Das Zeitalter der Industrie

Globale Umweltveränderungen
Eine Art Zusammenfassung - und die Suche nach den Ursachen

Im Industriezeitalter hat der Mensch die Fähigkeit erlangt, das Ökosystem Erde insgesamt zu verändern. Die menschliche Bevölkerung, die technischen Möglichkeiten und die materiellen Ansprüche der reichen Menschen bewirken Umweltveränderungen, die auf die natürlichen Regelkreise einwirken, die das Ökosystem Erde steuern. So entstehen globale Veränderungen der Umwelt; ein Beispiel ist der Klimawandel. Um solche Folgen unseres Handels zu vermeiden, müssen wir lernen, komplexe Wechselwirkungen zu erkennen und zu berücksichtigen.

Worldmapper-Karte: Ökologischer Fussabdruck

Die Karte zeigt die Länder der Welt einmal entsprechend ihrem Einfluss auf die Umwelt: Die Fläche eines jeden Staates entspricht dem >> Ökologischen Fußabdruck seiner Bewohner. Deutlich zu erkennen ist, dass a) die Länder des Nordens einen unverhältnismäßig großen Anteil am Umweltverbrauch haben, und dass b) reiche Länder im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl mehr verbrauchen als arme Länder. Abbildung: © Copyright 2006 SASI Group (University of Sheffield) and Mark Newman (University of Michigan), >> www.worldmapper.org, mit freundlicher Genehmigung.

Im Jahr 1979 wurde erstmals die Erde als ein >> einziges Ökosystem beschrieben; heute wissen wir, dass tatsächlich Ozeane, Luft und Festland und das Leben durch eine Vielzahl von Verbindungen und Rückkoppelungen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen (>> Die Erde als Ökosystem). Zur gleichen Zeit hatten wir es auch erstmals mit globalen Umweltveränderungen zu tun: 1985 erschienen die ersten Berichte über das >> Ozonloch, zur gleichen Zeit wurden auch die ersten Anzeichen für einen >> Klimawandel unübersehbar. Die dadurch ausgelöste intensive Erforschung globaler Aspekte hat gezeigt, wie die Folgen menschlicher Aktivitäten in natürliche Regelkreise eingreifen und das Ökosystem Erde insgesamt verändern können - und zwar in einem Ausmaß, das bei unverändertem Fortschreiten den Fortbestand der menschlichen Zivilisation selbst gefährden könnte.

So sind von den 130 Millionen Quadratkilometern eisfreier Festlandsfläche auch der Erde bereits über 100 Millionen Quadratkilometer vom Menschen weitgehend umgestaltet worden (1090), weitgehend unbewohnte Wildnis findet sich nur noch in Teilen des Amazonasgebietes, in Sibirien und Nordkanada und den großen Wüsten dieser Erde (Sahara, Gobi, Victoria-Wüste). Den Einfluss des Menschen zeigt aber auch die Auswertung des Wostok-Eisbohrkerns, mit dem Klimadaten aus der Vergangenheit (>> Die Methoden der Paläoklimatologen) ermittelt wurden:

Klimadaten aus dem Wostok-Eisbohrkern

Klimadaten aus dem Wostok-Eisbohrkern: Temperaturverlauf (rot) und Kohlendioxid-Gehalt (gelb) der Atmosphäre in den letzen 400.000 Jahren. Weiß dargestellt: Veränderungen der Exzentrizität der Erdumlaufbahn. Quelle der Wostok-Daten: http://www.ncdc.noaa.gov/paleo/icecore/antarctica/vostok/vostok.html

Der Wostok-Eisbohrkern erlaubte, Temperaturverlauf und Kohlendioxid-Konzentration in der Antarktis über die letzten 400.000 Jahre darzustellen. Der Temperaturverlauf umfasst vier Eiszeiten, und die weiße Darstellung der Änderungen der Sonneneinstrahlung infolge der >> Exzentrizität der Erdumlaufbahn zeigt, dass diese die Eiszeiten auslöste. Erkennbar ist auch, dass der Verlauf der Temperatur und der Kohlendioxid-Konzentration sehr ähnlich sind, wobei die Kohlendioxid-Konzentration immer zwischen 180 und 300 ppm blieb - nur in der Gegenwart stieg sie auf inzwischen 400 ppm. Verantwortlich für diese Änderung ist der Mensch, der in Folge der >> Industriellen Revolution in kürzester Zeit die Vorräte an fossilen Brennstoffen, die sich über Hunderttausende von Jahren angesammelt haben, verbrennt (>> mehr). Damit verursachen wir Kohlendioxid-Konzentrationen, wie es sie in den letzten 400.000 Jahren nicht gegeben hat. Dieser >> Klimawandel hat also eine erdgeschichtlich vollkommen neue Ursache - den Menschen.

Das Anthropozän

Der niederländische Meteorologe Paul Crutzen, der im Jahr 1995 für seinen Beitrag zur >> Erforschung des Ozonlochs den Chemie-Nobelpreis erhielt, schlug aufgrund des dominierenden Einflusses der Menschheit auf die gesamte Erde vor, das gegenwärtige Zeitalter “Anthropozän” zu nennen - die Epoche des Menschen:

Globale Umweltveränderungen und Ökosystem Erde

Globale Umweltveränderungen des Industriezeitalters wie Klimawandel und Überfischung der Weltmeere gehen auf eine wachsende Weltbevölkerung und den Wohlstand eines Teils dieser Bevölkerung zurück. Grafiken aus Will Steffen und Susannah Elliot: Global Change and the Earth System. Executive Summary. Stockholm: IGBP Secretariat 2004.

Diese Epoche beginnt mit der Industriellen Revolution, und seither hinterlässt die Menschheit ihre Spuren in einem Ausmaß, das in den Grafiken oben angedeutet ist. Kennzeichen des Anthropozäns sind der in Eisbohrkernen (siehe oben) feststellbare Anstieg der Treibhausgase Kohlendioxid und Methan, gewissermaßen chemische Kennzeichen der menschlichen (industriellen) Aktivitäten.

Das Anthropozän ist dadurch gekennzeichnet, dass die Weltbevölkerung auf über sieben Milliarden Menschen anwuchs, die die Erde nach ihren Vorstellungen umgestalteten: Etwa die Hälfte der Erdoberfläche besteht aus Siedlungen, Acker- und Weideland; der Mensch nutzt etwa >> 40 Prozent der biologischen Produktion der Erde. Dies ging auf Kosten der natürlichen Ökosysteme und der in ihnen lebenden Arten: Unter anderem wurden die Hälfte aller Feuchtgebiete und die Hälfte aller Mangroven vernichtet, das Artensterben ist heute mindestens >> einhundert Mal stärke als es ohne Menschen wäre. Die technische Stickstofffixierung - vor allem zur Herstellung von Kunstdünger - übertrifft die biologische. Auch die Weltmeere haben wir Menschen erobert: Dort werden >> 90 Prozent aller Fischbestände bis an die Grenze oder darüber hinaus genutzt.

Der neben der Aneignung des Landes und des Ozeans andere große Einfluss ist die Nutzung fossiler Energiequellen: Sie sind verantwortlich für die meisten Treibhausgase, deren >> energetische Wirkung unsere technische Energienutzung um ein -zigfaches übertrifft, und die Menge des aus fossilen Brennstoffen freigesetzten Schwefels übertrifft ebenfalls die im natürlichen Schwefelkreislauf zirkulierenden Mengen.

Die Gefährdung der Ökosysteme

Im Jahr 2009 hat eine Gruppe um den Schweden Johan Rockström abzuschätzen versucht, inwieweit die Veränderung der natürlichen Ökosysteme bereits deren Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Dazu haben sie neun grundlegende ökologische Prozesse untersucht und Grenzen festgelegt, bei deren Überschreitung mit negativen Folgen gerechnet werden muss. Dies ist bei drei Prozessen bereits heute der Fall (siehe Abbildung):

Die Gefährdung der Funktionsfähigkeit von Ökosystemen durch Umweltbelastungen

Gefährdung der Funktionsfähigkeit von natürlichen Ökosystemen durch Umweltbelastungen. Die “Tortenstücke” zeigen das Ausmaß der Umweltbelastung an, der Kreis zeigt die Grenzwerte, ab denen Ökosysteme unwiderruflich geschädigt werden. Weisen die Tortenstücke über den Kreis hinaus, sind diese Grenzwerte bereits überschritten. Für Luftverschmutzung und Chemikalien in der Umwelt sind noch keine Grenzwerte festlegbar. Eigene Abbildung nach Jonathan Foley: Boundaries for a Healthy Planet. Scientific American April 2010, Seite 39.

Danach sind beim Klimawandel, bei der Veränderung des Stickstoffkreislaufs und beim Verlust an Artenvielfalt die Grenzen bereits überschritten. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass auch bei den anderen Umweltbelastungen Handeln notwendig sei, da diese Veränderungen ebenfalls bereits schwere Folgen hätten. Welche, kann an vielen Orten der Erde besichtigt werden, wie der folgende Kasten zeigt.

Die 10 größten Umweltprobleme der Welt

Im Jahr 2008 haben das Blacksmith Institute und Green Cross International eine Liste der 10 größten Umweltprobleme der Welt (aus der Sicht des Menschen - für Ökosysteme siehe oben) erstellt. Danach sind dies:

  • Nichtindustrieller Goldabbau: 10 bis 15 Millionen Schürfer fördern mit “handwerklichen” Methoden etwa ein Viertel des Goldes; oft benutzen sie Quecksilber, um das Gold aus dem Erz zu lösen. Damit schädigen sie ihre eigene Gesundheit, und Quecksilber gelangt über Luft und Abwasser in die Umwelt, wo es sich in der Nahrungskette anreichert. Zu den Folgen von Quecksilber siehe auch >> hier.

    Weitere Informationen: National Geographic >> The Real Price of Gold (englischsprachig)

  •  Verschmutzte Oberflächengewässer: Verschmutztes Wasser verursacht nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation fünf Millionen Tote im Jahr; vor allem durch Bakterien und Viren, die durch Fäkalien ins Wasser gelangen, durch Schwermetalle oder durch organische Verbindungen aus der Industrie. >> mehr

  • Verschmutztes Grundwasser: Grundwasser ist die größte Süßwasserquelle auf der Erde (>> mehr), es wird durch undichte Abfalldeponien, durch Pestizide und Dünger aus der Landwirtschaft und weggekipptes Altöl verschmutzt; oft wird die Belastung erst nach Jahren oder Jahrzehnten bemerkt. >> mehr

  • Luftschadstoffe in Innenräumen: Die Verbrennung von Kohle, Holz, Holzkohle und Dung in behelfsmäßigen (“Drei-Steine”)-Öfen in schlecht gelüfteten Räumen führt zu Lungen- und Augenerkrankungen und kostet nach Schätzungen jedes Jahr bis zu drei Millionen Menschen das Leben. >> mehr

  • Industrieller Bergbau: Beim Bergbau fallen mineralische Abfälle (Gesteine) und feinkörnige Schlämme an. Metallsulfid-Verbindungen in den Gesteinen können Säuren produzieren; und wenn zum Abtrennen des Erzes vom Gestein giftige Chemikalien verwendet werden, finden auch diese sich in den Schlämmen. Die Gesteine beeinträchtigen auch durch ihre große Menge Landschaft und Landwirtschaft in der Umgebung. >> mehr

  • Metallschmelzen und -verarbeitung: In Schmelzen wird das Metall unter Zugabe von Reduktionmitteln wie Koks oder Holzkohle aus den Erzen gewonnen; dabei können große Mengen an Schwermetallen, Schwefel- und Stickoxiden anfallen, die die Luft und die umgebenden Böden verschmutzen. Bei der Verarbeitung werden oft große Mengen Schwefelsäure benutzt, die ebenfalls oft freigesetzt wird; und als Abfall entstehen giftige Schlacken. >> mehr

    (Von den 10 dreckigsten Orten auf der Welt, die das Blacksmith Institute im Jahr 2007 ermittelte, gingen 5 auf Bergbau und Metallschmelzen und -verarbeitung zurück: Tianying in China, Sukinda in Indien, La Oroya in Peru, Norilsk in Russland und Kabwe in Sambia, >> mehr)

  • Radioaktive Abfälle und Abfälle aus dem Uranbergbau: Uranerz kommt oft in niedriger Konzentration vor, daher ist die Menge an Abfällen und Schlämmen sehr groß, sie enthalten zudem noch viel Radioaktivität. Radioaktive Abfälle fallen vor allem in Atomkraftwerken, beim Militär und in Krankenhäusern. Vor allem arme Länder halten oft die üblichen industriellen Sicherheitsstandards beim Umgang mit diesen Materialien nicht ein. >> mehr

  • Ungeklärtes Abwasser: Abwasser aus Haushalten enthält Fäkalien und Reinigungschemikalien und trägt damit zur Verschmutzung von Gewässern (siehe oben) bei. Auf der Erde haben 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, die den Kontakt von Menschen mit Fäkalien vermeiden könnten. Die Folge sind die Verbreitung von Krankheiten wie Cholera, Typhus, Amöbenruhr und Wurminfektionen. >> mehr

  • Luftverschmutzung in Städten: In Städten konzentrieren sich die Quellen der Luftverschmutzung: Feinstaub, Ruß, Stick- und Schwefeloxide aus Kraftwerken, Autos und Industrie sind nach Angaben der WHO jedes Jahr für 865.000 Tote verantwortlich. Nach Angaben der Weltbank sind die 5 Städte mit der schmutzigsten Luft auf der Erde Kairo (Ägypten, Delhi und Kolkata (Kalkutta) in Indien sowie Tianjin und Chongqing (China). >> mehr

  • Recycling von Batterien: Jedes Jahr werden über 8 Millionen Tonnen Blei produziert, davon gehen über 85 Prozent in die Herstellung von Autobatterien. Die Wiedergewinnung von Blei aus alten Batterien ist ein lohnendes Geschäft - und wird in vielen Ländern mit unglaublichen Methoden praktiziert: Das Gehäuse wird mit einer Axt geöffnet, die Batteriesäure läuft in den Boden und Blei wird mitunter in Küchen geschmolzen.

Mehr: >> www.worstpolluted.org. Siehe auch die Karte mit den zehn meist verschmutzten Orten, die das Blacksmith Institute im Jahr 2007 ermittelt hat >> hier.

Die Triebkräfte der globalen Umweltveränderung

Hinter dieser Entwicklung stehen zwei grundlegende Entwicklungen: Der >> Anstieg der menschlichen Bevölkerung und der wirtschaftliche Wohlstand des reichen Anteils der Bevölkerung. Alle Menschen haben Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Kleidung. Um die Ernährung von über sieben Milliarden Menschen zu sichern, wurden etwa 40 Prozent der Oberfläche des Festlandes in Acker- und Weideland >> umgewandelt und im Laufe der Zeit immer >> intensiver bewirtschaftet; werden 40 Prozent der biologischen Produktion der Erde alleine vom >> Menschen genutzt); wurde die Landwirtschaft zum größten >> Wasserverbraucher der Erde und trägt ihren Teil zu >> Wasserverschmutzung und Klimawandel bei.

Nicht alle diese Ressourcen dienen freilich dazu, die Grundbedürfnisse nach Ernährung, Wohnen oder Kleidung abzudecken. Noch wesentlich deutlicher sind die Auswirkungen des wirtschaftlichen Wohlstands des reichen Teils der Weltbevölkerung auf das Ökosystem Erde. Der größte Teil des menschlichen Ressourcen- und Energieverbrauchs deckt die Nachfrage nach Gütern, die den Lebensstil der reichen Industrieländer ermöglichen, in denen eine Vielzahl elektrischer Geräte, Autos und Urlaubsreisen längst selbstverständlich geworden sind. Mittlerweile kommen diese beiden Entwicklungen zusammen: Die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, Indien und China, befinden sich auf dem Weg der Industrialisierung (>> mehr) und zu einem Ressourcenverbrauch, der dem der reichen Länder entspricht.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, würden nicht die Folgen dieser Ressourcennutzung und der damit verbundenen Verschmutzung von Luft und Wasser inzwischen die Ernährung der Weltbevölkerung und diesen Wohlstand gefährden. Dies geschieht auf lokaler wie globaler Ebene. Wenn kanadische Fischer nicht mehr fischen können, weil die Kabeljaubestände vor Neufundland zusammenbrechen (>> mehr), werden zwar die finanziellen Folgen durch Zahlungen des Staates abgemildert, aber die Frage stellt sich, wie es geschehen kann, dass ein hochentwickeltes Industrieland mit hochspezialisierten Fischereibiologen das Problem nicht so rechtzeitig angeht, um das Schlimmste zu vermeiden. Und: Wenn es dort schon nicht klappt, wie sollen globale Probleme wie die Abholzung von Tropenwäldern, der Klimawandel oder das Artensterben gelöst werden?

Wie man mit Fisch reich werden kann

Eine der Triebkräfte sind die ökonomischen Gesetze, die so erfolgreich bei der Schaffung materiellen Wohlstands waren. Sie belohnen die Zerstörung der Natur. Ein Beispiel (in Anlehnung an den kanadischen Ökologen Colin Clark):

Stellen Sie sich einmal vor, Ihnen gehört ein Fischgrund, in dem Fische mit einem Marktwert von 10 Millionen Dollar leben. Wir nehmen weiter einmal an, dass sie gelernter Biologe sind und wissen, dass Sie nachhaltig fünf Prozent davon fischen könnten - der Fischbestand bliebe gleich, sie hätten 500.000 Dollar Einnahmen im Jahr. Genug, um davon ihre Ausgaben und Mitarbeiter zu bezahlen und ordentlich zu leben; und stolz auf nachhaltige Naturnutzung könnten Sie auch noch sein. Eines Tages treffen Sie dann einen alten Freund, der Betriebswirtschaft studiert hat. Auch er ist in die Fischerei eingestiegen - und dabei reich geworden. Er hat im Unterschied zu Ihnen seine Fische so rasch wie möglich gefangen - sein Einkommen war viel höher als Ihres, und einen Teil hat er investiert, und zwar dort, wo er mehr als fünf Prozent Kapitalrendite erhalten hat. Nach ein paar Jahren war sein Fischgrund zwar zerstört - kein Problem, mit dem erwirtschafteten Geld konnte er sich einen neuen kaufen, und hatte sogar noch Geld über.

In Wirklichkeit ist es bei Fischen noch viel schlimmer: Wer seine Fischgründe schützt, wird dem hemmungslos ausbeutenden Nachbarn sogar noch Fische liefern, denn Fische sind ja beweglich. Dieses Problem wurde schon 1968 von Garrett Hardin als “Tragedy of the Commons” beschrieben. Hardins Beispiel: Ein Hirte, der ein zusätzliches Rind auf eine Weide stellt, profitiert vom zusätzlichen Ertrag des Rindes. Mögliche Schäden durch Überweidung werden aber von allen Nutzern geteilt - es bleibt ein unter dem Strich ein Nutzen für den Hirten. Da dies aber für alle andern Hirten auch gilt, käme es bei “logischem” Verhalten immer zu Überweidung (oder Überfischung oder jeder anderen Art von Übernutzung). In der Geschichte war daher die Nutzung der “Allmende” (wie die mittelalterlichen Gemeingüter genannt wurden) immer genau geregelt. (Siehe auch >> hier.) In vielen schweizerischen Dörfern dürfen noch heute nur so viele Tiere auf die gemeinschaftliche Weide, wie die Besitzer auf ihrem eigenen Land durch den Winter bringen können.

Warum es so schwer ist, Regeln festzulegen

Heute werden die Gemeinschaftsgüter (wie Luft, Wasser, Ressourcen, ...) aber global genutzt, und da sind Regeln nicht so einfach zu finden. Beispiel kanadischer Kabeljau: Kabeljaubestände haben - wie fast alle Arten in der Natur - mal gute und mal schlechte Jahre, und diese sind auch heute noch für die Fischereibiologen nicht vorherzusehen. Legen sie hohe Fangquoten fest und wird das Jahr schlecht, müssen die Fangquoten im Folgejahr sehr niedrig werden: Proteste der Fischer, die ja weiter die Kredite für ihre Boote abzahlen müssen, sind sicher. Legen sie die Fangquoten niedrig fest, protestieren die Fischer gleich - niedrige Fangquoten verhindern ein höheres Einkommen. Aus den Vorschlägen der Fischereibiologen und den Forderungen der Fischer wurde daher von den zuständigen Politikern ein Kompromiss gemacht - tendenziell eher in Richtung der Fischer, denn der Verlauf der Wirtschaftsentwicklung bleibt ja nicht ohne Auswirkungen auf die Wahlstimmen. Jeder Einzelne hat aus seiner Sicht richtig gehandelt - aber das Ergebnis war der Zusammenbruch der Kabeljaubestände.

"The environmentalist's paradox"

Die mangelnde Bereitschaft, auf die Warnungen von Wissenschaftlern zu hören, hat auch damit zu tun, dass die Warnungen mit dem tatsächlichen Leben der meisten Menschen in den reichen Ländern wenig zu tun haben: Wer soll denn glauben, dass die Zerstörung der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme unseren Wohlstand gefährdet, wenn wir davon im täglichen Leben nichts spüren? Uns geht es doch gut - und Daten über die durchschnittliche Lebenserwartung oder die Kindersterblichkeit zeigen, dass es auch der Menschheit insgesamt wahrscheinlich noch nie so gut ging wie heute. Die Nahrungsmittelproduktion ist wahrscheinlich der Wirtschaftssektor, der am wichtigsten für den Menschen und zugleich auch am abhängigsten von den Dienstleistungen natürlicher Ökosysteme ist - aber bisher konnte die Nahrungsproduktion schneller wachsen als die Menschheit.

Dieser - scheinbare oder echte? - Widerspruch ist als "environmentalist's paradox" (Paradox der Umweltschützer) bezeichnet und untersucht worden (940). Eine oft gehörte Vermutung ist ja, dass technische und soziale Innovationen den Menschen von natürlichen Ökosystemen abgekoppelt haben. Tatsächlich zeigt sich aber, dass diese zwar dafür sorgen, dass Ökosysteme effizienter genutzt werden - ein Beispiel ist die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion durch Kunstdünger, die bisher den Verlust an Bodenfruchtbarkeit mehr als ausgleichen konnte -, aber die Abhängigkeit von diesen Ökosystemen nicht beseitigt haben. Stickstoffdünger etwa wird aus fossilen Brennstoffen hergestellt, und die sind endlich. Tatsächlich nutzen wir - das zeigt der >> ökologische Fußabdruck - bereits unser Kapital - aber davon ist noch genug da, so dass wir die Folgen noch nicht direkt spüren. Der wesentliche Grund für das "environmentalist's paradox" ist also eine Zeitverzögerung zwischen der Schädigung von Ökosystemen und den Auswirkungen auf unser Leben. Der britische Meeresbiologe >> Callum Roberts vergleicht unser Verhalten denn auch mit dem von Schuldnern, die noch in Saus und Braus leben - noch haben wir den wirklichen Preis für unser Handeln nicht zu spüren bekommen, aber die Rechnung ist schon unterwegs.

Unser Umgang mit komplexen Wechselwirkungen

Das Beispiel des Kabeljaus macht deutlich, dass komplexe ökonomische, soziale, kulturelle und technische Entwicklungen der Menschheit einen Einfluss auf die schon alleine nicht einfach verständlichen Regelungssysteme des Ökosystems Erde haben. Die vielfältigen Wechselbeziehungen sind längst nicht mehr intuitiv erfassbar - siehe "the environmentalist's paradox", sondern wir sind auf mathematische Modelle angewiesen, um die möglichen Auswirkungen unseres Handelns zu verstehen. Beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens sind die Modelle und ihre Ergebnisse mit Unsicherheiten behaftet: Zum einen sind die Annahmen über mögliche Entwicklungen der Menschheit mit Unsicherheit behaftet, zum anderen die  Wechselbeziehungen in den Regelungssystemen längst nicht alle ausreichend genau bekannt. Und dieses wird auch noch lange so bleiben. Wir werden also damit leben müssen, Entscheidungen auf der Basis noch bestehender Unsicherheiten treffen zu müssen; noch dazu auf Grundlage mathematischer Modell, da unsere Sinne nicht geschaffen wurden, globale Zusammenhänge zu erfassen. Ob der Mensch hierzu in der Lage ist, muss sich erst noch zeigen.

Wo wir stehen, kann man am Beispiel des Klimawandels beobachten: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden von einem Expertengremium, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (>> IPCC) gesichtet und für Entscheidungsträger zusammengefasst, die auf dieser Basis politische Entscheidungen treffen können. Dabei zeigt die politische Diskussion, dass bestehende Unsicherheiten auch ein Grund sein können, nicht zu handeln: Es besteht ja eine kleine Chance, dass doch noch alles ganz anders kommt, während etwa tief greifende Maßnahmen sofort und für alle spürbar wären. Wenn die Wissenschaftler nicht irren, werden sich die Folgen aber summieren: Aufgrund der Trägheit der riesigen Wassermassen der Ozeane wird die Temperaturerhöhung selbst dann noch über Jahrzehnte weitergehen, wenn ab sofort die Konzentration an Treibhausgasen nicht weiter ansteigen würde. Callum Roberts hat wohl recht: Die Rechnung ist noch unterwegs.

Was wir sicher wissen, ist: Der Einfluss des Menschen reicht heute aus, das Ökosystem Erde zu verändern. Der Zustand in den letzten 10.000 Jahren hat die Entstehung einer menschlichen Zivilisation erlaubt, aber auch die Instrumente geschaffen, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. In der Geschichte sind schon einige menschliche Zivilisationen an Umweltveränderungen zugrunde gegangen (>> Diamond: Kollaps); jetzt steht aber möglicherweise die menschliche Zivilisation insgesamt auf dem Spiel. Das bisher vorherrschenden Denken jedenfalls führt in eine terra incognita (Paul Crutzen), einen Zustand der Erde, wie wir ihn niemals erlebt haben und der nach allem, was wir wissen, auch nicht erstrebenswert ist.

Die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde erhalten

Um unser Handeln mit der Reichweite unserer Einflüsse wieder vereinbar zu machen, wäre eine neue Ethik der globalen Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen notwendig. Viele Industrien haben es geschafft, in der Vergangenheit ihre Abfälle zu reduzieren; global reicht die Ressourceneffizienz bei weitem noch nicht aus. Auch die Energieeffizienz ist in der Vergangenheit gestiegen, auch sie bei weitem nicht genug. Die Umstellung auf kohlenstofffreie Energieträger hat gerade erst begonnen. Große Herausforderungen bleiben, wie etwa die Versorgung absehbar (über) neun Milliarden Menschen mit Nahrung und sauberem Wasser.

Die wirtschaftliche Aufholjagd von Indien und China zeigt zudem, dass die Industrieländer nicht mehr alleine über die Zukunft des Ökosystems Erde entscheiden: Die Globalisierung der Wirtschaft führt auch zu globalen Abhängigkeiten und Beziehungen; globale Probleme fordern globale Lösungen - die aber immer auch lokales Handeln bedeuten werden. Auch dies ist eine ganz neue Herausforderung, denn viele Schwellen- und Entwicklungsländer haben noch ganz andere Prioritäten. Aber nicht nur der Waren-, auch der Ideenaustausch ist inzwischen global, auch in Indien, China und anderen Ländern gibt es längst viele Menschen, die umdenken. Ideen, wie die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde für den Menschen erhalten werden und das Leben für die Menschen dennoch mindestens so lebenswert wie heute bleiben kann, gibt es genug. Hiervon handelt der nächste Abschnitt: >> Strategien für die Zukunft.

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