Das Zeitalter der Landwirtschaft

Die Entstehung der Landwirtschaft

Vor 13.000 Jahren, als die Eiszeit zu Ende ging, führte der Anbau wilder Pflanzen zur Entstehung der Landwirtschaft. Die Gründe hierfür sind immer noch ein Rätsel: Jäger und Sammler waren oft besser ernährt als Bauern und mussten weniger Zeit in die Nahrungsbeschaffung investieren. Einmal entstanden, kann die  Landwirtschaft aber weit mehr Menschen ernähren. Wohl deshalb setzte sie sich im Laufe der Zeit in weiten Teilen der Erde durch und wurde zur Lebensgrundlage der Menschheit.

Zeichnung, die gezüchteten Mais im Vergleich zur Wildform zeigt

Im Laufe der Jahrtausende entstanden durch die Förderung von Merkmalen, die dem Menschen nützlich waren, aus Wildpflanzen die heutigen Kulturpflanzen. Hier sind die Veränderungen am Beispiel der Teosinte und dem daraus entstandenen Mais dargestellt. Mais wurde zuerst im Hochland von Mexiko angebaut (>> mehr). Abbildung von Nicolle Rager Fuller, zur Verfügung gestellt von der National Science Foundation (USA).

Den größten Teil unserer Geschichte lebten wir moderne Menschen (Homo sapiens) als >> Wildbeuter; also als Fischer, Jäger und Sammler von Tieren und Pflanzen, die ohne menschliches Zutun wuchsen. Wenn die 200.000 Jahre des Homo sapiens eine Stunde wären, lebten wir über 56 Minuten lang so; und breiteten uns in dieser Zeit von Ostafrika über Europa und Asien bis Australien und Nordamerika aus. Wildbeuter müssen hervorragende Kenner des Verhaltens von Tieren und der nutzbaren Eigenschaften von Pflanzen sein; um zu überleben - es dürfte ihnen kaum entgangen sein, wie Pflanzen sich vermehrten. In den Regionen, in denen unserer Vorfahren in klimatisch günstigen Zeiten aufgrund reichlicher Nahrung >> sesshaft geworden sind, dürften sie wichtige Pflanzen gelegentlich auch ausgesät und in trockenen Zeiten gegossen haben. Der Anbau wilder Pflanzen, die Kultivierung, gilt Archäologen als Vorstufe des Garten- und Ackerbaus und der Landwirtschaft.

Vor über 13.000 Jahren begannen wir aber, unsere Lebensweise zu ändern - zuerst allmählich und nur in einzelnen Regionen begannen wir, "echten" Ackerbau zu treiben - das heißt, wilde Pflanzen nicht nur anzubauen, sondern diese auch zu domestizieren (ebenso wie die erste Tiere). Diese Entwicklung sollte den Alltag der meisten Menschen tief greifend verändern - nicht nur lebt die heutige Menschheit zum allergrößten Teil von Pflanzen, die unsere Vorfahren im Laufe dieser Zeit domestizierten - Weizen, Reis, Mais, Kartoffeln, Hirse und Gerste -, sondern auch die Entstehung von Städten und Staaten wäre ohne die Landwirtschaft undenkbar. Deshalb wird ihre Entstehung auch >> "landwirtschaftliche Revolution" genannt. Aber was die Menschen zu dieser Veränderung getrieben hat, ist immer noch ein Rätsel: Jäger- und Sammler hatten nämlich ein wesentlich >> besseres Leben als die frühen Bauern (Anm.). Sie mussten deutlich weniger arbeiten, waren besser ernährt, litten weniger unter Krankheiten und lebten länger. Tom Standage berichtet in seinem Buch "Der Mensch ist, was er isst", von einem San-Buschmann, der einem Anthropologen auf die Frage nach dem Ackerbau antwortete: "Warum sollen wir pflanzen, wenn es so viele Mongongonüsse auf der Welt gibt?" (Mongongonüsse machen etwa die Hälfte der Nahrung der San aus.) Etwas muss aber die Menschen dazu gebracht haben könnte, wertvolle Körner für die spätere Aussaat aufzuheben, anstatt sie sofort zu essen.

Wie über die vorhergehende Zeit der Geschichte des Homo sapiens gibt es auch über die Entstehung der Landwirtschaft keine schriftlichen Überlieferungen. Unser Wissen besteht daher zum größten Teil aus Vermutungen, die wir aus den Funden von Archäologen ableiten. Über die Gründe können wir - wie über die >> geistige Welt des frühen Homo sapiens - nur spekulieren. Die vielen Hypothesen lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: Die einen glauben, dass die Landwirtschaft aus der Not heraus entstanden ist, als mit dem wärmeren Klima nach dem Ende der Eiszeiten die großen Herden von Pflanzenfressern ausblieben. Landwirtschaft ist zwar arbeitsintensiver, erlaubte aber, auf einer gegebenen Fläche mehr Menschen zu ernähren. Andere glauben dagegen, dass unsere Vorfahren in eine Art Luxusfalle gelaufen sind: eine wachsende Bevölkerung habe dazu geführt, dass der Aufwand des Jagens und Sammelns stieg, und unter diesen Bedingungen die Landwirtschaft attraktiver schien - und als die Folgen der Abhängigkeit von wenigen Pflanzen erkennbar wurden, lebten so viele Menschen, dass eine Umkehr nicht mehr möglich war. Vielleicht steckten aber auch gar keine materiellen, sondern religiöse oder soziale Gründe hinter der Erfindung der Landwirtschaft. Bereits die Jäger und Sammler errichteten nämlich große Kultanlagen wie am >> Göbekli Tepe, die auf eine hochentwickelte Religion hindeuten - und das Einkorn, ein Vorfahre des Weizens, hat seinen Ursprung nur dreißig Kilometer hiervon entfernt.  Da die Landwirtschaft >> an mehreren Orten und zu verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander entstanden ist (Anm.), könnten in unterschiedlichen Gebieten auch unterschiedliche Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Die Erfindung von Ackerbau und Tierhaltung ...

... aus der Not heraus

Als vor 15.000 Jahren die >> Eiszeiten zu Ende gingen, veränderte sich die Erde. Auch außerhalb der Tropen wuchsen wieder Wälder; in Europa etwa breiteten sich Birken und Kiefern aus. Damit wurden die großen Herden von Pflanzenfressern aber selten; veränderte Steinwerkzeuge - die kleinen >> "Mikrolithen" - und Reste in Abfallhaufen zeigen, dass die Menschen hier jetzt eher von kleinen Tieren wie Vögeln, Fischen und Muscheln lebten. Aber nicht überall auf der Erde entstanden Wälder: zwischen den gemäßigten Klimazonen und den Tropen entstanden parkartige Baumlandschaften, unter denen reichlich Grasland bestehen blieb. Ein Beispiel hierfür ist die Levante östlich des Mittelmeeres: Hier entstanden mit regelmäßigen Winterregen lockere Eichen-Pistazienwälder, unter und zwischen denen sich  etwa die aus Nordafrika stammenden Wildformen von Roggen und Weizen sowie Hülsenfrüchte ansiedelten. Gazellen fanden hier reichlich Weidefläche. Autoren wie David Montgomery (Anm.) spekulieren gar, dass die biblische Beschreibung des Garten Eden auf Überlieferungen aus dieser Zeit zurückgehen könnte.

Wie auch immer, es gab reichlich Nahrung; die Bevölkerung nahm zu und >> wurde sesshaft. Aber als vor 13.000 Jahren die Kaltphase der >> Jüngeren Dryas einsetzte, waren die guten Zeiten zunächst einmal vorbei: die Wälder zogen sich in die Gebirge zurück, die wilden Gräser und Hülsenfrüchte wurden seltener. In dieser Situation könnten die Menschen - so die Verfechter der "aus-der-Not-Hypothese" - der Natur durch verstärkte Aussaat nachgeholfen haben. Die Auswertung von Nahrungsresten aus der (120 Kilometer östlich vom heutigen Aleppo [Syrien] liegenden) Siedlung Abu Hureyra legt nahe, dass die Menschen dort bereits vor 13.000 Jahren mit Roggen und Weizen verwandte Gräser angebaut haben. Da sie auch bemerkt haben dürften, dass die Pflanzen dort am besten keimten, wo der Boden zuvor von störendem Bewuchs gesäubert wurde, haben sie die Flächen wohl auch entsprechend vorbereitet - vor 12.000 bis 11.000 Jahren wurde die Hacke erfunden. Pollenanalysen aus Abu Hureyra zeigen einen zunehmenden Anteil trockenheitsanfälliger Ackerwildkräuter - ein weiterer Hinweis auf Ackerbau.

Abu Hureyra liegt im "fruchtbaren Halbmond", dem vorderasiatischen >> Entstehungsgebiet der Landwirtschaft. Dieses stand nicht allein: Auch in China wurden am Yangzi Hinweise auf den Anbau von wildem Reis zur Zeit der Jüngeren Dryas gefunden. Als das Klima sich mit dem Ende der Kaltphase wieder verbesserte und der Winterregen zurückkehrte, endete der Anbau nicht etwa wieder, sondern neue Pflanzen kamen hinzu:  vor 9.000 Jahren wurden in der Levante auch Gerste, Kichererbsen und Saubohnen angebaut. Die Dörfer des >> Natufien wurden größer (Anm.) und erlebten eine Blütezeit.

(Wie der Übergang vom Anbau wilder Pflanzen zur "echten" Landwirtschaft ausgesehen haben könnte, steht >> hier.)

... als "Luxusfalle"

Auch die Anhänger dieser Hypothese (Anm.) gehen von den idealen Wachstumsbedingungen der Gräser nach dem Ende der Eiszeiten aus. Das habe dazu geführt, dass die Menschen sesshaft geworden seinen - und die Sesshaftigkeit habe zu einem Bevölkerungszuwachs geführt. Die Frauen nomadischer Wildbeuter bekamen höchstens alle drei bis vier Jahre ein Kind - mehr Kinder wären auf den Wanderungen einfach zu hinderlich gewesen. Sesshafte Frauen konnten jedes Jahr ein Kind bekommen - und die konnten sich beim Körnersammeln nützlich machen. Das Anwachsen der Bevölkerung ließ aber ihre Ernährung durch Fischen, Jagen und Sammeln immer schwieriger werden ließ, zumal das Einzugsgebiet nicht beliebig vergrößert werden kann - sei es aus Gründen der Entfernung von den Siedlungen, sei es, weil benachbarte Gebiete bereits besiedelt waren. So begannen die Bewohner, Körner auszustreuen und die Pflanzen zu hegen - was mehr Arbeit machte, aber den Ertrag steigerte.

Wenn die Landwirtschaft aus der Not entstanden ist, braucht man nicht nach den Gründen zu fragen. Wenn der Mensch sich aber selber in diese Lage manövriert hat, stellt sich die Frage, warum er nicht einfach wieder mit der Landwirtschaft aufhörte, als er entdeckte, das das Leben mit ihr nicht besser, sondern schwerer wurde. Die Antwort ist vermutlich: er hat es nie gemerkt. Vom ersten Anbau wilder Pflanzen bis zur Entstehung "echter" Landwirtschaft vergingen 3.500 Jahre, die Veränderungen von einer Generation zur anderen waren also so winzig, dass sie niemandem auffielen. Und selbst wenn es irgendwann jemand gemerkt hätte: War die Bevölkerung erst einmal angestiegen, gab es ohnehin kein Zurück mehr - Jäger und Sammler mögen besser gelebt haben, aber so viele Menschen konnten sie nicht ernähren.

... aufgrund sozialer oder religiöser Gründe

Soziale oder religiöse Gründe für die Entstehung der Landwirtschaft sind naturgemäß noch spekulativer als materielle Ursachen: Kalorien kann man zählen, demographische Daten abschätzen und beides zu Modellen verbinden, aber über das Denken der früherer Menschen wissen wir nichts, bevor schriftliche Überlieferungen begannen. Aber im nördlichen Mesopotamien, im heutigen Südostanatolien, wurde 1995 am Hügel Göbekli Tepe die älteste bekannte Kultanlage der Welt entdeckt; und diese wurde allen Anzeichen nach von Jägern und Sammlern - und nicht von Ackerbauern - errichtet. In der Anlage standen über 200 gewaltige, bis zu sechs Meter hohe und bis zu 20 Tonnen schwere, mit Reliefs verzierte Säulen. Um die Menschen zu ernähren, die so eine Anlage gebaut haben, waren gewaltige Mengen an Nahrung nötig. Kann es ein Zufall sein, dass das Einkorn, ein Vorfahre des Weizens, von nahegelegenen Vulkan Karacadağ stammt? Oder begann der Anbau, um die Erbauer des Tempels zu versorgen? Wir wissen es nicht. Die Ernährung einer Vielzahl von Arbeitskräften könnte aber auch die Tierhaltung erklären: Mit Tieren im Gatter war man weniger vom Jagdglück abhängig.

Bei Getreide muss man zudem nicht nur an Brot, sondern kann auch an Bier denken: Der Biologe Josef Reichholf hat in einem >> Buch die These aufgegriffen, dass Getreide ursprünglich für die Herstellung von Bier kultiviert worden sein könnte. Die Herstellung von Brot wäre demnach eine spätere Abwandlung des Brauprozesses - der Teig wurde gebacken und nicht wie zur Herstellung von Bier nach Beginn des Gärprozesses weiter durchfeuchtet. Auch Bier könnte Arbeiter ernährt haben; oder mit ein paar gegrillten Schafe und Ziegen aus dem Gatter Teil eines Festessens gewesen sein: auch der Wunsch, seine Gemeinschaft zu beeindrucken, könnte hinter der Entstehung der Landwirtschaft stehen.

Wie Kulturpflanzen und Nutztiere entstanden

Kulturpflanzen

Als die Menschen begannen, Wildpflanzen anzubauen, begannen sie unwissentlich, diese zu verändern. Auch Pflanzen einer Art sind ja nicht völlig identisch. So gibt es etwa bei den Gräsern Pflanzen, bei den die Körner ein wenig größer sind als bei anderen, und andere, bei denen die reifen Körner etwas länger an der Pflanze blieben. Für die Menschen war dieses wichtig: reife Körner ließen sich lagern, während unreife Körner leicht verschimmelten; reife Körner fielen aber normalerweise schnell zu Boden (wo sie bei nächster Gelegenheit keimen konnten). Menschen suchten also reife Körner, und sammelten automatisch mehr Körner von solchen Pflanzen, bei denen diese länger an der Pflanze blieben - einfach, weil sie diese Körner nicht mühsam vom Boden aufsammeln mussten. Als der Mensch die gesammelten Körner dann auch aussäte, wurde er zur selektiven Kraft (mehr zur Selektion, einer treibenden Kraft der Evolution >> hier): Was für die Pflanze in der freien Natur nachteilig war - ihre Samen wurden langsamer, bei sogenannten "bruchsicheren Sorten" sogar gar nicht mehr verstreut -, wurde jetzt zum Vorteil: der Mensch sammelte solche Pflanzen und sicherte ihre Vermehrung. Es begann etwas, was die Biologen disruptive (trennende) Selektion nennen: Für die Wildpflanzen war es weiterhin von Vorteil, ihre Körner schnell zu verstreuen, bei den vom Menschen angebauten Pflanzen war es besser, wenn die Körner lange an der Pflanze verblieben. Bei ihnen lösten die Interessen des Menschen -  leichte Aussaat, leichte Ernte und höherer Ertrag - die natürliche Selektion ab. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende entstanden so Kulturpflanzen, die alleine in freier Natur gar nicht mehr überleben können, sondern von menschlicher Pflege abhingen.

Das war sicher kein leichter Prozess: Auch wenn die ersten Kulturpflanzen oftmals Selbstbestäuber sind (die Bestäubung der weiblichen Blütenteile erfolgt durch Blütenstaub derselben Pflanze), wurden Zuchtpflanzen auch immer wieder durch Wildpflanzen bestäubt, und diese Rückkreuzungen machten Zuchterfolge leicht wieder zunichte. Aber die Geschichte zeigt, dass die Domestizierung dennoch gelang. Ein besonders drastisches Beispiel für die Veränderungen, zu denen sie führte, ist der zuerst in Amerika angebaute >> Mais: Beim wilden Vorläufer, der Teosinte, sind die Körner von harten Schalen (Spelzen) umgeben, mit deren Hilfe sie im Verdauungstrakt von Tieren überleben. Die frühen amerikanischen Ackerbauern förderten solche Mutanten, bei denen die Spelzen verkümmert waren, und solche, bei denen die Pflanzen nicht verzweigt waren und nur wenige, aber größere Ähren mit mehr Körnern trugen (siehe hierzu auch die >> Abbildung oben). Auch diese Pflanzen konnten sich nur noch vermehren, wenn die Körner von Hand vom Kolben abgetrennt und ausgesät werden.

Der Anbau solcher erkennbar veränderter Pflanzenarten und die etwa zeitgleich beginnende Tierhaltung (dazu mehr im nächsten Kapitel) gelten als der Beginn der “echten” Landwirtschaft. Der Übergang war fließend, weshalb es auch unterschiedliche Auffassungen gibt, wann die "echte" Landwirtschaft begann. Im Nahen Osten war diese Stufe nach manchen Autoren vor 11.000 Jahren, nach anderen spätestens vor 10.500 Jahren erreicht. Damit ist die Region nach Meinung der meisten Archäologen die erste auf der Erde, in der Landwirtschaft betrieben wurde. (Andere Archäologen halten >> Afrika für das Entstehungsgebiet der Landwirtschaft - dort sollen trockenere Zeiten in der Sahara der klimatische Auslöser gewesen sein; mehr zu den verschiedenen Entstehungsgebieten der Landwirtschaft finden Sie auf der >> nächsten Seite.)

Nutztiere

Auch als die Menschen Pflanzen anbauten, gingen sie natürlich weiter auf die Jagd. Im vorderasiatischen Entstehungsgebiet der Landwirtschaft kamen unter anderem das Wildschaf und die Bezoarziege vor, die wilden Vorfahren von Schaf und Ziege. Die meisten Forscher glauben, dass die Zähmung mit Jungtieren begann - vielleicht, weil ihre Mütter getötet wurden und deren hilflose Junge eingefangen wurden. Menschen entwickeln leicht eine emotionale Beziehung zu jungen Säugetieren, auch heutige Naturvölkern nehmen oft Jungtiere auf. Diese gewöhnten sich an den Menschen und verloren ihre Scheu. Nützlich sind sie außerdem: Sie locken wildlebende Verwandte an, die so leichter gejagt werden können. Gehaltene Tiere waren zudem ein praktischer Nahrungsspeicher: Wenn Dürren oder Schädlingsbefall die Erträge der Felder vernichteten, konnte man zur Not die Tiere essen. Sie mussten aber in umzäunte Gatter gesperrt werden, um die Gärten und Äcker vor ihnen zu schützen. Wilde Tiere zu halten und zu zähmen, ist der erste Schritt zu deren Domestikation: Zum Haustier werden Tiere dann, wenn sie sich in Gefangenschaft vermehren. Dazu müssen in erster Linien genug Tiere gehalten werden. Wenn weibliche Tiere Junge haben, geben sie zudem Milch, die auch vom Menschen für seine Kinder genutzt werden kann. Und es können auch wieder – wie bei den Pflanzen – durch die Auswahl der Eltern solche Eigenschaften gefördert werden, die für den Menschen weniger gefährlich sind oder besonderen Nutzen bieten. So wurden die Tiere im Laufe der Zeit fügsamer und weniger aggressiv; aus den Wildformen gingen erste Nutztiere hervor. Die Domestikation von Schafen und Ziegen begann in der Levante vor etwa 10.000 Jahren.

Mit der Haltung von Schafen und Ziegen konnte der Mensch auch die Pflanzen intensiver nutzen, die nicht direkt für die menschliche Ernährung geeignet waren: Auch domestizierte Schafe und Ziegen beherbergen wie ihre wilden Vorfahren Mikroorganismen in ihrem Pansen, die Zellulose abbauen können. Insbesondere Ziegen fressen zudem dorniges Gestrüpp. Die Mikroorganismen bauen dabei Proteine und Fettsäuren auf, und sind die eigentliche Nahrung der Schafe und Ziegen (und deren Halter). Aber Schafe und Ziegen können eine Gegend auch kahlfressen - mit der Tierhaltung entstanden wohl auch das Wanderhirtentum und die rivalisierenden Kulturen sesshafter Ackerbauern und herumziehender Wanderhirten. Im Laufe der Zeit entstanden in trockenen Grassteppen eigenständige Hirtengesellschaften - so etwa vor 6.000 Jahren in den Steppen des heutigen südöstlichen Russlands und Kasachstans.

Auf Schafe und Ziegen folgten vor 9.000 Jahren das Schwein und vor 8.500 Jahren das Rind. Schweine wurden in Vorderasien und China domestiziert; die Schweine wurden vermutlich in den Wäldern von Bucheckern und Eicheln ernährt, und sollten dem Menschen bei der >> Umwandlung von Waldland helfen. Als auch Rinder und (später) Pferde domestiziert wurden, erschloss sich der Mensch eine wichtige neue Energiequelle: Er war nun bei der Bestellung der Felder nicht mehr ausschließlich auf seine eigene Muskelkraft angewiesen, sondern konnte Ochsen und Pferde einsetzen. Rinder und Pferde verbesserten zudem mit ihrem Dung den Ackerboden. Die Nutzung der Haustiere in diesem Umfang war aber auf die miteinander verbundene Landmasse von Europa, Afrika und Asien beschränkt; als Zug- und Pflugtiere geeignete, zähmbare Wildtiere gab es in Amerika und Australien nicht. Diese Tatsache sollte die Weltgeschichte >> entscheidend beeinflussen.

Die Ausbreitung der Landwirtschaft

Was auch immer die Entstehung der Landwirtschaft angetrieben hat: viele Menschen bevorzugten noch für lange Zeit (und in manchen Regionen der Erde bis >> heute) das Dasein des Jägers und Sammlers, wenn auch ohne Anbau genug Nahrung zu finden war. Aber wo die Landwirtschaft begonnen hatte, führte sie (wenn auch um den Preis des höheren Aufwands) zu einer Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion - und diese zu  wachsender Bevölkerung. Daher wurde die Landwirtschaft, wenn sie begonnen hatte, auch beibehalten, wie etwa in der Levante nach dem Ende der Kaltzeit der Jüngeren Dryas - anders war die Bevölkerung nicht mehr zu ernähren. Nicht nur die domestizierten Pflanzen und Tiere waren vom Menschen abhängig geworden, sondern der Mensch genauso von diesen.

Die Bevölkerung wuchs immer so stark, wie die Ernährungsbasis in guten Jahren es erlaubte. In schlechten Jahren litten die Menschen Hunger - und machten sich auf die Suche nach weiteren Flächen, die für den Anbau geeignet waren. Wenn es zu Konflikten zwischen Ackerbauern und Jägern und Sammlern kam, waren erstere zumeist zahlenmäßig weit überlegen. Auf die Dauer breitete sich so die Landwirtschaft aus, die Jäger- und Sammlerkulturen wurden verdrängt. Diese haben sich wohl manchmal gewehrt, manchmal vermischten sich die Gruppen auch und übernahmen (wenigstens teilweise) die Anbautechniken der Neuankömmlinge (oder entwickelten selber welche). Diese Bevölkerungsströme kann man heute mit genetischen, archäologischen und linguistischen Analysen nachweisen, die jeweils unterschiedliche Aspekte erhellen.

Sprachen breiten sich meistens mit den Sprechern aus, so dass die heutige Verbreitung von Sprachfamilien, die in den Ursprungsgebieten der Landwirtschaft entstanden sind, die Wanderung von Menschen anzeigt. Die indoeuropäischen Sprachen gehen beispielsweise auf den fruchtbaren Halbmond und die folgende Ausbreitung der dort entstandenen Landwirtschaft zurück. (Spätere geschichtliche Ereignisse konnten dieses Bild nicht auslöschen, da nur langfristige Kolonialisierungsprozesse die Sprache einer Region dauerhaft verändern; antike oder mittelalterliche Reiche schafften dies nicht - erst nach dem 15. Jahrhundert sorgte die Kolonialisierung der “neuen Welt” für eine Ausbreitung der englischen und spanischen Sprache.) Archäologische Funde zeigen, wann diese Wanderungen stattfanden, etwa anhand der Verbreitung gleichartiger Keramikarten; genetische Analysen zeigen, wie die jeweiligen Bevölkerungsgruppen sich vermischt haben. So können die Wissenschaftler heute eine Geschichte nachvollziehen, in deren Verlauf die Landwirtschaft den größten Teil der nutzbaren Landoberfläche eroberte. Die Geschichte dieser Ausbreitung ist auf der Seite >> Der Siegeszug der Landwirtschaft dargestellt.

Die Landwirtschaft - eine Revolution?

Im Zweistromland und anderen großen Flusstälern sollte sich zuerst zeigen, dass die Landwirtschaft das Leben des Menschen dramatisch veränderte: hier entstanden die ersten >> großen Kulturen der Weltgeschichte. Die Erfindung der Landwirtschaft war ein derartiger Einschnitt in der Lebensweise der Menschheit, dass sie auch als „Neolithische Revolution“ bezeichnet wurde. Der Begriff wurde 1936 von dem australisch-britischen Archäologen V.G. Childe in Anlehnung an die „Industrielle Revolution“ geprägt. Er ist heute umstritten, da die Änderungen weder eine schnelle Umwälzung noch zielgerichtet waren. Viele Forscher halten dennoch an dem Begriff fest, da die Auswirkungen durchaus revolutionär durchaus waren. Das gilt nicht nur für die Lebensweise, sondern auch für den Menschen selbst (siehe folgendes Kapitel) und für die Umwelt: Im Laufe der Zeit - und in Verbindung mit vielen weiteren Erfindungen, die die Produktivität der Landwirtschaft weiter steigerten - nahm die Bevölkerung um mindestens das Hundertfache zu (vor der Erfindung der Landwirtschaft lebten vier bis acht Millionen Menschen auf der Erde, im Jahr 1760 - vor Beginn der Industriellen Revolution - etwa >> 800 Millionen), und das bedeutet, dass der Anteil des Menschen an den Energie- und Stoffflüssen des Ökosystems Erde ebenfalls mindestens um das Hundertfache zunahm. Die Veränderung der Umwelt nahm durch den Menschen nahm durch die Landwirtschaft ganz >> neue Dimensionen an.

Die Landwirtschaft domestiziert den Menschen

Je wichtiger die Rolle der Gärten und Äcker für die Ernährung der Menschen wurde, desto mehr „förderten“ diese die Sesshaftigkeit: Kulturpflanzen waren der natürlichen Selektion entzogen, sie mussten nun vor Konkurrenten, den „Unkräutern“, geschützt werden. Und nicht nur vor „Unkräutern“, sondern auch vor Tieren, die von dem reichen Nahrungsangebot angelockt wurden. Gärten und Felder mussten betreut werden, die Menschen in der Nähe der Felder bleiben. Also mussten die Ackerbauern die herumziehende Lebensweise der Jäger und Sammler aufgeben; wer noch nicht sesshaft war, musste es werden.

Der Anbau und die Tierzucht erforderten zudem neue kulturelle und soziale Regeln: Man musste bewusst einen Teil der Nahrung nicht aufessen, sondern als Saatgut aufbewahren; einige schlachtreife Tiere nicht schlachten, sondern als Zuchttiere weiter ernähren. Man musste dafür sorgen, dass alle darauf verzichteten, auf Ackerflächen dem Sammeln nachzugehen oder gezüchtete Tiere zu jagen. Aufgaben mussten verteilt und ausgeführt werden. Außerdem konnten (und mussten, wenn wir an Werkzeuge zur Bodenbearbeitung oder Gefäße zur Aufbewahrung der Ernte denken) sesshafte Ackerbauern und Hirten viel mehr Eigentum anhäufen als nomadisierende Jäger und Sammler: es mussten Regeln gefunden werden, wie dieses Eigentum zu verteilen war, wenn der Eigentümer starb oder wenn Gruppen, die zu groß geworden waren, sich teilten. Der französische Archäologe Jacques Cauvin vermutet sogar, dass die Entstehung früher Religionen mit der Entstehung solcher Regeln zusammenhängt (Anm.).

Die Landwirtschaft hat aber den Menschen auch biologisch verändert: das veränderte Nahrungsangebot hat sich als selektiver Faktor der menschlichen Evolution erwiesen. So haben sich beispielsweise unsere Gene für Amylase vervielfältigt und bei Menschen aus Kulturen mit Weidewirtschaft ist Lactosetoleranz entstanden. Amylase ist ein Protein, das Stärke spaltet; die vervielfältigten Gene bedeuten eine höhere Amylase-Konzentration in den Zellen und damit eine bessere Nutzbarkeit von Getreide. Lactosetoleranz bedeutet, dass bei Völkern, die wie viele europäische, indische und afrikanische Völker eine Vergangenheit mit Weidewirtschaft aufweisen, auch Erwachsene den Milchzucker Lactose verwerten können. Bei anderen Völkern, etwa Chinesen und Japanern, können dies nur Kleinkinder - das dafür notwendige Enzym wird wie bei den meisten Säugetieren nach der Entwöhnung von der Muttermilch abgeschaltet. Bei Erwachsenen ohne Lactosetoleranz erzeugt Frischmilch Übelkeit, Durchfall und Erbrechen; bei den Weidevölkern gilt Lactoseunverträglichkeit mittlerweile als Krankheit.

Das enge Zusammenleben mit Tieren erleichterte aber auch die Übertragung von Tierkrankheiten auf den Menschen; die höhere Bevölkerungsdichte deren Ausbreitung. Den Siegeszug der Landwirtschaft konnte dieses nicht behindern.

Mit der Landwirtschaft begann das Zeitalter der Arbeit

Die Auswirkungen der Landwirtschaft auf das Selbstverständnis des Menschen sind tiefgreifend: Aus dem frei schweifenden Jäger, der von einem lebenden Kosmos ernährt wurde, wurde ein Mensch, der sich “im Schweiße seines Angesichts” seine Nahrung erarbeiten musste; ein Mensch, der sich von der Aussaat bis zur Ernte um seine Pflanzen sorgen musste (für den aber auch das Land, auf dem seine Pflanzen wuchsen, zur “Heimat” wurde, die er erbittert verteidigte); ein Mensch, der immer öfter in Gemeinschaftsprojekte etwa zur >> Bewässerung eingebunden wurde; ein Mensch, der nun die Möglichkeit hatte, Besitz und Reichtümer anzuhäufen. Ein Mensch auch, der seine Kinder nicht mehr mitnehmen musste, um wandernden Tierherden zu folgen; sondern der viele Kinder brauchte, um seine Felder zu bestellen und seine Armeen mit Soldaten zu versehen - Soldaten, die er brauchte, um seine Reichtümer zu verteidigen und neue zu erobern. Wenn wir heute glauben, dass die Leben von Bauern und Stadtbewohnern sich grundsätzlich unterscheidet - der Unterschied zwischen dem Leben von Jägern und Sammlern und dem von Bauern ist noch viel größer.

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© Jürgen Paeger 2006 - 2014

Die Landwirtschaft wurde eigentlich lange vor dem Menschen erfunden: Blatt- schneiderameisen etwa legen unterirdische Pilzgärten an; die von den Ameisen in Stücke geschnitten Blätter dienen dazu, die Pilze zu füttern, die dann von den Ameisen abgefressen werden. Die Pilze können ohne Ameisen nicht über- leben, sind also domestizierte Arten. Auch Termiten halten Pilze, die sie mit zerkautem Holz füttern. Blattschneiderameisen und Termiten haben auch “Städte” erfunden (die dort Nester heißen). Auch die Tierhaltung kommt bei Ameisen vor: Mehrere Arten halten Blattläuse, deren zuckerhaltige Ausscheidungen sie fressen. Dafür schützen sie die Blattläuse vor Feinden.

Auch in Europa haben Menschen Pflanzen verbreitet: Offenbar vergruben sie Haselnüsse, so dass der Strauch hier zu einem häufigen Gebüsch wurde.

Dass Jäger und Sammler besser ernährt waren als Bauern, zeigt sich unter anderem daran, dass sie größer waren, ihre Skelette und Zähne weniger Anzeichen von Mangelernährung zeigten und dass sie älter wurden.

Gräser und Weidetiere sind ein Beispiel für Co-Evolution: Bei den Gräsern liegen die Erneuerungsorgane am oder im Boden, so dass sie von fressenden Tieren nicht geschädigt werden; Weidetiere beherbergen in ihrem Verdauungstrakt Mikroorganismen, die schwer zugängliche Nährstoffe der Gräser nutzbar machen. (Die am Boden liegenden Erneuerungsorgane der Gräser sind auch der Grund, warum Gräser Rasenmäher überleben.)

Wie schnell mit heutigem Wissen zahme Tiere gezüchtet werden können, schildert >> Richard Dawkins am Beispiel von Silberfüchsen: Bereits nach 20 Jahren suchen diese den Menschen und wedeln bei der Annäherung mit dem Schwanz. 

Schafe und Ziegen waren nicht die ersten domestizierten Tiere - vor ihnen hatte der Mensch den Wolf zum >> Haushund gemacht.

Dieser war jedoch nicht zum Verzehr gedacht, sondern hat sich wohl als Helfer bei der Jagd bewährt. Mit der Haltung weiterer Tiere begann die Züchtung besonderer Rassen: Neben Jagdhunden wurden jetzt auch Hirtenhunde gezüchtet.

Dass die Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa eine Mischung aus der Ausbreitung von Ackerbauern und ihrer Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung war, legen genetische Analysen nahe: So nimmt der Anteil bestimmter genetischer Merkmale, die von zugewanderten Ackerbauern aus dem fruchtbaren Halbmond stammen, von Osten nach Westen hin ab (auf dem Balkan betragen sie 79 Prozent, in Süditalien 63 Prozent, in England 21 Prozent). Nachfolger der europäischen "Urbevölkerung" wären demnach etwa die Basken, wo diese Anteile ganz fehlen - und die eine eigene, mit den anderen nicht verwandte Sprache haben.