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Die Triebkräfte der globalen Umweltveränderung
Hinter dieser Entwicklung stehen zwei grundlegende Entwicklungen: Der Anstieg der menschlichen Bevölkerung (>> mehr) und der wirtschaftliche Wohlstand des reichen Anteils der Bevölkerung. Alle Menschen haben Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Kleidung. Um die Ernährung von über 6,5 Milliarden Menschen zu sichern, wurden etwa 40 Prozent der Oberfläche des Festlandes in Acker- und Weideland umgewandelt (>> mehr) und im Laufe der Zeit immer intensiver bewirtschaftet (>> mehr); werden 40 Prozent der biologischen Produktion der Erde alleine vom Menschen genutzt (>> mehr); wurde die Landwirtschaft zum größten Wasserverbraucher der Erde (>> mehr) und trägt ihren Teil zu Wasserschmutzung (>> mehr) und Klimawandel bei.
Nicht alle diese Ressourcen dienen freilich dazu, die Grundbedürfnisse nach Ernährung, Wohnen oder Kleidung abzudecken. Noch wesentlich deutlicher sind die Auswirkungen des wirtschaftlichen Wohlstands des reichen Teils der Weltbevölkerung auf das Ökosystem Erde. Der größte Teil des menschlichen Ressourcen- und Energieverbrauchs deckt die Nachfrage nach Gütern, die den Lebensstil der reichen Industrieländer ermöglichen, in denen eine Vielzahl elektrischer Geräte, Autos und Urlaubsreisen längst selbstverständlich geworden sind. Mittlerweile kommen diese beiden Entwicklungen zusammen: Die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, Indien und China, befinden sich auf dem Weg der Industrialisierung (>> mehr) und zu einem Ressourcenverbrauch, der dem der reichen Länder entspricht.
Das alles wäre nicht weiter schlimm, würden nicht die Folgen dieser Ressourcennutzung und der damit verbundenen Verschmutzung von Luft und Wasser inzwischen die Ernährung der Weltbevölkerung und diesen Wohlstand gefährden. Dies geschieht auf lokaler wie globaler Ebene. Wenn kanadische Fischer nicht mehr fischen können, weil die Kabeljaubestände vor Neufundland zusammenbrechen (>> mehr), werden zwar die finanziellen Folgen durch Zahlungen des Staates abgemildert, aber die Frage stellt sich, wie es geschehen kann, dass ein hochentwickeltes Industrieland mit hochspezialisierten Fischereibiologen das Problem nicht so rechtzeitig angeht, um das Schlimmste zu vermeiden. Und: Wenn es dort schon nicht klappt, wie sollen globale Probleme wie die Abholzung von Tropenwäldern, der Klimawandel oder das Artensterben gelöst werden?
Wie man mit Fisch reich werden kann
Eine der Triebkräfte sind die ökonomischen Gesetze, die so erfolgreich bei der Schaffung materiellen Wohlstands waren. Sie belohnen die Zerstörung der Natur. Ein Beispiel (in Anlehnung an den kanadischen Ökologen Colin Clark): Ihnen gehört ein Fischgrund, in dem Fische mit einem Marktwert von 10 Millionen Dollar leben. Wir nehmen einmal an, dass sie gelernter Biologe sind und wissen, dass Sie nachhaltig 5 Prozent davon fischen könnten - der Fischbestand bliebe gleich, sie hätten 500.000 Dollar Einnahmen im Jahr. Genug, um davon ihre Ausgaben und Mitarbeiter zu bezahlen und ordentlich zu leben; und stolz auf nachhaltige Naturnutzung könnten Sie auch noch sein. Eines Tages treffen Sie dann einen alten Freund, der Betriebswirtschaft studiert hat. Auch er ist in die Fischerei eingestiegen - und dabei reich geworden. Er hat im Unterschied zu Ihnen seine Fische so rasch wie möglich gefangen - sein Einkommen war viel höher als Ihres, und einen Teil hat er investiert, und zwar dort, wo er mehr als 5 Prozent Kapitalrendite erhalten hat. Nach ein paar Jahren war sein Fischgrund zwar zerstört - kein Problem, mit dem erwirtschafteten Geld konnte er sich einen neuen kaufen, und hatte sogar noch Geld über.
In Wirklichkeit ist es bei Fischen noch viel schlimmer: Wer seine Fischgründe schützt, wird dem hemmungslos ausbeutenden Nachbarn sogar noch Fische liefern, denn Fische sind ja beweglich. Dieses Problem wurde schon 1968 von Garrett Hardin als “Tragedy of the Commons” beschrieben. Hardins Beispiel: Ein Hirte, der ein zusätzliches Rind auf eine Weide stellt, profitiert vom zusätzlichen Ertrag des Rindes. Mögliche Schäden durch Überweidung werden aber von allen Nutzern geteilt - es bleibt ein unter dem Strich ein Nutzen für den Hirten. Da dies aber für alle andern Hirten auch gilt, käme es bei “logischem” Verhalten immer zu Überweidung (oder Überfischung oder jeder anderen Art von Übernutzung). In der Geschichte war daher die Nutzung der “Allmende” (wie die mittelalterlichen Gemeingüter genannt wurden) immer genau geregelt. In vielen schweizerischen Dörfern dürfen noch heute nur soviele Tiere auf die gemeinschaftliche Weide, wie die Besitzer auf ihrem eigenen Land durch den Winter bringen können.
Warum es so schwer ist, Regeln festzulegen
Heute werden die Gemeinschaftsgüter (wie Luft, Wasser, Ressourcen, ...) aber global genutzt, und das sind Regeln nicht so einfach zu finden. Die Probleme dabei kann man wieder am kanadischen Kabeljau festmachen: Kabeljaubestände haben (wie fast alle Arten in der Natur) mal gute und mal schlechte Jahre - und diese sind auch heute noch für die Fischereibiologen nicht vorherzusehen. Legen sie hohe Fangquoten fest und wird das Jahr schlecht, müssen die Fangquoten im Folgejahr sehr niedrig werden: Proteste der Fischer, die ja weiter die Kredite für ihre Boote abzahlen müssen, sind sicher. Legen sie die Fangquoten niedrig fest, protestieren die Fischer gleich - niedrige Fangquoten verhindern ein höheres Einkommen. Aus den Vorschlägen der Fischereibiologen und den Forderungen der Fischer wurde daher von den zuständigen Politikern ein Kompromiss gemacht - tendenziell eher in Richtung der Fischer, denn der Verlauf der Wirtschaftsentwicklung bleibt ja nicht ohne Auswirkungen auf die Wahlstimmen. Jeder Einzelne hat aus seiner Sicht richtig gehandelt - aber das Ergebnis war der Zusammenbruch der Kabeljaubestände.
Komplexe Wechselwirkungen - und wie wir mit ihnen umgehen
An diesem Beispiel wird deutlich, dass komplexe ökonomische, soziale, kulturelle und technische Entwicklungen der Menschheit einen Einfluss auf die schon alleine nicht einfach verständlichen Regelungssysteme des Ökosystems Erde haben. Die vielfältigen Wechselbeziehungen sind längst nicht mehr intuitiv erfassbar, sondern wir sind auf mathematische Modelle angewiesen, um die möglichen Auswirkungen unseres Handelns zu verstehen. Beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens sind die Modelle und ihre Ergebnisse mit Unsicherheiten behaftet: Zum einen sind die Annahmen über mögliche Entwicklungen der Menschheit mit Unsicherheit behaftet, zum anderen die Wechselbeziehungen in den Regelungssystemen längst nicht alle ausreichend genau bekannt. Und dieses wird auch noch lange so bleiben. Wir werden also damit leben müssen, Entscheidungen auf der Basis noch bestehender Unsicherheiten treffen zu müssen; noch dazu auf Grundlage mathematischer Modell, da unsere Sinne nicht geschaffen wurden, globale Zusammenhänge zu erfassen. Ob der Mensch hierzu in der Lage ist, muss sich erst noch erweisen.
Hierfür ist der Klimawandel ein Beispiel: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden von einem Expertengremium, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gesichtet und für Entscheidungsträger zusammengefasst (>> mehr), die auf dieser Basis politische Entscheidungen treffen können. Freilich zeigt die politische Diskussion, dass die bestehenden Unsicherheiten auch ein Grund sein können, nicht zu handeln: Es besteht ja eine kleine Chance, dass doch noch alles ganz anders kommt, während etwa tief greifende Maßnahmen sofort und für alle spürbar wären. Wenn die Wissenschaftler nicht irren, werden sich die Folgen aber summieren: Aufgrund der Trägheit der riesigen Wassermassen der Ozeane wird die Temperaturerhöhung auch dann noch über Jahrzehnte weitergehen, wenn ab sofort die Konzentration an Treibhausgasen nicht weiter ansteigen würde (>> mehr). Künftige Generationen werden also erst den vollen Preis unseres heutigen Handels zahlen.
Die Schlussfolgerung aus den Umweltproblemen, die die Industrielle Revolution mit sich brachte, ist also die: Der Einfluss des Menschen reicht heute aus, das Ökosystem Erde zu verändern. Der Zustand in den letzten 10.000 Jahren hat die Entstehung einer menschlichen Zivilisation erlaubt, aber auch die Instrumente geschaffen, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. In der Geschichte sind schon einige menschliche Zivilisationen an Umweltveränderungen zugrunde gegangen (>> mehr); jetzt steht aber möglicherweise die menschliche Zivilisation insgesamt auf dem Spiel. Das bisher vorherrschenden Denken jedenfalls führt in eine terra incognita (Paul Crutzen), einen Zustand der Erde, wie wir ihn niemals erlebt haben und der nach allem, was wir wissen, auch nicht erstrebenswert ist.
Die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde erhalten
Um unser Handeln mit der Reichweite unserer Einflüsse wieder vereinbar zu machen, ist eine neue Ethik der globalen Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen notwendig. Viele Industrien haben es geschafft, in der Vergangenheit ihre Abfälle zu reduzieren; global reicht die Ressourceneffizienz bei weitem noch nicht aus. Auch die Energieeffizienz ist in der Vergangenheit gestiegen, auch sie bei weitem nicht genug. Die Umstellung auf kohlenstofffreie Energieträger hat gerade erst begonnen. Große Herausforderungen bleiben, wie etwa die Versorgung der zu erwartenden neun Milliarden Menschen mit Nahrung und sauberem Wasser.
Die wirtschaftliche Aufholjagd von Indien und China zeigt zudem, dass die Industrieländer nicht mehr alleine über die Zukunft des Ökosystems Erde entscheiden: Die Globalisierung der Wirtschaft führt auch zu globalen Abhängigkeiten und Beziehungen; globale Probleme fordern globale Lösungen (die aber immer auch lokales Handeln bedeuten werden). Auch dies ist eine ganz neue Herausforderung, denn viele Schwellen- und Entwicklungsländer haben noch ganz andere Prioritäten. Aber nicht nur der Waren-, auch der Ideenaustausch ist inzwischen global, auch in Indien, China und anderen Ländern gibt es längst viele Menschen, die umdenken. Ideen, wie die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde für den Menschen erhalten werden und das Leben für die Menschen dennoch mindestens so lebenswert wie heute bleiben kann, gibt es genug. Hiervon handelt der nächste Abschnitt: >> Strategien für die Zukunft.
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