|
Die Tierhaltung begann hier vor 10.000 Jahren mit der Domestikation von Ziegen in den Zagros-Bergen (im heutigen Iran) und Schafen im Taurus (heutige Türkei); vor 9.000 Jahren kamen Schweine hinzu. Mit der Domestikation kam zum Ackerbau die Viehzucht hinzu, das zweite Standbein der Landwirtschaft. Vor 8.500 Jahren folgte das Rind; noch heute sind diese vier Arten die wichtigsten Nutztiere. (Die Domestikation des Rindes aus dem gefährlichen, wilden Auerochsen war sicherlich die größte Leistung; möglicherweise wurde dieses Abenteuer dadurch ausgelöst, dass Stiere in vielen Kulturen heilige Tiere waren - woran heute noch die heiligen Kühe in Indien und der Stierkampf in Spanien erinnern.) Vor 6.000 Jahren wurde im Gebiet der heutigen Ukraine das Pferd domestiziert. Rinder und Pferde förderten den Ackerbau, da sie zum Pflügen genutzt werden konnten; und noch dazu war der Dung dieser Tiere ein hervorragender Dünger. Auch als Zug- und Reittiere sollten sie sowohl bei der Entwicklung des Handels als auch militärisch eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen. Vor 3.500 Jahren wurde schließlich das Kamel gezähmt, und damit wurde nomadisches Hirtentum in trockenen Steppengebieten möglich. Von ihrem Entstehungsgebiet im fruchtbaren Halbmond breitete sich die Landwirtschaft in Vorderasien aus (so erreichte sie auch das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris) und schließlich bis tief nach Asien hinein, nach Europa und in den Norden Afrikas aus (siehe folgende Seite >> Der Siegeszug der Landwirtschaft).
China
China war der andere Pol dieser frühen Entwicklung. Im Süden Chinas, am Yangtse, wurde bereits vor mindestens 14.000 Jahren wilder Reis geerntet; die ältesten Funde kultivierter Pflanzen sind 9.500 Jahre alt; und echte Landwirtschaft entstand spätestens vor 7.000 Jahren unabhängig voneinander im Norden und Süden Chinas. Im Norden, am Huang Ho, wurde Kolbenhirse angebaut; im Süden Reis. Fast genauso alt sind die Funde der ersten in China domestizierten Tiere: Schweine und Hühner. Später kam der Wasserbüffel dazu, der wie die Rinder in Vorderasien zum wichtigen Zug- und Pflugtier werden sollte; sowie Seidenraupen, Enten und Gänse. Das Getreide wurde im Ackerbau durch Sojabohnen und die Faserpflanze Hanf ergänzt.
Vor allem der Anbau von Reis sollte die ganze Region prägen. Reis bietet im Verhältnis zum benötigten Saatgut einen wesentlich höheren Ertrag als Weizen oder Gerste; ist (oder wurde) aber auch sehr arbeitsintensiv: Die Reispflanzen werden in einem Pflanzfeld ausgesät und dann einzeln in überflutete Reisfelder umgepflanzt; dadurch werden Unkräuter zurückgedrängt, die einen hohen Wasserstand nicht vertragen. In bergigen Regionen müssen die Hänge für diesen Anbau terrassiert werden, und auch die notwendigen Bewässerungsanlagen verlangen intensive Pflege. Seine hervorragende Bedeutung erhielt der Reisanbau aber erst ab dem Jahr 200 nach der Zeitenwende; vorher herrschte die im Tal des Huang Ho (Gelben Flusses) praktizierte Landwirtschaft auf Basis von Hirse, Sojabohnen und Schweinen vor. Warum die produktive Reispflanze sich nicht vorher durchsetzen konnte ist eine der Fragen, die die Agrararchäologen in China noch beantworten müssen.
Außerhalb dieser beiden Gebiete ist über die Entstehung der Landwirtschaft weit weniger bekannt: In Mittelamerika gibt es nur wenige Orte, die mit modernen archäologischen Methoden untersucht wurden, und an den anderen Entstehungsgebieten ist die Faktenlage noch spärlicher.
Mittel- und Südamerika
Die amerikanische Landwirtschaft entstand südlich des Rio Grande; der genaue Zeitpunkt ist umstritten: Manche Autoren berichten von 9.000 Jahre alten domestizierten Kürbis- und Paprikasorten aus Mexiko, die meisten sehen die Entstehung jedoch vor etwa 5.500 Jahren, also wesentlich später als in Vorderasien und China. Unumstritten ist, dass sie in Mittelamerika im mexikanischen Hochland mit dem Anbau von Mais, Bohnen, Kürbissen, Paprika und Baumwolle begann.
In Südamerika wurden in den Anden die getreideähnlichen Früchte der Fuchsschwanzgewächse Quinoa und Amaranth sowie einige Pflanzen mit unterirdischen Knollen, darunter die Kartoffel, kultiviert; das Lama und die verwandten Alpakas wurden domestiziert. Sie wurden zum einzigen Lasttier des amerikanischen Kontinents; ansonsten wurde in Südamerika nur das Meerschweinchen domestiziert.
Umstritten ist noch, ob es auch im Amazonasbecken zu einer eigenständigen Entstehung des Ackerbaus gekommen ist; viele Indizien sprechen dafür, dass hier Tropenpflanzen wie Maniok und Süßkartoffeln erstmals angebaut wurden. Eindeutig belegt ist dagegen eine eigenständige Entwicklung der Landwirtschaft im Osten der heutigen USA vor 4.500 Jahren; hier wurden Sonnenblumen und Kürbisse (letztere aus Mexiko stammend) kultiviert. Der nordamerikanische Beitrag zu den Nutztieren ist der Truthahn.
Außerhalb dieser Gebiete in Asien und Amerika ist nach heutigem Wissen die Landwirtschaft möglicherweise auch mehrfach in Afrika (in der Sahelzone, im tropischen Westen und in Äthiopien) und in Neuguinea entstanden; in Afrika sind die Belege aber noch nicht eindeutig und daher nicht unumstritten: Es könnte auch sein, dass Kontakte mit Bauern aus dem Fruchtbaren Halbmond die Techniken nach Afrika brachten, die dann auf die eigenen Wildpflanzen angewandt wurden, die Entstehung also nicht ganz unabhängig war.
Afrika
Auch im Niltal lebten schon vor der Erfindung der Landwirtschaft viele Menschen von dichten Beständen wilder Gräser, etwa des “Nussgrases” Cyperus rotundus; hierhin flohen wohl auch Menschen, wenn in der (damals grüneren) Sahara trockene Phasen anbrachen. Vermutlich kam es im Niltal vor 12.000 bis 11.500 Jahren zu Flutkatastrophen, als steigende Niederschläge im Quellgebiet den Nil anschwellen ließen; zu dieser Zeit flohen die Bewohner wohl in die Sahara. Vor 11.000 Jahren stabilisierten sich die Niederschläge, und die Menschen kehrten ins Niltal zurück; zu dieser Zeit konnten die Menschen auch bereits Ton brennen - was dafür spricht, dass die zumindest zeitweise sesshaft waren und Nahrungsmittel speicherten. Vor 7.000 Jahren, als die Austrocknung der Sahara begann, kamen auch die Wüstenbewohner. Ob im Niltal oder den angrenzenden Wüstengebieten die Landwirtschaft unabhängig erfunden oder von den Gebieten im fruchtbaren Halbmond übernommen wurde, ist umstritten; aber die angebauten Pflanzen waren die, die im „fruchtbaren Halbmond“ kultiviert worden waren, und daneben afrikanische wie Sorghum (siehe unten). Der Anbau dehnte sich schließlich bis ins äthiopische Hochland aus - in dieser Region herrscht Mittelmeerklima, der Regen fällt wie im fruchbaren Halbmond meist im Winterhalbjahr.
Südlich der Sahara fällt der meiste Regen im Sommer; daher können die im Norden angebauten Pflanzen hier nicht wachsen. Hier entstand die Landwirtschaft vermutlich unabhängig und an mehreren Orten: In der Sahelzone wurde bereits vor 7.000 Jahren Sorghum (noch heute das wichtigste Getreide Afrikas) und Perlhirse angebaut und das Perlhuhn domestiziert. Aus dem Gebiet des heutigen Mali ist 12.000 Jahre alte gebrannte Keramik bekannt (mit der japanischen die älteste der Welt), auch hier scheinen Menschen bereits früh ihre nomadische Lebensweise wenigstens zeitweise aufgegeben zu haben. Im äthiopischen Hochland wurden Fingerhirse, Teff (ebenfalls eine Hirseart und Grundlage für das Fladenbrot, dass zum äthiopischen Nationalgericht Injera gehört) und Kaffee kultiviert; und im tropischen Westafrika wurden vor 5.000 Jahren afrikanischer Reis, afrikanischer Yams, die Ölpalme und der Kolabaum angebaut (dessen koffeinhaltige Nüsse ursprünglich auch zur Herstellung von Coca-Cola verwendet wurden). Umstritten ist, ob das Hausrind aus Eurasien nach Afrika gelangte oder in Afrika unabhängig domestiziert wurde; vor 8.000 Jahren jedenfalls gab es domestizierte Rinden in der Sahara. Die Rinderhaltung begründete in Afrika eine Kultur, die das Jagen und Sammeln in den Savannen und Halbwüsten des Kontinents weitgehend als Überlebensstrategie ablösen sollte.
Australien/Neuguinea
Australien und Neuguinea blieben nach der Besiedelung vor 40.000 Jahren weitgehend isoliert vom Rest der Welt. Mit dem ansteigendem Meeresspiegel am Ende der Eiszeiten vergrößerte sich nicht nur der Abstand zum asiatischen Festland, sondern auch Australien und Neuguinea wurden voneinander getrennt. Australien ist ein überwiegend trockener, ebener Kontinent mit armen Böden; hier fanden sich keine zum Ackerbau geeigneten Pflanzen und keine domestizierbaren Tiere (mögliche Kandidaten waren bei der Aussterbewelle ausgerottet worden, die mit der Besiedelung durch die Menschen einherging, >> mehr) – daher entwickelten die Aborigines eine dem Klima und der Naturausstattung angepasste Jäger- und Sammlerkultur. Sie entwickelten das „firestick farming“: Sie brannten das Land regelmäßig und kontrolliert ab, um leicht brennbares Material zu verbrennen und sich vor unkontrollierbaren Buschbränden zu schützen; mit der damit einhergehenden Düngung förderten damit das Wachstum essbarer Pflanzen für sich selbst und von frischem Grün für ihr Jagdwild.
Die Bewohner des feuchten Neuguineas passten sich den dortigen Lebensräumen an: Im Hochland, dass weitgehend vor Trockenheit geschützt war und wo keine Malaria vorkam, wurden Zuckerrohr, Bananen und Taro-Wurzeln angebaut - es entstand Gartenbau. Im Flachland lebten die Menschen an der Küste und an den großen Flüssen von der Fischerei, während abseits des Wasser nomadische Jäger und Sammler sich vor allem von der Sago-Palme ernährten.
Nutztiere wurden erst von den austronesischen Besiedlern der Pazifikinseln nach Australien und Neuguinea gebracht: Schweine und Hühner um 1.600 v. Chr. nach Neuguinea, Hunde um 1.500 v. Chr. nach Australien. Die nach Australien gebrachten Hunde verwilderten: Sie wurden zum Dingo, dem wichtigsten australischen Raubtier (und führten zum Aussterben des einheimischen Beutelwolfs). Auf Neuguinea mit seiner Landwirtschaft dagegen wurden die Schweine und Hühner als Schlachttiere genutzt, sie ergänzten die proteinarme pflanzliche Nahrung.
Die Entstehungsgebiete und ihre natürliche Ausstattung
Lange ist darüber gestritten worden, warum die Landwirtschaft sich zuerst im „fruchtbaren Halbmond“ und in China entwickelte; warum die anderen Regionen erst so viel später dazu kamen und warum in wieder anderen Regionen (etwa Kalifornien oder Australien) die Landwirtschaft gar erst mit europäischen Siedlern begann. Ungeeignetes Klima war offensichtlich nicht die Ursache, denn manche dieser Regionen – etwa Kalifornien – sind hervorragend für die Landwirtschaft geeignet. Auch waren die Menschen in diesen Regionen ebenso hervorragende Pflanzenkenner wie anderswo und erwiesen sich nach Einführung von Kulturpflanzen oft als hervorragende Gärtner – es lag also auch nicht an fehlenden Fähigkeiten. Und in Kalifornien beispielsweise hat es auch Trockenzeiten gegeben, die anderswo als wichtigste Antriebskraft für die Durchsetzung der Landwirtschaft gesehen werden.
Der amerikanische Biologe Jared Diamond hat in seinem Buch „Arm und Reich“ vermutet, dass es vor allem die natürliche Ausstattung der verschiedenen Regionen war, die schließlich eine Landwirtschaft ermöglichte. Nicht überall gab es wilde Pflanzen, die für den Ackerbau geeignet waren, und noch seltener gab es wilde Tiere, die sich züchten ließen. Je leichter die vorhandenen Pflanzen anzubauen waren, desto früher begann der Ackerbau. Die wilden Vorfahren von Weizen und Gerste waren bereits geschätzte Sammelfrüchte; in anderen Regionen waren die Nutzpflanzen schwerer zu entdecken: Der Vorfahre des Mais, ein Wildgras namens Teosinte (siehe >> hier), ist ein stark verzweigtes Gras mit kleinen Körnern, die durch feste Spelzen kaum zur menschlichen Ernährung geeignet sind – es unterscheidet sich derart von Mais, dass erst genetische Untersuchen seine Rolle als Vorfahre zweifelsfrei belegten. Entsprechend liegen zwischen dem Anbau von Weizen in Vorderasien und dem Anbau von Mais in Mittelamerika einige Tausen Jahre. Auch im „fruchtbaren Halbmond“ dauerte es nach Weizen und Gerste noch 4.500 Jahre, bis Ölbäume angebaut wurden, und noch länger, bis schwierige Obstarten wie Äpfel angebaut wurden, deren Wert sich nur durch Veredelung erhalten lässt – eine Technik, die in China entwickelt und von dort importiert wurde.
In Australien, wo sich vor der Besiedelung mit Europäern keine Landwirtschaft entwickelte, wird noch heute als einzige einheimische Pflanze die Macadamia-Nuss angebaut; die gesamte übrige Landwirtschaft beruht auf eingeführten Arten. Ähnlich war es mit den Haustieren. Das Rind wurde 2.000 Jahre nach Schafen und Ziegen domestiziert; wilde Auerochsen sind schwerer zu zähmen als Wildschafe und Wildziegen. Aber wenn der Auerochse schwierig war – so war der unberechenbare amerikanische Bison oder die afrikanischen Zebras unmöglich zu domestizieren: Sie werden auch heute noch nur in halbwilden Herden (Bison) oder gar nicht (Zebra) bewirtschaftet. In Amerika, Afrika und Australien gab es viel weniger zur Zucht geeignete Tiere als in Europa und Asien; nur in Europa und Asien gab es Reit-, Zug- und Lasttiere: Diese sollten später den Austausch zwischen den verschiedenen Zentren innerhalb der afro-eurasischen Weltzone wesentlich erleichtern und damit den ursprünglichen Vorsprung dieser Region weiter ausbauen (mehr hierzu auf der Seite >> Die Folgen der Landwirtschaft).
Weiter mit: >> Der Siegeszug der Landwirtschaft
|