Das Zeitalter der Industrie

Die Plünderung der Weltmeere

Jedes Jahr werden in den Meeren etwa 80 Millionen Tonnen Fisch gefangen. Der einst unerschöpflich erscheinende natürliche Reichtum der Weltmeere ist hierdurch gefährdet: 90 Prozent aller Fischbestände sind vollständig oder übermäßig ausgebeutet; fast ein Drittel sind akut gefährdet. Die Überfischung gefährdet nicht nur eine gesunde und für viele arme Menschen unverzichtbare Nahrungsquelle, sie hat auch unabsehbare Folgen für die Ökosysteme der Meere.

Kabeljau - kleines Bild

Auch die reichsten Fischbestände können vernichtet werden:
Heute ist der Kabeljau eine gefährdete Art. Seine Geschichte
finden Sie  >> hier.

Jagen, Fische und Sammeln sind älter als die Landwirtschaft; und Fischreichtum hat in der Geschichte der Menschheit oftmals eine Rolle gespielt. Ähnlich den großen Bisonherden Nordamerikas zogen Schwärme des majestätischen Roten Thunfisches durch den Atlantik und ins Mittelmeer, wo schon die Phönizier mit eingesalzenem Thunfisch handelten - und mit einer Fischsauce, die unter den Römern als garum im gesamten Römischen Reich verbreitet war. Stockfisch diente den Wikingern als Proviant auf ihren Fahrten und der Kabeljau führte sie wohl schon vor über 1.000 Jahren an die Küste Nordamerikas; im Mittelalter trugen die Heringsschwärme in der Ostsee zum Aufstieg der Hanse bei - und als diese ausgebeutet waren, die in der Nordsee zum Aufstieg der Niederlande. Baskische Fischer, die Walen folgten, entdeckten die reichen Kabeljaugründe vor Neufundland und Amerika damit wohl vor Kolumbus, behielten ihr Geheimnis aber für sich (>> mehr).

Die Zeiten des Überflusses sind aber längst vorbei. Heute gilt Fisch zwar als gesunde Alternative zu übermäßigem Fleischkonsum, aber der aktuelle Weltfischerei-Report der Welternährungsorganisation FAO sagt, dass 90 Prozent aller Bestände der kommerziell genutzten Meeresfische und -früchte überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet sind; fast ein Drittel ist akut gefährdet. Im Jahr 2006 hat eine in der Wissenschaftszeitschrift Science von Boris Worm und 13 weiteren Fischereibiologen veröffentlichte >> Studie gezeigt, dass bereits die Bestände von 30 Prozent der befischten Arten praktisch zusammengebrochen sind (die Bestände sind auf unter ein Zehntel der ursprünglichen Bestände abgesunken). Wenn die Fischerei so weiterginge wie bisher, wäre nach Ansicht der Autoren um die Jahrhundertwende mit dem Zusammenbruch aller befischten Arten zu rechnen. Die einst so reichen Kabeljaubestände vor Neufundland gehören zu den ersten Opfern - heute ist dort die Kabeljaufischerei eingestellt (>> unten auf dieser Seite). Auch der Rote Thunfisch gehört mittlerweile zu den gefährdeten Arten. Die Fischerei in den Weltmeeren ist in der Krise: Von 1950 bis 1996 haben sich die Fänge noch vervierfacht, seither sinken sie trotz neuer Schiffe und besserer Fangtechniken leicht ab:

Grafik, die die Entwicklung des Fischfangs in den Weltmeeren von 1950 bis 2012 darstellt.

Der weltweite Fischfang in den Meeren von 1950 bis 2012 (ohne Beifang und illegale
Fänge). 1996 erreichte er einen Höhepunkt mit 86,4 Millionen Tonnen, seither sinkt er leicht.
Im Jahr 2012 betrug die Fangmenge 79,7 Millionen Tonnen. Zahlen aus / Abb. nach FAO
Weltfischerei-Report 2014.

Die Qualität der Fänge nahm sogar noch viel deutlicher ab: Heute werden Fische gefangen, die früher als “Beifang” (unerwünscht) galten; die Größe der Fische geht zurück. Die zehn ertragsreichsten Fischarten werden allesamt vollständig befischt und zum Teil sogar überfischt, so dass auch keine dauerhafte Steigerung erwartet werden kann, solange die überfischten Bestände sich nicht erholen können. Dass dennoch jedes Jahr neue Rekordmengen an Fisch und Meeresfrüchten wie Thunfisch, Lachs, Hering, Kabeljau, Miesmuscheln, Tiefseegarnelen und viele andere auf unseren Tellern landen, liegt allein an der >> Aquakultur (die schnell wächst und im Jahr 2012 24,7 Millionen Tonnen an Meeresfisch und Meeresfrüchten lieferte).

Vom gesamten Fischfang (zum Fischfang in den Meeren kommen noch 11,6 Millionen Tonnen, die im Süßwasser gefangen werden) gehen 21,7 Millionen Tonnen nicht direkt in die menschliche Ernährung, sondern werden zu rund drei Vierteln (16,3 Millionen Tonnen) zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet, die zu rund 70 Prozent (Fischmehl) bzw. 90 Prozent (Fischöl) als Fischfutter verwendet werden. (Der Rest wird als Tierfutter verwendet - Fisch findet sich also auch “getarnt” im Fleisch von Schweinen und Hühnern, die mit Fischmehl gefüttert wurden.) Die restlichen 5,4 Millionen Tonnen werden direkt in Fischfarmen, an Nutz- oder Pelztiere verfüttert oder etwa in der Pharmaindustrie verwendet. Der Großteil des Fangs wird heute von industriellen Fangflotten gemacht: Ein Prozent der Fischereiflotte fängt 50 Prozent der Meerestiere.

Besonders zerstörerisch ist der Fischfang mit Grundschleppnetzen. Das Grundtau eines solchen Netze wird über den Meeresboden gezogen; Ketten sollen Bodenfische wie Schollen, Seezungen oder Flunder aufscheuchen. Grundtaue und Ketten rasieren aber auch Korallen, Schwämme, Seefächer, Seetang und andere Bodenlebewesen ab - es ist, als “würden wir Hirsche, Kaninchen und Wildschweine jagen, indem wir die Wälder abholzen” (GEO 6/2007). Was überbleibt, ist eine Spur der Verwüstung - und es ist eine riesige Spur: Praktische alle Meeresgebiete, die weniger als einen Kilometer tief sind, werden mit Grundschleppnetzen befischt; nach Schätzung ist jedes Jahr eine Fläche von 15 Millionen Quadratkilometern betroffen (das sind mehr als 40.000 Quadratkilometer am Tag). Die Fischschwärme im freien Wasser werden von den großen Fangflotten heute mit Echolot-, Sonargeräten und Aufklärungsflugzeugen aufgespürt und dann mit riesigen Netzen gefangen. Gut ein Drittel des Fischfangs ist nach FAO-Schätzungen zudem illegal. Haien wird mitunter nur der Schwanz abgeschnitten, die Tiere lebend - aber zum Untergang verdammt - ins Meer zurückgeworfen (>> mehr). Zum eigentlichen Fang kommt noch ein weiteres Drittel an sogenanntem “Beifang”: unerwünschte Arten oder zu kleine Fische, die im besten Fall zu Fischmehl verarbeitet, meist aber einfach wieder über Bord gekippt werden - die Laderäume sollen lieber mit teurer Ware gefüllt werden. Zum Beifang gehört die majestätische, bis 2,50 Meter und 1.000 Kilo schwere Lederschildkröte, die sich leicht in Fischernetzen und -leinen verheddert (und zudem durch >> Plastikmüll in den Meeren und den Klimawandel gefährdet ist, da der ansteigende Meeresspiegel die Sandstrände, an denen sie ihre Eier ablegt, schrumpfen lässt).

Aus den überfischten Gebieten der nördlichen Meere ziehen die Fangflotten gen Süden, etwa vor die Küsten Westafrikas. Dort konkurrieren sie mit den Küstenfischern, jenen 60 Prozent der Fischerboote, die nicht einmal eine Kajüte haben, mit ihrem Fang aber 200 Millionen Menschen in Afrika mit Protein versorgen (weltweit ist Fisch für eine Milliarden meist armer Menschen die wichtigste Proteinquelle).

Die ökologischen Folgen des Fischfangs

Die Überfischung bedroht nicht nur die Ernährung vieler Menschen, sondern hat auch Folgen für die Ökosysteme - die allerdings noch kaum bekannt sind. Schon das Leben in den Ozeanen ist wenig bekannt (>> mehr); welche Rolle etwa die Großtiere in den Meeren spielen, noch viel weniger. Manchmal werden die Folgen jedoch deutlich: So führte der Rückgang der Wale zu einer Verminderung der biologischen Produktivität des Südpolarmeeres (>> mehr), die Jagd auf Seeotter zu einer Vernichtung der Kelpwälder - Seeotter fressen Seeigel, die wiederum Kelp fressen; mit dem Rückgang der Seeotter nahmen die Seeigel zu und zerstörten die Kelpwälder. Die Rolle der Großfische, Haie oder Thunfische etwa, im Ökosystem des Weltmeeres ist aber noch kaum bekannt, die Folgen ihres Rückgangs daher nicht abzusehen. Vor der amerikanischen Atlantikküste aber war vermutlich die intensive Jagd auf große Haie dafür verantwortlich, dass die Bestände ihrer Beute, kleine Haiarten und Rochen, zunahmen - und die Meeresfrüchte wegfraßen, deren Bestände in der Folge deutlich zurückgingen (siehe auch >> Die ökologischen Folgen des Walfangs). Aber auch ohne komplexe Rückkoppelungen ist eins klar: Wenn Arten derart überfischt werden, dass die Bestände zusammenbrechen, sinkt die Produktivität der Fischbestände und ihre Rolle für die Ernährung der Menschheit wird bedroht. Wenn die Fischer auf früher nicht genutzte Arten ausweichen, wird die Nahrungsbasis der Großfische angegriffen, und eine mögliche Erholung der Bestände verhindert.

Es ginge auch besser...

Die Fachleute sind weltweit längst einig, was geschehen müsste, um die Fischbestände in Zukunft zu schützen: Die Ozeane müssen als Ökosystem geschützt werden. Die Organisationen, die Fangquoten festlegen, müssen neben Vertretern des Fischfangs auch mit Wissenschaftlern und Umweltschützern besetzt werden, um wissenschaftliche Erkenntnisse durchzusetzen. Fischereibiologen wissen etwa, wie viele weibliche Tiere in einem Gebiet leben müssen, um ausreichend Jungtiere zu erzeugen. Schon aufgrund natürlicher Schwankungen kann diese Zahl nicht immer erreicht werden, der Bestand sollte aber nach Ansicht der Biologen nicht unter die Hälfte dieses Bestandes fallen. Für den Kabeljau in der Nordsee beträgt dieser Mindestbestand 70.000 Tonnen - der tatsächliche Bestand wird aber auf nur 30.000 bis 50.000 Tonnen geschätzt. Konsequenz: Die Fischereibiologen fordern daher seit Jahren eine Pause in der Kabeljaufischerei in der Nordsee. Bisher ist diese jedoch politisch nicht durchsetzbar - die Fischerei- und Landwirtschaftsminister auch der EU verstehen sich als Interessenvertreter der Fischer, und fühlen sich nicht der langfristigen Erhaltung der Fischbestände oder den Konsumenten verpflichtet. Außerdem nützen Quoten nur, wenn sie kontrolliert und durchgesetzt werden, bisher ebenfalls eine Schwachstelle. Wie auf Land, könnten auch auf See Schutzgebiete helfen; und Verbraucher haben die Möglichkeit, mit Produkten aus nachhaltiger Fischerei (etwa mit dem Siegel des Marine Stewardship Council - MSC) ihren Beitrag zu leisten.

Können Biologen fischen?

Im Streit um die noch vorhandenen Fischbestände sagen Fischer oft, dass die Biologen die Bestände zu niedrig schätzen, da sie nicht fischen könnten: Sie verwendeten veraltete Methoden und fischten dort, wo jeder wisse, dass es keine Fische gäbe...

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Während es den Fischern um maximale Fänge geht, wollen die Biologen die Entwicklung der Fischbestände erforschen. Daher müssen sie die gleichen Methoden verwenden, wie bei den Vergleichsmessungen vor Jahrzehnten - ansonsten wären die Fangmengen nicht vergleichbar. Ähnlich ist es mit den Orten, an denen gefischt wird: Die Biologen haben ein festes Raster, an denen jedes Jahr gefischt wird, während die Fischer natürlich den Fischen folgen. Für die Biologen ist es eben auch eine Erkenntnis, dass es an einem Ort keine Fische (mehr) gibt.

Lehrstück Kabeljau

Das nährstoffreiche Kontinentalschelf vor der Küste Neufundlands war einst der reichste Kabeljau-Fischgrund der Erde: Der Reichtum an Kabeljau hatte schon Wikinger und Basken nach Kanada gelockt, bevor Amerika “offiziell” entdeckt wurde (>> mehr). Als John Cabot im Jahr 1497 als erster moderner Europäer das nordamerikanische Festland erreichte, berichtete auch er vom Fischreichtum des neuen Landes. Tatsächlich waren die Fischgründe vor Nordamerika reicher als alles, was in Europa bekannt war, und so stürzten sich alle Fischereiflotten auf diesen Reichtum: 50 Jahre später trugen sie dazu bei, dass Kabeljau 60 Prozent des Fischverzehrs in Europa ausmachte. Franzosen, Basken, Spanier, Portugiesen, Briten: Sie alle fischten vor der Küste Nordamerikas. Häfen wie La Rochelle in Frankreich, Vigo und Bilbao in Spanien, Bristol und Plymouth in Britannien verdankten diesen Kabeljaugründen ihren Aufschwung.

Ein Bild von einem Fisch: Der Kabeljau

Der Kabeljau (Gadus morhua): Einst vor der Küste Amerikas so reichlich, dass in Europa ein regelrechter Kabeljaurausch ausbrach. (Abbildung aus wikipedia, Eintrag >> Kabeljau, abgerufen 17.9.2007)

Um den Kabeljau haltbar zu machen, wurde er im Winter, paarweise am Schwanz zusammengebunden, über Stöcke zum Trocknen gehängt (Stockfisch) oder eingesalzen zum Trocknen auf Klippen gelegt (Klippfisch) - letzteres war ganzjährig möglich, erforderte aber Salz (dass den Mittelmeerländern zur Verfügung stand, den Briten aber nicht). Stock- und Klippfisch wurden in Europa zum wichtigen Handelsgut; und da er als Verpflegung für die immer häufiger werdenden Seereisen in die neue Welt geeignet war, wurde er gar zur strategischen Handelsware.

Vor allem aber prägte er die Geschichte Nordamerikas: Als im Jahr 1620 die ersten englischen Siedler Neuengland erreichten, kamen sie an eine Küste, die wegen ihres Kabeljaureichtums den Namen Cape Cod (Kabeljaukap) trug - die kabeljaureichen Fischgründe reichen bis in den Süden des heutigen Massachusetts. Vermutlich rettete der Fischreichtum die Pilgerväter, die weder gute Jäger noch Bauern waren, vor dem Verhungern; auf jeden Fall belieferten sie bereits im Jahr 1640 den Weltmarkt mit 300.000 Stück Kabeljau. Der Kabeljauhandel machte Neuengland zu internationalen Handelsmacht, zumal sich Kabeljau als billige, salz- und proteinhaltige Nahrung für die Sklaven auf den karibischen Zuckerrohrplantagen eignete - wo man zudem Ware loswurde, die die anspruchsvollen Märkte am Mittelmeer nicht akzeptierten. Dem Gesetz nach hätte die Kolonie ihre Waren eigentlich nur über das englische Mutterland vertreiben dürfen, praktisch wurde der Handel zunächst geduldet. Erst ein Jahrhundert später versuchten die Briten, ihre Kolonie an die Kandare zu nehmen (im Jahr 1733 mit dem Molassegesetz, das die Zuckereinfuhr aus der nichtbritischen Karibik mit Zöllen belegte) - zu spät: langandauernde Zoll- und Steuerstreitigkeiten führten 1773 zur Boston Tea Party, die schließlich zum Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775 - 1783 führte, der mit der Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika endete (>> mehr)

Der Kabeljauhandel der Vereinigten Staaten wurde vom Ende der Sklaverei schwer getroffen; mit dem Ende der Plantagenwirtschaft wurde der karibische Markt sehr klein. Auf den europäischen Märkten hatten die Amerikaner aufgrund ihrer schlechten Qualität kaum eine Chance. Zwar entwickelte sich ein heimischer Markt, aber die alten Kaufmannsfamilien steckten ihr Geld lieber in die beginnende Industrialisierung.

Währenddessen entwickelte sich die Fischereitechnik weiter. Traditionell war der Kabeljau mit Handleinen gefischt worden; Anfang des 19. Jahrhunderts führten die Franzosen die Langleine ein, die mehrere Kilometer lang waren und viele Tausend Haken mit Ködern besaßen. Die Methode galt wegen des Kapitalbedarfs für die Köder als ungerecht; die Franzosen subventionierten ihre Flotten (um so von deren Seeleuten für ihre Marine zu profitieren). Die Norweger nutzten Wandnetze, in denen sich die Fische verfingen - auf diese Art sparten sie den Köder ein. Ende das Jahrhundert kam erstmals die Frage auf, ob man mit immer besseren Fangtechniken nicht die Fischbestände zerstören würde. Die Diskussion konnte aber zwei entscheidende Neuerungen nicht verhindern, die die Fischerei grundlegend verändern sollten: Dampfschiff und Gefrierkost.

Technische Neuerung in der Fischerei kamen meist aus Europa: Hier waren die Fischgründe weniger ergiebig und die Konkurrenz größer, alleine die Nordsee teilten sich acht Staaten. 1881 bauten die Briten den ersten dampfgetriebenen Trawler, und mit den Dampfschiffen setzte sich ab 1892 auch das Grundschleppnetz durch. Um die Jahrhundertwende hatten beide sich in Europa durchgesetzt. Mit dem Dampfantrieb konnten die Schiffe nun den Fischen folgen, die Fänge stiegen auf ein mehrfaches. Allerdings wurde bald der Fisch knapp, weshalb die Dampfschiffe begannen, vor der Küste Islands zu fischen. Währenddessen baute in Amerika, das noch bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend an Segelschiffen festhielt, in den 1920er Jahren Clarence Birdseye - ein ehemaliger Pelzjäger, der zum Erfinder geworden war - die erste Anlage zur industriellen Tiefkühlung. Gemeinsam mit der 1921 eingeführten Filettiermaschine entstand eine ganz neue Ware: Fischstäbchen, die ein enormer Erfolg waren (wobei der Kabeljau zunehmend von anderem Fisch verdrängt wurde - der Fisch in den Stäbchen ist immer das, was es gerade noch gibt). Im Zweiten Weltkrieg wurden beide Neuerungen dann kombiniert: Aus maschinengetriebenen Schiffen und Tiefkühltechnik gingen die heutigen Fabrikschiffe hervor, bei denen der Fang gleich an Bord verarbeitet und tiefgefroren wird. Das Auffinden von Fischschwärmen wurde durch Sonar und Aufklärungsflugzeuge erleichtert (insofern sind die Fischschwärme wohl auch ein “Kollateralschaden” des Kalten Krieges, dann das Sonar wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich zum Aufspüren sowjetischer U-Boote weiterentwickelt); heute werden auch Wärmesensoren auf Satelliten (und deren GPS-Daten) für den Fischfang genutzt.

Die Auswirkungen der neuen Technik wurden erstmals im Ersten Weltkrieg deutlich: Als die britischen Trawler eingezogen wurden, erholten sich die Kabeljaubestände, so dass 1917 und 1918 der isländische Küstenfischfang steigende Erträge hatte. Als die Briten zurückkehrten und in den 1920er Jahren die Deutschen dazukamen, sank er wieder. Ebenso brachte der Zweite Weltkrieg eine Erholungspause für die Fischbestände; nun fischten hier nur noch die Isländer, die mit den Rekordpreisen zu Kriegszeiten gutes Geld verdienten. Nach dem Krieg versuchten die Isländer, den Zugang zu den Fischgründen mit einer Ausdehnung seiner Hoheitsgewässer auf vier Meilen (1950) und später zwölf Meilen (1958) zu beschränken, was zum ersten “Kabeljaukrieg” (so die englische Presse) führte: Die Briten fischten unter dem Schutz britischer Kriegsschiffe, bis sie 1961 die Zwölfmeilenzonen anerkannten. 1971 dehnte Island seine Hoheitsgewässer auf 50 Meilen aus, 1975 auf 200 Meilen, beides begleitet von weiteren “Kabeljaukriegen”. Den Kabeljau rettete Island so aber nicht: Zuerst mussten die Flotte beschränkt werden, seit 1984 wurden Fangquoten eingeführt, seit 1995 dürfen höchstens 25 Prozent des Bestandes gefischt werden - die alten Fangmengen werden bei weitem nicht mehr erreicht. Aber immerhin erholen sich die Bestände langsam, Island gilt heute als Beispiel für gutes Management des Kabeljaus.

Schlimmer traf es Neufundland, das seit 1948 zu Kanada gehört. Als 1977 die Zweihundertmeilenzone eingeführt wurde, sah Kanada die Chance, die reichen Kabeljaugründe für eine ökonomischen Aufschwung Neufundlands zu nutzen. Und tatsächlich wurde die Hochseefischerei wieder zu einem ertragreichen Wirtschaftszweig; die Küstenfischerei litt jedoch unter sinkenden Erträgen. Die Schuld gaben die Küstenfischer den Grundschleppnetzen der Hochseefischerei - es kamen keine Fische mehr zum Laichen an die Küste. Noch 1989 weigerte sich Kanadas Fischereiminister, mit den Küstenfischern zu reden. Drei Jahre später, 1992, waren die Bestände soweit zurückgegangen, dass er die Aussetzung des Kabeljaufangs im nördlichen Atlantik verfügen musste; 1994 wurde das Moratorium auf die gesamte Küste Kanadas ausgedehnt. Bis heute sind die Bestände jedoch nicht wieder angestiegen. Niemand weiß genau, woran dieses liegt. Möglicherweise haben andere Arten wie Rochen, Glattrochen und Dornhaie die ökologische Nische des Kabeljaus besetzt und fressen seine (frühere) Nahrung, die nun keine großen Kabeljaubestände mehr ernähren kann. Die Ökologie der Meere ist immer noch nicht gut genug verstanden, um eine sichere Antwort zu wissen. Die einst so reichen Fischgründe Neufundlands sind jedenfalls erschöpft, und die Arbeitsplätze, um derentwillen sie vernichtet wurden, sind auch verloren.

Literaturtipp: Mark Kurlansky: Kabeljau. Der Fisch, der die Welt veränderte. List Taschenbuch Verlag 2000.

Ein weiteres Beispiel: der Blauflossen-Thunfisch

Der Nordatlantische Blauflossen-Thunfisch (Thynnus thynnus), auch Großer Thunfisch oder Roter Thunfisch genannt, kann bis 4,50 Meter lang und 700 kg schwer werden; er lebt im Nordatlantik und im Mittelmeer. Die jährliche Wanderung dieses Thunfisches ins Mittelmeer war eines der Höhepunkte des Jahres von der Atlantikküste nahe der Straße von Gibraltar und entlang der Mittelmeerküste bis hin zum Bosporus; im Laufe der Zeit entwickelten sich Fangrituale wie die "almadraba" vor Andalusien oder die "tonnara" vor Sizilien. Der Thunfisch bedeutete reichlich Nahrung und Überschüsse, die gehandelt werden konnten; er war auf keltischen und griechischen Münzen abgebildet.

Seit 1980 sind seine Bestände aber um 80 Prozent geschrumpft: Thunfisch ist zum Modefisch geworden, der für Sushi und Sashimi verwendet wird. Daran konnten auch die Bemühungen der 1969 gegründeten International Convention for the Conservation of Atlantic Tunas (ICCAT) nichts ändern - die von der ICCAT festgelegten Fangquoten lagen viele Jahre lang über den Empfehlungen ihrer eigenen Fischereibiologen. Unabhängige Fischereiexperten bezeichnetet ICCAT daher gelegentlich auch als International Conspiracy to Catch All Tuna (Internationale Verschwörung, um alle Thunfische zu fangen). Der wirtschaftliche Druck auf die ICCAT ist groß: Ein mittelgroßer Blauflossen-Thunfisch wird in Japan je nach Zustand für 10.000 - 20.000 US-Dollar gehandelt; im Januar 2013 erzielte ein Exemplar in Tokio den Rekordpreis von 1,76 Millionen Dollar (der erste Thunfisch des Jahres wird traditionell versteigert und erzielt auch für japanische Verhältnisse ungewöhnlich hohe Preise).

Im Jahr 2009 hat Monaco vorgeschlagen, den Blauflossen-Thunfisch im Anhang I der CITES-Liste aufzunehmen; damit wäre der internationale Handel mit Thunfisch verboten worden, seit 2011 gilt er zudem als weltweit stark gefährdete Art. Seither folgt die ICCAT zumindest den Empfehlungen ihrer Fischereibiologen bei der Festsetzung der Fangquoten. Sie testet zur Zeit zudem ein System, den illegalen Fang dadurch zu bekämpfen, dass die Fische vom Fang bis zum Markt elektronisch markiert werden. Aber die Wirtschaftsinteressen haben immer noch gro0en Einfluss, und ähnlich wie beim Klimawandel versuchen Vertreter der Industrie, mit Hinweisen auf bestehende Unsicherheiten das notwendige Handeln zu verschieben - in diesem Fall, die Fangquoten hoch zu halten. Unter anderem argumentierten sie mit dem Hinweis auf mögliche noch unentdeckte Laichgründe des Blauflossen-Thunfisches.

Thunfische

Der Blauflossen-Thunfisch ist die größte der insgesamt acht Thunfisch-Arten, die in allen außer den polaren Meeren vorkommen. Eng mit ihm verwandt sind der in gemäßigten und kühlen Meeren der Südhalbkugel lebende Südliche Blauflossen-Thunfisch, der sogar vom Aussterben bedroht ist, sowie der im Pazifik vorkommende Pazifische Blauflossen-Thunfisch. Auch dieser ist auf einen Bruchteil seiner historischen Vorkommen zusammengeschrumpft. Der Weiße Thunfisch ist die Thunfisch-Art, die am häufigsten in Thunfisch-Konserven landet (noch häufiger landet dort aber der Bonito, der kein echter Thunfisch, sondern eine verwandte Art ist). Der Bonito kommt oft gemeinsam mit dem Schwarzflossen-Thunfisch vor; weitere wichtige Speisearten sind der Gelbflossen- und der Großaugen-Thunfisch.

Darf man noch guten Gewissens Sushi essen?

Der WWF rät in seinem >> Sushi-Ratgeber von Blauflossen-Thunfisch (Maguro) ab; der oftmals alternativ angebotene Gelbflossen-Thunfisch kann dagegen ohne schlechtes Gewissen gegessen werden, wenn er im Pazifik oder im Indischen Ozean mit Handleinen oder Angeln gefischt wurde (um andere Meerestiere zu schonen). Ob die Verschiebung in Zukunft zu einer stärkeren Überfischung des Gelbflossen-Thunfisches führt, wird jedoch im Auge zu behalten sein. Der >> Einkaufsratgeber Fisch von Greenpeace hält nur noch den Bonito (ebenfalls aus dem Pazifik oder dem Indischen Ozean und gefischt mittels Ringwaden und Leinen oder Angeln) für empfehlenswert.

Alternative Aquakultur?

Schon heute stammt fast jeder zweite verzehrte Fisch aus Mastanlagen; gäbe es Lachs nur als Wildfang, wäre er für die meisten Kunden längst unbezahlbar. Im Jahr 2012 übertraf die Nahrungsmittelproduktion mittels Aquakultur erstmals die Rindfleischproduktion. Produziert werden nicht nur 24,7 Millionen Tonnen Meeresfische und -früchte, sondern auch 41,9 Millionen Tonnen Süßwasserfische und 23,8 Millionen Tonnen Pflanzen (zumeist Seetang). Aber auch die Aquakultur hat ihre Probleme: Insbesondere die Lachs- und Garnelenzucht hat den Ruf der Branche gefährdet, als tropische Mangrovenwälder für Garnelenzuchtanlagen abgeholzt wurden und dicht besetzte Lachsgehege Meeresbuchten verschmutzten. Der Einsatz von Antibiotika und Pestiziden in den dicht besetzten Zuchtanlagen kann zudem zu belasteten Nahrungsmitteln führen; in asiatischen Garnelen wurden gelegentlich auch in Europa nicht zugelassene Pestizide gefunden. Zum anderen werden immer noch Fische eigens als Futter für die Farmen gefangen - Kritiker fürchten, dass Aquakulturen daher das Problem der Überfischung nur verlagern.

Aber angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und eines wachsenden Appetits der Menschheit auf Fisch und Meeresfrüchte wird die Bedeutung von Aquakulturen zunehmen: aktuell wächst sie vier Mal so schnell wie die Weltbevölkerung. Sie alleine sorgt dafür, dass das Angebot an Fisch doppelt so schnell wächst wie die Weltbevölkerung. Erfreulicherweise ist die verhältnismäßig junge Aquakultur noch nicht so eingefahren wie große Teile der Landwirtschaft und hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, so dass viele Betriebe heute recht umweltschonend arbeiten. So werden Alternativen zur Fischmehl und Fischöl im Futter gesucht (der Ersatz von Fischöl ist allerdings schwierig, da es eine wichtige Quelle für die als gesund geltenden Omega-3-Fettsäuren ist); werden die Farmen in das offene Meer verlagert, wo Meeresströmungen eine Verschmutzung des Wassers und die schnelle Ausbreitung von Krankheiten verhindern oder wird daran gearbeitet, dass Anlagen an Land mit einem geschlossenen Wasserkreislauf arbeiten können. Nach alten chinesischen Vorbildern wird bei der "integrierten multitrophischen Aquakultur" versucht, die Funktionsweise natürlicher Ökosysteme nachzuahmen: So filtern Muscheln und Seegurken die von Fischen produzierten organischen Nährstoffe aus dem Wasser, Seetang die anorganischen Nährstoffe; Muscheln, die in der asiatischen Küche genutzten Seegurken und Seetang lassen sich ebenfalls verkaufen. In der Bio-Aquakultur wird das Futter aus den Resten von Filettierbetrieben bezogen und werden Schädlinge wie Seeläuse statt mit Antibiotika mit Putzerfischen bekämpft.

Seit dem Jahr 2000 hat sich die Aquakultur von Seetang mehr als verdoppelt; produziert wird zu über 80 Prozent in China und Indonesien. Seetang wird zu einen (vor allem in China, Japan und Korea) gegessen, zum anderen wird daraus Gelier- und Verdickungsmittel hergestellt. Zudem wird er als Zusatz in Tierfutter genutzt. Da Seetang anorganische Nährstoffe aufnimmt, wird der Anbau in der Umgebung von Zuchtanlagen für Meeresfisch und Meeresfrüchte etwa in China vorangetrieben.

Produkte aus umweltfreundlicher Aquakultur

Verbraucher können umweltverträglich erzeugten Zuchtfisch mittlerweile am Siegel des "Aquaculture Stewardship Council" (ASC) erkennen. Dieses Siegel ist noch recht neu und  zertifizierte Produkte daher noch selten. Weiterhin kann man sich auch an Bio-Siegeln orientieren: Bio-Lachs oder Bio-Garnelen aus Aquakultur sind auch für Naturschutzorganisationen wie den WWF empfehlenswert. Inzwischen ist es sogar gelungen, Kabeljau in Farmen zu züchten; im Jahr 2007 kamen bereits 13.000 Tonnen Zuchtkabeljau auf den Markt - und ist nach Angaben von Gourmetköchen sogar besser als der Wildfang (Der Spiegel 7/2009). Auch beim Lachs schnitt Zuchtlachs in einem aktuellen Test der Stiftung Warentest (test 12/2012) besser ab als Wildlachs (der jedoch eine andere Art - nämlich Pazifiklachs - ist, was den Vergleich einschränkt). Erfreulich, dass ein Anbieter von gutem Lachs auch Spitzenreiter beim Tier- und Umweltschutz und beim Umgang mit den Mitarbeitern war - die "Deutsche See".

Weitere Informationen zum Thema:

FAO-Weltfischerei-Report: >> www.fao.org/fishery/sofia/en (englischsprachig).

Weiterführende >> Literatur

Siehe auch:
>> Eine kleine Geschichte des Walfangs
>> Der Bericht der Global Ocean Commission

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>> Die Verschmutzung der Ozeane

Ähnliche Themen:
>> Lebensraum Ozean

© Jürgen Paeger 2006 - 2014

Hinweis: Eine  umfangreichere Fassung dieser Seite finden Sie in dem Band "Not für die Welt" aus der Reihe "Brockhaus perspektiv".

Cover "Not für die Welt"

Der Marine Stewardship Council zertifiziert verantwortlichen und nachhaltigen Fischfang. Zertifizierte Produkte sind am blauen MSC-Label zu erkennen, siehe >> Wie können wir anfangen?