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Das Zeitalter der Industrie Dunkle Wolken im großen Luftozean
Eine kleine Geschichte der Luftverschmutzung
 Luftverschmutzung in Santiago de Chile, Winter 2003. Foto: Michael Ertel, aus >> wikipedia, abgerufen 5.3.2010. Lizenz: >> FDL 1.2
Als die Menschen das Feuer bändigten, begann auch die Geschichte der Luftverschmutzung: Die Rußschichten in prähistorischen Höhlen und geschwärzte Lungen bei mumifizierten Leichen aus der Steinzeit beweisen, dass die Luft in den Höhlen unserer Vorfahren nicht immer die beste war. Die vom Feuer unterstützte Abholzung der Wälder mit Beginn der Landwirtschaft war möglicherweise die erste großflächige Umweltveränderung (siehe >> hier). In Proben aus dem Grönlandeis lassen sich Spuren von Blei- und Kupferemissionen aus vorindustrieller Zeit nachweisen (>> mehr).
Auch die Luftqualität mittelalterlicher Städte ließ oftmals zu wünschen übrig (>> mehr), wie historische Schilderungen sowohl aus der arabischen als auch aus der christlichen Welt belegen. Diese vorindustrielle Luftverschmutzung war aber in ihren Auswirkungen auf die Entstehungsorte beschränkt.
Eine neue Dimension: Die Kohleverbrennung
Ganz neue Dimensionen nahm die Luftverschmutzung aber mit der >> Industriellen Revolution an. Kohle wurde zum wichtigsten Brennstoff; um 1870 besaß Großbritannien ca. 100.000 kohlebetriebene Dampfmaschinen. Mit sinkenden Transportkosten konnte Kohle auch in die Städte transportiert werden und dort sowohl für Öfen und Herde als auch für Industrieanlagen genutzt werden. Im Viktorianischen England waren etwa ein Viertel aller Todesfälle auf Lungenkrankheiten zurückzuführen. Mit der zweiten Phase der industriellen Revolution ab 1870 entstanden Schwerindustrien – Eisen, Stahl, Chemikalien – mit riesigem Kohleverbrauch auch in anderen europäischen Ländern sowie in den USA und Japan, im 20. Jahrhundert dann auch in Russland, Kanada, Lateinamerika und Asien. Die Luft um die Hüttenwerke, in den Städten und Industriegebieten war katastrophal schlecht, schien aber der unvermeidliche Preis des entstehenden Wohlstands zu sein. Industrielle, Arbeiter und Staatsminister sahen in rauchenden Schornsteinen ein Symbol für Fortschritt, Wohlstand und Macht.
Die Folge waren verschmutzte Kohlestädte wie London. 1880 gab es in London 3,5 Millionen Feuerstellen, Smog (das Wort verbindet smoke, Rauch und fog, Nebel) wurde zum regelmäßigen Ereignis. Dabei sollen sogar Fußgänger in die Themse gefallen sein, weil sie den Fluss nicht sahen. In der Londoner Innenstadt lag in den 1920er bis 50er Jahren die Zahl der Sonnenstunden 20 Prozent niedriger als in den Vorstädten.
Irgendwann ließen sich die Folgen der Luftverschmutzung bei allem Fortschrittsglauben nicht mehr übersehen. Die ersten Bemühungen zur Reinhaltung der Luft begannen in den USA, in St. Louis und Pittsburgh, wurden aber während des Krieges nicht fortgeführt. Als in London ein Smog, der vom 4. bis 10. Dezember 1952 dauerte, 4.000 Todesopfer forderte, wurde 1956 im Clean Air Act die häusliche Kohlefeuerung streng geregelt. Hilfreich kam hinzu, dass seit 1950 zunehmend >> Öl und Gas an die Stelle der Kohle traten, deren Verbrennung weniger Schadstoffe, vor allem Rauch und Ruß, erzeugen. Bis 1970 sank der Rauchgehalt der Londoner Luft um 80 Prozent.
Industrielle Luftverschmutzung
England, Westeuropa, Amerika
Luftverschmutzung ging auch von der Metallverhüttung und der Chemieindustrie aus. Die chemische Großindustrie entstand mit der Herstellung von Natriumcarbonat für die Glas- und Seifenherstellung sowie die Textilindustrie. Dabei entstand ätzender Chlorwasserstoff, der in die Umgebung abgegeben wurde. Die gegen diese Verschmutzung 1865 gegründete Alkali-Aufsichtsbehörde gilt als erste “Umweltbehörde” der Geschichte. (Sie bewirkte wenig; besser wurde die Situation erst, als das heute genutzte Solvay-Verfahren eingeführt wurde.) Mit der zweiten Phase der Industriellen Revolution nahm der Bedarf an Kupfer zu (>> mehr). Die Kupferminen lieferten auch Schwefelsäure für die chemische Industrie, ein Teil des Schwefels aus dem Erz wurde aber bei der Verhüttung als Schwefeldioxid freigesetzt. Die Abgase der im 20. Jahrhundert wichtig werdenden Nickelproduktion (Nickel wird zur Stahlveredelung verwendet) schädigten die Umgebung der Hüttenwerke in weitem Umkreis.
Am schlimmsten aber war die Luftverschmutzung in den Industriegebieten, die gleichzeitig über Kohle- und Erzvorkommen verfügten, wie im >> Ruhrgebiet, das “Schwarze Land” (Black Country) in Mittelengland oder in der Region der Großen Seen in Nordamerika.
Japan
Die japanische Industrialisierung ab der Meiji-Zeit (>> mehr) brachte ebenfalls stark verschmutzte Industriegebiete hervor, etwa die Hanshin-Region (Osaka-Kobe). Hier entstanden ab 1880 Eisen- und Stahlwerke, Zement- und Chemiewerke; bis 1900 vervierfachte sich die Einwohnerzahl von Kobe und Osaka. Ab 1912 wurde die Luftverschmutzung gemessen: sie war so schlimm wie in London. Produktion und Luftverschmutzung stiegen weiter (angeblich stürzten sogar Flugzeuge wegen schlechter Sicht ab), bis im Zweiten Weltkrieg die amerikanische Luftwaffe die Industrie der Region in Schutt und Asche legte. Aber die Amerikaner halfen auch bei Wiederaufbau, und 1955 lag der Staubniederschlag über den Vorkriegswerten. Mit der einsetzenden Motorisierung wuchs die Region mit dem Großraum Kyoto zu einem Ballungsraum zusammen, in dem über zehn Millionen Menschen von der Luftverschmutzung betroffen waren.
Ein anderer Schwerpunkt der japanischen Umweltverschmutzung war Ube im Nordwesten, ein Zentrum für Zement, Chemie und Kohle. Nachdem Wissenschaftler der Universität von Ube die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung gezeigt hatten, begann 1954 der Kampf gegen die Luftverschmutzung - auf Initiative des Vorsitzenden des lokalen Industrieverbandes, Kanichi Nakayasu! Bei einem Besuch in Pittsburgh erkannte er, dass die Region das Problem lösen kann, und setzte sich für strenge Grenzwerte ein. 1965 war der Himmel über Ube wieder blau; und die Stadt wurde zum Vorbild für andere Regionen Japans (>> mehr) - 1968 wurde in Japan ein Gesetz zur Luftreinhaltung verabschiedet, in dem vor allen den lokalen Präfekten Spielraum zur Festlegung von Grenzwerten gegeben wurde.
Sowjetunion und Osteuropa
Die sowjetische Industrialisierung ab 1927 (>> mehr) wiederholte das Muster des Westens und übertraf es bei der Umweltverschmutzung sogar. Priorität hatte die Produktion. Das wohl dreckigste Hüttenwerk war das sowjetische von Norilsk in Sibirien, von Stalins Geheimpolizei geführt und von Gulag-Arbeitern errichtet: Es stieß in den 1980er Jahren mehr Schwefeldioxid aus als ganz Italien. (Norilsk gehört noch heute zu den zehn dreckigsten Orten der Welt, >> mehr.) Die Luft in Moskau verschlechterte sich ab den 1930er Jahren, und in den 1960er Jahren waren die Werte von Schwefeldioxid und Stickoxiden in einigen Vororten weit jenseits jeden Grenzwerts. Noch schlimmer war die Lage in den Industriegebieten von Donezk und Magnitogorsk.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das sowjetische Modell auf Osteuropa übertragen. Eine Folge war die Entstehung des “Schwefeldreiecks” zwischen Dresden, Prag und Krakau. Die Braunkohlekraftwerke hier erzeugten drei Viertel des Strombedarfs Polens und zwei Drittel des Bedarfs in der Tschechoslowakei und in der DDR, die Schwefeldioxidkonzentration der Atemluft übertraf die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation um das Zwanzigfache. Auf Krakau gingen jedes Jahr 170 Tonnen Blei und 7 Tonnen Cadmium nieder.
Andere Regionen
Die anderen Regionen, in denen die Industrialisierung einsetzte, hatten alle ähnliche Probleme: Kanada mit den Nickel-Kupfer-Hüttenwerken von Sudbury (Ontario); in Brasilien wurde die Umgebung von Cubatão im Bundesstaat São Paulo auch “Tal des Todes genannt - die Kindersterblichkeit lag hier zehnmal höher als im Durchschnitt des Bundesstaates; in Peru die Kupferhütte von La Oroya...
Umweltbewegung und Gesetze zur Luftreinhaltung
Ab Mitte der 1960er Jahre begannen in den Kernländern der Umweltverschmutzung - Nordamerika, Europa und Japan - wirksame Proteste der Bevölkerung gegen diese Verschmutzung. Japan war das erste Land, das ein Gesetz zur Luftreinhaltung erließ (siehe >> oben). 1966 erinnerte ein Smogalarm in New York die Amerikaner an den Londoner Smog; und nachdem am 22. Juni 1969 der schwer verschmutzte Cuyahoga in Brand geraten war, organisierte der US-Senator Gaylord Nelson am 22. April 1970 den ersten Earth Day: 20 Millionen Amerikaner demonstrierten an diesem Tag gegen die Umweltverschmutzung; vor allem gegen die Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke. 20 Millionen Menschen - das Signal war so deutlich, dass auch eine konservative Regierung wie die von Richard Nixon es nicht überhören konnte: 1970 begann mit dem Clean Air Act das Zeitalter der modernen amerikanischen Umweltgesetzgebung, das Umweltamt Environmental Protection Agency wurde gegründet. Auch in Deutschland entstanden zahlreiche Bürgerinitiativen für Umweltschutz; und im Jahr 1974 wurde mit dem Bundesimmissionsschutzgesetz auch in Deutschland ein Gesetz zur Luftreinhaltung beschlossen.
Allerdings wurde die Verschmutzung zunächst gesenkt, indem sie durch hohe Schornsteine einfach weiter verteilt wurde. Mit den hohen Schornsteinen vergrößerte sich ein altes Problem: während Rauch und Ruß vor allem lokale Probleme waren, konnten Schwefel- und Stickstoffoxide sich über Tausende Kilometer verbreiten und bildeten den Hauptbestandteil des „Sauren Regens“, der zum länderübergreifenden Umweltproblem wurde (siehe >> unten). In Deutschland wurden die Waldschäden, für die der saure Regen als Hauptverursacher galt, zum politisch brisanten Thema.
Es wurde klar: hohe Schornsteine sind keine Lösung, die Emissionen mussten reduziert werden. Filteranlagen und Effektivitätssteigerungen beim Energieeinsatz sowie der Ersatz von Kohle durch Öl und Gas führten mittlerweile zu deutlichen Verringerungen der Schwefeldioxid-Emissionen - in den Kohlestädten Nordamerikas, Westeuropas und Japans nahm der Gehalt an Rauch, Ruß und Schwefeldioxid um 70 - 95 Prozent ab. Weniger erfolgreich waren die Ansätze zur Verringerung der Stickstoffoxid-Emissionen, die zudem noch zur Bildung des Sommersmogs beitragen, der auch heute noch ein Problem der westlichen Großstädte ist.
Kein Gehör fanden die Umweltschützer dagegen in den nicht-demokratischen Ländern. Dort änderte sich die Situation erst nach dem Fall der jeweiligen Regime: In Brasilien nach dem Ende der Militärdiktatur 1984; in der Sowjetunion und den Ländern Osteuropas nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 - hier zum größten Teil nicht durch sauberere Produktion, sondern durch den Zusammenbruch der Wirtschaft nach dem Wegfall der Subventionen. In Indien und China werden die Bemühungen um Umweltschutz oftmals vor Ort nicht umgesetzt (>> mehr).
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