Das Zeitalter der Landwirtschaft

Die Folgen der Erfindung der Landwirtschaft

Die Erträge aus der Landwirtschaft erlaubten es, dass nicht nur die Bauern von der Ernte leben konnten, sondern Menschen sich vollständig anderen Aufgaben widmen konnten: Menschen konnten in Städten leben; Händler, Handwerker und andere Spezialisten machten neue Erfindungen. Offenbar um die Überschüsse zu verwalten, wurde die Schrift erfunden - die menschliche Geschichte beginnt.

Fortschritte in der Landwirtschaft ermöglichten die Entstehung von Städten. Die Fotos oben zeigen den Ort, an dem die Stadt Paris entstehen sollte (links) und die mittelalterliche Stadt Paris (rechts). Fotos eines Modells aus dem Naturkundemuseum (Muséum nationale d’histoire naturelle) Paris, © Jürgen Paeger.

Die Landwirtschaft zog andere Erfindungen nach sich

Ohne gute Kenntnisse der Pflanzen und Tiere durch die Jäger und Sammler wäre die Landwirtschaft unmöglich gewesen (>> Die Erfindung der Landwirtschaft); aber über anderen Phänomene der Natur hatten die Menschen in der Frühzeit auch noch viele mythische Vorstellungen: Das Wetter etwa wurde auf Himmelserscheinungen zurückgeführt - entsprechend kam systematischer Himmelsbeobachtung und ihrer mathematischen Auswertung eine große Bedeutung zu. Diese legte die Basis für die Entstehung rationalen Denkens, das zu “naturwissenschaftlichem” Gedankengut etwa im Werk von Aristoteles führte. Dieses Denken wurde auch auf die Landwirtschaft angewendet, wie etwa die Georgica des römischen Dichters Vergil zeigt: Ein Lehrgedicht in vier Büchern über den Landbau. Damit stiegen im Laufe der Zeit, wie >> hier beschrieben, Erträge und Bevölkerungszahl.

Leben im Zeitalter der Landwirtschaft

Wo die Menschen von der Landwirtschaft lebten, bestimmte diese das Leben der Menschen, auch der Kinder und vor allem der Frauen. Während die Männer gelegentlich weiter auf Jagd gingen, hüteten die Kinder die Gänse und Schafe, jäteten die Frauen Unkraut, holten Wasser, sammelten Brennholz, Dünger und Kräuter. Höhepunkt des Jahres war die Ernte, bei der alle anpacken mussten. Viele Bauern mit kleinen Gärten verloren in schlechten Jahren ihre Selbstständigkeit und wurden zu Helfern auf anderen Höfen; Nahrungsmittel machten oft den größten Teil ihrer Entlohnung aus. Ihre Häuser waren nach heutigem Maßstab ärmliche Hütten; bis weit in das 15. Jahrhundert hinein hatten viele keine gläsernen Fenster, sondern nur mit Läden verschließbare Luken. Geheizt wurde mit Brennholz, das selbst gesammelt oder (im größeren Orten) teuer gekauft wurde; als es knapp wurde, wurden auch Zuckerrohr in Nordafrika, Olivenkerne im Mittelmeerraum oder schlicht Dung verbrannt. Geschlafen wurde auf selbstgemachten, mit Stroh gefüllte Matratzen, die auf dem Fußboden aus gestampfter Erde oder Holz lagen. Die Nahrung bestand zu einem großen Teil aus Getreide - aus Brot ebenso wie Bier (>> mehr); der Backofen der Dörfer war der damalige “Supermarkt”.  Katzen sollten verhindern, dass die Mäuse und Ratten zuviel vom wertvollen Getreide fraßen, das auch für die Aussaat gebraucht wurde. Fiel die Ernte aus, drohte Hunger (>> mehr). Das wichtigste Handelsgut war Salz; im Mittelalter wurden die Handelsstädte reich, und Salz konnte nur in winzigen Mengen verwendet werden (große Mengen gingen in die Herstellung von Salzheringen, im Baltikum waren zeitweise ein Drittel der Handelsschiffe mit Salz beladen).

Auch die Rohstoffe für die Kleidung, Bettzeug und Decken wurden selbst angebaut: In Europa vor allem Flachs zur Herstellung von Leinen (und Schafwolle für warme Winterkleidung), in Asien Baumwolle, Hanf und zunehmend auch Maulbeerbäume zur Aufzucht von Seidenraupen. Gegen Ende des Zeitalters der Landwirtschaft diente Leinen auch zur Herstellung von Segeln, und mit den Segelschiffen gelangte Baumwolle aus Indien und später den amerikanischen Kolonien nach Europa. Das war aber bereits eine Zeit, als das Leben ohnehin besser wurde - die Baumwollherstellung wurde zu einem der Wegweiser für die >> Industrielle Revolution.

Die Landwirtschaft und ihre Weiterentwicklung führten zu immer weiter steigenden Erträgen; die Zahl der Menschen nahm zu und immer mehr von ihnen lebten in festen Siedlungen. Nahrungsüberschüsse ermöglichten auch, dass sich erstmals einige Menschen anderen Aufgaben widmen konnten als der Nahrungsgewinnung. Es gab solche, die andere Waren produzierten, die Handwerker - Töpfer, Schmiede, Weber; und es gab bald auch solche, die gar keine Waren mehr produzierten, wie Priester, Händler oder Soldaten. Die Priester waren die Nachfolger der Schamanen, sie hatten sicherzustellen, dass die himmlischen Mächte den Menschen gewogen blieben. Handel war schon vor den Zeiten der Landwirtschaft getrieben worden, Jäger hatten etwa mit dem begehrten Feuerstein gehandelt. Mit der Landwirtschaft nahm seine Bedeutung aber zu: Er half, Ernteausfälle zu überstehen, indem man Überschüsse aus anderen Regionen erwarb. Soldaten wurden gebraucht, um die Ackerflächen, Herden und die Ernte zu verteidigen (>> mehr). Die Handwerker konnten sich ganz darauf konzentrieren, neue Werkzeuge zu entwickeln (die nun auch schwer sein durften, denn sie mussten ja nicht mehr mit auf die Reise gehen); und neue Techniken für den Hausbau. Entscheidend für die Menschheitsgeschichte war aber etwas anderes: Die Bevölkerungszunahme und die Konzentration von Spezialisten in den entstehenden Städten führten zu gesteigertem Informationsaustausch: dem Mittel des Menschen für intensiveres Lernen (>> mehr). Dieses führte zu Erfindungen und Entdeckungen, die die Erträge in der Landwirtschaft weiter steigerten, die wiederum noch mehr Menschen (und noch mehr Spezialisten) ernährten; und nebenbei auch noch Verbesserungen im Leben des Menschen mit sich brachten – hier begann eine Kette, die bis heute nicht abgerissen ist. Und so wurde die Landwirtschaft zur Basis aller Kultur und allen heutigen Komforts.

Ein Meilenstein waren die ersten Keramikgefäße vor 8.500 Jahren, in denen man Samen und Lebensmittel sicherer lagern konnte. Wenn auch im fruchtbaren Halbmond früher mehr Regen fiel als heute, war Wasser immer knapp, und daher zogen die Bauern an Flüsse wie Euphrat und Tigris hinab und nutzten deren Wasser zur Bewässerung ihrer Felder – die Erfindung der Bewässerung war eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte überhaupt. Wasser bedeutet Bedrohung und Lebenselixier gleichzeitig: Einerseits gehören Überschwemmungen zu den schwersten Naturkatastrophen überhaupt, anderseits lässt sich der Ertrag des Ackerbaus in trockenen Gebieten durch Bewässerung ungeheuer steigern. Wenn es gelingt, Überschwemmungen zu kontrollieren, ermöglicht der Bewässerungsfeldbau daher hohe Bevölkerungsdichten. Es ist wohl kein Zufall, dass hier die ersten großen Städte und später die ersten großen Kulturen dieser Welt entstanden (mehr dazu >> hier).

Erfindungen wie das Rad und das Pferdegeschirr verbesserten die Einsatzmöglichkeiten der Haustiere: Ochsen, Esel und Pferde konnten Wagen ziehen und steigerten damit den Warenaustausch weiter; Pferde als Reittiere erhöhten den Bewegungsradius der Menschen um ein Vielfaches. Nach der Erfindung des Pfluges konnten Ochsen und Pferde auch vor den Pflug gespannt werden. Pferde sollten auch im Krieg eine wichtige Rolle spielen, man denke nur an das ohne Pferde undenkbare Weltreich der Mongolen unter Dschingis Khan. Das war die andere Seite der Landwirtschaft, der aufkommende materielle Reichtum förderte auch die Entstehung von Arm und Reich und die Zwietracht unter den Menschen. Davon, und wozu dieses führte, handeln die nächsten Kapitel.

Organisation: Vom Ackerbau zu Städten und Staaten

Jäger und Sammler hatten noch in überwiegend gleichberechtigten Gemeinschaften gelebt; besonders gute oder erfahrene Jäger hatten bestenfalls vorübergehende und eingeschränkte Autorität. Die gleichberechtigte Entscheidungsfindung am Lagerfeuer scheint bis zu einer Gruppengröße von 150 Mitgliedern - den Clans der Jäger und Sammler - zu funktionieren; mit zunehmender Gruppengröße stößt sie an Grenzen. Dabei wurde sie immer wichtiger: Höhere Bevölkerungsdichte erhöhte auch den sozialen Stress. Bei den Jägern und Sammlern waren Begegnungen mit anderen Clans selten gewesen – und sind dann nicht immer friedlich abgegangen (>> mehr). Da aber die Bevölkerungsdichte gering war, konnten unterlegene Gruppen einfach weiterziehen. Das wurde mit der Sesshaftigkeit deutlich schwerer, zumal freies, zur Landwirtschaft geeignetes Land immer seltener wurde. Mit dem Ackerbau und sesshafter Lebensweise gab es auf einmal auch Privateigentum, von dem die einen mehr, die anderen weniger hatten: es entstanden Arm und Reich. Die Felder der Bauern versperrten zudem den Nomaden im Weg, die sich nicht immer gescheut haben werden, Zäune zu zerstören oder von dem zu profitieren, was andere angepflanzt oder gefüttert hatten. Neue Fragen traten auf: Wie konnte sichergestellt werden, dass in Notzeiten alle Bewohner mit Nahrungsmitteln versorgt wurden? Auch die nicht mehr Landwirtschaft betreibenden Spezialisten? Wie konnte die Verteidigung der Felder und Vorräte sichergestellt werden? Und wo die genutzte Fläche pro Einwohner abnahm, mussten immer mehr lebensnotwendige Gegenstände von außen kommen: Auch der Handel musste organisiert werden.

Kurz: Das Zusammenleben vieler Menschen erforderte bei wachsender Bevölkerung neue Formen der Organisation. Konflikte mussten geregelt und gemeinsame Arbeiten koordiniert werden. Dies erfordert, dass der Einzelne ein Teil seiner Entscheidungsfreiheit abgibt. (So etwas gab es auch schon bei Jägern und Sammlern: Bei Konflikten mit anderen Clans gab es einen „Häuptling“, der die Gruppe führte.) Erste Formen der sozialen Organisation bestanden wohl in solcher freiwilligen Machtübertragung. Die Vorteile waren leicht erkennbar: Geregelte Konfliktaustragung führte zu weniger Gewalt; ein gerechter Führer sorgte eine nachvollziehbare Verteilung von Überschüssen. Aber wohl überall auf der Welt führte die soziale Organisation zu einer Ausbildung von sozialen Schichten; schon in den ältesten Städten der Welt zeigen etwa unterschiedlich große Häuser unterschiedlichen Reichtum an. Mit zunehmender Bevölkerung nahmen die Aufgaben der Führer und ihre Macht zu, und bald war die Machtübertragung nicht mehr freiwillig: Wer seinen Teil nicht freiwillig beitrug, wurde mit Gewaltandrohung (und Gewalteinsatz) hierzu gezwungen. Wer nichts hatte, konnte immer noch seine Arbeitskraft abgeben - und so gab es bald Leibeigene und Sklaven. In vielen Hochburgen der Landwirtschaft entstanden mit dieser Arbeitskraft Bauwerke, die auch der Machtdemonstration dienten, von den Stufentempeln in Mesopotamien über die Pyramiden der Ägypter bis zu den Pyramiden der Olmeken. Diese Machtdemonstration, so wird vermutet, sollte auch äußere Feinde abschrecken: Seht her, könnten sie bedeutet haben, wie viele Menschen wir mobilisieren können. Denn die Vorräte einerseits, die Ortsgebundenheit andererseits machten auch Auseinandersetzungen wahrscheinlicher, und die dichte Bevölkerung deren Folgen schlimmer: Es kam zu den ersten Kriegen. Nicht umsonst gehörten zu den Menschen, die von der Landwirtschaft ernährt wurden, auch Soldaten; nach den (wenigen) vorliegenden Untersuchungen starben in frühen Gesellschaften bis zu einem Viertel der Männer durch Kriegsführung (und fast ein Zehntel aller Frauen noch dazu). Der Versuch, sich vor Angriffen zu schützen, war wohl neben ihrer Bedeutung für religiöse Zeremonien auch der Ursprung der Städte - jedenfalls waren schon die ersten Städte von Mauern umgeben.

Die ersten Städte

Bereits vor 10.000 Jahren entstanden im fruchtbaren Halbmond Siedlungen mit mehreren Tausend Einwohnern (>> mehr). Einen Schub gab es aber vor 6.000 Jahren. Der Archäologe Brian Fagan erklärt dieses am Beispiel Mesopotamien mit klimatischen Einflüssen: Das Klima war in der Zeit von vor 12.000 Jahren bis vor 6.000 Jahren feuchter als heute, da damals die Nordhalbkugel der Sonne zugeneigter war als heute (>> Milankovitch-Zyklen). Als diese günstige Zeit zu Ende ging und das Klima zunehmend trockener wurde, konnte Landwirtschaft nur noch an den besonders günstig zu bewässernden Orten stattfinden. Dort konzentrierten sich die Menschen - und dort entstanden um 3.500 v. Chr. die ersten Agrar-Städte, etwa die Stadt Uruk (etwa 300 km südlich des heutigen Bagdad). Die Städte Mesopotamiens erzählen von Macht und Gottesfurcht; in ihrem Zentrum lag der Tempelbezirk mit einer zentralen Stufenpyramide - dem Wohnsitz des Stadtgottes. Ab 2.900 v. Chr. lebte die Bevölkerung in Mesopotamien überwiegend in Städten; wohl auch, da durch die zunehmende Trockenheit und die dadurch verursachte schlechte Ernährungslage das Leben in Dörfern immer unsicherer wurde.

Ab 3.200 v. Chr. entstanden in Mesopotamien erste Stadtstaaten, die am Beginn der historischen sumerischen Zivilisation stehen (>> mehr). Das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris stand dabei nicht allein: Überall in den ältesten Landwirtschaftsgebieten, also auch am Nil, am Indus und am Hwangho (Gelben Fluss) in China entstanden Hochkulturen. In Ägypten entstanden die ersten Reiche (keine Stadtstaaten, da die Bevölkerung weniger dicht lebte als in Mesopotamien), die 3.100 v. Chr. vereinigt wurden; in China entstanden die ersten mythischen Kaiserreiche im 3. Jahrtausend v. Chr.; und auch in Südamerika gab es Städte spätestens ab 2.600 v. Chr. (mehr: >> Die ersten Staaten).

Städte im Zeitalter der Landwirtschaft

Viele der ersten Städte waren religiöse Zentren, ihre Bedeutung als Zeremonienstätten spiegelt sich in ihrem Aufbau wieder. Dies war so in Mesopotamien, in Ägypten, im Industal, in China, in Mittelamerika, in Peru und bis hin zu den Städten der Joruba in Westafrika. Später wurden dann eher kleine Agrarstädte gegründet, wie oben am Beispiel Mesopotamien beschreiben; große Städte entstanden erst als Hauptstädte der entstehenden Staaten (Rom, Konstantinopel, Changan, die Hauptstadt der Tang-Dynastie - heute Xi’an, mit 800.000 Einwohnern die größte Stadt im ersten Jahrtausend unserer Zeit) oder als Handelsstädte in besonders guter Lage: Athen, Venedig, Malacca.

Da diese Städte von Nahrungslieferungen aus dem Hinterland der Reiche abhingen, spiegelte sich in ihnen das Schicksal der Reiche wieder: So hatte Rom im Jahr 150 etwa 500.000 Einwohner, im Jahr 600 nur noch 50.000 (Konstantinopel aber 500.000). Die Reiche gründeten auch neue Städte in eroberten Gebieten: Die Phönizier Karthago, die Griechen Marseille und Neapel, die Römer siedelten in London, Paris oder Köln. Im Jahr 1000 gab es in Europa etwa 100 Städte, dann beschleunigte sich  die Entwicklung und es entstanden erste große Städte wie Florenz, Paris und Venedig mit 100.000 Einwohnern. Diese Städte waren oft von Mauern umgeben: Zum einen herrschten innerhalb der Städte andere Regeln als außerhalb, zum anderen erlaubte dies den Stadtvätern, beim Eintritt in die Stadt für gehandelte Ware Steuern zu erheben.

Die größten Städte dieser Zeit lagen aber anderswo - es waren Städte wie Bagdad, der Hauptstadt des islamischen Abbassiden-Reichs, oder Kaifeng, die Hauptstadt der chinesischen Song-Dynastie. Ihr Nachfolger, die Stadt Hangzhou, war die erste Millionenstadt der Welt. Europa holte erst ab dem 16. Jahrhundert mit zunehmendem Wohlstand auf: 1550 hatte Paris etwa 400.000 Einwohner, 1650 erreichte London diese Einwohnerzahl. Aber noch im Jahr 1800 lebten gerade 3 Prozent der Weltbevölkerung in Städten (in Europa etwa 10 Prozent). (Zu den Umweltbedingungen in den damaligen Städten siehe >> hier)

Die andere Geschichte

Auch wenn diese ersten Hochkulturen (und die, die auf sie folgten) die menschliche Geschichte prägen sollten: Man darf nicht vergessen, dass weite Teile der Welt hiervon zunächst nicht betroffen waren: Noch um die Zeitenwende kontrollierten Staaten weniger als 10 % der Fläche, und im Jahr 1000 auch erst ca. 13 %. Bis in moderne Zeiten hinein lebten Menschen als Jäger und Sammler, etwa in weiten Teilen Nord- und Südamerikas, in Sibirien, in Süd- und Südostasien und in Teilen Afrikas; und noch heute gibt es sie etwa im Regenwald Brasiliens, im Inneren Neuguineas, im südlichen Afrika und in der Arktis. Oft werden sie als „Steinzeitmenschen“ missverstanden – der Beigeschmack der Rückständigkeit führt insbesondere in Drittwelt- und Schwellenländern oft dazu, dass diese Völker den Regierungen ein Dorn im Auge sind. Dabei ist das Bild falsch: Diese Völker sind nicht in einem früheren Entwicklungszustand stehen geblieben, sondern haben sich häufig in raffinierter Weise einer speziellen Umwelt immer feiner angepasst. Auch ihre Kultur hat sich ständig gewandelt, wobei aber eine immer feinere Anpassung, nicht die Unterwerfung der Umwelt herauskam. Vielleicht ist das etwas, was wir von diesen Völkern lernen können. Aber ob wir ihr ökologisches Wissen einmal brauchen können oder nicht: Jede Kultur, die verschwindet, macht uns alle ärmer (siehe auch >> hier).

Technische Erfindungen

Die Erfindungen des Menschen beschränkten sich nicht auf die Landwirtschaft: Weitere Meilensteine auf dem Weg der Menschheit waren die Entdeckung der Metallverarbeitung und der Schrift – beides Grundlagen unseres heutigen technologischen Zeitalters. Die Erfindung der ersten Kulturtechniken muss man sich ähnlich wie die der Pflanzenzucht vorstellen: Die Jäger und Sammler der Frühzeit kannten auch die Eigenschaften der ihnen zugänglichen natürlichen Materialien sehr gut. Es kann ihnen nicht entgangen sein, dass Ton unter Hitzeeinwirkung hart und beständig wurde – die Grundlage für die Töpferei war entdeckt. Kupfererze waren bekannt, da aus ihnen grüne und blaue Farbstoffe gewonnen wurden. Manche Metalle, wie Kupfer und Gold, kommen gediegen (also in Metallform) in der Natur vor und lassen sich leicht bearbeiten, zum Beispiel durch Hämmern. Sie waren seit langem als Schmuck beliebt. Wurde das Ausschmelzen von Kupfer entdeckt, als jemand Töpferware mit Farbpigmenten aus Kupfererzen dekorieren wollte? Wie auch immer, ihre Erfahrungen mit Töpferöfen kamen den Menschen auf dem Weg zur Verhüttung entgegen: Dort hatten sie gelernt, dass Feuer heißer wird, wenn man es mit Luft anbläst und wie man mit heißem Material umgeht. Die Technik war wohl seit 8.000 Jahren bekannt; eine systematische Verhüttung benötigte aber große Mengen Holzkohle, die von Köhlern erzeugt werden musste, brauchte viele Arbeitskräfte und nötigte zu dauerhafter Ansiedelung. Diese Vorraussetzungen waren erst später gegeben, in Südosteuropa vor etwa 7.000 Jahren. Später wurde die Technik auch auf andere Erze angewendet und für die Metallverarbeitung weiterentwickelt; so entstand der Metallguss. Kupfer ist aber so weich, dass es als Werkzeug und Waffe kaum geeignet ist; sein Gebrauch also die Steinzeit noch nicht beendete: Dies gelang erst der Bronze.

Die Bronzezeit

Bronze, eine Legierung aus 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn, wurde in Zentralasien zuerst vor etwa 4.800 Jahren hergestellt. Es wird noch gerätselt, wie diese beiden Metalle zusammengebracht wurden, die in der Natur selten zusammen vorkommen. Es mag ein Zufall gewesen sein - aber einer, der einen aufmerksamen Beobachter hatte. Vor 4.300 Jahren gelang Bronze auch nach Mitteleuropa. Bronze war hart genug, dass nun erstmals metallene Werkzeuge und Waffen hergestellt werden konnten. Deren Vorteile waren so offensichtlich, dass der Bedarf gewaltig war: Nach Berechnungen anhand von Kupferdämpfen in Eisbohrkernen aus Grönland müssen in der Bronzezeit etwa eine halbe Million Tonnen Bronze produziert worden sein. Bronzewaffen und das seit etwa 4.000 Jahren als Reittier genutzte Pferd veränderten auch die Kriegsführung und machten die Nomaden Osteuropas und Zentralasiens für 3.500 Jahre zu Machtfaktoren (>> mehr); Bronze panzerte auch die von Pferden gezogenen Streitwagen der Antike, die das militärische Gegenstück zu den späteren Panzern darstellten. Die Bronzeherstellung brachte weitere Veränderungen mit sich: Da die im Tagebau zugänglichen Kupfervorräte bald aufgebraucht waren, suchte man unter der Erde; es begann der Bergbau und mit ihm die Verhüttungsindustrie. Deren Brennholzbedarf fielen große Waldflächen zum Opfer, die damaligen Bergbauzentren litten daher unter Bodenerosion; die Arbeiter und ihre Familien mussten giftige und schwermetallhaltige Dämpfe einatmen, die auch die Böden vergifteten. Die Gewinnung von Blei ab der Bronzezeit lässt sich ebenfalls im Eis auf Grönland nachweisen: Von 800 v. Chr. bis 1753, also vor dem Industriezeitalter, stieg der Bleigehalt um den Faktor 25. Bronze förderte auch den Handel: Da Zinn in Europa selten war, musste handeln, wer Bronze herstellen wollte; der Handel nahm mit der Ausbreitung des Metalls einen enormen Aufschwurg, der wiederum die Entstehung von Wegenetzen förderte; und natürlich auch die Verbreitung der Bronzeprodukte. Es waren wohl Wanderhandwerker, die Rohmetalle mitbrachten und vor Ort die gewünschten Produkte herstellten: Schmuck, Waffen, Werkzeuge; und auch astronomische Hilfsmittel, wie die berühmte Himmelsscheibe von Nebra (siehe Kasten).

Die Sternendeuter von der Saale

In Mitteleuropa begann die Bronzezeit vor etwa 4.300 Jahren. Kupfer stammte aus dem Mitterberg bei Salzburg, Zinn musste dieses aus Cornwall oder der Bretagne beschafft werden - ohne weitläufigen Handel hätte es keine Bronzezeit gegeben. Im Siedlungsgebiet an der Saale (siehe >> hier) entstand die Aunjetitzer Kultur - sie konnte die Metalle mit Salz bezahlen, da im Harzvorland und bei der heutigen Stadt Halle gefördert wurde. Die Region wurde zu einem Knotenpunkt des bronzezeitlichen Handels. Gegen Ende dieser Kultur, von 3.600 Jahren, entstand die Himmelsscheibe von Nebra - die heute als der älteste bekannte Kalender der Menschheit gilt. Die vorgeschichtlichen Menschen waren also auch im Gebiet des späteren Deutschland keine primitiven Faustkeilschwinger. Aber allem Fernhandel zum Trotz: Das Gebiet war zu weit von den Hochkulturen entfernt, in denen nun die Schrift entstand - die erste Hochkultur Europas sollte in Kreta entstehen (mehr >> hier). An der Saale hingegen wurden vermutlich die Bäume knapp, die ja zum Salzsieden gebraucht wurden; wie so oft in der Geschichte leitete also ein Umweltproblem den Niedergang der Kultur ein.

Die Eisenzeit

Schmiedeeisen ist vor 4.500 Jahren in Anatolien in Form einer Messerklinge zum ersten Mal nachgewiesen; die Nutzung von Eisen sollte die Welt noch nachhaltiger verändern als die von Bronze. Eisen ist in der Erdkruste reichlich verhanden, aber seine Gewinnung ist komplex: Um Eisen aus dem Erz zu gewinnen, sind Temperaturen von mindestens 1.450 Grad Celsius nötig, und damit das Eisen brauchbar wird, muss es auf einem Bett aus Holzkohle mehrfach erhitzt werden (um den Kohlenstoffanteil zu erhöhen), anschließend jeweils mit Hammerschlägen bearbeitet werden (um die Asche zu entfernen) und nach dem letzten Erhitzen in kaltem Wasser abgeschreckt werden. Was für eine Leistung, dieses Verfahren mit Versuch und Irrtum zu entdecken! Es dauerte einige Hundert Jahre, bis die Technik wirklich beherrscht wurde, aber vor 3.500 Jahren wurde Eisen von den Hethitern in größerem Umfang genutzt; vor 3.200 Jahren zogen fahrende Eisenschmiede durch die Lande, und vor 2.800 Jahren begann auch in Mitteleuropa die Eisenzeit. Sein größter Vorteil war die reichliche Verfügbarkeit von Eisenerzen; denn das verwendete Schmiedeeisen war nicht härter als Kupfer.

Die Nutzung des Eisen ermöglichte Landwirtschaft in Regionen, wo die Bäume zuvor zu mühsam zu fällen und der Boden nicht zu pflügen war - etwa in den Wäldern Mitteleuropas (>> mehr). Sie sollte auch die Kriegführung verändern - statt der adeligen Streitwagenfahrer konnten nun auch einfache Soldaten mit eisernen Schwertern ausgerüstet werden. Ab 500 v. Chr. stand die Technik zur Herstellung von Stahl zu Verfügung, und nun waren eiserne Werkzeuge und Waffen auch härter als bronzene. Mit ihnen sollten die Kelten in den folgenden Jahrhunderten den Mittelmeerraum und Kleinasien in Bedrängnis bringen; als „Kelten“ bezeichnete der Grieche Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. die Völker nördlich der Alpen – damit traten sie in den Gesichtskreis der antiken Welt. Ab 600 v. Chr. gab es Eisenverhüttung auch in Afrika (Taruga im heutigen Nigeria); hierhin ist die Technik wohl von Berbern gebracht worden, die damals mehrere Handelsrouten durch die Sahara unterhielten, von denen Herodot schrieb und die durch Felszeichnungen von beladenen Maultieren und von Pferden gezogenen Wagen dokumentiert sind.

Als die technische Entwicklung erst einmal begonnen hatte, förderte eine Entdeckung die nächste, wie das Beispiel Töpferofen – Metallverhüttung zeigte. Eine Rolle spielte auch die Entwicklung der Schrift, auch sie im Zusammenhang mit der Landwirtschaft entwickelt: Informationen waren nun genauer und über größere räumliche und zeitliche Abstände übertragbar. Die Erfindung des Buchdrucks zeigt ebenfalls, wie verschiedene zuvor entwickelte Techniken zusammenwirkten: die Metallverarbeitung zur Herstellung von Lettern, die Entwicklung der Schrift (erst das Alphabet reduzierte die Anzahl der notwendigen Lettern auf ein handhabbares Maß) und die Druckerpresse, eine Ableitung der Wein- und Ölpressen.

Die Entwicklung der Schrift

Die Schrift wurde unabhängig voneinander von den Sumerern (um 3.500 v. Chr.), in China (um 1.300 v. Chr.) und in Mittelamerika (um 600 v. Chr.) entwickelt; möglicherweise auch in Ägypten. Die ältesten Texte waren Wirtschaftstexte – die Schrift wurde offenbar erfunden, um die Überschüsse der Landwirtschaft zu verwalten und Abgabenschulden festzuhalten. Die sumerische Keilschrift ist für Europa von besonderer Bedeutung, da sie der Vorläufer des heute gebräuchlichen lateinischen Alphabets ist.

Die ursprüngliche sumerische Keilschrift war eine Bilderschrift, jedes Zeichen repräsentierte (wie ein Piktogramm) einen Gegenstand. Im Laufe der Zeit wurden die Zeichen immer abstrakter, und neue, zusammengesetzte Zeichen kamen hinzu: so bedeutete die Kombination der Zeichen Kopf und Brot „Essen“. Später wurden die Zeichen dann auch nach Art der Bilderrätsel (Rebus) für andere, ähnlich klingende Worte verwendet. Da nun ein Zeichen für mehrere Worte diente, wurde die Bedeutung durch sogenannte Determinative („Deutzeichen“) gekennzeichnet. Das Rebus-Prinzip führte schließlich auch zu Silben- und Lautzeichen. Damit wurde die sumerische Keilschrift zu einem Gemisch aus Logogrammen (ein Zeichen – ein Wort, wie heute im Chinesischen), Silben- und Lautzeichen und Deutzeichen.

Der Einfluss der sumerischen Keilschrift als Inspiration der ägyptischen Hieroglyphenschrift ist unklar, aber die Handelskontakte lassen vermuten, dass mindestens die Idee einer Schrift übernommen wurde. Die Hieroglyphen enthielten Lautzeichen für die 24 ägyptischen Konsonanten, und diese bildeten den Ausgangspunkt für das erste Alphabet, dass ab 1.700 v. Chr. von Sprechern semitischer Sprachen im Raum zwischen dem heutigen Syrien und dem Sinai entwickelt wurde. Diese entwickelten Zeichen für Vokale und legten eine feste Reihenfolge für die Zeichen mit leicht zu merkenden Namen fest: ’aleph = Rind, beth = Haus, etc. Von diesem frühen semitischen Alphabet führt dann eine Entwicklungslinie über frühe arabische Alphabete zum einen zum modernen äthiopischen Alphabet, zum anderen zum modernen arabischen, hebräischen, indischen und südostasiatischen Alphabeten, und eine andere über das phönizische und griechische zum lateinischen Alphabet.

Neben diesen Weiterentwicklungen gab es Schriften, die eigenständig nur aus der Beobachtung der Existenz einer Schrift entwickelt wurden. Wie schon erwähnt, könnte dies bei den ägyptischen Hieroglyphen der Fall gewesen sein; belegt ist u.a. die Schrift der Cherokee, die von einem einzelnen Menschen (dem Halbindianer Sequoia, nach dem – seiner Leistung angemessen – der Sequoia-Mammutbaum benannt wurde) entwickelt wurde. Andere Schriften kombinierten die Eigenschaften bekannter Schriftsysteme. So ist die Hangeul-Schrift in Korea unter Einfluss der quadratischen Blöcke der chinesischen Zeichen und der Prinzipien der Alphabetschrift entstanden; die Ogam-Schrift in Irland verband alphabetische Prinzipien mit eigenen Zeichen, die sich vermutlich von Zählhölzern ableiten.

 

Die Folgen der Landwirtschaft prägen die Geschichte

Bei der Ausbreitung technischer Erfindungen stoßen wir wieder auf ein Phänomen, dass schon die Ausbreitung der Landwirtschaft geprägt hatte: Die Ausbreitung auf dem Europäisch-Asiatischen Kontinent (einschließlich des geografisch benachbarten Nordafrika) war leichter möglich als in Amerika und Afrika oder gar nach Australien. So gelangten chinesische Erfindungen wie Papier und Schießpulver nach Europa; aber das von den Maya erfundene Rad kam nie mit dem in den Anden domestizierten Lama zusammen - das als Zugtier hätte dienen können. Das Rad wurde daher im vorkolumbianischen Amerika nicht an Fahrzeugen, sondern nur als Spielzeug genutzt. In Australien wurde vor dem Eintreffen weißer Siedler keine Metallverarbeitung betrieben. Diese Entwicklung sollte dazu führen, dass die europäischen Eroberer später über Gewehre verfügten, denen die Ureinwohner weder in Amerika, Afrika noch Australien gleichwertige Waffen entgegenzusetzen hatten (>> Die erste Globalisierung). Pferde, Krankheitserreger und Gewehre: Wer weiß, wie die Eroberungsgeschichte ohne diese Faktoren ausgegangen wäre?

Zum Thema auch:
>> Hintergrundinformation:
Die ersten Staaten

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Umweltveränderungen im Zeitalter der Landwirtschaft

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Überhaupt ging mit der Landwirtschaft erst die Entstehung des Privateigentums einher: Jäger und Sammler hatten zwar ein Territorium, nutzten dieses jedoch gemeinsam. Für bebautes Land entwickelten sich jedoch Besitzrechte, die sich bald auch vererben ließen. Im römischen Recht wurden viele dieser Praktiken dann aufgeschrieben und prägten das europäische Recht bis in die Gegenwart hinein.

Dagegen gab es die allen Menschen zur Verfügung stehenden res communes, zu denen Flüsse, Wälder und Wildtiere gehörten. Hieraus entwickelte sich die “Allmende”, der einer Dorfgemeinschaft gehörende, gemeinschaftlich genutzte Grund.

Einen seltenen Einblick in die Kupferzeit gestattet eine 5.000 Jahre alte Mumie, die 1991 in den Alpen gefunden wurde und als “Ötzi” bekannt wurde. Seine Kleidung bestand aus Ziegenfell, seine Schuhe aus Bären- und Hirschleder. Er führte ein (damals wohl sehr wertvolles) Kupferbeil mit sich. Die Mumie ist im >> Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist im  Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.
>>
Webseite.