Das Zeitalter der Industrie
Die Bevölkerung der Erde

Mit den Erkenntnissen des wissenschaftlich-technischen Zeitalters und der Anwendung der Techniken der Industriellen Revolution auf die Landwirtschaft ging eine zweite Wachstumsphase einher, die die Weltbevölkerung von 800 Millionen Menschen immer schneller anwachsen ließ - auf heute über 6,8 Milliarden Menschen. Damit brauchten die Menschen auch einen immer größeren Anteil der biologischen Produktion der Erde.

Bevölkerungswachstum im wissenschaftlich-technischen Zeitalter

Das schon im Laufe des Agrarzeitalters immer schneller werdende Bevölkerungswachstum (>> hier) erhielt mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt einen weiteren Schub (siehe Abbildung).

Bevölkerungswachstum im Industriezeitalter
Wachstum der Weltbevölkerung im Industriezeitalter.
Eingene Abb. nach >>
Clive Ponting: A New Green History
of the World
, eigene Fortschreibung bis 2009.

Der Verlauf zeigt dabei historisch überall einen ähnlichen Verlauf (der auch als Modell vom “demografischen Übergang” bekannt ist): Mit dem Beginn der wirtschaftlichen Entwicklung nimmt die Bevölkerung rasch zu; nach einer - unterschiedlich langen - Wachstumsphase geht das Bevölkerungswachstum zurück und die Bevölkerung stabilisiert sich auf einem höheren Niveau. So war dies schon in Großbritannien: Die Bevölkerung wuchs von 7,5 Millionen Menschen im Jahr 1750 auf 40 Millionen im Jahr 1910, obwohl schätzungsweise 20 Millionen Menschen in dieser Zeit auswanderten; danach ging das Bevölkerungswachstum zurück. Die ansteigende Bevölkerung geht in der Regel auf eine zurückgehende Sterberate zurück, der erst zeitverzögert eine zurückgehende Geburtenrate folgt. In vielen “alten” Industrieländern bleibt die Bevölkerung heute gleich oder schrumpft sogar, auf der Erde befinden sich aber viele Länder in der Wachstumsphase, daher haben wir noch eine schnell zunehmende Weltbevölkerung.

Für die zurückgehende Sterberate gibt es zwei zentrale Auslöser: Zum einen wurde mit industrialisierter Landwirtschaft (>> mehr) und verbesserten Transporten die Nahrungsmenge größer und der Zugang zu Nahrung besser, zum anderen entstand mit zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Industrieländern ein öffentliches Gesundheitswesen, das ab 1880 mit den bahnbrechenden Arbeiten von Louis Pasteur, Robert Koch und anderen erheblich an Schlagkraft gewann. Begonnen hatte die Entwicklung bereits 1798, als der englische Landarzt Edward Jenner eine Schutzimpfung gegen Pocken entwickelte. In Europa verloren die Pocken innerhalb eines Jahrzehntes ihren Schrecken; außerhalb der Industrieländer erst, nachdem die Weltgesundheitsorganisation 1966 ein Programm zur Ausrottung der Pocken startete (das Programm hatte schon 1953 gestartet werden sollen, wurde aber von den Industrieländern immer wieder - aus Kostengründen - abgelehnt). Es war ein riesiger Erfolg, der letzte Fall wurde 1977 aus Somalia gemeldet, 1980 wurden die Pocken als ausgerottet erklärt. (Pockenviren werden offiziell in zwei Seuchenzentren in den USA und Russland aufbewahrt, um ggf. Ausgangsmaterial für die Herstellung von Impfstoff zu haben. Befürchtet wird, dass darüber hinaus einige Länder geheime Vorräte zu militärischen Zwecken lagern könnten.) Masern blieben bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts problematisch, sie wurden dann durch bessere Ernährung und bessere Wohnbedingungen zurückgedrängt. Eine Schutzimpfung ist erst seit 1963 erhältlich; in Entwicklungsländern gehören sie aber immer noch zu den häufigsten Infektionskrankheiten mit hoher Todesrate. Auch in Deutschland kommt es gelegentlich noch zu kleinräumigen Ausbrüchen. Die Pest kann immer noch nicht wirksam bekämpft werden, sie wurde vor allem durch verbesserte hygienische Bedingungen zurückgedrängt. Außerhalb Europas kommt es immer wieder zu Pestepidemien; vor allem in Afrika kommt es jedes Jahr zu über 2.000 Pesterkrankungen.

Die Krankheiten der Industrialisierung

Die Industrialisierung brachte ihre eigenen Krankheiten mit sich: So nahm durch die anfänglich engen Wohnverhältnisse und schlechte Ernährung die Tuberkulose zu und wurde im 19. Jahrhundert zur wichtigsten Todesursache in den Städten Europas und Amerikas. Erst seit 1921 gibt es eine (nur teilweise wirksame) Schutzimpfung, und seit 1952 Medikamente zur Behandlung. Heute ist Tuberkulose ein Krankheit der Entwicklungs- und Schwellenländer, ein Drittel aller Fälle liegen in Indien. Eine andere Krankheit der Industrialisierung war die zeitweise als “englische Krankheit” bekannte Rachitis, eine durch Vitamin-D-Mangel verursachte Wachstumsstörung der Knochen. Vitamin D wird durch Sonnenlicht gebildet, und der Kohlenruß der frühen Industrialisierung verdunkelte die Luft in den Städten derart, dass die Vitamin-D-Bildung litt. Die schlechten hygienischen Bedingungen in den Städten führten zu Ausbrüchen von Cholera-Epidemien; die Cholera hatte sich von Indien nach Westeuropa und Amerika ausgebreitet. Cholera-Epidemien erzwangen den Aufbau von Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungssystemen (>> mehr) und eine Abfallentsorgung (>> mehr) in den Städten.

Die Krankheiten der Reichen

Kindersterblichkeit und Infektionskrankheiten sind in den reichen Ländern von Krebs- und Herz-/Kreislauferkrankungen als Haupttodesursache abgelöst worden. Dieses erklärt sich zum einen durch die höhere Lebenserwartung, durch die Krebserkrankungen zunehmen; zum anderen durch veränderte Umwelt- und Lebensverhältnisse. Wichtigste Ursache von Lungenkrebs ist der Tabakkonsum, der seit dem 17. Jahrhundert stark zugenommen hat; und viele Herz-/Kreislauferkrankungen sind durch Übergewicht und Bewegungsmangel verursacht. In den reichen Ländern (und bei den Reichen in den armen Ländern) ist das Problem heute nicht mehr zu wenig, sondern zu viel Nahrung; vor allem zu viel Zucker und zu viel Fett. Im Unterschied zum Nahrungsmangel hat dabei aber der Einzelne die Abhilfe in der Hand: Nicht rauchen, weniger Essen und mehr Bewegung sind das wirkungsvollste Rezept für eine bessere Gesundheit.

Wann und warum die Geburtenrate beginnt zu sinken, ist weniger eindeutig bekannt. Historisch ist die Zeitspanne vom Sinken der Sterberate zu Sinken der Geburtenrate in verschiedenen Ländern unterschiedlich lang; wichtigste Gründe scheinen ein gewisser Wohlstand und das Bildungsniveau (vor allem der Frauen) zu sein, aber auch die Kenntnis über und der Zugang zu Verhütungsmethoden und -mitteln zu sein. Insgesamt kam es im Industriezeitalter zu einer Bevölkerungsexplosion, die sich am eindrucksvollsten an der Zeit ablesen lässt, in der die Bevölkerung um eine Milliarde Menschen wuchs. Eine Milliarde Menschen lebten erstmals um das Jahr 1820 herum auf der Welt, diese Zahl wurde also nach Erfindung der Landwirtschaft in gut 10.000 Jahren erreicht. Die nächste Milliarde Menschen dauerte nur noch gut 100 Jahre: Um 1925 lebten zwei Milliarden Menschen auf der Welt. Drei Milliarden waren es bereits 35 Jahre später (1960), die nächste Milliarde dauerte 15 Jahre (1975 - 4 Milliarden Menschen), und die beiden folgenden Milliarden jeweils etwa 12 Jahre (nach UN-Berechnungen lebten genau am 12. Oktober 1999 sechs Milliarden auf der Erde.

In den Ländern, in denen diese zweite Phase des Bevölkerungswachstums zuerst begann, ist sie wie in Großbritannien längst wieder vorbei, etwa in Amerika und Europa. In anderen Ländern ist sie noch voll in Gang: So verdoppelte sich die Bevölkerungszahl seit 1950 in Asien, verdreifachte sich in Lateinamerika und vervierfachte sich (fast) in Afrika.

Wie viele Menschen leben jetzt auf der Erde?
Eine Antwort auf diese Frage gibt die >> Weltbevölkerungsuhr der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

Bevölkerungswachstum und Ökosystem Erde

Die Diskussion um die Bedeutung des Bevölkerungswachstums für die Erde ist politisch belastet: Gerne verweisen die Industrieländer auf das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern als ungelöstes Problem, während für die armen Länder die Emissionen aus den Industrien der reichen Länder das wichtigste Problem sind. Dabei steht wohl in beiden Fällen der Wunsch im Vordergrund, sein eigenes Verhalten nicht ändern zu müssen.

Eine genauere Betrachtung zeigt, dass je nach Umweltproblem mal die eine Seite, mal die andere die Hauptverantwortung trägt. So stieg die Weltbevölkerung von 1890 bis 1990 um den Faktor 3,5; der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid aber um den Faktor 17. Für den Treibhauseffekt sind die Autos, Kraftwerke, Kohleöfen und Ölheizungen der Reichen verantwortlich (siehe >> hier). Auch die Luftverschmutzung in China ist kein Ergebnis seiner (dank strenger Geburtenkontrolle relativ langsam) zunehmenden Bevölkerung, sondern seiner raschen Industrialisierung.

Komplexer ist der Zusammenhang zwischen Wasserverbrauch und Bevölkerungszahl. Ein Großteil des Wassers geht in die Landwirtschaft - für die Ernährung von Menschen. Die Erzeugung einer Tonne Weizen verbraucht 1.000 Tonnen Wasser. Der Nahrungsbedarf einer wachsenden Menschheit bedingte auch die Ausweitung von Acker- und Weideland und damit die Vernichtung natürlicher Lebensräume und die zunehmende Bodenerosion. Im Detail wird das Bild dann aber wieder unscharf: Nicht nur der Nahrungsmittelbedarf insgesamt, sondern auch die Luxusansprüche der Reichen spielen eine Rolle - der Bestand an Rindern auf der Erde wiegt inzwischen genauso viel wie die gesamte Menschheit, und Regenwälder werden heute oft für den Sojaanbau für Rinderfutter gerodet. Ebenso hat der Wasserverbrauch der Landwirtschaft auch viel mit Subventionen und (oft damit zusammenhängender) schlechter Nutzung zu tun. Und in manchen Regionen nimmt die Erosion zu, weil Arbeitskräfte fehlen, um etwa Terrassenfelder zu erhalten. Aber auch der unvermeidliche Einfluss, den eine Bevölkerung von 6,8 Milliarden Menschen auf die übrige Biosphäre hat, ist bedrohlich. Eine erwartete Bevölkerung von 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 zu ernähren, ohne weitere natürliche Ökosysteme zu zerstören und ohne die Umweltschäden aus der Landwirtschaft zu erhöhen, ist eine echte Herausforderung (>> Wie 9 Millarden Menschen auf der Erde leben können).

Einen großen und oft negativen Einfluss hatten die (oft mit Bevölkerungswachstum zusammenhängenden) Wanderungsbewegungen. Beispiele sind die Besiedelung des Amazonasgebietes in Brasilien oder die indonesischen Umsiedlungsprogramme, die massive Regenwaldzerstörungen zur Folge hatten. Aber auch hier ist der wichtigste Faktor nicht die Zahl der Menschen an sich, sondern (aus ökologischer Sicht) falsche politische Entscheidungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die zunehmende Bevölkerungszahl hat sicher nachteilige Folgen, vor allem für die natürlichen Ökosysteme, die unsere Überlebensgrundlage sind. Dies alleine ist Grund genug, das Ende des Bevölkerungswachstum zu fördern, wo immer es geht. Für die Umwelt ist zumindest kurzfristig aber entscheidender, wie diese Menschen leben. Heute streben die meisten den ressourcen- und energieintensiven Lebensstil der reichen Länder an. Unsere Verantwortung ist es daher, den Ressourcen- und Energieverbrauch unseres Lebensstils so zu verringern, dass alle Menschen daran teilhaben könnten (mehr dazu >> hier). Dies gilt auch für die Produktion von Treibhausgasen (siehe >> hier).

Wie viele Menschen kann die Erde tragen? Da die Auswirkungen der Bevölkerung in erster Linie von unserem Lebensstil, also von gesellschaftlichen und kulturellen Werten abhängen, kann es auf diese Frage keine naturwissenschaftlich hergeleitete Antwort geben.

Bevölkerungswachstum im Agrar- und Industriezeitalter
Das Gesamtbild des Bevölkerungswachstums im Agrar- und Industriezeitalter. Eigene Abbildung.

Neue Infektionskrankheiten

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchten vor allem in Afrika eine Reihe neuer Infektionskrankheiten auf. Auch diese haben mit der zunehmenden Nutzung natürlicher Lebensräume durch den Menschen zu tun: Immer tiefer dringen sie in die tropischen Regenwälder ein, die seit langem eine Quelle von Infektionskrankheiten sind (z.B. Gelbfieber). Wenn dann noch Affen als “bushmeat” gegessen werden, steigt die Chance eines Übergangs der Krankheitserreger auf den Menschen. So ist vermutlich der lange bei Schimpansen beheimatete HIV-Erreger, der beim Menschen AIDS auslöst, auf den Menschen gekommen. AIDS ist heute die wirksamste Infektionskrankheit, die Todesrate ähnelt in manchen Ländern Afrikas der des “Schwarzen Todes” im europäischen Mittelalter - nur viel allmählicher, so dass die Schockwirkung ausbleibt. Weitere neue Infektionskrankheiten sind die von Viren ausgelösten Lassafieber, Ebola und Hantaviren, die allesamt mit Blutungen einhergehende Fiebererkrankungen auslösen, die eine hohe Todesrate haben.

Eine andere Befürchtung betrifft die mögliche Entstehung neuer, tödlicher Grippeviren. In den Jahren 1918 bis 1920 tötete die Spanische Grippe mindestens 25 Millionen Menschen - weit mehr als der erste Weltkrieg. Diese Grippe erwies sich als eine Vogelgrippe, die durch Mutationen auch den Menschen infizieren konnte. Daher löst das Übergreifen von Vogelgrippe-Viren wie des “H5N1-Virus” auf den Menschen in Ost- und Südostasien im Jahr 2003/2004 und der Schweingrippe H1N1 im Jahr 2009 bei den Gesundheitsbehörden Besorgnis aus; für viele Mediziner ist es nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein gefährlicher Grippevirus entsteht und eine Pandemie (weltweite Krankheitswelle) auslöst (>> hier).

Die Verstädterung der Menschheit

Die Verstädterung der Menschheit

Im Verlaufe des Industriezeitalter zogen immer mehr Menschen in die Städte. Im Jahr 2006 lebten erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Abb. nach >> Clive Ponting: A New Green History of the World.
 

Ein anderer Trend im Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung kennzeichnete vor allem das 20. Jahrhundert: Die zunehmende Verstädterung der Menschheit. Am Ende das Agrarzeitalters hatten gerade 3 Prozent der Menschheit in Städten gewohnt (>> mehr), die größten Städte im Jahr 1800 waren London, Edo (das heutige Tokio), Beijing und Kanton. Im 19. Jahrhundert nahm der Anteil der Menschen in den Städten vor allem in den entstehenden Industrieländern zu, 1850 lebten in England bereits über die Hälfte der Menschen in Städten. Dieses waren Industriestädte: Baumwollstädte wie Lancashire, Zentren des Bergbaus und der Metallverarbeitung wie Sheffield oder Manchester, Eisenbahnstädte wie Swindon. London wurde zum Zentrum der Textilherstellung. In den anderen Industrieregionen Europas folgte eine ähnliche Entwicklung: In Belgien, im Ruhrgebiet, in Nordfrankreich. In Nordamerika wuchsen die Städte vor allem mit der Einwanderungswelle ab 1840, es entstanden Industriestädte wie Pittsburgh; New York erreichte 1860 800.000 Einwohner.

Die Lebensbedingungen in den frühen Industriestädten waren schlecht: Sie waren überbevölkert und ungesund; Krankheiten wie Tuberkulose breiteten sich aus (siehe oben). Wer konnte, siedelte sich entlang der neu entstehenden Eisenbahnstrecken außerhalb der Zentren an, wo neue Vororte entstanden. Später, mit der Entwicklung elektrischer Straßen- und Untergrundbahnen ab den 1890er Jahren, beschleunigte sich diese Entwicklung noch; die Städte wuchsen mit Nachbarstädten zusammen (so “schluckte” Berlin Charlottenburg und Spandau). Im Jahr 1900 lebten 14 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, in vielen Industrieländern aber etwa drei Viertel der Einwohner; erste Städte hatten mit gewaltigen Sanierungsprogrammen gegen das Elend in den Innenstädten zu kämpfen begonnen - etwa Baron Haussmanns Sanierung der Pariser Innenstadt Mitte des 19. Jahrhunderts.

Mit der Verbreitung des Autos (ab 1920 in den USA, ab 1950 in Europa) dehnten sich die Städte noch weiter in ihr Umland aus. Auch die neu entstehende Leichtindustrie wanderte oft hierhin ab. Neue Städte entstanden in den sich industrialisierenden Gesellschaften, so stieg der Anteil der Stadtbevölkerung in der Sowjetunion von 20 auf über 60 Prozent, Moskau wurde bis Ende des Jahrhunderts zur 6,5-Millionen-Stadt. In Japan entstanden Städte rund um Tokio, dessen Fläche sich von 1923 bis 1945 verdoppelte. Noch schneller wuchsen aber die Städte in den Entwicklungs- und Schwellenländern, wo Riesenstädte entstanden: Lagos in Nigeria, Nairobi in Kenia, Ankara in der Türkei. Vor allem aber ereichte Lateinamerika einen Verstädterungsgrad wie Europa oder Nordamerika (in Afrika und Asien leben “nur” ein Drittel der Menschen in Städten). Die Attraktivität der Städte hat hier vor allem damit zu tun, dass sich hier die wirtschaftliche Aktivität der Länder konzentriert und wenigstens eine minimale Infrastruktur besteht; aber in vielem gleichen die Lebensbedingungen denen der frühen Industriestädte; etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung lebt in Slums - weltweit über eine Milliarde Menschen. Stadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das ist die Pracht von New York oder Tokio ebenso wie die Slums von Lagos oder Kalkutta.

Die ersten Megastädte entstanden noch als Folge der Industrieentwicklung, etwa im Ruhrgebiet, dessen Einwohnerzahl 1939 4,5 Millionen Menschen betrug, oder das durchgehend besiedelte Gebiet zwischen Tokio und Kobe in Japan. Heute gibt es auf der Erde 27 Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Diese Megastädte sind das extremste Beispiel der weitgehend künstlichen Umwelt, die sich der Mensch mit der Stadt geschaffen hat. Sie stellen eine besondere Konzentration des Energie- und Ressourcenverbrauchs dar - so verbraucht etwa der Sears Tower in Chicago mehr Strom als eine amerikanische Stadt mit 150.000 Einwohnern. Ohne eine aufwändige Infrastruktur - ohne U-Bahnen, Aufzüge, Klimatisierung und künstliche Beleuchtung - wären Megastädte kaum attraktiv.

Megacities und Ballungsgebiete der Erde
Siebenundzwanzig Ballungsgebiete und Megacities der Erde haben mehr als 10 Millionen Einwohner. Rot bedeutet: Hier leben über 20 Millionen Menschen, orange: über 15 Millionen Menschen, gelb-orange: über 10 Millionen Menschen.

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Einen Zusammenhang zwischen Bevölkerung und Nahrungsmittel- produktion erkannte 1798 der englische Pfarrer und Ökonom Thomas Robert Malthus in seinem “Essay on the Principle of Population”. Da die Bevölkerungszahl exponentiell wachse und daher schneller steigen könne als die Erzeugung von Nahrungsmitteln, sah er Hungersnöte voraus, wenn die Menschheit diesen nicht vorbeuge, etwa durch spätere Heirat und Geburten- kontrolle.

Mit den Produktivitäts- steigerungen der industrialisierten Landwirtschaft galt Malthus als überholt. In jüngster Zeit lassen steigende Lebensmittel- preise diese Hoffnung aber als vorschnell erscheinen: Ohne ausreichende Nahrung ist eine wachsende Menschheit auch im Industriezeitalten unmöglich. (Ohnehin hatten die meisten, die Malthus für wiederlegt hielten, ihn gar nicht gelesen.)

Die Auswirkungen der Menschheit auf die Umwelt setzen sich aus drei Faktoren zusammen:

A = BWT

A = Auswirkungen
B = Bevölkerungszahl
W = Materieller
       Wohlstand (pro
       Kopf)
T = Technologie und
     sozioökonomisches
     System

(Mit “sozioökonomi- schem System” wird der Einfluss von Nutzungs- weisen beschrieben; so verbrauchte eine Fahrgemeinschaft aus vier Menschen kaum mehr als ein mit einer Person besetztes Auto.)

Diese Faustformel stammt ursprünglich von dem amerikanischen Umweltforscher John Holdren. >> mehr (englischsprachig)

Die “Schweinegrippe” H1N1 hat beim Menschen zumeist einen harmlosen Verlauf genommen. Die Warnung der WHO vor einer Pandemie (Juni 2009) beruhte nur auf der Ausbreitung der Grippe, nicht auf möglichen Folgen. Daher sind die Kriterien der WHO auch kritisiert worden und sollen künftig geändert werden.

Literaturtipp: Wenn Sie einen Eindruck haben wollen, wie das Leben in den Megastädten außerhalb der reichen Länder ist, empfehle ich Suketu Mehta: Bombay. Maximum City - “das mit Abstand beste Buch, das bisher über diese kaputte Metropole geschrieben wurde.” (Salman Rushdie)

Wie sah Manhattan aus, bevor es von Europäern entdeckt wurde? Diese Frage stellte sich die New Yorker Wildlife Conservation Society - und versucht eine Antwort >> hier (www.mannahatta.org).