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Das Zeitalter der Landwirtschaft
Der Siegeszug der Landwirtschaft
Von den Zentren ihrer Entstehung breiteten sich Ackerbau und Viehzucht über die Welt aus; entweder, indem die zahlenmäßig überlegenen Ackerbauern die Jäger und Sammler vertrieben, oder indem diese die Landwirtschaft übernahmen. Aber auch bei der Ausbreitung gab es wichtige regionale Unterschiede.
 Die Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa.
Die Ausbreitung in Eurasien
In Eurasien breitete sich die Landwirtschaft vergleichsweise schnell aus: Vom fruchtbaren Halbmond einerseits nach Osten bis ins Industal und andererseits bis nach Westeuropa und Nordafrika; und von China ins tropische Südostasien und nach Japan. Die Ausbreitung erfolgte dabei in Stufen: Zuerst wurden Gebiete mit ähnlichem Klima erreicht - etwa das heutige Turkmenistan am Kaspischen Meer und in Europa Griechenland, der Balkan und Südostitalien. Dabei wurden auch neue Pflanzen kultiviert: In Südeuropa wurden vor 6.000 Jahren erstmals Oliven, Wein und Feigen angebaut. In der Türkei wurde bereits vor über 8.500 Jahren Landwirtschaft betrieben, damals entstanden bereits Großsiedlungen wie Çatal Hüyük mit 6.000 bis 8.000 Einwohnern.
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Stichwort: Çatal Hüyük
Die nach Jericho (>> mehr) zweitälteste Stadt der Welt, in Anatolien gelegen (>> Karte), ist über 9.000 Jahre alt. Sie wurde Ende der 1950er Jahre entdeckt, und die Ausgrabungen seither zeigen, dass die Stadt aus einstöckigen, rechteckigen Häusern aus Holz und Lehmziegeln bestand, die nicht durch Wege getrennt waren: Die Häuser wurden über die Dächer der Nachbarn erreicht. Der Einstieg befand sich ebenfalls auf dem Dach und diente gleichzeitig als Rauchabzug.
Die auf Stadtplanung hindeutende Organisation der Siedlung stellt die Forscher vor neue Herausforderungen: Offenbar wurde hier erst die Stadt besiedelt und danach mit der Landwirtschaft begonnen. Der heutige Grabungsleiter, Ian Hodder, glaubt, dass Rituale und Zeremonien die Stadtgründung förderten. Vor 8.000 Jahren hatte Çatal Hüyük 6.000 bis 8.000 Einwohner und war die größte bekannte Siedlung; aus bislang unbekannten Gründen wurde sie vor 7.700 Jahren aber aufgegeben.
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 Innenraum eines rekonstruierten Hauses aus Çatal Hüyük mit Feuerstelle und Leiter. Foto: Stipich Béla, aus wikipedia.
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Vor 8.200 Jahren wurde dann der Golfstrom erneut durch abtauendes Schmelzwasser unterbrochen (das “8k-Event”, >> mehr), was zu einer 400 Jahre andauernden Kaltphase führte. Als diese zu Ende ging, stieg der Meeresspiegel des Mittelmeeres an und flutete einen Süßwassersee, der damit zum Schwarzen Meer wurde. (Manche Forscher bringen diesen Einbruch mit der biblischen Sintflut in Verbindung.) Der ansteigende Wasserspiegel hat in dem dicht besiedelten Gebiet viele Menschen vertrieben, die sich entlang der Zuflüsse eine neue Heimat suchten. Entlang der Donau kamen sie so bis nach Ungarn, und von hier immer den Lößböden entlang der großen Flüsse folgend, die für den Ackerbau besonders geeignet sind, bis nach Westeuropa.
Die Ausbreitung der Landwirtschaft in Westeuropa kann nicht einfach gewesen sein: Das Wetter mit ganzjährigen Regenfällen und einer kürzeren Wachstumssaison erforderte umfassende Anpassungen der Pflanzen und neue Anbautechniken. Diese Besiedlung – und damit die Landwirtschaft – erfolgte vor gut 7.500 Jahren. Genetische und linguistische Untersuchungen legen nahe, dass nach Mitteleuropa nicht (nur) Ideen und Techniken, sondern auch Menschen kamen: Dies zeigt zum einen das Verbreitungsbild der indoeuropäischen Sprachfamilie, zum anderen die Tatsache, dass heutige Europäer zahlreiche Gene aus dem Nahen Osten besitzen, die zudem nach Westen hin seltener werden. Diese Verteilung belegt auch, dass die Einwanderer sich mit den ansässigen Jägern und Sammlern mischten; wie friedlich oder kriegerisch und wie schnell diese Vermischung geschah - darüber kann man heute nur noch spekulieren.
Und sie brachten Rinder mit, denn die heutigen Hausrinder stammen vom asiatischen Auerochsen ab, nicht von seinen europäischen Verwandten. Für die ersten 500 Jahre dieser Zeit waren Mittel- und Südeuropa durch eine gemeinsame Kultur verbunden, die Linearbandkeramik, benannt nach den mit Linienbändern verzierten Keramikgefäßen. Diese ersten mitteleuropäischen Bauern errichteten aus mit Lehm verkleidetem Flechtwerk Langhäuser; diese waren bis 30 Meter (in einzelnen Fällen auch 50 Meter) lang und 10 Meter breit. Auf diese Kultur folgten in Mitteleuropa unter anderem die Megalithkulturen (siehe Stichwort) und die Pfahlbausiedlungen (>> Stichwort). Als die Landwirtschaft vor 4.500 Jahren Skandinavien erreichte, war sie in ganz Europa verbreitet.
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Stichwort: Megalithkulturen
Zuerst vor 7.000 Jahren in der Normandie und der Bretagne, seit etwa 5.000 Jahren fast überall in Europa entstanden Anlagen aus großen, teils viele Tonnen schweren Steinen. Oft dienten diese als Gräber, bei anderen rätseln die Archäologen noch über ihren Zweck. Waren sie Kultstätten? Oder einfach Landmarken? Einige könnten auch eine astronomische Funktion gehabt haben, ähnlich wie die Kreisgrabenanlage von Goseck (folgender Kasten). Von vielen Anlagen sind noch Überreste erhalten, wobei die Grabanlagen ursprünglich mit Erde bedeckt werden. Die Megalithkulturen endeten vor etwa 3.500 Jahren.
 Grabanlage in der Altmark (Sachsen-Anhalt). Foto: Jürgen Paeger
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Steinzeitbauern in Mitteldeutschland
In Deutschland fanden die Besiedler unter anderem zwischen Harz, Elbe und Saale fruchtbare Lössböden, die für den Ackerbau geeignet waren. Auch hier haben sie offenbar die Jäger verdrängt, indem sie sich und ihren Tieren den Lebensraum nutzbar machten und die Wälder abholzten. An der Saale finden sich einige der bemerkenswertesten Zeugnisse aus dieser Zeit, etwa die 6.900 Jahre alte Kreisgrabenanlage von Goseck, mit der sich Winter- und Sommersonnenwende bestimmen ließen - wichtige Zeitpunkte im bäuerlichen Jahr.
(Wie es weiterging an der Saale, lesen Sie >> hier)
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Stichwort: Pfahlbausiedlungen
Offene Stellen an Seen und Flüssen waren für die frühen Bauern besonders geeignet. Das Problem dabei: steigender Wasserstand kann die Häuser überfluten. Beginnend vor rund 6.300 Jahren entstanden rund um den Alpenraum Siedlungen aus Pfahlbauten - zahlreiche Beispiele gibt es an den Schweizer Seen und am Bodensee.
Die Häuser standen auf drei bis fünf Meter hohen Holzpfählen (siehe Foto rechts) und waren daher auch bei schwankendem Wasserstand geschützt.
Webtipp: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen
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Nachbau einer Pfahlbausiedlung aus dem Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Foto: Gerhard Schauber, aus wikipedia. |
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Aus dem fruchtbaren Halbmond gelang die Landwirtschaft sehr wahrscheinlich auch ins Niltal - wann genau, ist unbekannt, da die frühesten Spuren von den Nilfluten beseitigt wurden. Vermutlich begann der Ackerbau vor 7.500 Jahren; sicher ist, dass es vor 6.300 Jahren im Niltal Siedlungen gab und vor 5.500 Jahren die Landwirtschaft weit verbreitet war. Noch weniger ist über den Weg nach Osten bekannt; seit 8.000 Jahren gibt es Landwirtschaft im Industal im heutigen Pakistan - auch hierher ist sie vermutlich aus dem fruchtbaren Halbmond gelangt, wofür auch die Verbreitung afroasiatischer Sprachen und eurasischer Gene sprechen. (Es gibt aber auch Forscher, die von einer eigenständigen Entwicklung dort ausgehen.)
Von China aus breitete sich der Reisanbau bis an den Himalaja, Burma und Nordthailand aus, erreichte vor 5.500 Jahren das heutige Taiwan und vor 4.200 Jahren Osttimor und vor 4.100 Jahren die Philippinen. Nach Japan gelang er wohl erst vor 2.400 Jahren (Yayoi-Periode), als die Vorfahren der heutigen Japaner aus Korea einwanderten. Über die zentralasiatischen Handelswege gelangen bereits vor 4.500 Jahren Pflanzen aus dem fruchtbaren Halbmond (Weizen und Gerste) nach China, wenig später auch Ziegen und Schafe. Diese dominierten die Wirtschaftsweise in den zentralasiatischen Steppen.
Amerika und Afrika
In Amerika und Afrika breitete sich die Landwirtschaft weniger schnell bzw. gar nicht aus. Hierfür gibt es einen geografischen Grund: In Europa, Asien und Nordafrika konnte die Ausbreitung in Regionen mit ähnlichem Klima entlang der Breitengrade (also in Ost-West-Richtung) vor sich gehen, in Amerika und in Afrika südlich der Sahara hätte eine ähnliche Ausbreitung in Nord-Süd-Richtung über verschiedene Klimazonen hinweg gehen müssen: Die Hochländer Mittelamerikas und der Anden waren durch die tropische Landenge von Panama getrennt; in Afrika trennte die Sahara die Landwirtschaft in Nordafrika von der Sahelzone und die Regenwälder des tropischen Zentralafrikas diese vom klimatisch ähnlichen Südafrika. Und: In Europa, Asien und Nordafrika gab es Zug- und Reittiere; Waren und Informationen konnten so selbst Hindernisse wie die Zentralasiatische Wüste und das tibetanische Hochland überwinden – etwa auf der später „Seidenstraße“ genannten Route. In Amerika aber gab es keine Zug- und Reittiere, das Lama war nur als Lasttier geeignet.
Afrika
In Afrika haben die zu den Bantuvölkern1 gehörenden Bauern aus dem tropischen Westafrika vor 5.000 Jahren begonnen, sich aus ihrem Kerngebiet in den Regenwald hinein auszubreiten. Vor 3.000 Jahren erreichten sie Ostafrika, wo sie auf andere Bauern trafen. Diese bauten Pflanzen an, die aus dem „fruchtbaren Halbmond“ und der Sahelzone stammten; die Westafrikaner mit ihren feuchtigkeitsliebenden Feldfrüchten ergänzten diesen Anbau. Sie übernahmen den Anbau von Sorghum und Hirse und die Rinderzucht. Außerdem nutzten sie nun Eisenwerkzeuge – Eisen wurde in Afrika spätestens ab 600 v. Chr. genutzt (siehe >> hier).
Landwirtschaft und Eisenwerkzeuge waren die Grundlage für die Wanderung der Bantuvölker nach Süden. Innerhalb weniger Jahrhunderte erreichten sie Natal an der Ostküste Südafrikas (das heutige Durban). In Natal endete der Vormarsch, denn die Kapregion Südafrikas besitzt wieder ein Mittelmeerklima mit Winterregen, dass für die Pflanzen der Bantuvölker nicht geeignet war. Dorthin zogen sich die zuvor die ganze Südhälfte Afrikas bewohnenden Khoisan-Völker (die San und die Khoi Khoi) zurück, die zum Teil die Schafzucht von den Bantuvölkern übernahmen, zum Teil als Jäger und Sammler in der Kalahari lebten (“Buschmänner”). Ebenso wie die Pygmäen aus den Regenwäldern Zentralafrikas bewohnten die Khoisan-Völker schon vor Ankunft der Weißen nur noch kleine Teile ihres ursprünglichen Gebietes; der größte Teil Afrikas südlich der Sahara war von Bantuvölkern besiedelt. Immerhin verdankten diese im Unterschied zur Praxis in anderen Regionen der Welt zur Eisenzeit ihren Vormarsch aber nicht Waffen und Rüstungen, sondern der Hacke.
Amerika
Über die Ausbreitung der amerikanischen Landwirtschaft ist noch wenig bekannt, da die Landwirtschaft dort weniger produktiv war und geringere Bevölkerungsverschiebungen auslöste; außerdem ließ das Klima weniger archäologische Reste überstehen. Bekannt ist aber, dass vor 5.000 Jahren Wanderungen der Maya und der Azteken den Mais in den Südwesten der heutigen USA brachten. Die starke Ausbreitung von Sprachfamilien des Amazonasgebietes (Tupi, Arawak) ist eines der wichtigsten Argumente für eine eigenständige Entstehung der Landwirtschaft im Amazonasgebiet; und die Ausbreitung der Landwirtschaft aus dem Osten der heutigen USA kann anhand der Verbreitung der Algonkin- und Irokesensprachen nachvollzogen werden.
Anm. 1: “Bantuvölker” bezeichnet Völker, die Bantusprachen sprechen, einer Untergruppe der Niger-Kongo-Sprachen, die auf ein Proto-Niger-Kongo zurückgehen, das vermutlich vor über 10.000 Jahren in Westafrika entstanden ist. Die Bantu besitzen aber kein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl, das Wort bedeutet einfach “Mensch”.
Weiter mit: >> Die Folgen der Erfindung der Landwirtschaft >> Umweltveränderungen im Zeitalter der Landwirtschaft
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© Jürgen Paeger 2006 - 2010
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