Das Zeitalter der Industrie
Dunkle Wolken im großen Luftozean
Eine kleine Geschichte der Luftverschmutzung

Luftverschmutzung in Santiago de Chile,
Winter 2003. Foto: Michael Ertel, aus >>
wikipedia,
abgerufen 5.3.2010. Lizenz: >>
FDL 1.2.
Vorindustrielle Luftverschmutzung
Die Geschichte der Luftverschmutzung begann, als die Menschen das
Feuer bändigten: Die Rußschichten in prähistorischen Höhlen und
geschwärzte Lungen bei mumifizierten Leichen aus der Steinzeit beweisen,
dass die Luft in den Höhlen unserer Vorfahren nicht immer die beste war.
(Noch heute ist die Luftverschmutzung durch offene Feuer - die vor allem in
armen Entwicklungsländern zum Kochen genutzt werden - eines der drängendsten
Umweltprobleme, >>
mehr.) Die teils durch Brandrodung betriebene
Vernichtung der Wälder seit Erfindung der Landwirtschaft war ein Beitrag zur
möglicherweise ersten großflächigen Umweltveränderung (siehe >>
hier),
in jedem Fall aber eine Quelle der Luftverschmutzung. Als der Mensch lernte,
Metalle zu verarbeiten (>>
hier), trugen auch diese zur Luftverschmutzung bei: In Proben aus dem
Grönlandeis lassen sich noch heute Spuren von Blei- und
Kupferemissionen aus vorindustrieller Zeit nachweisen; die
Luftverschmutzung beim Bergbau wurde bereits von Agricola in seinem De
Re Metallica aus dem Jahr 1556 beschrieben (>>
mehr). Auch die Luftqualität mittelalterlicher Städte
ließ oftmals zu wünschen übrig, wie historische Schilderungen sowohl aus der
arabischen als auch aus der christlichen Welt belegen (>>
mehr).
Die vorindustrielle Luftverschmutzung war aber in ihren Auswirkungen auf die
unmittelbaren Entstehungsorte beschränkt.
Eine neue Dimension: Die Kohleverbrennung
Ganz neue Dimensionen nahm die Luftverschmutzung mit der >>
Industriellen Revolution an. Kohle wurde zum wichtigsten Brennstoff; um
1870 besaß Großbritannien ca. 100.000 kohlebetriebene Dampfmaschinen. Mit
sinkenden Transportkosten konnte Kohle auch in die Städte transportiert
werden und dort sowohl für Öfen und Herde als auch für Industrieanlagen
genutzt werden. Im Viktorianischen England waren etwa ein Viertel aller
Todesfälle auf Lungenkrankheiten zurückzuführen. Mit der zweiten Phase der
industriellen Revolution ab 1870 entstanden Schwerindustrien – Eisen, Stahl,
Chemikalien – mit riesigem Kohleverbrauch auch in anderen europäischen
Ländern sowie in den USA und Japan, im 20. Jahrhundert dann auch in
Russland, Kanada, Lateinamerika und Asien. Die Luft um die Hüttenwerke, in
den Städten und Industriegebieten war katastrophal schlecht, schien aber der
unvermeidliche Preis des entstehenden Wohlstands zu sein. Industrielle,
Arbeiter und Staatsminister sahen in rauchenden Schornsteinen ein Symbol für
Fortschritt, Wohlstand und Macht.
Die Folge waren verschmutzte Kohlestädte wie London.
1880 gab es in London 3,5 Millionen Feuerstellen, der hauptsächlich im
Winter auftretende Smog (das Wort verbindet smoke, Rauch und fog, Nebel)
wurde zum regelmäßigen Ereignis. Dabei sollen sogar Fußgänger in die Themse
gefallen sein, weil sie den Fluss nicht sahen; in der Londoner Innenstadt
lag in den 1920er bis 50er Jahren die Zahl der Sonnenstunden 20 Prozent
niedriger als in den Vorstädten.
Irgendwann ließen sich die Folgen der Luftverschmutzung bei allem
Fortschrittsglauben nicht mehr übersehen. Die ersten Bemühungen zur
Reinhaltung der Luft begannen in den USA, in St. Louis und Pittsburgh,
wurden aber während des Krieges nicht fortgeführt. Als in London ein Smog,
der vom 4. bis 10. Dezember 1952 dauerte, 4.000 Todesopfer forderte, wurde
1956 im Clean Air Act die häusliche Kohlefeuerung streng geregelt. Hilfreich
kam hinzu, dass seit 1950 zunehmend >>
Öl und
Gas an die Stelle der Kohle traten, deren Verbrennung weniger
Schadstoffe, vor allem Rauch und Ruß, erzeugen. Bis 1970 sank der
Rauchgehalt der Londoner Luft um 80 Prozent.
Industrielle Luftverschmutzung
England, Westeuropa, Amerika
Luftverschmutzung ging auch von der Metallverhüttung und der
Chemieindustrie aus. Die chemische Großindustrie entstand mit der
Herstellung von Natriumcarbonat für die Glas- und Seifenherstellung sowie
die Textilindustrie. Dabei entstand ätzender Chlorwasserstoff, der in die
Umgebung abgegeben wurde. Die gegen diese Verschmutzung 1865 gegründete
Alkali-Aufsichtsbehörde gilt als erste “Umweltbehörde” der Geschichte. (Sie
bewirkte wenig; besser wurde die Situation erst, als das heute genutzte
Solvay-Verfahren eingeführt wurde.) Mit der zweiten Phase der Industriellen
Revolution nahm der Bedarf an Kupfer zu (>>
mehr). Die Kupferminen lieferten auch Schwefelsäure für die chemische
Industrie, ein Teil des Schwefels aus dem Erz wurde aber bei der Verhüttung
als Schwefeldioxid freigesetzt. Die Abgase der im 20. Jahrhundert wichtig
werdenden Nickelproduktion (Nickel wird zur Stahlveredelung verwendet)
schädigten die Umgebung der Hüttenwerke in weitem Umkreis.
Am schlimmsten aber war die Luftverschmutzung in den Industriegebieten,
die gleichzeitig über Kohle- und Erzvorkommen verfügten, wie im >>
Ruhrgebiet, das “Schwarze Land” (Black Country) in Mittelengland oder in
der Region der Großen Seen in Nordamerika.
Japan
Die japanische Industrialisierung ab der Meiji-Zeit (>>
mehr) brachte ebenfalls stark verschmutzte Industriegebiete hervor, etwa
die Hanshin-Region (Osaka-Kobe). Hier entstanden ab 1880 Eisen- und
Stahlwerke, Zement- und Chemiewerke; bis 1900 vervierfachte sich die
Einwohnerzahl von Kobe und Osaka. Ab 1912 wurde die Luftverschmutzung
gemessen: sie war so schlimm wie in London. Produktion und Luftverschmutzung
stiegen weiter (angeblich stürzten sogar Flugzeuge wegen schlechter Sicht
ab), bis im Zweiten Weltkrieg die amerikanische Luftwaffe die Industrie der
Region in Schutt und Asche legte. Aber die Amerikaner halfen auch bei
Wiederaufbau, und 1955 lag der Staubniederschlag über den Vorkriegswerten.
Mit der einsetzenden Motorisierung wuchs die Region mit dem Großraum Kyoto
zu einem Ballungsraum zusammen, in dem über zehn Millionen Menschen von der
Luftverschmutzung betroffen waren.
Ein anderer Schwerpunkt der japanischen Umweltverschmutzung war Ube im
Nordwesten, ein Zentrum für Zement, Chemie und Kohle. Nachdem
Wissenschaftler der Universität von Ube die gesundheitlichen Folgen der
Luftverschmutzung gezeigt hatten, begann 1954 der Kampf gegen die
Luftverschmutzung - auf Initiative des Vorsitzenden des lokalen
Industrieverbandes, Kanichi Nakayasu! Bei einem Besuch in Pittsburgh
erkannte er, dass die Region das Problem lösen kann, und setzte sich für
strenge Grenzwerte ein. 1965 war der Himmel über Ube wieder blau; und die
Stadt wurde zum Vorbild für andere Regionen Japans (>>
mehr) - 1968
wurde in Japan ein Gesetz zur Luftreinhaltung verabschiedet, in dem vor
allen den lokalen Präfekten Spielraum zur Festlegung von Grenzwerten gegeben
wurde.
Sowjetunion und Osteuropa
Die sowjetische Industrialisierung ab 1927 (>>
mehr) wiederholte das Muster des Westens und übertraf es bei der
Umweltverschmutzung sogar. Priorität hatte die Produktion. Das wohl
dreckigste Hüttenwerk war das sowjetische von Norilsk in Sibirien, von
Stalins Geheimpolizei geführt und von Gulag-Arbeitern errichtet: Es stieß in
den 1980er Jahren mehr Schwefeldioxid aus als ganz Italien. (Norilsk gehört
noch heute zu den zehn dreckigsten Orten der Welt, >>
mehr.) Die Luft in Moskau verschlechterte sich ab den 1930er Jahren, und
in den 1960er Jahren waren die Werte von Schwefeldioxid und Stickoxiden in
einigen Vororten weit jenseits jeden Grenzwerts. Noch schlimmer war die Lage
in den Industriegebieten von Donezk und Magnitogorsk.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das sowjetische Modell auf Osteuropa
übertragen. Eine Folge war die Entstehung des “Schwefeldreiecks” zwischen
Dresden, Prag und Krakau. Die Braunkohlekraftwerke hier erzeugten drei
Viertel des Strombedarfs Polens und zwei Drittel des Bedarfs in der
Tschechoslowakei und in der DDR, die Schwefeldioxidkonzentration der
Atemluft übertraf die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation um das
Zwanzigfache. Auf Krakau gingen jedes Jahr 170 Tonnen Blei und 7 Tonnen
Cadmium nieder.
Andere Regionen
Die anderen Regionen, in denen die Industrialisierung einsetzte, hatten
alle ähnliche Probleme: Kanada mit den Nickel-Kupfer-Hüttenwerken von
Sudbury (Ontario); in Brasilien wurde die Umgebung von Cubatão im
Bundesstaat São Paulo auch “Tal des Todes genannt - die Kindersterblichkeit
lag hier zehnmal höher als im Durchschnitt des Bundesstaates; in Peru die
Kupferhütte von La Oroya...
Umweltbewegung und Gesetze zur Luftreinhaltung
Ab Mitte der 1960er Jahre begannen in den Kernländern der
Umweltverschmutzung - Nordamerika, Europa und Japan - wirksame Proteste der
Bevölkerung gegen diese Verschmutzung. Japan war das erste Land, das ein
Gesetz zur Luftreinhaltung erließ (siehe >>
oben). 1966 erinnerte ein Smogalarm in New York die Amerikaner an den
Londoner Smog; und nachdem am 22. Juni 1969 der schwer verschmutzte Fluss
Cuyahoga in Brand geraten war, organisierte der US-Senator Gaylord Nelson am
22. April 1970 den ersten Earth Day: 20 Millionen Amerikaner demonstrierten
an diesem Tag gegen die Umweltverschmutzung; vor allem gegen die
Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke. 20 Millionen Menschen - das Signal
war so deutlich, dass auch eine konservative Regierung wie die von Richard
Nixon es nicht überhören konnte: 1970 begann mit dem Clean Air Act das
Zeitalter der modernen amerikanischen Umweltgesetzgebung, das Umweltamt
Environmental Protection Agency wurde gegründet. Auch in Deutschland
entstanden zahlreiche Bürgerinitiativen für Umweltschutz; und im Jahr 1974
wurde mit dem Bundesimmissionsschutzgesetz auch in Deutschland ein Gesetz
zur Luftreinhaltung beschlossen.
Allerdings wurde die Verschmutzung zunächst gesenkt, indem sie durch hohe
Schornsteine einfach weiter verteilt wurde. Mit den hohen Schornsteinen
vergrößerte sich ein altes Problem: während Rauch und Ruß vor allem lokale
Probleme waren, konnten Schwefel- und Stickstoffoxide sich über Tausende
Kilometer verbreiten und bildeten den Hauptbestandteil des „Sauren Regens“,
der zum länderübergreifenden Umweltproblem wurde (siehe >>
unten). In Deutschland wurden die Waldschäden, für die der saure Regen
als Hauptverursacher galt, zum politisch brisanten Thema.
Es wurde klar: hohe Schornsteine sind keine Lösung, die Emissionen
mussten reduziert werden. Filteranlagen und Effektivitätssteigerungen beim
Energieeinsatz sowie der Ersatz von Kohle durch Öl und Gas führten
mittlerweile zu deutlichen Verringerungen der Schwefeldioxid-Emissionen - in
den Kohlestädten Nordamerikas, Westeuropas und Japans nahm der Gehalt an
Rauch, Ruß und Schwefeldioxid wie zuvor in London um 70 bis 95 Prozent ab.
Weniger erfolgreich waren die Ansätze zur Verringerung der
Stickstoffoxid-Emissionen, die zudem noch zur Bildung des Sommersmogs (>>
hier) beitragen, der auch heute noch ein Problem der Großstädte auch der
westlichen Welt ist.
Beispiel Ruhrgebiet
Weiter als in den Städten reichte die Luftverschmutzung noch in den neu
entstehenden Industriegebieten. Das Ruhrgebiet ist ein Beispiel dafür: Im
Jahr 1900 war es bereits die größte Industrieregion Europas, und wohl auch
die am stärksten verschmutzte. Da Firmen wie Krupp und Thyssen für die
deutsche Rüstungsindustrie von zentraler Bedeutung waren, hatten
Umweltauflagen kaum eine Chance; und auch für Politik und Bevölkerung
zählten Arbeitsplätze mehr als die Umwelt. Dies änderte sich auch unter den
Nazis nicht (“Die Leidenschaft der Nazis galt wohl dem deutschen Blut und
deutschen Boden, nicht aber der deutschen Luft.” [John R. McNeill]); und im
Kalten Krieg brauchte Europa die Schwerindustrie im Ruhrgebiet.
1961
dann aber machte Willy Brandt Wahlkampf mit dem Motto, dass der Himmel über
dem Ruhrgebiet wieder blau werden müsse. Er wurde nicht gewählt, aber
dennoch begannen in den 1960er Jahren die ersten Maßnahmen zur Rauch- und
Rußbekämpfung; mit hohen Schornsteinen wurde der Dreck weiter verteilt - und
damit ein neues Problem geschaffen: Schwefeldioxid aus den Abgasen löste
sich im Regenwasser und verursachte “Sauren Regen”, der Flüsse, Seen und
Wälder schädigte. Seit Mitte der 1980er Jahren begann man daher, die Abgabe
von Schadstoffen einzudämmen, und heute ist die einstige Belastung nur noch
Geschichte.
Kein Gehör fanden die Umweltschützer dagegen in den nicht-demokratischen
Ländern. Dort änderte sich die Situation erst nach dem Fall der jeweiligen
Regime: In Brasilien nach dem Ende der Militärdiktatur 1984; in der
Sowjetunion und den Ländern Osteuropas nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion 1991 - hier zum größten Teil nicht durch sauberere Produktion,
sondern durch den Zusammenbruch der Wirtschaft nach dem Wegfall der
Subventionen. In Indien und China werden die Bemühungen um Umweltschutz
oftmals vor Ort nicht umgesetzt (>>
mehr).
Das Zeitalter des Öls
Seit 1920 wurde in den USA, seit 1950 im Rest der Welt zunehmend Kohle
durch Öl ersetzt. Dies hatte weitreichende Folgen: Öl konnte leichter
transportiert und genutzt werden als Kohle, und daher wurde die relativ
konzentrierte Luftverschmutzung durch Kohleverbrennung durch eine
weiträumigere Luftverschmutzung durch die Verbrennung von Öl abgelöst. Ein
Symbol dafür ist das Auto, das die Eisenbahn als technisches Transportmittel
Nr. 1 verdrängte.
Luftverschmutzung durch Autos
Die entscheidende Entwicklung war die Einführung des Fließbands: Es ließ
Autos erschwinglich werden, und die Massenmotorisierung begann - zuerst in
den USA, dann in Europa und zuletzt in Japan und Ostasien. 1900 waren
Automobile noch eine Seltenheit, 1996 gab es weltweit 500 Millionen von
ihnen. Sie lösten ab den 1960er Jahren die Kohlefeuerung als schlimmste
Verschmutzungsursache ab. Autos geben vor allem Kohlenmonoxid,
Stickstoffoxide und Kohlenwasserstoffe ab, die zum “Sommersmog” beitragen.
Dieser wurde seit den 1940er Jahren - zuerst in Los Angeles - beobachtet, er
entsteht, wenn leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe und Stickoxide unter
intensiver Sonneneinstrahlung Ozon bilden (>>
Die
wichtigsten Schadstoffe).
Seit den 1920er Jahren wurde dem Benzin Tetraethylblei zugesetzt, um
unkontrollierte Selbstentzündungen des Benzins (“Klopfen”) zu verhindern.
Dies führte im Laufe der Zeit zu hohen Bleikonzentrationen im Boden entlang
der Straßen und zu erhöhten Bleiwerten im Blut. Blei wird in Knochen
eingelagert und reichert sich daher im Laufe der Zeit an; eine chronische
Bleivergiftung kann zu Schädigungen der Blutbildung, des Nervensystems und
von Embryos führen. 1967 wurde verbleites Benzin in den Großstädten der
Sowjetunion verboten, in den USA begann der Übergang zu bleifreiem Benzin in
den späten 1970er Jahren, und in Europa in den 1980er Jahren. Die
Bleikonzentration in der Luft sank in den USA zwischen 1977 und 1994 um etwa
95 Prozent, auch die Werte im Blut sanken deutlich. (Als Parallele zum
heutigen Widerstand gegen den Klimaschutz (>>
mehr)
verkündete die Autoindustrie damals ein Massensterben der Motoren, falls
Blei verboten werden sollte; und die ersten Hersteller, die Motoren für
bleifreies Benzin anboten, kamen aus Japan. Die vergleichsweise unbedeutende
Autoindustrie in der Sowjetunion erleichterte wahrscheinlich deren
ungewohnte Vorreiterrolle.)
Bleifreies Benzin war auch die Voraussetzung für den Einsatz von
Katalysatoren, mit denen in den letzten Jahren die Schadstoffmengen der
Autoabgase verringert wurde. Ein Teil des erreichten Fortschritts wurde aber
durch die zunehmende Anzahl an Autos sowie durch höhere Fahrleistungen
wieder aufgehoben.
Globale Luftverschmutzung
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Luftverschmutzung zu
einem länderübergreifenden Phänomen. Dabei spielte die “Politik der hohen
Schornsteine” eine zentrale Rolle, aber auch die zunehmende Bevölkerung und
ihre Verstädterung: 1950 gab es drei Ballungsgebiete mit mehr als 10
Millionen Einwohnern auf der Welt (sogenannte Megacities), 1997 bereits
zwanzig.
Saurer Regen
In den 1960er Jahren erkannten skandinavische Wissenschaftler, dass die
Versauerung der Flüsse und Seen Südschwedens und Norwegens durch Schwefel-
und Stickstoffoxide aus England verursacht wurde (Saurer Regen);
Luftverschmutzung wurde als globales Problem erkannt. Entstanden war das
Problem durch höhere Schornsteine, die lokale Umweltprobleme minderten, aber
die Schadstoffe höher aufsteigen, länger in der Atmosphäre bleiben und
weiter verteilt werden ließen. Bald zeigte sich, dass in Kanada die Seen
durch Abgase aus den USA versauerten, in Japan durch Abgase auch China. Mit
Messinstrumenten auf Satelliten konnten die Schwefeldioxid- und
Stickstoffoxidwolken ab den 1990er Jahren dann auch direkt erfasst werden.
Saurer Regen schädigte ausgedehnte Waldgebiete (“Waldsterben”) und die
Lebensgemeinschaften der Flüsse und Seen; er ließ auch Kalkstein und Marmor
verfallen, wovon einige der bedeutendsten Kulturdenkmäler der Welt, aber
auch Brücken und andere Gebäude betroffen waren.
Mit der Verringerung der Emissionen an Schwefeldioxid und Stickstoffoxid
ging das Problem im Westen zurück; allerdings steigen in China die
Emissionen durch die zunehmende Kohleverbrennung an: 60 Prozent des Landes
sind von Saurem Regen betroffen, ebenso wie Japan, Taiwan, Korea und die
Philippinen.
Das Ozonloch
Die 1929 erstmals hergestellten “FCKW” (Fluorchlorkohlenwasserstoffe,
chemische Substanzen, die Fluor, Chlor und Kohlenstoff enthalten) haben
viele gute Eigenschaften: Sie sind ungiftig, nicht entzündlich, leicht zu
verarbeiten und reagieren nicht mit anderen Stoffen. So wurden sie bald vor
allem als Kühlmittel in Kühlschränken und Klimaanlagen, als Treibgas in
Spraydosen und als Lösemittel verwendet. 1971 entdeckte der Chemiker James
Lovelock (siehe >>
hier) diese
FCKW in der Atmosphäre. Lovelock hatte sie nur als Marker für andere Formen
industrieller Luftverschmutzung betrachtet, die FCKW selbst hielt er für
ungefährlich. Dem amerikanischen Chemiker Sherwood Rowland fiel aber auf,
das die gemessenen Konzentrationen in etwa der weltweiten Produktion bis zu
diesem Zeitpunkt entsprachen. Was, fragte er sich, würde schließlich mit
ihnen passieren? Er setzte seinen aus Mexiko stammenden Kollegen Mario
Molina auf die Frage an, und im Juni 1974 veröffentlichten beide die
Hypothese, dass die FCKW in die Stratosphäre aufsteigen können, dort von
kurzwelligem Sonnenlicht aufgebrochen werden und dass das dabei freigesetzte
Chlor Ozon-Moleküle der Ozonschicht (siehe >>
hier)
zerstört.
Dieser Beitrag blieb zunächst fast unbeachtet. Die
FCKW-Industrie machte mittlerweile acht Milliarden Dollar Umsatz im Jahr und
griff Rowland und Molina als Panikmacher an, und im Laufe der Jahre geriet
das Thema von der Tagesordnung. Erst 1985 erschien eine Publikation des
britischen Geophysikers Joe Farman, dass die Ozonschicht über der Antarktis
ausdünnte - schon seit 1977. Farman hatte die Veröffentlichung
hinausgezögert, da er seinen eigenen Erkenntnissen nicht recht traute -
zumal ein NASA-Satellit seit fünf Jahren ebenfalls den Ozongehalt gemessen
hatte und keinen Rückgang feststellte. (Nach Farmans Veröffentlichung
überprüfte die NASA ihre Daten: Die eigentlichen Satellitendaten zeigten
seit Jahren die gleiche Tendenz - waren aber vom Computer als Fehler
aussortiert worden, weil sie nicht den Erwartungen entsprachen.) Der
gemessene Rückgang war noch schlimmer als der von Rowland und Molina
erwartete.
Bald wurden auch “Ozonlöcher” über Chile und Australien
entdeckt. Als Ursache wurden im Jahr 1987 von einer NASA-Expedition in die
Antarktis die von Rowland und Molina verdächtigten FCKW bestätigt. Warum
aber der gemessene Rückgang soviel stärker war als der von Rowland und
Molina erwartete, wurde von dem in Deutschland tätigen niederländischen
Meteorologen Paul Crutzen entdeckt: Es lag an den stratosphärischen
Eiswolken der Antarktis. Deren Oberfläche erleichterte Reaktionen, bei denen
Chlor freigesetzt wurde. Dieses Chlor konnte dann mit der aufgehenden Sonne
im Frühjahr seine zerstörerische Wirkung entfalten - ein einziges Chloratom
kann bis zu 100.000 Ozonmoleküle vernichten. (Rowland und Molina sowie
Crutzen sollten 1995 für ihre Forschungen den Nobelpreis für Chemie
erhalten.) Die Folgen der ausgedünnten Ozonschicht wurden auch immer klarer:
Verstärkte UV-Strahlung schädigt Plankton und damit die Nahrungskette in den
Meeren, schädigt Pflanzen und damit die Nahrungsmittelproduktion, verursacht
Hautkrebs und Grauen Star beim Menschen.
Das “Ozonloch” rief eine
ungewöhnlich schnelle politische Antwort hervor: Das Protokoll von Montreal
(1987) und darauf folgende Zusatzvereinbarungen führten ab 1988 zu einem
Rückgang der FCKW-Produktion um rund 80 Prozent. Das Protokoll von Montreal
wurde noch vor dem endgültigen Nachweis der FCKW als Verursacher des
Ozonlochs verabschiedet, insofern ist es das erste Beispiel des
Vorsorgeprinzips im Umweltschutz. Anderseits waren sie der Beweis, dass der
Mensch globale Umweltveränderungen auslösen kann. Und: FCKW sind in der
Atmosphäre sehr stabil, so dass die Ozonschicht in der Stratosphäre nur
langsam heilt und wohl noch bis ins Jahr 2070 ausgedünnt bleiben wird.
Insbesondere hellhäutige Menschen in sonnigen Ländern wie Australien sind
hiervon durch höheres Hautkrebsrisiko betroffen.
Weblink: >>
In letzter Minute
- Ein Beitrag der ZEIT zum Montrealer Protokoll.
Megacities
In den Megacities sind die Menschen besonders von den Auswirkungen des
Rauches und des Autoverkehrs betroffen; die zehn Städte auf der Erde mit der
schlechtesten Luftqualität sind nach Angaben der Weltbank Kairo (Ägypten),
Delhi und Kolkata (Kalkutta) in Indien, Tianjin und Chongqing in China,
Kanpur und Lucknow (Indien), Jakarta (Indonesien) sowie Shenyang und
Zhengzhou (Gina). 2007 schätzte die WHO, dass die Luftverschmutzung jedes
Jahr 865.000 Menschen tötet, dazu kommen Millionen von Menschen, bei denen
sie Atemwegserkrankungen auslöste oder verschlimmerte oder gar Krebs
auslöste. Die zehn am meisten verschmutzten Orte der Erde nach Angaben des
Blacksmith Institute (eine private Organisation, die Schwerpunkte der
Verschmutzung identifiziert und Programme zu deren Sanierung anregt,
www.blacksmithinstitute.org),
sind auf der folgenden Karte dargestellt.

Die zehn meist verschmutzten Orte der Welt im
Jahr 2007. Nach Angaben des Blacksmith Institute. Mehr Informationen, auch
zu den einzelnen Orten, auf der Webseite
www.worstpolluted.org (englischsprachig).
1957 entdeckte der deutsche Chemiker Wilhelm Sandermann, dass die
“Chlorakne” bei der Herstellung von PVC und PCBs von einer bei der
Produktion entstehenden Verunreinigung ausgelöst wurde, die sich als extrem
giftig erwies: Den Dioxinen, polychlorierten Dibenzodioxinen (PCDD) und
Dibenzofuranen (PCDF), die zudem aufgrund guter Fettlöslichkeit in der
Nahrungskette angereichert und nur langsam abgebaut werden. Vom giftigsten
Dioxin, 2,3,7,8 - Tetrachlordibenzdioxin (TCDD) lösen bereits ein Gramm in
einer Million Tonnen Tierfutter bei Ratten Schäden aus; und Dioxine wurden
jahrelang kiloweise mit Holzschutzmitteln und PCBs in die Umwelt
eingetragen. Heute ist aufgrund der Stockholmer Konvention die Entstehung
von Dioxinen durch Verwendung der "besten verfügbaren Technik" so weit wie
möglich zu minimieren, aber immer wieder tauchen Dioxine auch heute noch in Futter- und
Lebensmitteln auf (so wurden im August 2007 Dioxine in deutschem Joghurt
entdeckt, die vermutlich auf einen in Indien mit Pilzbekämpfungsmittel
verunreinigten Zusatzstoff zurückgingen).
(Siehe auch >>
Der
Unfall von Seveso.)
Lichtverschmutzung
Von vielen noch nicht als Problem erkannt: Auch Licht “verschmutzt” die
Umwelt. Ein Fünftel der Menschheit (darunter die meisten Deutschen) kann
nachts die Milchstraße nicht mehr erkennen, da der Nachthimmel von
künstlichem Licht überstrahlt wird. Die Folgen für den Menschen sind neben
eingeschränkter Beobachtungsmöglichkeit für Hobbyastronomen wohl vor allem
spiritueller Natur (der Blick in den Nachthimmel kann uns unseren Platz im
Universum zeigen und könnte so vielleicht so manchen menschlichen Größenwahn
korrigieren); aber viele Tiere leiden konkret: So laufen etwa frisch
geschlüpfte Meeresschildkröten in Hotels statt ins Meer, da sie vom Licht
angezogen werden (das früher nachts auf der Meeresoberfläche reflektierte
und damit die richtige Richtung wies); Insekten und Vögel fliegen
(“angezogen wie die Motten vom Licht”) gegen hell erleuchte Häuser.

In einer klaren Nacht sind auf
Satellitenaufnahmen die Leuchtflecken der Städte
deutlich zu erkennen. Foto:
NASA
Abhilfe wäre einfach: Für die Außenbeleuchtung gibt es
längst ausschließlich nach unten strahlende Lampen. Immerhin wächst langsam
ein Bewusstsein für das Problem: In den USA gibt es erste Dark-Sky-Parks,
der englische Peak District National Park
bewirbt sich um einen solchen Titel.
Die Folgen der Luftverschmutzung
Zuverlässige Statistiken aus der Frühzeit der Industrialisierung gibt es
nicht, mögliche Folgen der Luftverschmutzung interessierten erst ab den
1950er Jahren. Aber einen Eindruck können die Zahlen aus den osteuropäischen
Städten geben, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugänglich wurden
und deren Belastung den frühindustriellen Städten ähnlich ist: In
Oberschlesien betrug die Kindersterblichkeit 44 von 1000 Kindern und drei
Viertel aller zehnjährigen Kinder brauchten ständige ärztliche Behandlung.
In den tschechischen Industriegebieten lag die Lebenserwartung um 4 Jahre
unter dem Durchschnitt..
Es gibt Schätzungen, nach denen die Luftverschmutzung im 20. Jahrhundert
insgesamt 40 Millionen Menschenleben forderte, zur Zeit kommen nach
Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation 865.000 Menschen im Jahr vor
allem in Schwellen- und Entwicklungsländern dazu - zwar ist die Luftqualität
insgesamt besser geworden, die Verschmutzung trifft aber mehr Menschen. Nach
über 30 Jahren Umweltpolitik sind dagegen in den reichen Industrieländern
die offenkundigsten Belastungen heute beseitigt, die Atemluft ist wieder
relativ sauber. Auch wenn einzelne Probleme (>>
Stickstoffoxide, >>
Feinstaub; siehe auch >>
Chemikalien in
der Umwelt) akut bleiben: Das größte Problem sind hier heute die nicht
unmittelbar zu erkennenden Belastungen wie der >>
Klimawandel,
der etwa zur gleichen Zeit wie das Ozonloch in den Blickwinkel der
Öffentlichkeit geraten ist - wahrscheinlich das wichtigste Umweltthema der
kommenden Jahrzehnte. Da die nötigen Maßnahmen auch die Industrien der
Entwicklungs- und Schwellenländer betreffen (>>
mehr),
würde sich bei ihrer Umsetzung auch die Luftverschmutzung reduzieren.
Weiter zu:
>> Klimawandel
Zurück zu:
>>
Übersicht
Industriezeitalter