Das Zeitalter der Landwirtschaft

Die Erfindung der Landwirtschaft

Vor 13.000 Jahren, nach dem Ende der letzten Eiszeit, begann der Mensch, wilde Pflanzen anzubauen - eine Entwicklung, die zur Entstehung der Landwirtschaft führte. Warum die Landwirtschaft entstand, ist umstritten: Jäger und Sammler waren oft besser ernährt als Bauern und mussten weniger Zeit in die Nahrungsbeschaffung investieren. Die Landwirtschaft kann aber weit mehr Menschen ernähren, wohl deshalb setzte sie sich im Laufe der Zeit in weiten Teilen der Erde durch und wurde zur Lebensgrundlage der Menschheit.


Im Laufe der Jahrtausende entstanden durch die Förderung von Merkmalen, die dem Menschen nützlich waren, aus Wildpflanzen die heutigen Kulturpflanzen. Hier sind die Veränderungen am Beispiel der Teosinte und dem daraus entstandenen Mais dargestellt. Mais wurde zuerst im Hochland von Mexiko angebaut (>> mehr). Abbildung von Nicolle Rager Fuller, zur Verfügung gestellt von der National Science Foundation (USA).

Als der moderne Mensch (Homo sapiens) sich über die Erde ausbreitete (>> mehr), fand er seine Nahrung in der Natur - mehr als neun Zehntel unserer Geschichte lebten wir als Jäger und Sammler (>> mehr). Dabei beeinflussten wir seit mindestens 70.000 Jahren die Tier- und Pflanzenwelt zu unseren Gunsten, unter anderem mit dem Grabstock und durch großflächiges Abbrennen von Flächen (>> mehr). Als Jäger und Sammler mussten unsere Vorfahren hervorragende Kenner des Verhaltens der Tiere und der nutzbaren Eigenschaften von Pflanzen sein. Es dürfte ihnen kaum entgangen sein, wie Pflanzen sich vermehrten. In den Regionen, in denen sie in klimatisch günstigen Zeiten aufgrund des dann reichen Pflanzenwuchses sesshaft wurden, dürften sie wichtige Pflanzen auch ausgesät und in trockenen Zeiten gegossen haben. Der Anbau wilder Pflanzen, die Kultivierung, gilt den Archäologen als Vorstufe des Garten- und Ackerbaus und der Landwirtschaft. Warum aber unsere Vorfahren diesen Schritt machten,wird immer noch intensiv diskutiert: Offenbar mussten ja Jäger- und Sammlergesellschaften für ihre Ernährung deutlich weniger arbeiten als Bauern (>> mehr); sie litten auch weniger unter Mangelerkrankungen als frühere Bauern. Warum sollten die Menschen also wertvolle Körner auf den Boden werfen?

Da es über die Anfänge der Landwirtschaft keine schriftlichen Zeugnisse gibt, besteht unser Wissen im Wesentlichen aus den Vermutungen, die wir aus den Funden der Archäologen entwickeln. Auch über die Ursachen können wir nur spekulieren. Bei dieser Diskussion stehen sich zwei sehr unterschiedliche Ansätze gegenüber: Die einen glauben, dass die Landwirtschaft aus der Not heraus entstand, als in den warmen Jahren nach dem Ende der Eiszeiten die Bevölkerung so stark anstieg, dass sie nur mit dem Anbau von Pflanzen und der Haltung von Tieren zu ernähren war - so können auf einer gegebenen Fläche viel mehr Menschen ernährt werden als durch Jagen und Sammeln. Die anderen glauben dagegen, dass die Landwirtschaft ein Kind des Überflusses war; dass der Wunsch, Fleisch und Bier für große Feste termingerecht zur Verfügung zu haben, hinter der Entwicklung der Landwirtschaft standen. Die meisten Archäologen glauben an das erste Erklärungsmodell, daher soll es hier auch zuerst vorgestellt werden.

Die Erfindung von Ackerbau und Tierhaltung ...

... als Folge des Bevölkerungswachstums

Als vor 15.000 Jahren die Eiszeiten zu Ende gingen (>> mehr), fanden sich Gebiete, in denen zwar keine großen Tiere vorkamen, aber wenigstens nahrhafte Pflanzen wuchsen, meist in den Breiten zwischen den Tropen und den gemäßigten Zonen - etwa in der Levante östlich des Mittelmeeres. Mit steigenden Temperaturen und zuverlässigen Winterregen begannen hier nahrhäfte Gräser und Hülsenfrüchte zu wachsen; die Bevölkerung nahm zu und wurde sesshaft (>> mehr). Als vor 13.000 Jahren die Kaltphase der Jüngeren Dryas einsetzte, wurde das Gebiet trockener; die Eichen-Pistazienwälder zogen sich in die Gebirge zurück, und auch die die wilden Gräser und Hülsenfrüchte wurden mit zunehmender Trockenheit wieder seltener. In dieser Situation, so nehmen die Anthropologen an, halfen die Menschen der Natur durch die Aussaat immer intensiver nach; und da sie auch bemerkt haben dürften, dass die Pflanzen dort am besten keimten, wo der Boden zuvor von störendem Bewuchs gesäubert wurde, haben sie wohl die Flächen entsprechend vorbereitet - vor 12.000 bis 11.000 Jahren wurde auch die Hacke erfunden. Hacken, aussähen - so sind im Laufe der Zeit die ersten Gärten entstanden.

Vor allem aber begann unbewusst bereits die Domestikation der Pflanzen: Der Mensch suchte sich zur Aussaat bevorzugt solche Pflanzen aus, deren Eigenschaften ihm Vorteile brachten – Gräser zum Beispiel, deren Körner später oder gar nicht mehr von alleine abfielen und daher nicht mühsam vom Boden aufgesammelt werden mussten. Für das Überleben der Pflanzen in der freien Natur war diese Veränderung nachteilig - die Samen breiteten sich nicht mehr von alleine aus. Aber dieser Nachteil wurde vom Menschen ausgeglichen, der die Verbreitung der Pflanze übernahm. Die Interessen des Menschen, leichte Aussaat, leichte Ernte und höherer Ertrag, lösten die natürliche Selektion ab. Das war sicher kein leichter Prozess: Die Zuchtpflanzen wurden immer wieder durch Wildpflanzen bestäubt, diese Rückkreuzungen machten den Zuchterfolg leicht wieder zunichte; aber im Laufe der Jahrtausende entstanden doch Kulturpflanzen (siehe auch die Abbildung oben). Die Existenz solcher erkennbar veränderter Pflanzenarten und die etwa zeitgleich beginnende Tierhaltung (siehe folgendes Kapitel) gelten als der Beginn der “echten” Landwirtschaft. Im Nahen Osten war diese Stufe vor mindestens 9.500 Jahren erreicht; damit ist die Region nach Meinung der meisten Archäologen die erste auf der Erde, in der Landwirtschaft betrieben wurde. (Andere Archäologen halten Afrika für das Entstehungsgebiet der Landwirtschaft - dort sollen trockenere Zeiten in der Sahara der klimatische Auslöser gewesen sein, >> mehr.)

Während die Menschen so den Garten- und Ackerbau entwickelten, gingen sie natürlich weiter auf die Jagd. Im Entstehungsgebiet der Landwirtschaft kamen unter anderem das Wildschaf und die Bezoarziege vor, die wilden Vorfahren von Schaf und Ziege. Dabei wird es öfter vorgekommen sein, dass Muttertiere getötet wurden und deren hilflose Junge eingefangen wurden - Menschen entwickeln ja leicht eine emotionale Beziehung zu jungen Säugetieren, und in Naturvölkern werden oft Jungtiere aufgenommen. Diese Tiere gewöhnten sich an den Menschen und verloren ihre Scheu. Nützlich sind sie außerdem: Sie locken wildlebende Verwandte an, die so leichter gejagt werden können. Außerdem waren sie ein praktischer Nahrungsspeicher: Wenn Dürren oder Schädlingsbefall die Erträge der Felder vermindern, konnte man zur Not die Tiere essen. Sie mussten aber in umzäunte Gatter gesperrt werden, um die Gärten und Äcker zu schützen. Wilde Tiere zu halten und zu zähmen, ist der erste Schritt zu ihrer Domestikation: Zum Haustier werden Tiere dann, wenn sie sich in Gefangenschaft vermehren. Dazu müssen in erster Linien genug Tiere gehalten werden. Wenn weibliche Tiere Junge haben, geben sie zudem Milch, die auch vom Menschen für seine Kinder genutzt werden kann. Und es können auch wieder – wie bei den Pflanzen – durch die Auswahl der Eltern solche Eigenschaften gefördert werden, die für den Menschen weniger gefährlich sind oder besonderen Nutzen bieten. So wurden die Tiere im Laufe der Zeit immer zahmer und für den Menschen besser nutzbar. Die Domestikation von Schafen und Ziegen begann in der Levante vor etwa 10.000 Jahren.

Mit der Haltung von Schafen und Ziegen konnte der Mensch Pflanzen nutzen, die sonst nicht für die menschliche Ernährung geeignet waren: Schafe und Ziegen beherbergen Mikroorganismen in ihrem Pansen, die Zellulose abbauen können; insbesondere Ziegen fressen auch dorniges Gestrüpp. Die Mikroorganismen bauen dabei Proteine und Fettsäuren auf, die wiederum Schafe und Ziegen (und deren Halter) ernähren. Aber auch Schafe und Ziegen können eine Gegend kahlfressen, mit der Tierhaltung entstanden wohl auch das Wanderhirtentum (und die rivalisierenden Kulturen sesshafter Ackerbauern und herumziehender Wanderhirten; im Laufe der Zeit entstanden in trockenen Grassteppen eigenständige Hirtengesellschaften - so etwa vor 6.000 Jahren in den Steppen des heutigen südöstlichen Russlands und Kasachstans).

Auf Schafe und Ziegen folgten vor 9.000 Jahren das Schwein und vor 8.500 Jahren das Rind. Schweine wurden in Vorderasien und China domestiziert; die Schweine wurden vermutlich in den Wäldern von Bucheckern und Eicheln ernährt, und sollten dem Menschen bei der Umwandlung von Waldland helfen (>> mehr). Als auch Rinder und (später) Pferde domestiziert wurden, erschloss sich der Mensch eine weitere Energiequelle: Er war nun nicht mehr ausschließlich auf seine eigene Muskelkraft angewiesen, sondern konnte Ochsen und Pferde in der Landwirtschaft einsetzen. Rinder und Pferde verbesserten zudem mit ihrem Dung den Ackerboden. Diese Nutzung der Haustiere in diesem Umfang war aber die miteinander verbundene Landmasse von Europa, Afrika und Asien beschränkt; als Zug- und Pflugtiere geeignete, zähmbare Wildtiere gab es in Amerika und Australien nicht - eine Tatsache, die die Weltgeschichte entscheidend beeinflussen sollte (>> mehr).

Die Erfindung von Ackerbaus und Tierhaltung

... als Folge von Überfluss

Die Notwendigkeit, eine stark gewachsene Bevölkerung in schlechteren Zeiten zu ernähren, ist jedoch nur eines der möglichen Erklärungsmodelle für die Entstehung der Landwirtschaft. Manche Archäologen vertreten andere Ideen: So könnte auch das Anwachsen der Bevölkerung in fruchtbaren Regionen alleine (ohne die Eiszeiten bemühen zu müssen) dazu geführt haben, dass die Menschen irgendwann keine freien Siedlungsgebiete mehr zur Verfügung hatte. Andere Wissenschaftler halten soziale Faktoren für die Ursache der Erfindung der Landwirtschaft: Etwa den Wunsch, in sesshaften Gemeinschaften mit großen Festessen zu imponieren; oder religiöse Monumentalbauten, für deren Bau zur Hunderte von Arbeitskräften ernährt werden mussten. Festessen und die Ernährung einer Vielzahl von Arbeitskräften könnten auch die Tierhaltung erklären: Mit Tieren im Gatter war man weniger vom Jagdglück abhängig. Und nicht nur die Ernährung, sondern auch der Rausch könnte eine Rolle gespielt haben: Der Biologe Josef Reichholf hat in einem Buch (>> Literatur) die These aufgegriffen, dass Getreide nicht zum Essen, sondern für die Herstellung von Bier kultiviert worden sein könnte; die Herstellung von Brot sei eine spätere Abwandlung des Brauprozesses - der Teig wurde gebacken und nicht wie zur Herstellung von Bier nach Beginn des Gärprozesses weiter durchfeuchtet. Für soziale Faktoren als Auslöser der Landwirtschaft spricht, dass die ältesten großen Bauwerke Kultstätten sind: Im nördlichen Mesopotamien liegt beispielsweise die älteste bekannte Tempelanlage der Welt, Göbekli Tepe, die allen Anzeichen nach von Jägern und Sammlern - und nicht von Ackerbauern - errichtet wurde.

Möglicherweise gibt es auch gar nicht die Ursache, sondern hier waren Klimaänderungen, dort Bevölkerungsdruck und wieder anderswo soziale Faktoren oder eine Kombination mehrerer Faktoren der entscheidende Auslöser - denn die Landwirtschaft ist nach heutigem Wissensstand an mehreren Orten unabhängig voneinander entstanden (siehe folgende Seite >> Die Entstehungsgebiete der Landwirtschaft). Allerdings: Auch diese Annahme wird zum Teil in Zweifel gezogen. Zwischen Westasien und China gab es früh Handel und damit auch die Möglichkeit eines Informationsflusses. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass die Landwirtschaft in China eine Folge der westasiatischen Landwirtschaft ist. Wenn die Kultivierung von Pflanzen in Ostasien bereits vor der Besiedelung Amerikas stattgefunden hätte, könnte auch das dortige Wissen mit den Menschen gewandert sein - und angeblich 14.000 bis 15.000 Jahre alte fossile Reiskörner, die 2003 in Südkorea gefunden wurden, lassen auch dieses möglich erscheinen.

Bisher glauben aber die weitaus meisten Archäologen und Biologen, dass die Landwirtschaft mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist. Dies legt eine fast zwangsläufige Entwicklung nahe, die früher manchem Anthropologen zweifelhaft erschien: Jäger- und Sammler mussten nicht nur für ihre Ernährung deutlich weniger arbeiten als Bauern (>> mehr); sie litten auch weniger unter Mangelerkrankungen und Krankheiten als frühere Bauern, bei denen das enge Zusammenleben mit Tieren die Übertragung von Tierkrankheiten erleichterte und höhere Bevölkerungsdichte die Ausbreitung von Krankheiten. Warum sollten die Menschen also wertvolle Körner auf den Boden werfen? Tatsächlich bevorzugten die Menschen oft noch für lange Zeit (und in manchen Regionen der Erde bis heute, >> mehr) das Dasein des Jägers und Sammlers, wenn auch ohne Anbau genug Nahrung zu finden war. Aber wo die Landwirtschaft begonnen hatte, führte sie - den Krankheiten zum Trotz - zu wachsender Bevölkerung, die wiederum zur Ausbreitung der Landwirtschaft führte und die Jäger- und Sammlerkulturen verdrängte.

Die Ausbreitung der Landwirtschaft

Von den Entstehungsgebieten breitete sich die Landwirtschaft allmählich aus (>> mehr): Die Produktion von Nahrungsmitteln führte dazu, dass auf einem gegebenen Stück Land (wenn auch mit mehr Arbeit) mehr Menschen ernährt werden konnten als zuvor (>> mehr). Dort, wo Landwirtschaft betrieben wurde, wuchs also die Bevölkerung. Dies hatte zwei wichtige Folgen: Zum einen wurde das Zusammenleben komplexer, was zur Entwicklung sozialer Institutionen führte (>> mehr), zum anderen fanden nicht mehr alle Kinder ein Auskommen auf dem Land der Eltern. Daher breiteten sich die Bauern in Gebiete aus, in denen vorher Jäger und Sammler lebten. Diese haben sich wohl manchmal gewehrt, manchmal vermischten sich die Gruppen auch und übernahmen (wenigstens teilweise) die Anbautechniken der Neuankömmlinge (oder entwickelten selber welche). Diese Bevölkerungsströme kann man heute mit genetischen, archäologischen und linguistischen Analysen nachweisen, die jeweils unterschiedliche Aspekte erhellen. Sprachen breiten sich meistens mit den Sprechern aus, so dass die heutige Verbreitung von Sprachfamilien, die in den Ursprungsgebieten der Landwirtschaft entstanden sind, die Wanderung von Menschen anzeigt. (Spätere geschichtliche Ereignisse konnten dieses Bild nicht auslöschen, da nur langfristige Kolonialisierungsprozesse die Sprache einer Region dauerhaft verändern; antike oder mittelalterliche Reiche schafften dies nicht - erst nach dem 15. Jahrhundert sorgte die Kolonialisierung der “neuen Welt” für eine Ausbreitung der englische und spanischen Sprache.) Archäologische Funde zeigen, wann diese Wanderungen stattfanden (etwa anhand der Verbreitung gleichartiger Keramikarten); genetische Analysen zeigen, wie die jeweiligen Bevölkerungsgruppen sich vermischt haben. So können die Wissenschaftler heute eine Geschichte nachvollziehen, in deren Verlauf die Landwirtschaft den größten Teil der nutzbaren Landoberfläche eroberte. Diese Ausbreitung zog sich aber über Jahrtausende hin - im Grunde bis heute: Zwar machen Jäger und Sammler nur einen verschwindend kleinen Anteil der Weltbevölkerung aus, ganz verschwunden sind sie aber bis heute nicht (>> mehr).

 

Die Landwirtschaft - eine Revolution?

Die Bevölkerungszunahme, die die Landwirtschaft ermöglichen sollte, bedeutete auch, dass der Anteil des Menschen an den Energie- und Stoffflüssen des Ökosystems Erde um etwa einen Faktor 100 größer wurde und dass die vom Menschen verursachten Veränderungen der Umwelt dadurch ganz neue Dimensionen annehmen sollten (>> mehr). Sie sollte aber auch das Leben der Menschen verändern, die Grundlage für die ersten großen Kulturen der Weltgeschichte legen (>> mehr) und damit Entdeckungen und Erfindungen auslösen, die die Industrielle Revolution erst möglich machten.

Wegen dieser Bedeutung für den Menschen wurde die Erfindung der Landwirtschaft auch als „Neolithische Revolution“ bezeichnet; ein 1936 von dem australisch-britischen Archäologen V.G. Childe in Anlehnung an die „Industrielle Revolution“ geprägter Begriff. Er ist umstritten, da die Änderungen weder zielgerichtet waren noch eine schnelle Umwälzung; Revolutionäre gab es nicht - und was ist eine Revolution ohne Revolutionäre? Aber die Anhänger des Begriffs mögen ihn, da die Auswirkungen revolutionär waren: Sie veränderten die Welt des Menschen (siehe folgendes Kapitel) und die menschliche Geschichte (siehe >> Die Folgen der Landwirtschaft).

Die Landwirtschaft domestiziert den Menschen

Je größer die Rolle der Gärten für die Ernährung der Menschen wurde, desto mehr „förderten“ diese die Sesshaftigkeit: Kulturpflanzen waren der natürlichen Selektion entzogen, sie mussten nun vor Konkurrenten, den „Unkräutern“, geschützt werden. Und nicht nur vor „Unkräutern“, sondern auch vor Tieren, die von dem reichen Nahrungsangebot angelockt wurden. Gärten und Felder mussten betreut werden, die Menschen in der Nähe der Felder bleiben. Also mussten die Ackerbauern die herumziehende Lebensweise der Jäger und Sammler aufgeben; wer noch nicht sesshaft war, musste es werden. Auch dies war zunächst relativ – in vielen Regionen begann der Ackerbau als Wanderfeldbau, wie er noch heute in den Tropen zu finden ist: Sank nach einigen Jahren Ackerbau die Fruchtbarkeit des Bodens, wurde ein neues Stück Land bewirtschaftet, und die Siedlung dorthin verlagert. Seit der Mensch gelernt hatte, geschärfte Steine mit einem Holzstiel zu verbinden, standen ihm Axt und Hacke zur Verfügung; mit der Axt konnte der Ackerbau auch auf zuvor bewaldete Flächen ausgedehnt werden. Das Holz wurde als Bau- und Brennholz genutzt, aber ein Teil wurde auch angezündet, um durch die Asche den Boden mit Mineralstoffen zu versorgen. Diese wurden aber schnell ausgewaschen, der Boden verlor seine Fruchtbarkeit, und ein neues Stück Wald wurde gerodet. Mit zunehmenden Kenntnissen und wachsender Bevölkerungsdichte endete diese Praxis aber, (Ausnahmen bestätigen die Regel: Wo die Böden ausgelaugt waren und keine Fläche für neue Felder zu Verfügung stand, sind Bauern wieder zu Nomaden geworden sein. Auch Nomaden spielten und spielen eine Rolle in der menschlichen Geschichte (>> mehr), aber überwiegend hat sich die Sesshaftigkeit durchgesetzt.)

Die Landwirtschaft ist mit Ackerbau und Viehzucht sogar zu einem Faktor der menschlichen Evolution geworden; vor allem das geänderte Nahrungsangebot hat sich als selektiver Faktor erwiesen: Beim Menschen haben sich beispielsweise die Gene für Amylase vervielfältigt und eine Lactosetoleranz entwickelt. Amylase ist ein Protein, das Stärke spaltet; die vervielfältigten Gene bedeuten eine höhere Amylase-Konzentration in den Zellen und damit eine bessere Nutzbarkeit von Getreide. Lactosetoleranz bedeutet, dass bei Völkern, die wie viele europäische, indische und afrikanische Völker eine Vergangenheit mit Weidewirtschaft aufweisen, auch Erwachsene den Milchzucker Lactose verwerten können. Bei anderen Völkern, etwa Chinesen und Japanern, können dies nur Kleinkinder - das dafür notwendige Enzym wird wie bei den meisten Säugetieren nach der Entwöhnung von der Muttermilch abgeschaltet. Bei Erwachsenen ohne Lactosetoleranz erzeugt Frischmilch Übelkeit, Durchfall und Erbrechen, bei den Weidevölkern gilt Lactoseunverträglichkeit mittlerweise als Krankheit.

Mit der Landwirtschaft begann
das
Zeitalter der Arbeit

Die Auswirkungen der Landwirtschaft auf das Selbstverständnis des Menschen sind tiefgreifend: Aus dem frei schweifenden Jäger, der von einem lebenden Kosmos ernährt wurde, wurde ein Mensch, der sich “im Schweiße seines Angesichts” seine Nahrung erarbeiten musste; ein Mensch, der sich von der Aussaat bis zur Ernte um seine Pflanzen sorgen musste (für den aber auch das Land, auf dem seine Pflanzen wuchsen, zur “Heimat” wurde, die er erbittert verteidigte); ein Mensch, der immer öfter in Gemeinschaftsprojekte etwa zur Bewässerung (>> mehr) eingebunden wurde; ein Mensch, der nun die Möglichkeit hatte, Besitz und Reichtümer anzuhäufen. Ein Mensch auch, der seine Kinder nicht mehr mitnehmen musste, um wandernden Tierherden zu folgen; sondern der viele Kinder brauchte, um seine Felder zu bestellen und seine Armeen mit Soldaten zu versehen (>> mehr) - Soldaten, die er brauchte, um seine Reichtümer zu verteidigen und neue zu erobern. Wenn wir heute glauben, dass das Leben von Bauern und Stadtbewohnern sich grundsätzlich unterscheidet - der Unterschied zwischen Jägern und Bauern dürfte noch viel größer gewesen sein.

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© Jürgen Paeger 2006 - 2010

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Die Landwirtschaft wurde eigentlich lange vor dem Menschen erfunden: Blatt- schneiderameisen etwa legen unterirdische Pilzgärten an; die von den Ameisen in Stücke geschnitten Blätter dienen dazu, die Pilze zu füttern, die dann von den Ameisen abgefressen werden. Die Pilze können ohne Ameisen nicht über- leben, sind also domestizierte Arten. Auch Termiten halten Pilze, die sie mit zerkautem Holz füttern. Blattschneiderameisen und Termiten haben auch “Städte” erfunden (die dort Nester heißen). Auch die Tierhaltung kommt bei Ameisen vor: Mehrere Arten halten Blattläuse, deren zuckerhaltige Ausscheidungen sie fressen. Dafür schützen sie die Blattläuse vor Feinden.

Gräser und Weidetiere sind ein Beispiel für Co-Evolution: Bei den Gräsern liegen die Erneuerungsorgane am oder im Boden, so dass sie von fressenden Tieren nicht geschädigt werden; Weidetiere beherbergen in ihrem Verdauungstrakt Mikroorganismen, die schwer zugängliche Nährstoffe der Gräser nutzbar machen. (Die am Boden liegenden Erneuerungsorgane der Gräser sind auch der Grund, warum Gräser Rasenmäher überleben.)

Wie schnell mit heutigem Wissen zahme Tiere gezüchtet werden können, schildert >> Richard Dawkins am Beispiel von Silberfüchsen: Bereits nach 20 Jahren suchen diese den Menschen und wedeln bei der Annährerung mit dem Schwanz.

Schafe und Ziegen waren nicht die ersten domestizierten Tiere - vor ihnen hatte der Mensch den Wolf zum Haushund gemacht:
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Dieser war jedoch nicht zum Verzehr gedacht, sondern hat sich wohl als Helfer bei der Jagd bewährt. Mit der Haltung weiterer Tiere begann die Züchtung besonderer Rassen: Neben Jagdhunden wurden jetzt auch Hirtenhunde gezüchtet.