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Der Mensch
Der moderne Mensch - Homo sapiens
Auch der moderne Mensch entstand in Afrika, vor etwa 200.000 Jahren. Im Laufe der Zeit eroberte er den ganzen Kontinent, besiedelte vor 100.000 Jahren den Nahen Osten und vor spätestens 50.000 Jahren den Rest der Welt. Vor 14.000 Jahren waren alle Kontinente außer der Antarktis besiedelt, darauf folgte die Besiedlung der ozeanischen Inselwelt, die vor 800 Jahren mit der Besiedelung Neuseelands abgeschlossen war. Seither prägt der Mensch der Erde seinen Stempel auf.
 Felsenmalerei aus Lascaux: Bereits der Cro-Magnon-Mensch in der späten Steinzeit schuf erste kulturelle Zentren. Abb.: >> wikipedia commons, abgerufen 5.8.2008, gemeinfrei.
Die 1868 in den Felsen von Cro Magnon gefundenen Skelette (>> mehr) waren die ersten, die richtig als Skelette vorhistorischer, moderner Menschen erkannt wurden. Ihr Alter wurde später mit 25.000 Jahren bestimmt. Oft werden die Funde des modernen Menschen aus der eurasischen Steinzeit seither als Cro-Magnon-Menschen bezeichnet. (Es gab frühere Funde, etwa die Grabungen von Reverend William Buckland, Präsident der Geologischen Gesellschaft von London, in den 1820er Jahren bei Paviland durchgeführt hatte: Er fand eine Frau mit Mammutelfenbein, die “Red Lady of Paviland”. Da er aber nicht glauben konnte, dass die Frau zeitgleich mit den Mammuts gelebt hatte, erklärte er, walisische Stammesangehörige haben sie dort gegraben, dabei das Elfenbein gefunden, geschnitzt und ins Grab gelegt. Spätere Untersuchungen zeigten aber, dass dieses Skelett über 25.000 Jahre alt war.) Im Laufe der Zeit kamen zahlreiche weitere Funde aus der ganzen Welt hinzu; die ältesten Funde stammten aus Afrika: 160.000 Jahre alt ist ein Fund aus Herto (Afar-Region, Äthiopien), weitere Funde gibt es aus Laetoli und vom Turkana-See sowie aus Südafrika. Der große zeitliche Abstand der afrikanischen Funde zu denen aus dem Rest der Welt legt nahe, dass der moderne Mensch, Homo sapiens, wie schon Homo erectus in Afrika entstanden ist.
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Was wurde aus dem asiatischen Homo erectus?
Für die Anhänger eines multiregionalen Übergangs (siehe folgenden Abschnitt) ist Homo erectus der Vorläufer der modernen Asiaten. Eine neue Untersuchung an 12.000 Südasiaten zeigte aber, dass diese alle einen 50.000 Jahre alten afrikanischen Ursprung haben - ein weiteres Ergebnis, das gegen einen multiregionalen Übergang spricht. Die jüngsten Spuren von Homo erectus aus China sind 100.000 Jahre alt - nach Ansicht der meisten Anthropologen ist diese Art danach ausgestorben, möglicherweise aufgrund einer Eiszeit, die auch Homo sapiens an den Rand des Aussterbens brachte (auch hierzu mehr im folgenden Abschnitt). In Indonesien entwickelte sich Homo erectus möglicherweise zu anderen, heute ebenfalls ausgestorbenen Arten weiter (>> mehr).
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Der moderne Mensch ist in Afrika entstanden
Zwar hat auch die Theorie eines multiregionalen Übergangs nach wie vor Anhänger, nach der sich der moderne Mensch in verschiedenen Regionen der Welt unabhängig voneinander entwickelt hat. (Diese lag manchem frühen Erforscher der Erde - meist begüterten weißen Männern - nahe, die an eine angeborene Überlegenheit ihrer eigenen “Rasse” glaubten. Heute finden sich Anhänger vor allem in Asien: Sie soll verschiedene asiatische Besonderheiten begründen, wie etwa die durch eine muldenförmige Vertiefung an der Rückseite schaufelförmigen Schneidezähne.) Aber nicht nur die Fossilienfunde, sondern weitere Indizien stützen eindeutig die alternative „Out-of-Africa“-Theorie, die Theorie eines afrikanischen Ursprungs des modernen Menschen. Ursprünglich war diese von Linguisten entwickelt worden: Der amerikanische Linguist und Ethnologe Joseph Greenberg hatte die San, eine heute noch in Botswana und Namibia lebende Sammler- und Jägergesellschaft (früher als „Buschmänner“ bezeichnet), anhand Ihrer Sprache mit Klicklauten zu einer der ältesten Gruppen der Welt gezählt. Heute werden vor allem genetische Merkmale herangezogen, um die Ursprung des Menschen aufzuklären, ähnlich den molekularen Uhren werden hier genetische Veränderungen genutzt, um Verwandtschaften aufzuklären: Je länger Populationen voneinander getrennt sind, desto größer sollten die genetischen Unterschiede sein. Und Untersuchungen zeigen, dass sie tatsächlich in Afrika am größten sind, und dort bei den San: Hier können die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen in zwei 30 Kilometer voneinander entfernten Dörfern größer sein als zwischen denen zweier europäischer Länder! Als später ein Teil der Bevölkerung auszog, die Welt zu erobern, begann sie dieses Abenteuer mit nur einem Teil der genetischen Vielfalt. Dafür können später neue Veränderungen auftreten, die nur in dem Teil der Welt zu finden sind, der nach dem Auftreten des neuen Merkmals besiedelt wurde. Besonders hilfreich sind die Untersuchung der Mitochondrien-DNS und des Y-Chromosomens: Beide werden bei den Nachkommen nicht aus der DNS von Mutter und Vater neu zusammengestellt, sondern unverändert von der Mutter beziehungsweise dem Vater übernommen. Auf diese Weise können die Genetiker inzwischen die Besiedelung der Erde durch den modernen Menschen anhand genetischer Merkmale skizzieren.
Mit der molekularen Uhr konnten die Ergebnisse genutzt werden, um abzuschätzen, wann Homo sapiens entstanden ist: Dies war wohl vor etwa 200.000 Jahren. Die ältesten eindeutigen Fossilien des modernen Menschen wurden 1997 bei aus Herto in der Afar-Senke in Äthiopien von dem amerikansichen Paläoanthropologen Tim White und seinem Team gefunden; sie sind 160.000 Jahre alt (bei Omo Kibish wurde ein 195.000 Jahre altes Teilskelett gefunden, dessen Zuordnung jedoch umstritten ist). Ein 150.000 Jahre alter Schädel wurde in Jebel Irhoud in Marokko gefunden. Vor 100.000 Jahren lebten also mindestens drei Menschenarten auf der Erde: Homo sapiens in Afrika, Homo neanderthalensis in Europa und Homo erectus in Asien. Überlebt hat alleine Homo sapiens.
Unsere afrikanische Vergangenheit
Über die ersten 100.000 Jahre, also über die erste Hälfte der Geschichte des modernen Menschen Homo sapiens, gibt es nur wenige Erkenntnisse. Diese erste Hälfte spielte sich in Afrika ab. Die San oder ihre Vorläufer besiedelten damals große Teile des afrikanischen Kontinents. Sie entwickelten neue Steinwerkzeuge (Mikrolithen - kleine Klingen, die wohl für Pfeile verwendet wurden), erste Knochenwerkzeuge und die Fischerei. Die Temperaturschwankungen der >> Eiszeiten hatten einen erheblichen Einfluss auf die Bevölkerung: Warmzeiten brachten in Afrika warmes, feuchtes Wetter, bei dem selbst die Sahara voller Tiere war. Eine Eiszeit bedeutete in Afrika trockenes Wetter; die Tiere müssen nach Süden in die tropischen Regionen wandern, um genug Futter zu finden (und die Menschen mussten ihnen folgen). Während der warmen Phase vor 125.000 Jahren nahm die Zahl der Menschen zu: sie wird auf bis zu eine Million geschätzt. Die danach beginnende Abkühlung führte in Afrika vermutlich zu zunehmender Trockenheit; anderseits ermöglichte der gesunkene Meeresspiegel den Menschen eine Wanderung um die Nordspitze des Roten Meeres oder mit Booten über die wenigen Kilometer des südlichen Roten Meeres: Vor 100.000 Jahren verließ der moderne Mensch erstmals Afrika. Eine Gruppe gelangte nach Israel, dort wurden Funde bei Qafzeh bei Nazareth und Skhul am Karmelgebirge gemacht. Sie gelangte aber wohl nie weiter und starb vor 90.000 Jahren aus.
Abkühlung und Trockenheit nahmen bis vor 70.000 Jahren weiter zu. Vor 74.000 Jahren brach zudem auf der indonesischen Insel Sumatra der Vulkan Toba aus, dessen Staubwolken den Himmel verdunkelten und möglicherweise auf der ganzen Erde zu einem “Vulkanwinter” führten. Die Zahl der Menschen nahm ab - vielleicht sogar stark: Es gibt genetische Anzeichen dafür, dass die Bevölkerungszahl damals auf nur etwa 10.000 Menschen zurückging, Homo sapiens also möglicherweise kurz vor dem Aussterben stand. Im Nachhinein mag dieses dem Menschen sogar geholfen haben, denn in den kleinen überlebenden Populationen nimmt (aufgrund der genetischen Drift) die genetische Vielfalt rasch zu, die Menschheit mag noch einmal einen Sprung gemacht haben. Oder war dieser kulturell bedingt? - Während die Menschen in guten Zeit vermutlich ihr Sozialleben pflegten (>> hier), wurden schlechte Zeiten oftmals Zeiten intensiver Neuerungen (“Not macht erfinderisch”). Wieder andere Anthropologen glauben, dass die jetzt einsetzende Entwicklung das Ergebnis einer lang andauernden Entwicklung der menschlichen Sprache (>> mehr) war.
Ein großer Sprung nach vorne
Wie auch immer: Jetzt tauchten erstmals in der Menschheitsgeschichte Grabstöcke, Mühlsteine, Fischerei, Werkzeuge aus Knochen (etwa Knochennadeln mit Ösen und Bohrer), Nutzung von Farbpigmenten und schließlich Felszeichnungen, Perlenketten, elfenbeinerne Anhänger mit Tiermotiven und Musikinstrumente (Flöten aus Knochen) auf - nicht nur feinere Werkzeuge also, sondern es gab auf einmal Malerei, figürliche Darstellungen und Musik. Zu den ältesten Fundstellen gehört die Blombos-Höhle in Südafrika, die seit 1991 ausgegraben wird. Hier wurden unter anderem über 70.000 Jahre alte Knochenwerkzeuge, Perlen und Ockerpigmente und Mahlsteine gefunden. Diese ersten Belege für modernes, geplantes und abstraktes (künstlerisches) Denken des modernen Menschen zeigen eine kulturelle Entwicklung, die viele Anthropologen als “großen Sprung nach vorne” (engl.: great leap forward) in der Menschheitsgeschichte bewerten: Der Mensch war nicht mehr nur anatomisch dem heutigen Menschen ähnlich, sondern jetzt auch kulturell. Die Sprache (>> mehr) war spätestens jetzt voll entwickelt; und Fortschritte in der Werkzeugbearbeitung leiten zur Jungsteinzeit über. Im südlichen Afrika wurden spätestens in dieser Zeit Speere verwendet; die Jagdfähigkeiten hatten sich damit erheblich verbessert - dies ist an den Knochen der erlegten Tiere abzulesen. Mit den besseren Jagdtechniken wird sogar das Aussterben großer Tierarten in Verbindung gebracht (siehe auch >> hier). Spätestens zu dieser Zeit konnte der Mensch auch Feuer selbst entzünden (die Technik ist ähnlich der des Bohrens).
Der moderne Mensch erobert die Erde
Vor 75.000 Jahren wurde das Klima zwischenzeitlich wieder etwas wärmer und in Ostafrika wieder feuchter, gleichzeitig ist es zu einem Anstieg der Bevölkerung gekommen. Ob dieser durch das Klima oder auch durch den “großen Sprung nach vorne” bedingt war, ist umstritten - dieser könnte auch eine Folge des Bevölkerungswachstums sein. Wie auch immer: In dieser Zeit erschloss sich der Mensch neue Lebensräume in Afrika; und in diese Zeit fällt auch die zweite erfolgreiche Auswanderungswelle des Menschen aus Afrika.
Sie begann vor 70.000 bis 50.000 Jahren und führte über das in einer Eiszeit ausgetrocknete Rote Meer und entlang der Südküste der arabischen Halbinsel und Asiens bis nach Australien und Neuguinea (siehe Abbildung).
Ausbreitung des modernen Menschen (Homo sapiens) über die Welt. Die Farben und Zahlen geben den Zeitraum der Ausbreitung an, die Zahlen bedeuten Jahre vor unserer Zeit. (Die Karte stellt die heutige Verteilung der Landmassen und der Meere dar; zur Zeit der Wanderungen war diese anders, so bestand eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska.) Die Karte basiert auf Daten von Spencer Wells, >> Literatur.
Waren die Menschen von Neugier getrieben? Oder sind sie Menschen einfach wanderndem Jagdwild gefolgt, und jedes Jahr etwas weiter nach Osten gelangt? Wir wissen es nicht. Aber sie machten auf ihrer Reise Begegnungen, die heute nicht mehr möglich wären: So dürften sie - etwa in Indonesien (>> Die Menschen von Flores) - auf Menschen der Art Homo erectus gestoßen sein; was dabei passiert ist, weiß niemand. Die Ausbreitung jedenfalls ging wohl eher langsam voran; aber auch jede Generation ein paar Kilometer summierten sich über die Jahrtausende: Australien und Neuguinea, zu dieser Zeit zu einem einzigen Kontinent verbunden, wurden nach den molekularen Uhren vor 60.000 bis 50.000 Jahren besiedelt. Der älteste bekannte Fund, “Mungo Man” aus dem Mungo National Park in New South Wales, ist 40.000 Jahre alt. Auch wenn die Südküste Asiens damals gut 1.600 Kilometer weiter östlich lag, mussten die Menschen auf dem Weg nach Australien mindestens acht Meeresarme von bis zu 80 km Breite überqueren – die Besiedlung Australiens und Neuguineas erforderte also Boote. Damit gelangte der Mensch erstmals über die zusammenhängende Landmasse Afrika - Eurasien hinaus auf einen neuen Kontinent. Den nächsten Hinweis auf die Nutzung von Booten finden wir erst 30.000 Jahre später im Mittelmeerraum. Da auch die Salomonen östlich von Neuguinea besiedelt wurden, war die Besiedelung offenbar kein Zufallsereignis: Die Menschen im australischen Raum waren bereits geübt im Umgang mit Booten – vermutlich hochseetüchtigen Bambusflößen, wie sie noch heute an den Küsten Südchinas benutzt werden. (Einfach war die Überfahrt aber offenbar auch nicht, denn Australien und Neuguinea sollten sich weitgehend isoliert vom asiatischen Festland entwickeln, bis gegen 1.600 v. Chr. austronesische Seefahrer im Zuge der Besiedelung der pazifischen Inselwelt (>> mehr) auch Neuguinea und Australien erreichten.)
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Die Menschen von Flores
Im Jahr 2003 ging der Fund einer kleinwüchsigen Menschenart auf der indonesischen Insel Flores durch die Presse: Nur einen Meter groß, lebte Homo floresiensis noch vor 18.000 Jahren auf der Insel. Falls es sich bei dem Zwergenwuchs nicht um eine krankhafte Veränderung handelt, könnte diese Art aus Homo erectus entstanden sein; aufgrund einer isolierten Entwicklung auf der Insel wäre es zum Zwergwuchs gekommen, wie er auf Inseln gelegentlich vorkommt - auf Flores wurden auch ungewöhnlich kleine Elefanten gefunden. Ob krankhafte Veränderung oder eigene Art die richtige Diagnose ist, darüber streitet die Wissenschaft noch.
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Eine zweite Wanderungswelle von Homo sapiens startete vor 45.000 Jahren. Diesmal waren die Küstengebiete bereits besiedelt, sie führte daher in den Nahen Osten. Von hier gingen in den nächsten 15.000 Jahren drei weitere Wanderungsbewegungen aus: eine nach Indien, eine nach Ostasien (von der die Chinesen und andere asiatische Völker abstammen) und eine nach Zentralasien, ins heutige Kasachstan. Diese letzte Gruppe besiedelte (in zwei Wellen, vor 40.000 und vor 22.000 Jahren) Westeuropa, auch das Gebiet des heutigen Deutschland – die ältesten Funde hier kommen aus der Schwäbischen Alb; unter anderem wurde dort ein Löwenmensch aus Mammut-Elfenbein gefunden, der 35.000 Jahre alt ist.
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Das Ende der Neandertaler
Als der moderne Mensch vor 45.000 Jahren im Nahen Osten in das Gebiet gelangte, das von Neandertalern besiedelt wurde, begann deren Niedergang. Wo immer der moderne Mensch ankam, verschwanden nach ein paar Tausend Jahren die Neandertaler; das jüngste bisher gefundene Vorkommen liegt in Gibraltar und ist 28.000 Jahre alt. Genetische Analysen zeigen aber, dass der moderne Menschen und der Neandertaler einige - wenige - Gene gemeinsam haben, also noch in unseren Genen steckt. Abgesehen davon: War das Aussterben des Neandertalers und die Ankunft des modernen Menschen ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen oder verdrängte der moderne Mensch die Neandertaler?
Dass der moderne, in den Tropen entstandene Homo sapiens im eiszeitlichen Eurasien dem an Kälte angepassten Neandertaler verdrängt haben soll, scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich plausibel. Aber Untersuchungen zeigen einen entscheidenden biologischen Unterschied: Neandertaler wurden wesentlich jünger geschlechtsreif - was bedeutet, dass junge Neandertaler weniger Zeit für ihre Entwicklung und fürs Lernen von älteren Gruppenmitgliedern hatten. Dieser Unterschied, so vermuten viele Forscher, könnte dazu geführt haben, dass der moderne Mensch vielleicht biologisch unter-, aber kulturell überlegen war: Er entwickelte wirksamere Waffen und Jagdtechniken (siehe folgender Abschnitt), und eine erste Arbeitsteilung: Während bei den Neandertalern Männer und Frauen Großtiere jagten, blieb dies beim modernen Menschen den Männern vorbehalten - wodurch Frauen und Kinder nicht den Risiken der Jagd ausgesetzt waren. Dass der moderne Mensch dem Neandertaler überlegen war, wird auch daran erkennbar, dass er ein Gebiet weit über die Verbreitung des Neandertalers hinaus besiedelte.
Bleibt noch die Frage, ob Homo sapiens den Neandertaler “nur” verdrängte oder direkt bekämpfte? Die Antwort ist umstritten, aber dass das Aussterben der Neandertaler ein paar Tausend Jahre brauchte, spricht eher dafür, dass sie in weniger lohnende Regionen abgedrängt wurden. Die muskulöseren Neandertaler brauchten aber mit über 4.000 kcal pro Tag etwa doppelt soviel Nahrungsenergie wie ein moderner Mensch - möglicherweise war diese in schlechten Zeiten dort einfach nicht zu finden, was dann langfristig zum Aussterben führte. Angesichts der Erfahrungen mit dem Zusammentreffen von Menschengruppen etwa während des Kolonialismus ist es aber nicht verwunderlich, dass moderne Menschen und Neandertaler auch miteinander Nachkommen zeugten - und so sind uns wenigstens einige gemeinsame Gene geblieben.
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Die Erfindung immer wirksamerer Waffen und immer feinerer Werkzeuge ging weiter. Eine der wichtigsten Entwicklungen war die Nadel: Sie ermöglichte die Herstellung von genähter, eng anliegender Kleidung und warmer Unterkünfte aus Tierfellen. Dies war auch nötig: Homo sapiens besiedelte Europa genau zu letzten Eiszeit; und als an die Tropen angepasste Lebewesen (unsere “Neutraltemperatur”, bei der die Wärmeerzeugung durch den Grundumsatz des Stoffwechsels die Wärmeverluste genau ausgleicht, beträgt 27 °C) hatte er ohne diese und ohne Feuer nicht überleben können. So aber konnte er im eiszeitlichen Eurasien auch sehr kalte Regionen besiedeln, die sogar den Neandertalern verschlossen blieben. Besonders unwirtlich war das östliche Sibirien; hier sind wohl nur in warmen Jahren Gruppen von Jägern aufgetaucht. Als aber vor etwa 15.000 Jahren eine erste wärmere Phase das Ende der Eiszeit einläutete, entstanden auch nordöstlich des Baikalsees erste Siedlungen. (Ältere Angaben in der Literatur konnten mit modernen Datierungsmethoden nicht bestätigt werden.) Mit der Erwärmung zogen die Weidetiere immer weiter nach Osten, und ihnen folgten die Jäger. Da in den riesigen Eisdecken viel Wasser gebunden lag, lag der Meeresspiegel während der Eiszeiten viel niedriger als heute, und wo heute die Beringstraße liegt, gab es eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska: Ohne es zu bemerken, erreichten die Jäger Amerika. Die Besiedelung Amerikas fand wohl bald nach der Besiedelung Ostsibiriens statt; die ältesten Funde aus Alaska sind knapp 14.000 Jahre alt. (Auch in Amerika gibt es angeblich ältere Funde, so sollen Felszeichnungen im brasilianischen Pedra Furada 35.000 Jahre alt sein. Aber weder sind die gefundenen Steinwerkzeuge eindeutig vom Menschen gemacht, noch wurde das Alter der Pigmente bestimmt, sondern der Asche am Fundort, die aber ebenso gut von Waldbränden stammen könnte.)
Nordamerika war östlich von Alaska wie das nördliche Europa zu weiten Teilen von Eis bedeckt, aber vor 14.000 Jahren bildete sich in der warmen Phase vermutlich ein eisfreier Korridor zwischen der Eisdecke auf dem Küstengebirge und der des nordöstlichen Amerikas; und auf diesem Korridor sind die Menschen von Alaska aus wohl zu den Prärien Nordamerikas gelangt (eine alternative Theorie vermutet, dass sie mit Booten entlang der Küste gefahren seien). Für die 1.500 Kilometer haben sie offenbar nur wenige Generationen gebraucht; die ältesten Funde südlich des Eises sind nur wenig jünger als 14.000 Jahre. Dort fanden die Einwanderer eine reiche Tierwelt vor; in den Prärien weideten Mastodonten (eine ursprüngliche Elefantenart), Elefanten, riesige Gürteltiere, Säbelzahntiger, Pferde und Kamele. Und es gab keine ernsthaften Hindernisse mehr auf dem Weg nach Süden: Ab 11.000 v. Chr. gibt es zahlreiche Funde der Clovis-Kultur (nach dem ersten Fundort, Clovis im US-Bundesstaat New Mexico) mit charakteristischen steinernen Speerspitzen über ganz Nordamerika, und bald darauf finden sich Spuren des Menschen auch in Amazonien und in Patagonien. Innerhalb von 1.000 Jahren hatten die Einwanderer also die Südspitze Südamerikas erreicht, und sie hatten sich dabei auf einige Millionen vermehrt. Damit waren alle Kontinente vom Menschen besiedelt; außer der eisbedeckten Antarktis, die erst im 20. Jahrhundert mit hochentwickelten technischen Hilfsmitteln besiedelt werden konnte. (In Amerika folgten später noch mindestens zwei weitere Einwanderungswellen: Eine vor 9000 Jahren, bei der die Vorfahren der Na-Dené Indianer, zu denen die Haida, Apachen und Navajos gehören, ebenfalls von Nordasien aus nach Amerika gelangten; und eine vor 5.000 Jahren, bei der die Aleuten und Inuit (“Eskimos”) den Norden Amerikas besiedelten.)
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Das Leben in der Steinzeit
Wie das Leben der Menschen in der Steinzeit wirklich gewesen ist, ist bis heute umstritten. Für die einen war es ein hartes, brutales, kurzes Leben (Thomas Hobbes im “Leviathan”). Herausgefordert wurde diese Sicht im Jahr 1972 von dem amerikanischen Anthropologen Marshall Sahlins, der Steinzeitgesellschaften als die “ursprünglich reichen Gesellschaften” beschrieb: Die Menschen hatten alles, was sie wollten - weil sie nichts wollten, was sie nicht hatten. Besitz war für Nomaden nicht erstrebenswert; und Nahrung war unter normalen Umständen nicht schwierig zu finden. Tatsächlich zeigten moderne Untersuchungen, dass viele Naturvölker für die Nahrungssuche und -zubereitung höchstens vier bis fünf Stunden am Tag brauchen. Andere kamen aber zu dem Ergebnis, dass die Nahrung in schlechten Jahren nicht immer ausreichend war. Wahrscheinlich haben beide Seiten recht - je nach Region und nach klimatischen Verhältnissen konnte das Leben der Jäger und Sammler mal leicht, mal aber auch überaus hart sein. Mit der Verbreitung des Menschen über die ganze Welt und fast alle Klimazonen bildeten sich auch unterschiedliche Kulturen aus, die Grundlage der kulturellen Vielfalt der Menschheit (>> mehr).
In guten Zeiten hatten die Jäger und Sammler relativ viel “Freizeit”, die sie in Verbänden von bis zu 150 Mitgliedern verbrachten. Gelegentlich hatten diese Kontakt mit anderen Verbänden, dabei wurden Geschenke und Informationen (und wohl auch Gruppenmitglieder) ausgetauscht; damit wurden vor allem soziale Beziehungen gepflegt. (Möglicherweise erstreckten sich diese Beziehungen auch in die nicht-menschliche Welt - dies war dann die Aufgabe des Schamanen; siehe >> hier.) Der Austausch konnte auch über große Entfernungen gehen; dies wird etwa aus den Venusfiguren geschlossen, die vor 20.000 Jahren von den Pyrenäen bis an den Don verbreitet waren. Auch in Australien ist der Handel von Ocker aus der Mine von Wilgie Mia quer über den Kontinent belegt; und ebenso spricht die schnelle Verbreitung neuer Waffen für einen bedeutenden Austausch zwischen den einzelnen Gruppen. Gelegentlich - und viele Anthropologen vermuten: vor allem in schlechten Zeiten - versagte die soziale Kontaktpflege aber auch: Durch Axthiebe verursachte Knochenverletzungen bei Steinzeitmenschen zeigen, dass es unter ihnen auch gewalttätige Auseinandersetzungen gab.
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Mit der Besiedelung Amerikas am Ende der Eiszeiten hatte der Mensch den letzten der damals bewohnbaren Kontinente erschlossen. Gerade noch rechtzeitig, denn mit dem Ende der Eiszeiten stieg der Meeresspiegel an und trennte Sibirien und Alaska wieder; ebenso Australien, Neuguinea und Tasmanien sowie Japan von Korea. Aus der einen Welt, die der Mensch besiedeln konnten, wurden wieder drei durch Meere voneinander getrennte Bereiche (Afrika und Eurasien, Amerika, Australien), zwischen denen - wenn überhaupt - kaum Kontakt bestand. Mit dem Ende der Eiszeiten dehnten sich aber auf allen Kontinenten die bewohnbaren Flächen aus, und die Zahl der Menschen nahm zu:
Vor etwa 10.000 Jahren haben geschätzt vier bis acht Millionen Menschen auf der Erde gelebt.
Aber die Erde war noch nicht vollständig besiedelt: Es folgte noch die Besiedelung der mediterranen und der ozeanischen Inselwelt. Die Mittelmeerinseln von Kreta bis Sardinien wurden zwischen 8.500 und 4.000 v. Chr. besiedelt; die Karibik-Inseln ab 4.000 v. Chr. Die Arktis wurde (vermutlich von nordamerikanischen Indianern als Vorläufern der heutigen Inuit) um 2.000 v. Chr. besiedelt.
Die letzte große Barriere für den Menschen waren die Ozeane: Die Besiedelung der pazifischen Inselwelt (Polynesien, Mikronesien und Neuseeland) begann vor 4.000 Jahren mit der Überfahrt vom heutigen China nach Taiwan - dies war der Beginn der spektakulärsten Siedlungswelle über die Weltmeere. Lange Zeit hatten die Historiker geglaubt, sie sei eher zufällig erfolgt, als Fischer vom Kurs abkamen. Heute glaubt man, sie sei gezielt erfolgt: Zum einen erfolgte sie gegen die vorherrschende Richtung von Wind und Meeresströmungen, zum anderen hatten die Siedler Nutzpflanzen und Nutztiere dabei (im Unterschied zu den älteren Siedlungswellen waren hier nicht Jäger und Sammler unterwegs, sondern Menschen, die die Landwirtschaft kannten). Die erste Welle hat die austronesischen Seefahrer über die indonesische Inselwelt und über Australien und Neuguinea bis zu den Salomonen gebracht, wo vor etwa 3.200 Jahren eintrafen. In der nächsten Siedlungswelle erreichten Bauern und Fischer aus dem Bismarck-Archipel nordöstlich von Neuguinea und von den Salomonen aus mit hochseetüchtigen Auslegerkanus die Fidschi-Inseln, Samoa und Tonga – fast 1.500 Kilometer über offenes Meer. Diese Vorfahren der Polynesier werden nach dem Stil ihrer Keramik Lapita-Keramiker genannt. Über 1.500 Jahre später brachen sie - nun mit großen Doppelkanus versehen - wieder auf und erreichten zwischen 600 und 800 nach Christus die Cook-, Gesellschafts- und Marquesas-Inseln (und von dort aus Hawaii) und gegen 900 n. Chr. die Osterinsel: Mindestens 2.100 Kilometer über offenes Meer von der nächstgelegenen Inselgruppe, den Pitcairn-Inseln im Westen. Vermutlich von Kalimantan in Indonesien aus wurde um das Jahr 400 herum Madagaskar besiedelt - eine 5.000 Kilometer-Reise, die wohl durch den Nordost-Monsun ermöglicht wurde. Die Besiedelung von Neuseeland im Jahr 1.200 n. Chr. schloss die Besiedlung der bewohnbaren Inseln im Pazifik ab – auch diese Reise erforderte mindestens 3.200 Kilometer über offenes Meer. (Möglicherweise haben die Austronesier sogar Amerika erreicht; in Chile gefundene Hühner stammen nach genetischen Untersuchungen aus Polynesien und sind im 14. Jahrhundert in die Neue Welt gelangt.)
Den Abschluss der Besiedelung der Erde bildete zwischen 300 und 800 n. Chr. die Besiedlung zahlreicher Inseln im indischen Ozean und von Madagaskar von Indonesien aus und im neunten Jahrhundert die Besiedelung von Island. Wirklich von europäischen Eroberern entdeckt wurden daher nur einige abgelegene Inseln im Atlantik und im Indischen Ozean, wie die Azoren und die Seychellen; alle anderen Inseln und Kontinente waren bereits bevölkert. Eine lange Geschichte technischer Entwicklungen (>> mehr) ermöglichte dann im 20. Jahrhundert auch die Besiedlung der Antarktis - und im Jahr 1971 den ersten Besuch auf dem Mond.
Erste kulturelle Zentren
Der moderne „Cro-Magnon-Mensch“ war technisch wesentlich weiter entwickelt als die Neandertaler: Er nutzte Knochen, um etwa Angelhaken und Nähnadeln herzustellen; er erfand Pfeil und Bogen und so genannte Speerschleudern. Mit diesen Waffen war die Geschwindigkeit und Reichweite der Projektile größer; und das Töten großer und gefährlicher Tiere daher leichter. Auch die Grabstöcke wurden mit Steingewichten versehen, die sie tiefer in den Boden eindringen ließen. Das Klima der Eiszeiten mag für den aus den Tropen kommenden Homo sapiens noch unangenehmer gewesen sein als für die Neandertaler, bot ihm aber ebenso Beute: Die offene Graslandschaft mit vielen großen Weidetieren versprach vor allem an den Zugrouten und Wasserstellen ausreichend Beute; und an den besten Plätzen bildeten sich erste kulturelle Zentren heraus, etwa die Magdalénien in Südfrankreich und Nordspanien. Hier bauten unsere Ahnen erste dorfartige Siedlungen, die über längere Zeiträume bewohnt waren und lebten offenbar von der Jagd auf regelmäßig vorbeiziehende Herden. Dafür reichten einige Monate im Jahr aus; und in der restlichen Zeit schufen sie dort einige der bemerkenswertesten Kunstwerke der Altsteinzeit, die berühmten Bilderhöhlen von Lascaux (>> Abbildung) und Altamira.
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Jäger in der Eiszeit
In den Bilderbüchern für Kinder werden gerne Eiszeitjäger dargestellt, die speerschwingend einen Mammut umringen. Nach allem was wir wissen, hat es diese Szene nie gegeben: Zum einen wäre es für die Steinzeitjäger viel zu gefährlich gewesen, sich mit einem ausgewachsenen Mammut anzulegen; zum anderen würden ihnen eine solche Mutprobe auch gar nichts nützen - ein ausgewachsenes Mammut liefert so viel Fleisch, dass es ohne Kühlung zum großen Teil vergammeln würde. Die Auswertung der Knochen aus steinzeitlichen Fundstellen zeigt: Die Steinzeitjäger jagten vor allem Tiere mit weniger als einer Tonne Lebendgewicht - darunter auch junge Mammuts. Diese Tiere lieferten eine Fleischmenge von 400 - 500 Kilo; soviel konnte ein Familienclan vor dem Vergammeln auch nutzen (und nebenbei war es auch noch zarter). Gefährliche Tiere wurden dabei gerne aus dem Hinterhalt getötet, oder auch an Orten, wo sie etwa im tiefen Schlamm versanken und wehrlos waren. Freilich waren auch “kleine” Tiere mit fast einer Tonne Lebendgewicht gefährlich, ihre Jagd war nur in Gruppen möglich. Die Jäger versuchten, geschwächte Tiere aus den Herden zu isolieren und zu Tode zu hetzen (wobei ihnen ihre ausgezeichneten läuferischen Fähigkeiten zu Gute kamen, siehe >> oben). Mit der der Erfindung von “Distanzwaffen” wie dem Wurfspeer wurde die Jagd erheblich erleichtert. Wilde Tiere verändern aber ihr Verhalten bei Gefahr, und als Reaktion auf den Wurfspeer wurden sie scheuer. Die Menschen tarnten sich daraufhin mit Tierfellen und setzten sich Hörner oder Geweihe auf, um sie zu täuschen - so sind vermutlich die “Hirschmenschen” in steinzeitlichen Felsmalereien zu erklären. Diese Verkleidung scheint sich bewährt zu haben, denn später übernahmen die Schamanen sie für die rituelle Beschwörung des Jagdglücks.
Das erste “Haustier”: Der Hund
Bereits in der Frühzeit der Menschheit, vor 135.000 Jahren ist nach neuesten genetischen Untersuchungen der Wolf zum Haustier geworden. Die ältesten Knochenfunde, die eindeutig keinen Wolf, sondern einen Hund nachweisen, sind allerdings nur etwa 15.000 Jahre alt. Aber auch in diesem Fall ist der Hund immer noch das älteste “Haustier” des Menschen. Ob der Mensch zum Hund gekommen ist oder der Hund zum Menschen, ist umstritten: Denkbar ist sowohl, dass Wolfsrudel die Nähe menschlicher Lager gesucht haben, wo es Fleischreste und salz- und mineralienreiche Asche von verlassenen Lagerfeuern gab; als auch, dass Menschen junge Welpen gefunden und aufgezogen haben. In jedem Fall muss sich der Wolf dem Menschen als nützlich erwiesen haben, etwa indem er ihm beim Aufspüren der Beute half - und so fing das dauerhafte Zusammenleben an. Wölfe sind als Rudeltiere relativ leicht zu zähmen; sie leben von Natur aus in hierarchischen Verbänden und ordnen sich bei richtiger Behandlung dem Menschen unter. Das Zusammenleben führte schließlich beim Wolf zu genetischen Veränderungen, die beim Hund münden sollten. Wölfe wurden offenbar in Vorderasien, China und Nordamerika unabhängig voneinander zum Haustier.
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Die geistige Welt des frühen Homo sapiens lässt sich schwerer als technische Errungenschaften nachvollziehen: Wir kennen Venusfiguren, die offensichtlich die weibliche Fruchtbarkeit darstellen, und wir kennen die Höhlenbilder. Welchem Zweck dienten diese? Gab es für die Menschen schon eine Geisterwelt, die parallel zur menschlichen Welt bestand und Erfahrungen wie Träume, Leben und Tod erklären konnte? Gab es bereits so etwas wie Schamanen, die mit dieser Geisterwelt in Kontakt treten konnten, und hatten die Bilder etwas damit zu tun (wie es der Vergleich mit heutigen Jägerkulturen nahelegt)? Mit anderen Worten, gab es erste Formen der Religion? Wie auch immer, wer sich die Bilder aus den steinzeitlichen Höhlen von Lascaux oder Altamira ansieht, wird auch heute noch von ihnen berührt: Die Denkwelt des frühen Homo sapiens hatte mit der unseren offensichtlich schon einiges gemeinsam.
Auch außerhalb Europas bildeten sich erste sesshafte Kulturen: An der nordamerikanischen Pazifikküste etwa, wo die Einwohner von wandernden Lachsen und Walen lebten, in bis zu 35 Metern langen Langhäusern lebten und prachtvolle Totempfähle schnitzten; oder sogar an der arktischen Küste, wo die Ureinwohner durch den Walfang genug Nahrung für feste Siedlungen erhielten - die Anpassung an das arktische Klima ist ein beeindruckendes Zeugnis der Anpassungsfähigkeit des Menschen.
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Die kulturelle Vielfalt der Menschheit
Auch wenn es offenkundig unter den Menschen eine große Vielfalt an Merkmalen wie Hautfarbe, Gesichtszüge und anderen körperlichen Merkmalen gibt, die kulturelle (und sprachliche) Vielfalt übertrifft diese bei weitem. Sie war die Grundlage für den Erfolg der Menschheit: Die Anpassung an die verschiedensten Lebensräume. Aber die kulturelle Vielfalt der Menschheit geht zunehmend verloren. Indigene Völker - also die, die vor Eroberungen, Kolonisation oder Staatsgründungen in einem Gebiet lebten, die bekanntesten sind die Yanomani in Brasilien, die Buschleute in Afrika, die Aborigines in Australien oder die Papua-Stämme in Indonesien - werden oftmals als rückständig angesehen und an den Rand gedrängt; vor allem, wenn sie ein Gebiet besiedeln, in dem Bodenschätze liegen oder Großprojekte geplant sind.
Ähnlich wie bei der biologischen Vielfalt (siehe >> hier) liegt hierin eine große Gefahr: Die Vielfalt ist die Grundlage der Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen. Wenn etwa die fossilen Brennstoffe, auf denen die Industrielle Landwirtschaft basiert, zu Ende gehen, mögen Kenntnisse traditioneller Landbaumethoden wieder hoch aktuell werden (siehe >> hier). Oder ein anderes, aktuelles Beispiel: Vor tausenden von Jahren gelang es den Ureinwohnern des Amazonasgebietes, dort mit Hilfe von Holzkohle fruchtbare Böden herzustellen (>> mehr); heute wird diese Technik als einer der Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel diskutiert (>> hier). Hoffen wir, dass es noch ausreichend traditionellen Wissen gibt, wenn das nächste Problem auftaucht.
Organisationen zum Schutz bedrohter Völker: >> Survival International >> Gesellschaft zum Schutz bedrohter Völker
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In den Tropen, und so auch in Afrika, waren die Temperaturänderungen während der Kalt- und Warmphasen wesentlich geringer als in höheren Breiten, aber die kalten Zeiten waren trockener. In wärmeren Phasen kehrte der Regen zurück, nach einigen Hundert Jahren waren die Savannen wieder grün, und selbst die Sahara, wie Felszeichnungen aus der heutigen libyschen Sahara zeigen. In Afrika war wohl während der Eiszeiten auch der Grabstock erfunden worden, ein angespitzter, gelegentlich mit einer Steinscheibe beschwerter Stock, der beim Ausgraben von Wurzeln und Knollen half - und auch zum Setzen von Setzlingen geeignet war; er gilt daher als ein wesentlicher Vorläufer der Landwirtschaft (>> mehr) - und manchen Historiker gar als eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit. In der Umgebung der 70.000 Jahre alten Klasies River Caves in Südafrika gibt es zahlreiche Pflanzen, die ihre Reservestoffe in Zwiebeln, Knollen oder Wurzelstöcken unter der Erde speichern, und die in einem Maße genutzt wurden, das sich Paläobotaniker nur mit “Management” - etwa dem Abbrennen anderer Pflanzen - erklären können. Vor 70.000 Jahren manipulierte der Mensch also schon seine Umwelt (>> mehr).
In Westeuropa führte die warme Phase vor 15.000 Jahren dazu, dass die offenen Grasländer vom Wald verdrängt wurden; eine Entwicklung, die durch Pollenablagerungen in Sedimenten belegt ist. Damit verschwanden aber die großen Tierherden, sie folgten der Tundra-Vegetation nach Norden. Die Cro-Magnon-Jäger hatten die Wahl: Entweder sie folgten ihrer bisherigen Beute; oder sie blieben vor Ort und jagten Waldtiere wie Elch, Hirsch und Auerochse. Sie nutzten beide Möglichkeiten. Im Norden konnten sie ihre alte Lebensweise beibehalten, in den wärmeren Regionen wurde alles anders: Die Waldtiere lebten nicht in großen Herden wie zuvor die Weidetiere; und auch wenn die Erfindung von Pfeil und Bogen bei der Jagd im Wald half – die Sicherstellung von ausreichender Nahrung wurde schwieriger. Dorfartige Siedlungen, Höhlenbilder und Venusfiguren gibt es aus dieser Zeit nicht mehr. Neben der Jagd spielte pflanzliche Nahrung wieder eine größere Rolle; Wälder liefern Knollen, Pilze, Nüsse und andere Früchte. Diese hatten auch den Vorteil, dass sie gut aufbewahrt werden konnten, so dass Reserven für schlechte Zeiten angelegt werden konnten. Als die Wälder immer dichter wurden, zogen die Menschen sich an offene Stellen zurück: Sie besiedelten bevorzugt Fluss- und Seeufer oder Sümpfe, wo die Jagd leichter war und durch Fischfang ergänzt werden konnte.
Östlich des Mittelmeeres ...
Historisch bedeutsam sollte aber die Region östlich des Mittelmeeres werden: Hier brachten nach dem Ende der Eiszeiten vor 15.000 Jahren feuchte Westwinde genug Regen ins Land, um Eichen-Pistazienwälder und ertragreiche Grasländer im Gebiet des heutigen Israels, Palästinas, Jordaniens und Syriens entstehen zu lassen, wo zudem Gazellen lebten, die eine attraktive Jagdbeute waren. Grassamen im Frühjahr, Gazellenherden im Sommer und Eicheln im Herbst lieferten reichlich Nahrung, aber insbesondere die Eicheln verlangten eine aufwendige Zubereitung (die Bitterstoffe mussten ausgewaschen werden): Die Frauen, die für die Zubereitung zuständig waren, wurden zunehmend an den Haushalt gefesselt wurden. Es entstanden auch hier feste Siedlungen; die heute als Natufien-Kultur gekannt ist. Im heutigen Israel und Jordanien gelegen, entstanden Häuser mit Sockeln aus Steinen und luftgetrockneten Lehmziegeln; Mörser, Mahlsteine und Feuersteinsicheln dokumentieren die Bedeutung von Pflanzen in dieser Region.
Die Sesshaftigkeit konnte aber auch zum Verhängnis werden: Der mobile frühere Mensch konnte auf Veränderungen in seiner Umwelt reagieren, indem er einfach dahin zog, wo seine Jagdbeute hinzog. Was aber machten Menschen, deren Ernährungsgrundlage in einer dicht besiedelten Gegend von Waldfrüchten und deren aufwendiger Aufbereitung abhing? Die Veränderung kam vor 13.000 Jahren mit der letzen Kaltphase, der Jüngeren Dryas-Eiszeit: Im östlichen Mittelmeerraum bedeutete sie eine lang andauernde Trockenheit; die Wälder schrumpften, die Grasländer trugen weniger Körner. Die Menschen machten aus der Not eine Tugend: Sie versuchten, mit der Aussaat von Gräsern die Ernte zu steigern; und damit begann der Übergang zur Landwirtschaft – mehr dazu siehe >> Das Agrarzeitalter.
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Webtipp
>> Genographic Project: Gemeinsames Forschungsvorhaben der amerikanischen National Geographic Society und von IBM, um mit Hilfe moderner genetischer Verfahren und deren informationstechnischer Auswertung die Geschichte der Ausbreitung des modernen Menschen über die Welt nachzuvollziehen (englischsprachig).
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