären noch nicht einsatzbereit); Verteidigungsminister McNamara bremste. Schließlich entdeckte der CIA, dass die Raketen bereits einsatzbereit waren, und damit war ein Luftangriff zu gefährlich; Kennedy enthüllte nun die Stationierung in einer Fernsehanspra­che und begann eine Blockade Kubas. Als Chruschtschow nach fünf Tagen die Atomraketen abziehen wollte, drängte Kubas Fidel Castro auf “Verteidigung, wie schrecklich sie auch ausfallen möge”, und gleichzeitig schossen sow­jetische Militärs ein amerikanisches Spionageflugzeug über Kuba ab. Die US-Militärs drängten auf Angriff, aber jetzt bremste Kennedy – er ging auf ein Angebot Chruschtschows zum Abzug der Raketen gegen einen amerikanischen Invasionsverzicht auf Kuba ein, und Chruschtschow ordnete sofort den Abbau der Waffen an.

Mit der Erkenntnis, in der Kubakrise tatsächlich am Rande eines Atomkriegs gestanden zu haben, änderten sowohl die USA als auch die Sowjetunion ihre Politik. Kennedy hatte erkannt, dass ein Krieg mit der Sowjetunion aufgrund seiner Folgen unmöglich geworden war, und Chruschtschow sah, dass die Sowjet­union ohne Anerkennung des Status quo nicht friedlich neben den USA bestehen konnte (und hatte mit Grenzkonflikten mit China, die 1964 ebenfalls ihre erste Atombombe zündeten, und innenpolitischen Problemen genug andere Baustellen). Es kam zu einer Reihe von Annäherungen, zwischen beiden Ländern wurde ein "rotes Telefon" installiert, um einen versehentlichen Atomkrieg zu verhindern. (Die neue Entspannungspolitik wurde in Deutschland insbesondere vom Berliner Bürgermeister Willy Brandt und seinem Vertrauten Egon Bahr aufgrif­fen.) Die neue Politik überstand auch Kennedys Ermordung und Chrusch­tschows Sturz; Lyndon B. John­son, ab 1968 Richard Nixon und Leonid Breschnew führten sie weiter. Daran änderte auch der Vietnamkrieg wenig – ein Bürger­krieg, der die Fortsetzung des Unabhängigkeitskriegs gegen die französische Kolonialmacht war, der 1954 zur Spaltung des Landes geführt hatte. 1964 griffen die USA direkt in den Krieg ein, worauf die Sowjetunion mit ver­stärk­ten Waffenlieferung an den Norden antwortete. Für die Amerikaner wurde der Krieg im Dschungel zu einem Desaster: Militärisch konnten sie ihn nicht gewinnen, und in Amerika und Europa entstand eine Antikriegsbewegung, und der Protest beflügelte die “68er”-Protestbewegung. 1973 zogen die Amerikaner ab, und 1975, als die USA vom “Watergate-Skandal” abgelenkt waren, stürmten nordvietnamesische Truppen Saigon, Vietnam wurde wiedervereinigt. Der Krieg hatte zwei bis drei Millionen Tote gefordert, eine halbe Millionen Krüppel und 900.000 Waisen hinterlassen.

Währenddessen hatte die Sowjetunion den “Prager Frühling” 1968 mit Panzern niedergeschlagen – für die Entspannungspolitik nicht viel mehr als ein Verkehrsunfall, da im eigenen Machtbereich der Sowjetunion geschehen. In Deutschland begann ab 1969 die neue sozialliberale Regierung ihre (von den Amerikanern kritisch beobachtete) Ostpolitik, in den USA organisierte der neue amerikanische Sicherheitsberater Henry Kissinger 1972 stattfindende Besuche Nixons in China und der Sowjetunion. Bei dem Besuch in Moskau wurde eine kooperative Krisenbewältigung vereinbart – außerhalb Europas ging die Stellvertreterpolitik aber wie gewohnt weiter: Die Amerikaner lieferten 1972 Waffen an den Iran und stürzten 1973 Salvador Allende in Chile, die Sowjetunion unterstützte den Irak und griff 1975/76 in Angola und 1977 in Äthiopien militärisch ein. Belastet wurde das Verhältnis aber vor allem, als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte.

Die Kraft der Menschenrechte

Im “Korb III” der KSZE-Schlussakte hatten alle Staaten zugesichert, die Menschenrechte und Grundfreiheiten zu beachten, einschließlich der wirksamen Ausübung politischer Rechte und Freiheiten. Dieser zunächst von vielen kaum beachtete Teil entwickelte ein beachtliche Kraft: Bürgerrechtsbewegungen wie das “Komitee zur Verteidigung der Arbeiter” in Polen, die “Charta 77” in der Tschechoslowakei oder die unabhängige Friedensbewegung in der DDR (“Schwerter zu Pflugscharen”) beriefen sich auf diesen Korb III, in der Sowjetunion wurden gar “Helsinki-Gruppen” gegründet. 1980 entstand in Polen mit der “Solidarnosc” die erste freie Gewerkschaft, worauf die Sowjetunion mit der Verhängung des Kriegsrechts reagierte. In Ostdeutschland gab es noch eine andere Bewegung: Diejenigen, die unter Berufung auf Korb III ihre Ausreise betrieben. Die Menschen- und Bürgerrechtsgruppen wie die Ausreisewilligen höhlten das Reich der Sowjetunion von innen aus.

Iran: Vom Schah zur islamischen Republik

Im Iran hatten 1941 Briten und Sowjets den Schah Reza Pahlavi wegen seiner freundschaftlichen Kontakte zu Hitler abgesetzt und seinen 21-jährigen Sohn Mohammed Reza Pahlavi zum neuen Schah ernannt. Nachdem der nationalistische Premierminister Mohammed Mossadegh 1951 die iranischen Ölfelder verstaatlicht hatte (mehr), unterstützten England und die USA einen Putsch gegen ihn. Seither herrschte der Schah mit eiserner Hand, Unterstützung der USA und seines 1957 gegründeten Geheimdienstes Savak. Die vom Schah angestrebte Modernisierung nach westlichem Vorbild scheiterte jedoch, eine fehlerhafte Bodenreform (das verteilte Land war zu klein und nicht fruchtbar genug) ließ die Landbevölkerung in die Städte strömen, vor allem in die Slums von Teheran; eine korrupte Oberschicht und eine galoppierende Inflation machten auch der Mittelschicht das Leben schwer. So bildete sich eine breite Opposition, an dessen Spitze sich der in Frankreich im Exil lebende Rechtsgelehrte (Ajatollah) Ruhollah Chomenei setzte. 1978 wurde das Kriegsrecht in Kraft gesetzt, im Januar 1979 verließ der Schah den Iran und am 1. Februar kehrte Chomenei aus dem Exil zurück. Er trieb die Liberalen und Linken, die die Opposition mitgetragen hatten, in den Untergrund und gründete die “Islamische Republik Iran”, mit der “Herrschaft des führenden Rechtsgelehrten” – Chomenei selber. Durch diese Revolution hatte der Iran die Unterstützung der USA verloren, und das verleitete den Nachbarn Irak unter Saddam Hussein zum Angriff auf den alten Erzfeind. Der Irak setzte auch Chemiewaffen ein (hier sehen manche Landeskenner die Geburtsstunde des iranischen Strebens nach der Atombombe); der Iran antwortete mit “Menschenwellen”, für die auch Kinder in den Krieg geschickt wurden. Der irakisch-iranische Krieg endete nach acht Jahren und einer Millionen Toten mit einem Patt. Chomenei starb 1989, eine neue Verfassung trennte unter seinem Nachfolger Ali Chamenei geistliche und politische Führung. 1997 gewann der gemäßigte Mohammed Chatami die Präsidentenwahl, seine Reformbemühungen wurden aber von konservativen Kräften und den religiösen Führern vereitelt. 2004 kehrten die Konservativen an die Macht zurück, und machten 2005 den ultrakonservativen Bürgermeister Teherans, Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten. International umstritten sind vor allem die Atompläne Irans, der vermutlich mit aller Kraft an der Atombombe arbeitet (mehr). Die Präsidentschaftswahlen 2009 waren nach Ansicht der Opposition manipuliert; wochenlange Demonstrationen machten deutlich, dass es im Iran eine starke, “grüne Bewegung” (grün ist die Farbe des Islam, der Hoffnung und war die Farbe der Opposition gegen den Schah) genannte Opposition gegen Ahmadinedschad gab.

Der Afghanistankrieg und seine Folgen

Mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan begann eine neue Runde der Konfrontation. Die Sowjetunion hatte wohl gefürchtet, dass der islamische Widerstand gegen die prosowjetische Regierung in Kabul auf angrenzende Sowjetrepubliken überspringen könnte. Der Sozialismus sollte gewissermaßen am Hindukusch verteidigt werden, aber US-Präsident Jimmy Carter reagierte mit einer massiven Erhöhung der Verteidigungsausgaben und unterstützte heimlich die “heiligen Krieger” (Mudschahidin). 1981 wurde Ronald Reagan US-Präsident, und verstärkte die Unterstützung (er finanzierte auch Osama bin Laden, der Freiwilligentrupps gegen die Kommunisten anwirbt). Es war ein barbarischer Krieg, in dem die Sowjets gezielt ganze Dörfer ausrotteten, dennoch (oder deshalb?) wurde er zum Desaster: Die Sowjetunion zog 1988 sieglos ab, 1 – 1,5 Millionen Menschen waren gestorben, fünf Millionen Menschen geflohen. Der Krieg ging als Bürgerkrieg weiter, bis die Taliban einen islamistischen Gottesstaat errichten konnten; manche islamistische Gruppe wie Osama bin Ladens Al-Qaida sollte bald gegen den Westen kämpfen.

Unterdessen war die Aufrüstung wieder aufgelebt. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte schon 1977 eine “Nachrüstung” gefordert, falls die Sowjetunion wie geplant ihre Mittelstreckenraketen SS-4 und SS-5 durch moderne SS-20 ersetzen sollte, und dies beschloss die NATO 1979. 1983 kündigte er ein weltraumgestütztes Raketenabwehrsystem (Strategic Defense Initiative – SDI) an, mit dem die USA sowjetische Raketen bereits in der Startphase zerstören wollten. Im Westen entstand gegen NATO-Beschluss zur “Nachrüstung” und Reagans SDI eine Friedensbewegung (in Bonn demonstrierten am 10. Oktober 1981 über 300.000 Menschen), die mit dem Entstehen der GRÜNEN auch parlamentarischen Einfluss erhielt. Auch in den USA wendete sich die Stimmung in der Öffentlichkeit gegen den kalten Krieg. 1982 war Leonid Breschnew gestorben, und nach zwei schnell verstorbenen Nachfolgern wurde 1985 Michael Gorbatschow Generalsekretär in Moskau. Er hatte versprochen, den auch in der Sowjetunion unpopulären Krieg in Afghanistan zu beenden, und verkündete 1987 Offenheit (“Glasnost”) als neues Prinzip und die Umgestaltung der Sowjetunion (“Perestroika”) als Ziel. Das Wettrüsten betrachtete er dabei als Hindernis, und bot weit reichende Abrüstung an. Nach einigem Zögern und unter dem Druck der Öffentlichkeit ging Reagan darauf ein: Im Oktober 1986 vereinbarten Reagan und Gorbatschow die Beseitigung aller Mittelstreckenwaffen in Europa und die Reduzierung der strategischen Waffen um 50 Prozent. Gorbatschow erklärte auch, jedes sozialistische Land habe die Freiheit, seinen “eigenen Weg” zu gehen. China zeigte auf seine Weise, was es davon hielt, und schoss in der Nacht des 3. Juni 1989 eine Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking zusammen; aber in Deutschland wurde am 9. November 1989 die Mauer in Berlin geöffnet, ohne dass ein Schuss fiel. Unterdessen kämpfte Gorbatschow darum, die Sowjetunion zusammenzuhalten. Vergebens: Im August 1991 gab es einen Putschversuch, und wenige Tage später trat er zurück. Im Dezember setze der russische Parlamentspräsident Boris Jelzin gemeinsam mit der Ukraine und Weißrussland den Unionsvertrag außer Kraft – die Sowjetunion war aufgelöst.

Das Ende der Geschichte?

Mit dem Ende des Kalten Krieges sahen manche schon “das Ende der Geschichte” heranziehen (so ein Buchtitel des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama), die liberale Demokratie habe endgültig gesiegt. Inzwischen sieht dies kaum noch jemand so. Spätestens seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001, als Terroristen von Al-Qaida entführte Flugzeuge auf das Verteidigungsministerium und zivile Ziele in den USA richteten, steigen die Militärausgaben weltweit wieder (zwischen 2001 und 2006 um real 30 Prozent). Dabei geht es oft nicht um Terrorbekämpfung

Der Afghanistankrieg, Teil 2

Als Strafaktion gegen al-Qaida und die Taliban in Afghanistan, die den Drahtzieher Osama bin Laden beherbergen sollten, begann die Nato-Invasion Afghanistans nach dem Terroranschlag in New York. Der im “Petersberger Abkommen” Ende 2001 vereinbarte Stufenplan zur Demokratisierung des Landes ist jedoch aufgrund der durch Rivalitäten zwischen Völkern und Stämmen nach zwischenzeitlicher Besserung wieder schlechteren Sicherheitslage bisher nicht umsetzbar; nach Ansicht von Landeskennern hält der Westen auch deshalb an Präsidenten Hamid Karzai und seiner Vetternwirtschaft fest, weil er Afghanistan in Wirklichkeit vor allem für Militärbasen (Nachbarland Iran ...) und für Pipeline-Routen vom Kaspischen Meer (und nicht aus dem Iran ...) nach Pakistan und Indien braucht; Afghanistan besitzt zudem reiche Rohstoff- und Wasservorkommen, an denen auch China und Russland interessiert sind. Al-Qaida-Hauptquartier ist jedenfalls längs Pakistan, und das Land ist bevorzugter Nato-Partner.

(siehe Kasten oben), sowohl in Russland wie in den USA sind einerseits als Folge des Kalten Krieges jede Menge Unternehmen und Institutionen entstanden, die von der Rüstung leben und die jetzt auf den Erhalt vermeintlicher Überlegenheit drängen; andererseits entstanden etwa mit dem Streben Nordkoreas oder des Irans nach der Atombombe ganz neue Herausforderungen. Und sowohl Russland als auch China ließen eine kapitalistische Marktöffnung zu, deren langfristige Folgen sich erst noch zeigen werden. Eine heute überall spürbare Auswirkung hat der Kalte Krieg auf die ganze Welt gehabt: Den Siegeszug des Internets (mehr).

Das Internet spiegelt eine zunehmende Vernetzung der Welt durch Datenströme wieder; gleichzeitig wurde die “bipolare” Weltordnung des Kalten Krieges – hier die USA und ihre Verbündeten, dort die UdSSR und der Sowjetblock – durch eine “multipolare” Weltordnung abgelöst, in der Staaten wie China oder Wirtschaftsräume wie der asiatische Pazifikraum, aber auch internationale Organisationen und Vereinbarungen eine zunehmende Rolle spielen. In der Wirtschaft half das Internet (und niedrige Transportkosten), wahrhaft “transnationale” Unternehmen entstehen zu lassen – auch deutsche Unternehmen lassen ihre Buchhaltung längst in Indien erledigen. Obwohl der Anteil des internationalen Handels auch in anderen geschichtlichen Phasen schon sehr hoch war, ist durch diese Verknüpfungen die Globalisierung wieder zum Thema geworden. Manche Staaten, etwa die asiatischen Tigerstaaten (mehr) profitierten besonders von der durch das Internet ermöglichten weltweiten, gleichzeitigen Verfügbarkeit von Informationen; andere, etwa Afrika südlich der Sahara, werden im Vergleich immer ärmer. Arme Länder werden in der globalisierten Welt oft nur als Rohstofflieferant angesehen, wodurch sich etwa die Umweltverschmutzung durch Minen dort konzentriert (während die reichen Länder stolz darauf sind, wie “sauber” sie geworden sind).

Das Internet ermöglichte auch die Ausweitung der internationalen Finanzmärkte, die in manchen Ländern wie England bis zu 40 Prozent der Wirtschaftsleistung erbrachten , was sich in der gegenwärtigen Krise als enorme “Wirtschaftsblase” herausstellt – keine neue Entwicklung, ähnliche Blasen habe zahlreiche Innovationen, vom Eisenbahnbau bis zum Internet, begleitet. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise zeigt aber auch, wie schnell durch die globale Verknüpfung weltweite Krisen entstehen können; der Klimawandel (mehr) zeigt, dass dies längst auch bei der Umweltverschmutzung der Fall ist (siehe auch Kasten).

Husten durch Kaschmir

Kaschmirwolle ist eine der wertvollsten Naturfasern – trotzdem ist Kleidung aus Kaschmir (oder “Cashmere”) in den letzten Jahren immer preiswerter geworden. Ein großer Teil der Wolle stammt heute aus China, wo im Zuge von Maos “Besiedelung des Westen” im Alashan-Plateau an der Grenze zur Mongolei riesige Herden der Kaschmirziege angesiedelt wurden. Die einst nomadischen Hirten wurden zu Sesshaftigkeit gezwungen – und das Land derart überweidet, dass hier heute immer wieder Sandstürme entstehen, die nicht nur China betreffen, sondern auch Korea, Japan und sogar die USA erreichen.

Und der erleichterte Transport lässt sich nicht auf Waren beschränken; in Zeiten des Fernsehens und des Internets werden immer mehr Menschen die enormen Unterschiede im Lebensstandard deutlich; es gibt längst einen florierenden Menschenschmuggel und -handel (auch das Verbrechen ist globalisiert) von den armen in die reichen Länder, und es gibt globale Terrornetzwerke. Bereits 1987 stellt die von den Vereinten Nationen eingesetzte Brundtland-Kommission fest: Die wirtschaftliche Entwicklung der armen Länder kommt nicht voran, da immer mehr Menschen in Armut leben, gleichzeitig verschlechtert sich der Zustand der Umwelt. Das Internet hat hieran nichts geändert: Länder, die nicht über ausreichende Voraussetzungen – von zuverlässiger Stromversorgung über Breitbandverbindungen bis zu den notwendigen Kenntnissen – verfügten, wurden noch weiter abgehängt (die berühmte “digitale Kluft”). Die Brundtland-Kommission prägte als Antwort auf diese Probleme den Begriff von der nachhaltigen Entwicklung: "Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." Der Weg bis dahin ist noch weit, insofern scheint ein “Ende der Geschichte” nicht in Sicht.

Übersicht ”Das Zeitalter der Industrie”

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Übersicht “Strategien für die Zukunft”

© Jürgen Paeger 2006 – 2020

Eine der überra- schendsten Analysen des Krieges in Vietnam schrieb ein Insider – Robert McNamara, der damalige Verteidi- gungsminister. In seinem Buch "Vietnam – Das Trauma einer Nation" stellt er den Krieg rück- blickend als Werk unbedarfter, weit- gehend ahnungsloser Minister, Berater und Militärs dar.

Im Jahr 1946 bestand im Norden des Irak für kurze Zeit die von der Sowjetunion unterstützte Repub­lik von Mahabad, der erste Kurdenstaat in der Geschichte. Nach dem Abzug der Sow­jet­union eroberte der Schah die Ge­biete zurück. Die Entstehung des kurdischen Volkes ist umstritten, bis in die Neuzeit be­deu­tete der Begriff einfach “nomadische Bergstämme”. Seit dem Ende des Osmani­schen Reichs leben die Kurden in den Nationalstaaten Türkei, Iran, Irak und Syrien, die Republik von Mahabad wurde zum Symbol ihres Willens zur Unabhängigkeit.