Das Zeitalter der Industrie

Die Industrielle Revolution

Kohle und Kapitalismus prägen die Welt

Das Zusammentreffen von Erfindungen, die dem ungeliebten Brennstoff Kohle neue Einsatzmöglichkeiten verschaffte (Dampfmaschine und Verschwelung zu Kokskohle, mit der Eisen hergestellt werden konnte) mit neuen Formen wirtschaftlichen Denkens (“Kapitalismus”) prägten die Industrielle Revolution. Von England aus breitete sie sich nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus; sie sollte das Leben der Menschheit nicht nur in den Industriegesellschaften, sondern fast überall auf der Erde ändern.

Kruppsches Hüttenwerk Rheinhausen zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Kruppschen Hüttenwerke Rheinhausen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1880 übertraf die deutsche Industrieproduktion die englische (mehr). Abb. aus wikipedia, Bild Krupp Rheinhausen

Teil 1:
Kohle, Dampfmaschine und Stahl
Der Beginn der industriellen Revolution in England

Die “Industrielle Revolution”, die in kurzer Zeit die Lebensverhältnisse fast der gesamten Menschheit umstürzen sollte, begann eher gemächlich: Vor allem die Nachfrage der neu entstandenen Mittelschicht hatte die mit Baumwolle aus den Kolonien versorgte englische Textilindustrie zum wichtigsten Gewerbe des Landes gemacht. Die Mechanisierung begann mit John Kays 1733 patentierten fliegenden Weberschiffchen; damit und anderen technischen Innovationen wie der Streichmaschine wurden Baumwollstoffe glatter und billiger. 1738 baute Lewis Paul die erste funktionsfähige Spinnmaschine, die er und John Wyatt in ihrer 1741 eröffnete Baumwollspinnerei einsetzten. Das Unternehmen musste zwar vier Jahre später schließen, aber mit der 1764 von James Hargrave erfundenen "Spinning Jenny" setzte sich die Spinnmaschine durch. 1771 baute Richard Arkwright um eine von ihm verbesserte Spinnmaschine – die durch Wasserkraft angetriebene "Waterframe" – herum die erste Fabrik (eine Fabrik ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr mit Hilfe von Maschinen und unterschiedlichen Arbeitsvorgängen – also arbeitsteilig – produziert wird). An Arkwrights Spinnmaschine konnten auch ungelernte Arbeiter Garn spinnen. 1775 kam die noch Walzenkarde hinzu, mit der die rohen Baumwollfasern zum Spinnen vorbereitet wurden – damit konnte der gesamte Prozess vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt weitgehend mit Maschinen und arbeitsteilig erledigt werden. Die (arbeitsteilige) Produktion von Gütern in Fabriken (in der Regel mit einem hohen Grad an Mechanisierung) wird Industrie genannt. Da Nachfrage nach Baumwolltextilien war schon vorher groß gewesen, aufgrund der jetzt möglichen Massenproduktion betrug der Baumwollverbrauch im Jahr 1800 bereits das Zwölffache des Verbrauchs von 1770.

Die Rolle dieser ersten Industrie wäre aber, da sie an Wasserkraft gebunden war und auch diese durch alte Nutzungs- und Wasserrechte nur eingeschränkt nutzen konnte, vermutlich sehr beschränkt geblieben. Was sie prägen sollte, war die Dampfmaschine. Seit im England des 13. Jahrhunderts Brennholz knapp geworden war, hatten die Engländer in größerem Umfang angefangen, Kohle zu verheizen. Die Kohle stammte aus Flözen, die entlang des Flusses Tyne zutage traten. Im Jahr 1378 exportierte der Haupthafen Newcastle bereits 15.000 Tonnen Kohle. Der Verbrauch an Kohle stieg stetig; im Jahr 1700 wurden alleine in der Stadt London 1.700 Tonnen Kohle pro Tag verbrannt. Durch diese Mengen waren die englischen Bergwerke so tief geworden, dass sie mit Wasser vollliefen – Pumpwerke wurden gebraucht. Die ersten wurden von Pferden angetrieben, doch mit tierischer Arbeitskraft oder Windkraft angetriebene Pumpwerke reichten bald nicht mehr. Auch die Geschichte der Kohle wäre vermutlich zu dieser Zeit zu Ende gewesen, hätte nicht 1712 Thomas Newco­men zum Abpumpen des Grubenwassers eine Dampfmaschine entwickelt, die den im Jahrhundert zuvor entdeckten Luftdruck nutzte: Wasserdampf wurde in einem Zylinder durch kaltes Wasser zur Kondensation gebracht, der dadurch entstehende Unterdruck zog einen Kolben nach unten, und dieser zieht über eine Wippe eine Pumpe aufwärts. Mit Newcomens Maschine konnte erstmals Wärme (Kohle wurde verbrannt, um den Dampf zu erzeugen) in mechanische Arbeit umgewandelt werden. 1769 ließ sich der geniale schottische Erfinder James Watt zwei entscheidende Verbesserungen patentieren: Die Kondensation des Wasserdampfes in einem separaten Kondensator, so dass der Zylinder nicht mehr abkühlen und bei jedem Kolbenhub neu aufgeheizt werden musste; und die Isolierung des Zylinders. Damit verbesserte er den Wirkungsgrad um das Sechsfache – auf immer noch bescheidene drei Prozent. Nach Jahren der Entwicklung gründete Watt gemeinsam mit dem Fabrikanten Matthew Boulton die Firma Boulton & Watt zur Her­stellung von Dampfmaschinen, 1777 lief die erste Watt’sche Dampfmaschine in der Erzmine von Chacewater. Boulton & Watt wurde zum Riesenerfolg, denn die Firma stellte Maschinen her, die nicht nur die Kohleförderung billiger machten, sondern mit der auch Erze und andere Rohstoffe leichter und billiger abgebaut werden konnten. Auf Drängen von Boulton arbeitete Watt zudem daran, mit der Dampfmaschine Drehbewegungen zu erzeugen: Damit würde sie zur allseits einsetzbaren Industriemaschine, geeignet zum Antrieb von Mühlen, Spinnmaschinen, Walzwerken und anderen Maschinen. 1782 gelang es Watt, die “doppelt wirkende Dampfmaschine” herzustellen, die dies konnte. (Aus der Zahl der von einer Dampfmaschine eingesparten Pferde zum Abpumpen des Grubenwassers entstand übrigens das lange gebräuchliche Maß für Leistung – die Pferdestärke [PS].)

Watts Dampfmaschine kam in eine Zeit, die auf sie gewartet zu haben schien. In England, wo der Absolutismus sich nie hatte durchsetzen können und die Bauern bereits seit dem Mittelalter frei waren, hatten Kaufleute und Finanziers stärker als anderswo auch in das Gewerbe investiert. Schon seit dem Mittelalter waren Maschinen genutzt worden – etwa um Metall zu formen oder Getreide und Malz; viele von ihnen wurden bereits mit Hilfe von Wasser- oder Windkraft mechanisch angetrieben. Das Land war infolgedessen nicht nur in der Textil-, sondern auch in der Eisenproduktion führend: 1709 wurde hier zum ersten Mal Koks statt Holzkohle für die Eisenherstellung eingesetzt, 1740 Gussstahl hergestellt und 1783/84 wurde Stahl mit dem Puddelverfahren zum Massenprodukt.

Aber nicht nur die Technik, auch das Denken hatte sich geändert: viele englische Denker der Aufklärung sahen in freien Märkten eine Möglichkeit für die Menschen, ihre Interessen auf zivilisierte Art und Weise zu vertreten und die Welt friedlicher zu machen. 1776 ver­öffentliche der von der Aufklärung geprägte schottische Moralphilosoph Adam Smith sein Werk „Der Wohlstand der Nationen“, das ihn zum Begründer der klassischen National­ökonomie machen sollte. Smith ging es in seinem Werk – ein großer Schritt nach vorne – nicht in erster Linie um den Reichtum (und damit der – militärischen – Macht) des Staates, sondern um den (in Geld darstellbaren) Wohlstand der Menschen. Er analysierte darin die Mechanismen des Marktes sowie der Preisbildung und beschrieb die Vorzüge der Arbeits­teilung. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ würde nach Smith dafür sorgen, dass aus dem Eigennutz der Marktteilnehmer Gemeinwohl entstünde: „Wir erwarten uns das Abend­mahl nicht von der Wohltätigkeit des Fleischers, Bauers oder Bäckers, sondern von deren Bedacht auf ihre eigenen Interessen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.“ Der Kampf der Einzelnen um ihren Vorteil und ihren Platz in der gesell­schaftlichen Ordnung würde zu einer materiellen Höherentwicklung führen, da sie aus Eigennutz dort investieren würden, wo es der Gemeinschaft am meisten nützt, da das eingesetzte Kapital dort am meisten Gewinn brächte. Das Gleiche gilt auch für den Wett­bewerb zwischen den Staaten. Das Buch wurde zur “Bibel des Liberalismus” – die Menschen sollten so wenig wie möglich an ihrer wirtschaftlichen Entfaltung gehindert werden sollten und der Staat sich aus Planung und Steuerung der Produktion heraushalten sollte; statt­dessen würde alleine die Nachfrage nach den Produkten über die Preise darüber entschei­den, was produziert würde. (Der Staat sollte allerdings die äußere Sicherheit sowie das Privateigentum schützen, auf die Einhaltung der Gesetze achten, Monopole verhindern und Zinsen und Bankgeschäfte regulieren, insofern war Smith kein Anhänger eines schwachen Staates, wie mancher seiner Anhänger heute.) Smith beschrieb am Beispiel einer Steck­nadelmanufaktur, die er besucht hatte, auch die Vorteile der Arbeitsteilung, die “sinnvolle Teilung und Verknüpfung aller Arbeitsgänge”, sie “dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern”.

Smith konnte aber noch nicht die Rolle erkennen, die die Dampfmaschine spielen sollte. Arkwrights mit Wasserkraft betriebene Fabrik belegt, dass die Mechanisierung schon vor der verbreiteten Nutzung fossiler Brennstoffe begonnen hatte; aber mit der Nutzung der Kohle konnte die mechanische Produktion das ganze Land erobern. Damit änderten sich die Spielregeln in der Wirtschaft: In einer von Handarbeit abhängigen Manufaktur brauchte man die doppelte Anzahl von Arbeitern, um seine Produktion zu verdoppeln, hatte also doppelte Lohnkosten und dazu durch ein größeres Absatzgebiet höhere Transportkosten – eine zu große Manufaktur war daher weniger lohnend als eine kleine. Eine Fabrik lohnte sich aber erst ab einer bestimmten Größe, und eine doppelt so große Maschine war nicht doppelt so teuer: die Kosten je produzierter Einheit sanken, und daher konnten immer größere Fabriken immer billiger produzieren. In diesem “Skaleneffekt” (engl. economy of scales), der system­theoretisch eine positive Rückkoppelung ist, kann man einen Ursprung des Zwangs zum wirtschaftlichen Wachstum sehen, dem Unternehmen unterliegen: wer nicht immer größer wird, wird von Wettbewerbern überholt, die weiter wachsen. (An seine Grenzen stößt der Skaleneffekt jedoch durch den “abnehmenden Grenznutzen”, der durch zusätz­lichen Aufwand bedingt wird: Wenn die Transportkosten etwa die eingesparten Stückkosten ausgleichen, lohnt weiteres Wachstum sich nicht mehr.) Ein anderer Ursprung des Wachstumszwangs liegt in der neuen Rolle des Kapitals: Hatten die "Handwerker-Unternehmer" vor und während der frühen industriellen Revolution noch mit relativ wenigen Werkzeugen Waren produziert und für diese Geld erhalten, wurde viel Geld jetzt zur Voraussetzung für die Produktion von Waren: es musste zunächst investiert werden, um Maschinen zu kaufen, mit denen dann Waren produziert werden konnten, die verkauft werden konnten. Das nötige Geld für die Maschinen konnten einzelne Unternehmer nur noch selten aufbringen, es wurde von privaten Kapitalgebern in der Hoffnung auf Gewinne gegeben – die Direktoren und Geschäftsführer der Gesellschaften waren nicht mehr immer die Eigentümer; mit der Industriellen Revolution gewann der Kapitalismus als Industriekapitalismus eine neue Bedeutung.

Kapitalismus, Industrialisierung und Marxismus

Mit der Industriellen Revolution wurde die Lohnarbeit zum Massenphänomen: Menschliche Arbeit wurde zur Ware, Arbeitskraft gegen Lohn getauscht. Damit wurde auch die mensch­­liche Arbeit kapitalistischen Prinzipien unterworfen, war etwa den Schwankungen des Arbeitsmarkts ausgesetzt. Für viele, insbesondere marxistische, Theoretiker ist diese Abhängigkeit ein Kennzeichen des Kapitalismus, der daher für sie überhaupt erst mit dem Industriekapitalismus beginnt. Aber der Handelskapitalismus ist viel älter als die Industrialisierung (und führte trotzt weiter Verbreitung nicht zwangsläufig zur Indus­trialisierung); anderseits ist, wie später das Beispiel der Sowjetunion zeigen sollte, Industrialisierung auch ohne Kapitalismus möglich – beide Begriffe sollten daher getrennt werden.

Dennoch sind Industrialisierung und Kapitalismus eng verknüpft: Zum einen beförderten vorindustrielle Gewerbe die Industrialisierung, zum anderen sind die planwirtschaftlichen Alternativmodelle alle gescheitert. Die enge Bindung zwischen Kapitalismus und Industrialisierung ergab sich aus dem hohen Kapitalbedarf für die immer größer werdenden Fabriken; und das Feedback der Märkte erwies sich als besseres Mittel als zentrale Planungen, um die Investitionen an der richtigen Stelle einzusetzen. Die erste, bis heute unser Verständnis des Kapitalismus prägende Analyse des Industriekapitalismus stammt von Karl Marx – "Das Kapital", dessen erster Band 1867 erschien (Band 2 und 3 wurden posthum von Friedrich Engels herausgegeben). Marx beschrieb, wie im Kapitalismus nahezu alles – und auch die Arbeitskraft des Menschen – zur Ware wird; dass Unter­nehmer einen "Mehrwert" erzeugen, indem sie Waren herstellen, die mehr wert sind als die Arbeitskraft der an der Herstellung beteiligten Arbeiter, und dass sich auf diese Weise das eingesetzte Kapital vergrößert ("Kapitalakkumulation"). Die Aneignung des Mehrwerts durch die Unternehmer nannte der Ausbeutung. Diese lag für Marx nicht am Unternehmer, sondern an der Systemlogik: Wer als Fabrikant nicht ständig seine Produktivität erhöht – durch bessere Maschinen und stärkere Ausbeutung der Arbeiter – werde von anderen Unternehmern unterboten und vom Markt verdrängt. Der Arbeiter werde hierdurch zum "Anhängsel der Maschine", die Arbeit werde geistlos und fremdbestimmt ("entfremdet"), anstatt es dem Menschen zu ermöglichen, seine Fähigkeiten und Talente zu entfalten. (Mit diesem Veränderungsdruck sollte die Industrielle Revolution auch zu einem wirksamer Treiber für technologische Neuentwicklungen werden; weniger produktive Gewerbe – wie die vorindustrielle Weberei – wurden verdrängt. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter prägte hierfür den Begriff "schöpferische Zerstörung".)

In der Systemlogik sah Karl Marx auch das für ihn unvermeidliche Scheitern des Kapitalis­mus begründet: Durch die gnadenlose Konkurrenz werde die Profitrate schließlich fallen, Insolvenzen würden zur Monopolbildung führen, durch die Ausbeutung und Elend der Arbeiter wachsen würden, bis diese schließlich in einer "proletarischen Revolution" den Kapitalismus beenden. (Was auf ihn folgen würden, hatten Marx und Engels bereits 1848 im "Kommunistischen Manifest" verkündet: eine klassenlose Gesellschaft ohne Privat­eigentum und Profitstreben und damit ohne Ausbeutung und Entfremdung. Dennoch könne der Kommunismus genügend Produktivkräfte wecken, um das allgemeine Wohl zu mehren.) Manche spätere Ökonomen (wie Joseph Schumpeter) hielten Marx für einen Spitzen­ökonomen, der vieles richtig vorhersah (etwa die Tendenz des Kapitalismus, alles zur Ware zu machen); in anderen Punkten wurde er aber widerlegt (so wird der Preis einer Ware nicht von der darin enthaltenen Arbeit bestimmt, sondern vor allem durch die Nachfrage). Eine langanhaltende Wirkung sollte er aber politisch entfalten: Seine (mitunter auch veränderten) Ideen geronnen zur Weltanschauung, dem Marxismus, auf die sich im 20. Jahrhundert Revolutionäre in Russland, China, Vietnam und anderen Ländern beriefen (mehr).

Dennoch bestimmte mit der Industrialisierung der Kapitalismus immer größere Teile der Welt – zum einen, indem die Industrialisierung immer neue Länder erreichte, zum anderen durch die von etwa 1860 bis 1915 und wieder seit etwa 1960 (und noch einmal beschleunigt seit 1990) einsetzende Globalisierung. Mit dem Erfolg der Industriellen Revolution und der vor diesem ausgelösten Verstädterung und durch technische Innovationen wie die Eisenbahn, die schließlich im 20. Jahrhundert einen dynamisch ansteigenden Massenkonsum ermöglichten, gewann auch der Handelskapitalismus weiter an Gewicht; der Kapitalbedarf der Industrialisierung führte zudem zu einer schnellen Ausweitung des Finanzkapitalismus. Der Agrarkapitalismus breitete sich ebenfalls aus, zunächst jedoch vor allem durch die Ablösung der alten Feudalordnung. Schließlich schwappten aber technische Innovationen aus dem industriellen Gewerbe (industrielle Kunstdünger, Mechanisierung) in die Landwirtschaft über und ließen eine industrielle Landwirtschaft entstehen.

Die Dampfmaschine hatte Kohle in großen Mengen verfügbar und billig gemacht, und so die Metallherstellung von ihrer Abhängigkeit von Holzkohle befreit. Damit wurden Eisen und Stahl zum bevorzugten Material im Maschinenbau. Das Wirtschaftswachstum in England betrug Ende des 18. Jahrhunderts acht bis zehn Prozent pro Jahr – vergleichbar mit China heute. 1786 gab es in Manchester die erste dampfbetriebene Textilfabrik, um 1800 waren es bereits fünfzig. Die wachsende Produktion verschärfte jedoch ein Problem, dass schon die Kohlebergwerke hatten: wie konnte man die Kohle oder die Ware transportieren? Straßen waren schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verstärkt gebaut worden, aber von Pferde gezogen Fuhrwerke konnten keine große Mengen transportieren. 1761 wurde für den Kohletransport nach Manchester – nach dem Vorbild des französischen Canal du Midi, der schon seit 1681 zusammen mit der Garonne Mittelmeer und Atlantik verband – der Bridgewater Kanal für den Transport von Kohle nach Manchester gebaut, dessen Erfolg eine canalmania in England auslöste. In den nächsten 50 Jahren wurden weitere 6.500 Kilometer Kanal gebaut. Aber Kanäle waren extrem aufwändig und teuer. Kurze Wege hatte man daher mit Holzbalken für die Kohlewagen befahrbar gemacht. 1767 wurden zum ersten Mal gusseiserne Schienen verlegt; auf diesen “tramways” zogen Pferde die beladenen Wagen. 1784 baute Watts Freund und Partner William Murdoch die erste mobile Dampf­maschine und 1804 Richard Trevithick die erste Dampflokomotive als Zugmaschine für eine Bergwerks-Schienenbahn: Dies sollte die Geburtsstunde der Eisenbahn sein. Allerdings war der erste Zug für die gusseisernen Schienen zu schwer – sie zerbrachen. Erst 1812 konstruierte der Ingenieur John Blenkinsop eine Bahn, die schwere Lasten aushielt. Die erste, 1825 eingeweihte Dampfeisenbahn baute George Stephenson zwischen Stockton und Darlington, auf ihr wurden noch ausschließlich Güter transportiert. Die erste Fern­bahn­linie vom Baumwollhafen Liverpool in die Textilstadt Manchester ging 1830 in Betrieb, sie transportierte erstmals auch Personen – die Eröffnung machte damals weltweit Schlag­zeilen, weil ein bekannter britischer Politiker dabei unter die Räder der Bahn geriet und starb. Den Siegeszug der Eisenbahn konnte das aber nicht aufhalten: 1850 gab es bereits 10.655 Kilometer Eisenbahnschienen in England, 1900 dann bereits 35.198 Kilometer. 1884 war auch des Hin und Her der Kolben durch die wirkungsvollere Dreh­bewegung der Dampf­turbinen ersetzt worden. Die Eisenbahn hat den Transport von Waren und Menschen über Land schneller und billiger gemacht – und damit die Welt verändert. Bauern trieben ihre Tiere nicht mehr zum Markt in die nächstgelegene Stadt, sondern zum Bahnhof, wo Händler sie aufkauften und mit der Bahn in die großen Städte brachten. Das Geld, was die billigeren Reisen überließen, erhöhte die Kaufkraft der Konsumenten; und jetzt gelangten frische Milch und frisches Fleisch in die Städte. Auch die Bauweise veränderte sich: hatte man früher notgedrungen Baumaterialien aus der Umgebung verwendet, brachte die Eisenbahn billige Ziegel ins ganze Land. Damit verschwanden auch lokale Baustile, überall ähnliche "moderne" Entwürfe setzten sich durch. Die Mobilität der Menschen nahm ebenfalls zu, und in der Folge heirateten viele Menschen nicht mehr, wie Anfang des 19. Jahrhunderts noch üblich, in ihrem Dorf oder höchstens im Nachbardorf, sondern Menschen aus ganz anderen Regionen. Viele Menschen kamen mit den Veränderungen freilich auch nicht zurecht und litten unter dem Zusammenbrachen der traditionellen Dorfstrukturen, viele von ihnen landeten entweder in den "Irrenhäusern", die ab 1845 jede Grafschaft in England eröffnen sollte, oder als Bettler in den Städten. Aus Sicht der Produzenten vergrößerten der Zugang in entfernte Regionen und die billigeren Preise vor allem die Märkte – auf größeren Märkten rentieren sich große Maschinen aber noch leichter. Damit förderte die Eisenbahn das Fabrikwesen ungemein.

Textilindustrie, Eisen- und Stahlindustrie und die Eisenbahn waren die Pfeiler der Industrialisierung

Die Nutzung der Kohle vergrößerte scheinbar die Fläche und Bevölkerungszahl Englands: Im Jahr 1815 nutzte England 23 Millionen Tonne Kohle – um eine entsprechende Energiemenge aus Holz zu erzeugen, hätte das ganze Land mit Wald bestanden sein müssen. Jetzt konnte man das Land anders nutzen. Hinzu kam noch, dass das industrialisierte England auch weniger Flächen für die Landwirtschaft brauchte: Es konnte nämlich seine industriell herge­stellten Waren gegen Getreide aus Amerika und Russland und Zucker aus der Karibik ein­tauschen. Die aus der Kohle stammende Energie leistete zudem etwa die Arbeit von 50 Millionen kräftigen Männern – zu einer Zeit, als die gesamte Bevölkerung 13 Millionen Menschen betrug, England also vielleicht über drei Millionen kräftige Männer verfügte. Land und Menschen waren damals aber die wichtigsten Machtfaktoren, und so lassen die Zahlen ahnen, wie sehr Englands Bedeutung mit der Industriellen Revolution stieg.

Die Bedeutung fossiler Energien

Weit über 90 Prozent unserer Geschichte, die wir als Jäger und Sammler verbrachten, waren wir Menschen vor allem auf unsere eigene Muskelkraft angewiesen, deren Wirksamkeit nur durch Werkzeuge wie Pfeil und Bogen erhöht wurde; dazu kam seit der Erfindung des Feuers die Nutzung von Biomasse (meist in Form von Brennholz). Mit der Domestizierung großer Tiere wurde auch deren Muskelkraft dem Menschen nutzbar gemacht, und mit Wasser- und Windmühlen sowie Segeln wurde schon in der Vorgeschichte die (bescheidene) Nutzung erneuerbarer Energiequellen begonnen (mehr).

Mit der Ausbeutung fossiler Energiebestände, die während geologischer Zeiträume ent­standen waren, vervielfachte sich das verfügbare Energieangebot in kürzester Zeit: in England konnten schon bald nach Beginn der Industrialisierung kohlebefeuerte Dampf­maschinen die Arbeit von 50 Millionen “Energiesklaven” leisten. Dabei wurde aber nicht nur die Menge der geleisteten Arbeit vervielfacht, sondern noch wichtiger: es wurden Arbeiten möglich, die selbst Millionen Arbeitskräfte nicht hätten leisten können; etwa das Schmelzen von Eisen. Die Nutzung fossiler Energie befreite die Menschen von seit Jahrtausenden bestehenden Grenzen; sie schien es ihnen zu ermöglichen, ihre tierische Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Sie bilden auch heute noch die Basis moderner Industriegesellschaften (mehr). Die Nutzung fossiler Energien verstärkte alle Faktoren, die dem Menschen schon im Zeitalter der Landwirtschaft erlaubt hatte, sich einen immer größeren Anteil an den Energie- und Stoffflüssen der Erde zu sichern (hier): Sie waren eine zusätzliche Energiequelle, mit der neue Werkzeuge (Dampfmaschine...) angetrieben werden konnten, die den Handel beförderte (Eisenbahn, Dampfschiff) und die eine neue Dimension der Ausbeutung von Rohstoffen (Kohlebergbau) bedeutete. Sie sollte dazu beitragen, diesen Anteil auf 40 Prozent zu steigern und vervielfachte die Folgen menschlicher Aktivitäten für die Umwelt (hier). Dies ist ein ungelöstes Problem, wenn wir etwa an den Klimawandel denken.

Das andere Problem besteht darin, dass die fossilen Brennstoffe im Zeitrahmen mensch­lichen Handelns nicht erneuerbar sind. Beim Öl ist der Höhepunkt der Förderung schon erreicht oder nahe bevorstehend (hier). Das Zeitalter der fossilen Energien wird daher historisch eine Episode bleiben, die zu Ende geht, lange bevor die fossilen Brennstoffe ausgehen, weil die Förderung der verbliebenen Bestände immer schwieriger und teurer wird. Die Frage, wie Industriegesellschaften ohne fossile Energien aussehen können; ist offen. Den aktuellen Stand der Überlegungen finden Sie hier.

Westeuropa zieht nach

Um 1800 war Englands Vorsprung für seine europäischen Nachbarn unübersehbar gewor­den; zumal die billigeren englischen Industriewaren auch den Handwerkern in anderen Ländern Konkurrenz machte. Immer dringlicher schien es daher, die notwendigen Kenntnisse auch zu erwerben und anzuwenden. Die Voraussetzung für die Aufholjagd wurde im Gefolge der Französischen Revolution geschaffen: In großen Teilen Europas brach die alte politische Ordnung zusammen; die Befreiung der Bauern und die Abschaffung der Zünfte schafften Gewerbefreiheit – jeder konnte nahezu jedes Gewerbe ausüben. Wo es Kohle und Eisenerz gab, entstehen danach mit der Einführung riesiger, dampfgetriebener Maschinen Fabriken – und erste Industriegebiete: in Belgien, im Nordosten Frankreichs, im Rheinland und im Ruhrgebiet. Die Region von England bis zum Ruhrgebiet wurde daher auch schon der “Kohle-Halbmond” genannt, um seine Bedeutung für die Industrielle Revolution analog zum “fruchtbaren Halbmond” für die Entstehung der Landwirtschaft zu betonen. Um den Vorsprung Englands aufzuholen und um sich die inzwischen zwei Generationen lang weiter­entwickelten Maschinen leisten zu können, um passende Gebäude und – vor allem – ein Eisenbahnnetz aufbauen zu können, brauchten die Nachzügler vor allem eins: Geld. Es ent­standen überall in Europa neue Banken und Kapitalgesellschaften – wer Geld hatte, konnte sich mittels Aktien und anderen Titeln an den neuen Unternehmungen beteiligen. So wurde in Frankreich die von Jakob Rothschild geleitete Filiale der von dem nach England ausge­wanderten Nathan Mayer Rothschild gegründeten Bank N.M. Rothschild and Sons zum Finanzier des Eisenbahnbaus; ihr zur Seite stand die von den Brüdern Jacob Émile und Isaac Péreire gegründete Bank Société Générale du Crédit Mobilier (sie bot zur Finanzie­rung Schuldverschreibungen an und beteiligte sich mit den so eingesammelten Mitteln beteiligte an zahlreichen Unternehmen. Bereits im ersten Jahr, 1853, zahlte sie eine Dividende von 40 Prozent). Der Crédit Mobilier finanzierte große Teile des Eisenbahnbaus in Österreich-Ungarn, Russland und Spanien, auch englische, deutsche und später auch amerikanische Banken investierten in den Eisenbahnbau und die Industrialisierung – ab Mitte des 19. Jahrhunderts war die Industrialisierung Westeuropas in vollem Gang.

Deutschland war dabei zunächst ein Nachzügler gewesen. In Preußen wurden die Bauern erst nach längerem Zögern im Jahr 1807 aus der Leibeigenschaft entlassen, 1810 wurden die Stände aufgelöst und die Gewerbefreiheit eingeführt; 1834 schlossen sich die Regierun­gen der deutschen Staaten zum Zollverein zusammen und ermöglichten damit einen gemein­samen, großen Markt. 1835 fuhr auch in Deutschland die erste Dampfeisenbahn – die „Adler“ – auf der Strecke von Nürnberg nach Führt. 1850 gab es in Deutschland bereits 11.089 Kilometer Eisenbahnlinie, 1900 waren es dann 51.678 Kilometer. Der Eisenbahnbau schuf wie in England Transportwege, verband die Märkte und förderte die Eisenindustrie und den Maschinenbau. Im Ruhrgebiet fanden sich große Mengen der für die Koksherstel­lung geeigneten Fettkohle, wodurch die zuvor ländliche Region zu einem der wichtigsten Industriereviere wurde. Als "Gründervater" des Ruhrgebiets gilt der Unternehmer Friedrich Harkort, der 1819 in Wetter an der Ruhr die "Mechanischen Werkstätten Harkort & Co." gründete, die zunächst Dampf­maschinen herstellten. Diese fanden im beginnenden Kohle­bergbau einen großen Markt; 1826 führte Harkort das Puddelverfahren in Deutschland ein. Seine Unternehmen gossen u.a. Eisenbahnschienen für den Bergbau, und Harkort setzte sich früh für den Bau von Fernbahnen in Deutschland ein. Mit Kohle und dem Eisenbahnbau gewann die industrielle Revolution auch in Deutschland an Schwung; die Produktion von Eisen und Stahl stieg in manchen Jahren um 30 bis 50 Prozent. Unternehmer wie August Borsig, der 1836 das erste deutsche Werk für Lokomotivenbau gegründet hatte (der Borsig­platz in Dortmund ist nach seinem Sohn Alfred benannt, der 1872 in Dortmund die "Maschinenfabrik Deutschland" mitbegründete), und Alfred Krupp, der aus der 1812 von seinem Vater Friedrich gegründe­ten Gussstahlfabrik das größte Industrieunternehmen Europas machte, kamen zu großem Reichtum (Friedrich Harkort dagegen nicht – was auch daran lag, dass er jedem, auch seinen Konkurrenten, seine Fabriken und Produktions­verfahren zeigte, um die Industriali­sierung des Landes voranzubringen). Die deutsche Industrie profitierte auch davon, dass sich der Freihandel (im Umsetzung von Smith's Idee des freien Wettbewerbs zwischen den Staaten) ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend durchsetzte: Vor allem die englischen Baumwollproduzenten suchten neue Märkte; wollte man aber in diese exportieren, durfte man deren Ausfuhren nicht behindern. So fielen Schutzzölle und andere Handels­beschrän­kungen wie Schifffahrtsgesetze, die nur der britischen Marine den Transport in englische Häfen erlaubt hatten. Vergleichsweise niedrige Löhne bei hohem technischen Standard führten um 1880 herum dazu, dass die deutsche Industrieproduktion erstmals die englische übertraf. Dabei kam es zu einer "Westwanderung" – Menschen aus dem landwirtschaftlich geprägten Osten wanderten in die Industriegebiete des Westens (ähnlich kam es in Groß­britannien zu einer Süd- und in Frankreich zu einer Nordwanderung).

Technik unter Kontrolle

Immer wieder explodierten in den ersten Jahrzehnten der Industriellen Revolution die Dampfkessel: Mit Drücken von bis zu 10 Atmosphären wussten viele Ingenieure nicht umzugehen, die Anlagen wurden oft von ungelernten Tagelöhnern bedient. Nach der Explosion eines Dampfkessels in der Mannheimer Brauerei Mayerhof im Januar 1865, bei der der Kesselbursche ums Leben kam und Teile der Wände des Brauhauses einstürzten, wurde auf Druck des badischen Handelsministerium eine “Gesellschaft zur Überwachung und Versicherung von Dampfkesseln” gegründet, deren Techniker zweimal im Jahr die Dampfkessel der Mitglieder kontrollierten. Zuerst war die Mitgliedschaft freiwillig, aber bald wurde die jährliche Inspektion zur gesetzlichen Pflicht, und auch die anderen Bundes­staaten gründeten Überwachungsvereine. Bald stellten diese auch Normen zum Bau von Dampfkesseln und anderen technischen Anlagen auf; 1936 änderten sie ihren Namen in “Technische Überwachungsvereine” (TÜV). Heute haben sie ihr Monopol für die Prüfung technischer Anlagen verloren, aber deren Prüfung (heute durch "zugelassene Über­wachungsstellen") ist immer noch ein wesentlicher Bestandteil des technischen Arbeitsschutzes.

Auf dem Weg zur Weltmacht: Die USA

Noch schneller als Europa kam aber Nordamerika voran. Im Norden der späteren Vereinig­ten Staaten blieb der Landbesitz vor der Mechanisierung klein und mehr oder weniger gleich­mäßig verteilt, Familienbetriebe herrschten vor. Das Ideal der USA, ein Land freier Menschen zu sein, schloss die Gewerbefreiheit ein; zugleich brachte mancher Einwanderer handwerkliche Kenntnisse mit – ein Nährboden für Unternehmertum. Nach englischem Vorbild entstanden bald nach der Besiedelung erste Manufakturen – und zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien im Jahr 1776 gab es dort bereits etwa 200 Eisenhütten. Die Amerikaner übernahmen nicht nur schnell englische Maschinen, sondern verbesserten diese und exportierten sie bald sogar nach England. Dabei spielte die Kohle in Amerika zunächst eine wesentlich geringere Rolle bei der Industrialisierung als in Europa – bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden vor allem Holz aus den riesigen Wäldern und Wasserkraft genutzt, auch Lokomotiven und Flussschiffe fuhren mit Holz. Erst ab 1880 sollte in großem Maßstab Kohle genutzt werden, die in Pennsylvania, West Virginia, Kentucky und Tennessee reichlich vorhanden war. In Pennsylvania wurde sie zur Grundlage für den Aufbau einer Schwerindustrie. Der Arbeitskräftebedarf wurde von Millionen von Einwanderern gedeckt, die in großer Zahl ins Land kamen. Dazu trug auch das Dampfschiff bei, das ab 1840 regelmäßig die alte und die neue Welt verband und die Passagen schneller, weniger vom Wind abhängig und billiger machte. Das erste hochseetaugliche  Dampfschiff, die von dem britischen Ingenieur Isambard Kingdom Brunel gebaute SS Great Western, brauchte für die Atlantiküberquerung noch 14,5 Tage, 1855 schafften neue Schiffe sie schon in 9,5 Tagen (und 1900 in 5,5 Tagen). Die Einwanderer konnten sich aber oft unter­einander kaum verständigen, und sollten damit zum eigentlichen amerikanischen Beitrag zur industriellen Revolution beitragen: Mit einfachen Arbeitsvorgängen wurde die industrielle Fertigung stark vereinfacht, das Können von Fachkräften war kaum noch gefragt. Die amerikanischen Ingenieure sollten die Herstellung standardisierter Bauteile (das “amerika­nische Fabrikwarensystem”) bei der Produktion von Gewehren für den Bürgerkrieg lernen – und dies sollte dazu beitragen, dass um 1890 herum die amerikanische Industrie­produktion die Deutschlands und Englands übertraf.

Ein wesentlicher Schritt hierzu war die endgültige Erschließung des amerikanischen Westens nach dem Bürgerkrieg, deren Symbol die Fertigstellung der ersten transnationale Eisenbahnlinie im Jahr 1869 durch die beiden Bahngesellschaften Union Pacific Company und Central Pacific Company war. Sie wurde auch zum Symbol für ein neues Zeitalter: Wie schon in Europa förderte der Eisenbahnbau – im Jahr 1900 gab es in den USA 354.000 Kilometer Gleise, mehr als in Gr0ßbritannien, Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn und Russland zusammen – die Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie sowie den Maschinenbau, und etwas später auch die Kohleförderung an der Ostküste. Sie schuf zudem Zugang zu den Bodenschätzen und dem Holz des Westens; im Mittleren Westen und den Great Plains wurde Viehzucht betrieben, um die wachsenden Städte mit Fleisch zu versorgen. In dieser auch "gilded age" (vergoldetes Zeitalter) genannten Blüte­zeit des Kapitals entstanden Reichtümer, die bis heute sprichwörtlich sind: Cornelius Vanderbilt machte sein erstes Geld mit 16 Jahren mit einem Segelboot, mit dem er einen Fährdienst von New York nach Staaten Island betrieb, und baute eine Flotte auf. 1818 verkaufte er seine Flotte und verdingte sich als Dampfschiffkapitän; 1829 gründete er eine eigene Dampfschiffgesellschaft, die in den 1850er Jahren eine Flotte von 100 Schiffen umfasste. 1847 investierte er in die New York, Providence and Boston Railroad, seiner ersten Eisenbahn; und nach dem Bürgerkrieg investierte er massiv in dieses neue Transport­mittel. 1873 eröffnete er etwa die Eisenbahnlinie New York – Chicago. Mit diesen Investitionen wurde er zum damals reichsten Amerikaner. Die Eisenbahn sollte auch andere reich machen: Der Leiter der Western Division der Pennsylvania Railroad, Andrew Carnegie, verließ diese 1865 und investierte in zahlreiche Unternehmen – vor allem Eisenhütten und -werke. Auf Besuchen in England kam er zu dem Schluss, dass Gusseisen zunehmend von Stahl verdrängt werden würde und stellte ab 1870 selber Stahl nach dem Bessemer-Verfahren her. Als er sein Unternehmen 1901 an den Bankier John Piermont Morgan verkaufte, war er nach Vanderbilt der zweitreichste Amerikaner. John Piermont Morgan hatte sein Geld, zunächst für das in London ansässige väterliche Bankhaus, ab 1871 mit dem mit einem Partner gegründeten Bankhaus Drexel, Morgan & Co. (das 1895 zu J.P. Morgan & Co. umfirmierte), mit der Finanzierung der Eisenbahngesellschaften gemacht. Mit dem Kauf von Carnegies Stahlwerken, die er mit seinen eigenen zur United States Steel Company verschmolz, schuf er die damals größte Aktiengesellschaft der Welt. Übertroffen wurde der Reichtum dieser drei Männer aber noch von dem John D. Rockefellers, der sein Geld mit Erdöl machte (Eine kleine Geschichte des Erdöls) und zum ersten Milliardär der Erde wurde. Auch der Aufstieg dieser Männer aus teils einfachen Verhältnissen – Carnegie begann als Telegraph, Rockefeller als Buchhalter – trug zum amerikanischen Mythos, dass man es hier durch Arbeit und Geschäftssinn vom Tellerwäscher zum Millionär bringen könne, bei. Dieser Glaube ließ den Zustrom an Arbeitskräften nicht abreißen.

Die USA wurden auch zum Vorreiter der Industrialisierung der Landwirtschaft, um die wachsenden Industriestädte mit billiger Nahrung zu versorgen. In den großen Schlachthöfen von Chicago wurde das Fließbandsystem zur Zerteilung der Rinder eingeführt. Ende des 19. Jahrhundert begann der Ingenieur Frederick W. Taylor (“Taylorismus”), industrielle Arbeitsvorgänge in einzelne Schritte zu zerlegen und deren Dauer mit der Stoppuhr zu messen – ein weiterer Ausgangspunkt für Rationalisierung und spätere industrielle Fließ­band­produktion. Die amerikanische Produktivität setzte damit die Maßstäbe für die Welt. Die Massenproduktion machte in dem seit der Jahrtausendwende zudem bevölkerungsreichsten Land der westlichen Hemisphäre einen Massenkonsum möglich, und so sollten Telefon und Auto in Nordamerika bereits selbstverständlich sein, als sie in Europa noch als Luxus für Reiche galten.

Die sozialen Folgen der Industrialisierung

Die massenhafte Lohnarbeit in der Industrie führte nicht nur dazu, dass Arbeiter und Angestellte eine von Marktprinzipien geprägte Tauschbeziehung eingingen, sondern es entstand auch ein ungleiches Herrschaftsverhältnis mit vielfältigen sozialen Folgen. Bauern, die aus der Leibeigenschaft befreit worden waren, waren mit den Worten von Karl Marx “doppelt frei”: Frei von der Abhängigkeit, aber auch frei vom Schutz des Grundherrn und jedem Eigentum. Sie wanderten vom Land in die entstehenden (Industrie-)Städte. Auch viele Handwerker verloren aufgrund der viel billigeren Preise für Industrieprodukte ihre Arbeit. Das Überangebot machte Arbeitskraft billig. Die Lebensbedingungen für die Arbeiter waren in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung noch schlechter als zuvor: Industriearbeit war Knochenarbeit und oftmals trostlos (auch diese Folge der Arbeits­teilung hatte lange vor Karl Marx schon Adam Smith gesehen: “Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche Ergebnis ... haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben. ... So ist es ganz natürlich, dass er so stumpfsinnig und einfältig wird, wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann”); die Städte waren dem Ansturm nicht gewachsen. Zu beengten Wohnverhältnissen kam noch der Rauch der Industrie: In Manchester starben 1840 sechs von zehn Kindern, bevor sie fünf Jahre alt werden konnten – doppelt so viele wie auf dem Land. Die Löhne reichten gerade zum Überleben, bei Arbeitslosigkeit – die in Zeiten von Wirtschaftskrisen drei Viertel der Arbeiter betreffen konnte – hatten die Armen oft nicht genug Geld für ausreichendes Essen. Da trotzdem immer mehr Menschen aus den landwirtschaftlich geprägten Gebieten (in denen noch mehr Menschen hungerten) in die Industrieregionen zogen, konnten die Löhne auf dem Minimum verbleiben; Frauen und Kinder waren zur Mitarbeit gezwungen – was die Löhne weiter sinken ließ. Kein Wunder, dass die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz im Zeichen der sozialen Frage stand.

Aber es gab auch Gewinner – die Unternehmer: Am Anfang waren es oft Handwerker, die die neuen Techniken beherrschten; mit zunehmender Größe der Betriebe musste er handwerkliches Können, kaufmännische und organisatorische Talente in sich vereinigen – vor allem musste er wissen, wie er die Arbeiterschaft disziplinieren konnte. (Die Regel­mäßigkeit der Fabrikarbeit war ja etwas Neues – vorher hatten Aufgang und Untergang der Sonne den Tagesrhythmus bestimmt, jetzt die Uhr; und zur Durchsetzung der neuen Anforderungen wurden harte Strafen für kleinste Vergehen in "Fabrikordnungen" fest­gelegt.) Viele der Gründer kamen selber aus bescheidenen Verhältnissen, etwa Friedrich Krupp und Werner von Siemens. Ein Aufstieg wie ihrer wäre vor den Umbrüchen der industriellen Revolution unmöglich gewesen. In der Phase des explosiven Wachstums wurden aus kleinen Unternehmen oft riesige Konzerne: Krupp wuchs von 76 Arbeitern im Jahr 1847 auf 20.000 im Jahr 1887. Das musste auch zu einer Systematisierung von Unternehmensstrukturen führen: Unternehmen wurden geplant und erhielten eine hierarchische Struktur.

Eine neue Idee von Reichtum

Parallel dazu wurden die geistigen Grundlagen der neuen Zeit geschaffen: Der „Luther der Nationalökonomie“ (Karl Marx über Adam Smith) hatte den Reichtum neu definiert – war es zuvor um die militärische Macht des Staates gegangen, rückte für Smith der in Geld darstellbare Wohlstand der Menschen in den Mittelpunkt. In einen friedlichen Wettstreit der Individuen würde für den liberalen Vordenker das materielle Niveau der Gesellschaft ständig steigern; der Preismechanismus würde alle Ungleichgewichte schnell ausgleichen, vorausgesetzt, der Markt war wirklich frei. Das war dann (siehe oben) nicht so einfach, aber Geld sollte tatsächlich zum neuen Gott der Industriegesellschaft werden, dem alles andere untergeordnet wurde.

Unterdessen hatten auch die Wirtschaftswissenschaftler erkannt, dass die klassischen Theorien von Smith und Ricardo etwa nicht alle Fragen beantworten konnten: Der Markt regelte Angebot und Nachfrage nicht immer perfekt, Kursstürze an den Börsen wie die von 1836/37, 1847 und 1857 (mehr) und die Armut der Arbeiter verlangten nach Antworten. Der englische Ökonom John Stuart Mill, der 1848 die klassische Ökonomie in seinem Buch "Grundsätze der politischen Ökonomie” zusammengefasst hatte, forderte, zur “gerechten Verteilung der Früchte der Arbeit” müsse der Staat dort eingreifen, wo Märkte nicht funktionieren – etwa beim Eisenbahnbau, wo es Monopole zu verhindern gälte; außerdem sollten die unteren Klassen durch Bildung zu eigenverantwortlichem Handeln ermächtigt werden. Die Neoklassiker wie der Franzose Léon Walras und der Brite Alfred Marshall entdeckten, das Preise nichts mit einem objektiven Wert zu tun hatten (etwa dem Material­wert und der zur Herstellung nötigen Arbeitszeit), sondern dass der Nutzen für den Kunden darüber entscheidet, wie viel dieser für ein Produkt auszugeben bereit ist. Die produzierte Menge hängt dagegen vom Verhältnis der Kosten zum Preis ab, und aus beiden Erkenntnissen leiten sich die bekannten Darstellungen von sich schneidenden Angebots- und Nachfragekurven ab. Mit der Neoklassik wurde die Mathematik in die Wirtschafts­wissenschaft eingeführt; das Los der Arbeiter verbesserte sich aber vor allem dank politischer Reformen aus Angst vor der erstarkenden Sozialdemokratie – und der Erkenntnis der Unternehmer, dass sie ihre Arbeiter auch für den Konsum brauchen. Irgendjemand musste die in großen Mengen hergestellten Waren ja kaufen; mit diesem Gespür waren die Unternehmer den Wirtschaftswissenschaftlern voraus, die die Nachfrage erst später als fundamentalen Faktor begreifen sollten (mehr dazu).

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Chemie, Elektrizität und Auto – Die zweite industrielle Revolution

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Übersicht Das Zeitalter der Industrie

© Jürgen Paeger 2006 – 2020

Leistung (1): Mittelschwer arbeitender Mensch: 100 Watt (201).

Leistung (2): James Watts größte Dampfmaschine (um 1800): 100.000 Watt (201).

Watt? Mehr zu den Einheiten der Energie siehe hier

Koks entsteht, wenn Kohle wie bei der Herstellung von Holzkohle einem Verschwelungsprozess unterzogen wird. Sie kann wie Holzkohle als Reduktionsmittel bei der Stahlherstellung eingesetzt werden.

Stahl wurde schon vor der Zeitenwende hergestellt, indem die Verunreinigungen des Eisens mit Holzkohle herausgebrannt wurden. Das Verfahren war jedoch aufwändig. Das Puddelverfahren beschleunigte den Vorgang, in dem das Roheisen gerührt (engl. puddled) wurde; außerdem konnte hierfür billige Steinkohle anstelle der teuren Holzkohle verwendet werden. 1855 verbesserte Henry Bessemer das Verfahren mit der Bessemerbirne, in der Luft durch das flüssige Roheisen geblasen wurde – so wurden unerwünschte Bestandteile komplett verbrannt. Heute wird Stahl industriell meist im LD-Verfahren mit reinem Sauerstoff oder im Elektrostahlverfahren hergestellt, bei dem der Sauerstoff zur Oxidation aus zugegebenem Schrott stammt.

Der Begriff Kapitalismus wurde erst im 19. Jahrhundert gebräuchlich: in der Tradition von Karl Marx und seiner Analyse der "kapitalistischen Produktionsweise" wurde er zumeist als Kampfbegriff zur Kritik an Ausbeutung und Entfremdung benutzt.

Spätestens mit den Werken von Werner Sombart (Der moderne Kapitalismus, 1902) und Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904) ging der Begriff aber auch in die Soziologie und Wirtschaftshistorie ein – und es wurde erkannt, dass der Kapitalismus nicht erst mit der Fabrikindustrie, sondern bereits weit früher entstanden war.

Dass der Handel zwischen Ländern für alle Beteiligten vorteil­haft sein, begründete der englische Ökonom David Ricardo mit der Theorie der “kompara­tiven Kostenvorteile”: Wenn England etwa Industrieware besser als andere herstellen kann, tut es gut daran, sich hierauf zu konzen­trieren und alle anderen Waren – wie Lebens­mittel – dort einzukau­fen, wo diese am güns­tigsten hergestellt wer­den.

Diese Theorie führte unter anderem dazu, dass die Kolonialmächte ihre Kolonien zwangen, Exportprodukte anzu­bauen (hier).

Siehe auch: Industrielle Revo­lution und Energie­verbrauch

Siehe auch: Eine kleine Geschichte des Geldes.