Das Zeitalter der Industrie

Wassernutzung durch den Menschen

Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter wasserbaulicher Großprojekte - in vielen Gebieten der Erde wurden die Flussgebiete mit Staudämmen und Umleitungen völlig umgestaltet; mit der Verfügbarkeit von billiger Energie wurden zudem Grundwasservorräte in großem Umfang erschlossen. Diese Projekte haben das Leben zahlreicher Menschen verbessert, aber auch hohe soziale, ökonomische und ökologische Kosten verursacht. Und nach wie vor verfügen über eine Milliarde Menschen über keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser.

Wasserreichtum und Wassermangel auf der Erde

Das nutzbare Wasser ist ungleich verteilt. Wassermangel bedeutet: Es stehen weniger als 1.000 m³ Wasser pro Kopf und Jahr zur Verfügung; 1.000 m³ gelten der Weltgesundheitsorganisation als Mindestmaß für eine ausreichende Versorgung. Deutschland gehört zu den Regionen mit Wasserüberschuss - ist aber durchaus am Wassermangel anderswo beteiligt (>> hier).

Seit 9.000 Jahren verwendet der Mensch Wasser zur Bewässerung seiner Felder, vor allem in den trockenen Regionen der Erde - schon die ersten menschlichen Kulturen beruhten auf der Beherrschung des Wassers (>> Die ersten Staaten). Mit den technischen Möglichkeiten, die im Zuge der Industriellen Revolution zur Verfügung standen, konnte diese Beherrschung stark Beherrschung stark ausgeweitet werden: Dass die enorm zunehmende Bevölkerung ernährt werden konnte, ist neben der Düngung vor allem der Bewässerung zu verdanken. Die Bewässerung macht den Löwenanteil des menschlichen Wasserverbrauchs aus; er stieg von 110 Kubikkilometer im Jahr 1700 über 580 Kubikkilometer im Jahr 1900 auf 5.200 Kubikkilometer im Jahr 2000. Damit hat der Mensch sich bereits einen erheblichen Anteil an dem für die Nutzung zugänglichen Wassers gesichert (mehr >> hier).

“In der Geschichte ist Wasser, und vor allem sein Ursprung, die Quelle, immer Gegenstand von Verehrung und Respekt gewesen. Die Erfindung des Wasserhahns und der Mineralwasserflasche haben uns vergessen lassen, dass Wasser, bevor es aus dem Hahn fließt oder in Flaschen verkauft wird, ein Geschenk der Natur ist”
Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises

Die Umgestaltung der Erde

Um sich das Wasser in diesem Ausmaß zugänglich zu machen, musste die Erde umgestaltet werden: Flüsse wurden begradigt, umgeleitet und aufgestaut, und manche von ihnen gleich ganz geleert. Einer der ersten Flüsse, den der Mensch zu zähmen begann, war der Rhein: Tullas im Jahr 1817 beginnende “Rheinkorrektur” zwang den Oberrhein in ein begradigtes Bett und machte den Rhein schiffbar - und zur Basis der industriellen Entwicklung in Städten wie Mannheim, Köln, Düsseldorf und Duisburg. Noch größer war aber der Einfluss von Staudämmen.

Staudämme sind eine uralte Erfindung der Menschheit. Bereits vor 4.900 Jahren wurde am Nil Wasser umgeleitet, in China baute man vor der Zeitenwende bereits bis 30 Meter hohe Erddämme. Aus byzantinischer und römischer Zeit bezeugen Dämme und Aquädukte den Aufwand, der zur Versorgung der Städte mit Wasser getrieben wurde. Mit der Industrialisierung standen jedoch ganz neue technische Möglichkeiten zur Verfügung. Der erste Mega-Staudamm war der 1935 fertiggestellte Hoover-Damm, der den Colorado River in den USA aufstaute. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren gigantische Wasserbauprojekte oftmals auch politische Statussymbole. Über 45.000 große Staudämme mit einer Fläche von über 400.000 km² (größer als Deutschland) wurden seither gebaut; 172 der 292 großen Fluss-Systeme der Erde wurden von Staudämmen verändert. Staudämme dienen verschiedenen Zwecken: Der Erzeugung von Strom, der Erleichterung der Schifffahrt oder der Wasserspeicherung für Bewässerung und Städte. Eine Untersuchung der Weltbank, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, zeigte jedoch, dass die meisten Staudämme nicht hielten, was vor ihrem Bau versprochen wurde: sie lieferten weniger Strom und weniger Wasser. Von der wirtschaftlichen Entwicklung profitierte zumeist nicht die lokale Bevölkerung, sondern die städtische Elite.

Der Indus

Viele moderne Großprojekte zur Bewässerung wurden von Kolonialmächten begonnen - in den Kolonien gab es oft fruchtbaren Boden, aber kein Wasser. In Indien gab es jedoch eine Vorgeschichte: Schon seit der Mogulzeit gab es Riesen-Bewässerungsanlagen, die selbst den Briten Respekt einflößten. Die Briten gingen im Jahr 1885 daran, die Steppen und Wüsten der Provinz Punjab in Britisch-Indien (heute zu Indien und Pakistan gehörend) mit Wasser aus dem Indus in Weizen- und Baumwollfelder zu verwandeln. Die vorher rückständige Provinz wurde so bis 1915 zur reichsten des indischen Empire. Dadurch ermutigt, dehnten die Briten das Bewässerungsgebiet immer weiter aus - es wurde zum größten zusammenhängenden Bewässerungsgebiet der Erde. Ähnlich gingen sie am Ganges und am Cauvery vor. Als Großbritannien 1947 Indien verließ, war die Bewässerungsfläche größer als das Mutterland.

Indien und Pakistan machten nach ihrer Unabhängigkeit weiter, wo Großbritannien aufgehört hatte. Nehru, der erste Premierminister Indiens, bezeichnete Staudämme als „Tempel des modernen Indien“. Allerdings waren die für Staudämme geeigneten Täler dicht besiedelt; und alleine in Indien mussten 16 bis 38 Millionen Menschen - genauere Zahlen gibt es nicht - ihre Heimat verlassen. Vor allem die indische Stammesbevölkerung fand sich oft ohne Land wieder; und in den 1980er Jahren begann mit dem Widerstand gegen den Bau eines Staudammes am Narmada eine Umweltbewegung, die zum Vorbild für andere Länder wurde. Angeführt von der Dozentin Medha Paktar führte der Widerstand zumindest dazu, dass die Weltbank ihre Staudamm-Strategie überdachte und die umgesiedelten Talbewohner entschädigt wurden. Die Auseinandersetzungen um den Staudamm halten bis heute an, aber seither wurde manches Großprojekt in Indien eingestellt. Auch in Indien hielten zudem die Staudämme in der Regel nicht, was ihre Planer versprochen hatten, weder bei der Bewässerung noch bei der Stromerzeugung; in vielen Fällen spiegeln die Auseinandersetzungen auch den Kampf des ländlichen Indien mit einer langen Tradition lokaler Bewässerung gegen das städtische, zentral planende Indien wieder, sind also ebenso ein sozialer wie ein ökologischer Konflikt.

Auch Pakistan baute weitere Dämme und erhöhte seine bewässerte Fläche auf 160.000 Quadratkilometer im Jahr 1990 - der Indus bewässert 90 Prozent der Felder und liefert die Hälfte des Stromes im Land. Ab den 1960er Jahren wurde aber die Versalzung der Felder spürbar: Der Indus trägt jedes Jahr über 20 Millionen Tonnen Salz in die Ebene, von denen die Hälfte auf den Feldern verbleibt. Heute ist ein Zehntel der Anbaufläche verloren, jedes Jahr werden weitere 40.000 Hektar aufgegeben. Auf den anderen Feldern versuchen die Bauern, das Salz wegzuspülen - hierfür hat aber selbst der Indus nicht genug Wasser. Durchschnittlich werden 170 Kubikkilometer Wasser im Jahr entnommen - der Indus führt im Mittel 180 Kubikkilometer. In den letzten Jahren hat der Fluss, an dem einst mit der Induskultur eine der ersten Kulturen der Menschheit entstanden war (mehr >> hier), oft das Meer nicht mehr erreicht. Im Indusdelta dringt aufgrund des fehlenden Süßwassers das Meer immer weiter vor und hat etwa 40 Prozent der Mangroven zerstört, aus denen die Küstenbewohner bisher Fisch und Garnelen im Wert von 20 Millionen US-Dollar im Jahr ernten.

Pakistan ist zudem derart abhängig vom Wasser des Indus, dass Drohungen  nationalistischer indischer Politiker, Pakistan das Wasser abzusperren, immer wieder für Unruhe sorgen - da sowohl Indien als auch Pakistan Atommächte sind, ist dieser Konflikt auch für den Rest der Welt beunruhigend.

Der Kampf um den Colorado River

Mit dem Hoover-Damm begann nicht nur die Geschichte der Stauseen, sondern auch die massive Wassernutzung am Colorado River. 30 Millionen Menschen im Westen der USA hängen von seinem Wasser ab; Kanäle bringen Wasser aus dem Colorado River nach Los Angeles, San Diego, Phoenix und Tucson und er bewässert die Landwirtschaft entlang des Flusses und von großen Teilen Kaliforniens und Arizonas. Mit den Stauseen wurden großartige Landschaften zerstört; vor allem der 1964 fertiggestellte Glen-Canyon-Damm zerstörte den gleichnamigen Canyon - bis heute kämpfen Naturschützer für einen Abriss des Damms zur Wiederherstellung dieses Canyons (siehe >> Glen Canyon Insitute).

Seit 1993 erreicht praktisch kein Wasser mehr die Mündung des Colorado; eine seit dem Jahr 2000 anhaltende Trockenheit hat den Wasserspiegel in den Stauseen um bis zu 60 Prozent fallen lassen. Dieses gefährdet nicht nur die Feuchtgebiete im Delta; durch die intensive Wassernutzung nimmt auch die Versalzung des Flusswassers zum Unterlauf hin immer weiter zu. Die Versalzung bedroht mittlerweile die Zukunft der Landwirtschaft in Amerikas Westen, die ohnehin durch den Wasserdurst der Städte gefährdet ist.

Die Wasserversorgung Kaliforniens

Kalifornien ist heute die zehngrößte Volkswirtschaft der Welt, und aus Kalifornien kommen die Hälfte des amerikanischen Gemüses, der Früchte und Nüsse. Im Norden Kaliforniens gibt es Regenwald (die berühmten Küstenmammutwälder), der Süden ist aber eine Wüste. 1913 begann mit dem Los-Angeles-Aquädukt das Zeitalter der großflächigen Wasserumverteilung, dessen Mittelpunkt seit dem Central Valley-Projekt in den späten 1930er Jahren das Delta der Flüsse Sacramento und San Joaquin ist: Von hier wird Wasser in das kalifornische Längstal und - seit den 1960er Jahren mit dem California-Aquädukt - nach Los Angeles gebracht. Inzwischen ist aber das Delta soweit trockengelegt und abgesunken, dass zum einen die geschützten Königslachse (chinook salmon) und die nur dort vorkommende Stintenart Hypomesus transpacificus (delta smelt) gefährdet sind, zum anderen die Deiche, die das Eindringen von Meerwasser verhindern sollen, zu brechen drohen. Ein Bundesgericht schränkte daher die entnommene Wassermenge ein, und im Herbst 2009 verabschiedete Kalifornien Gesetze, die Städte und Bauern zum Wassersparen zwingen. Geplant werden außerdem der Bau von modernen Abwasserbehandlungs- und Entsalzungsanlagen. Diese Maßnahmen können auch die wohl größte Gefahr für die Wasserversorgung etwas reduzieren: Das Delta des Sacramento und San Joaquin liegt nahe an einem geologischen Bruch, und ein Erdbeben könnte jederzeit die Dämme brechen lassen und das eindringende Meerwasser die Wasserversorgung Kaliforniens unterbrechen.

Der Tod des Aralsees

In der Sowjetunion wurden unter Stalin große Wasserkraftwerke entlang der Wolga, am Dnjepr, am Don und am Dnjestr errichtet. Ab den 1950er Jahren begann die Bewässerung Mittelasiens, die die Sowjetunion von Baumwollimporten unabhängig machen sollte. Dazu nutzte sie das Wasser des Amurdarja, der im Hindukusch entspringt, und des Syrdarja, der im Tien-Shan-Gebirge entspringt. Die Ingenieure leiteten am Ende 110 Kubikkilometer pro Jahr ab, um auf Millionen Hektar Land Baumwolle anzupflanzen. Der einst für sein blaues Wasser bekannte Aralsee, der viertgrößte Süßwassersee der Welt, größer als Belgien und die Niederlande zusammen, schrumpfte auf ein Drittel seiner einstigen Größe; er enthält noch ein Zehntel seiner ursprünglichen Wassermenge. Der Fischfang, der früher 44.000 Tonnen im Jahr betrug und 60.000 Menschen beschäftigte, war völlig zusammengebrochen. Vom ausgetrockneten Seegrund tragen die Winde ein Gemisch aus Salz und landwirtschaftlichen Chemikalien in die Umgebung, das die Erträge der Baumwolle reduziert, Gebäude korrodieren lässt und Augen- und andere Krankheiten bei den Menschen verursacht. Der See kann auch das Klima nicht mehr wie früher mildern, die Sommer sind um durchschnittlich drei Grad wärmer geworden.

Heute bekennen sich die anliegenden Nachfolgestaaten der Sowjetunion zur Rettung des Aralsees. Die offene Frage ist, wie ernst diese Bekenntnisse sind. In Usbekistan dienen 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche der (überwiegend staatlichen) Baumwollproduktion, gegen die zunehmende Versalzung wird Süßwasser zur Spülung gebraucht - Turkmenistan und Usbekistan sind pro Kopf die beiden größten Wasserverbraucher der Welt. Trotzdem ist mancherorts die Versorgung mit Trinkwasser schwierig geworden - das Grundwasser ist versalzen. Der englische Journalist Fred Pearce berichtet, dass “es den Menschen hier kaum besser [geht] als den Bewohnern des ländlichen Afrika”, die durchschnittliche Lebenserwartung sei von 64 auf 51 Jahre gesunken. Solange die Staaten am Anbau von Baumwolle festhalten, wird sich daran auch kaum etwas ändern.

Der Nil-Staudamm bei Assuan

1960 begann Ägypten mit dem Bau eines Staudamms bei Assuan. Mit dem Damm wurden die Nilhochwasser unter Kontrolle gebracht. Er sorgte für eine beständige Wasserversorgung und ermöglichte so zwei bis drei Ernten im Jahr, außerdem produzierten die Turbinen ein Drittel des ägyptischen Stroms. Allerdings fing der Damm auch 98 Prozent des Schlamms auf, der seit Urzeiten die Böden im Niltal gedüngt hatte – Ägypten wurde zu einem Großverbraucher an chemischen Düngemitteln, für deren Herstellung ein Großteil des erzeugten Stroms gebraucht wurde. Das Nildelta, das zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche umfasst, begann mangels Bodenzufuhr zu schrumpfen. Ohne die Hochwässer wurde Bodenversalzung zu einem Problem, insbesondere im Norden, wo Meerwasser landeinwärts dringen kann, und in den Bewässerungskanälen breitet sich die Wasserhyazinthe aus und mit ihr Bilharziose übertragende Schneckenarten aus (Bilharziose ist eine Tropenkrankheit, bei der der menschliche Körper von Saugwürmern befallen wird). Außerdem verdunsten im Stausee jedes Jahr 10 bis 16 Kubikkilometer Wasser, ein Viertel des Zuflusses aus dem Nil.

Der ägyptische Staatspräsident Nasser hat oft auf das Bevölkerungswachstum als hinreichenden Grund für den Bau des Dammes hingewiesen. Seit dem Bau des Dammes hat sich die Bevölkerung verdoppelt, und heute ist das Wasser wieder knapp: Der Stausee war letztlich nur ein Aufschub, für den heute die ökologischen Folgekosten mitbezahlt werden müssen.

Der Drei-Schluchten-Damm in China

Ein aktuelles Beispiel ist der Drei-Schluchten-Damm in China. Der 185 Meter hohe Damm staut den Jangtsekiang, soll Fluten verhindern und Strom erzeugen. Mit einer Generatorleistung von 18.200 Megawatt Strom ist er das größte Wasserkraftwerk der Erde; tatsächlich erzeugt werden durchschnittliche 9.600 Megawatt Strom. Der Schutz schränkt die Stromerzeugung ein - zu Zeiten der Flutgefahr kann der Damm nicht voll gefüllt werden, da er dann kein zusätzliches Wasser mehr aufnehmen könnte. Für den Damm mussten etwa zwei Millionen Menschen umgesiedelt werden; die Bauern mussten vom fruchtbaren Schwemmland des Jangtsekiang in schlechter geeignete, höhere Lagen ziehen; die versprochenen Entschädigungen sind oft noch nicht gezahlt worden. Da nicht nur Bauern, sondern auch ganze Städte, Fabriken und Minen in dem Überschwemmungsgebiet liegen, ist eine chemische Verschmutzung des Wassers zu befürchten; außerdem wird der Lebensraum von Tier- und Pflanzenarten bedroht - der Damm bedroht etwa die Vorkommen des Chinesischen Störs und des Jangtse-Störs.

Die Dammgegner, deren prominenteste die chinesische Schriftstellerin Dai Qing ist, fürchten, dass sich am Drei-Schluchten-Damm die Geschichte des Assuan-Dammes wiederholen wird: Der Damm wird verhindern, dass das Sediment die Felder düngt, und es wird im Laufe der Zeit die Kapazität des Stausees selbst verringern. Wenn der See zum Schutz vor Fluten wenig Wasser führt, könnte er zur Brutstätte für Krankheitserreger werden. (Mehr Informationen: >> Drei-Schluchten-Damm beim International Rivers Network [englischsprachig]). Die chinesischen Projektgegner um Dai Qing lehnen nicht Staudämme generell ab, halten aber den Drei-Schluchten-Damm für schlampig geplant; kleinere Staudämme an Zuflüssen könnten aber eine Alternative zu Kohlekraftwerken sein.

Das größte Bauprojekt der Welt - die Umleitung des Jangtsekiang

Im Jahr 2003 hat ein noch größeres Projekt begonnen: Die Umleitung des Jangtsekiang in den Norden. Mit diesem Projekt will China den Wassermangel in der nordchinesischen Ebene beenden. Nach der Fertigstellung Mitte des Jahrhundert sollen jährlich knapp 45 Kubikkilometer Wasser aus dem Jangtsekiang den Gelben Fluss entlasten - das ist eine Wassermenge, die dem gesamten Wasserfluss des Gelben Flusses entspricht. Die Umleitung besteht aus drei verschiedenen Abschnitten: Der östliche bringt Wasser aus der Mündungsregion in die Provinz Shandong und die Stadt Tianjin; der mittlere aus dem (vergrößerten) Danjiangkou-Stausee nach Peking und Umgebung; und der westliche soll Wasser aus dem Quellgebiet direkt in den Oberfluss des Gelben Flusses führen.

Ein Projekt “ganz nach dem Geschmack von Chinas Kommunistischer Partei” (Spiegel online), das das natürliche Wassersystem Chinas völlig umgestalten würde. Die Bewegung, die sich seit dem Bau des Drei-Schluchten-Dammes in China gegen Dammbauten gebildet hat, weist darauf hin, dass mit dem Geld viel sinnvoller etwas gegen die Wasserverschwendung in China getan werden könnte - zumal absehbar nur die Hälfte des abgeleiteten Wassers im Norden ankommen wird.

Flussumleitungen - die nächste Welle?

Flussumleitungen werden auch in Indien diskutiert - das “River Interlinking Project” soll Wasser aus dem Ganges und dem Brahmaputra, die viel Monsunwasser führen, in den trockenen Süden bringen - falls nicht die Chinesen schneller sind, die angeblich ebenfalls die Umleitung des dort entspringenden Brahmaputra planen. In Spanien wird immer wieder überlegt, Wasser aus dem Ebro in den trockenen Süden, nach Murcia und Almería, zu bringen. Und in Russland werden alte sowjetische Pläne wieder aus der Schublade geholt, das Wasser der großen sibirischen Flüsse in die Baumwollanbaugebiete Mittelasiens zu leiten.

Diese Pläne würden enorme Kosten verursachen - die offiziellen Schätzungen in Indien gehen bis 200 Milliarden Dollar; in Spanien wäre das Wasser teurer als selbst der Bau von Entsalzungsanlagen. Dazu kommen die Schäden an den Flüssen, aus denen das Wasser kommt - in Spanien würde das Ebrodelta zerstört, in Indien protestiert das am Unterlauf von Ganges und Brahmaputra liegende Bangladesh gegen die Pläne. Der Wassermangel lässt sich auf Dauer nicht gegen die Natur lösen, wie alle bisherigen Erfahrungen zeigen.

Wenn die Flüsse versiegen - die Folgen der Umgestaltung

Die Umgestaltung der Erde hatte Folgen: Nicht nur der Indus, auch die meisten anderen Flüsse, deren Wasser einst das Entstehen der ersten Hochkulturen ermöglichten, führen heute kaum noch Wasser bis zur Mündung - der Nil, der Ganges und der Gelbe Fluss. Dabei gingen weltweit etwa die Hälfte aller Feuchtgebiete verloren, des nach den tropischen Regenwäldern artenreichsten Lebensraums. Manche wurden gezielt für die Landwirtschaft trockengelegt, anderen indirekt durch Stauseen und Bewässerungsanlagen am Oberlauf das Wasser entzogen. Für viele arme Bauern war dies eine Katastrophe - in armen Ländern sind sie auf das kostenlose Wasser von Überschwemmungen und den düngenden Schlamm angewiesen. In vielen Fällen glichen die finanziellen Gewinne am Oberlauf die Verluste bei weitem nicht auf: So hat das britische Entwicklungshilfeministerium errechnet, dass nach dem Bau von Staudämmen am Hadejia im Norden Nigerias, die das einst riesige Hadejia-Nguru-Feuchtgebiet nahezu zerstörten, der Gewinn pro Hektar von 167 auf 20 Dollar sank - nicht eingerechnet die ökologische Funktion des Feuchtgebiets, das den Vormarsch der Sanddünen aus der Sahel-Zone aufhielt. Die traditionellen Gemeinschaften in den Feuchtgebieten beweisen immer wieder, dass ihre wirtschaftliche Nutzung mit den richtigen Techniken umweltverträglich möglich wäre.

So auch am Mekong: 60 Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet dieses über 4.000 Kilometer langen größten südostasiatischen Flusses direkt oder indirekt vom Fischfang. Die Fische wachsen in Gewässern in den Regenwäldern heran, die der Mekong nach den Monsunregenfällen überflutet - Biologen bezeichnen das An- und Absteigen des Wasserspiegels hier als “Herzschlag des Flusses”. Der Fischreichtum ist aber gefährdet: China hat bereits sieben Dämme über den Hauptarm des Oberlaufs des Mekong (der in China Lancang heißt) gebaut, fünf weitere sind in Planung; Thailand, Vietnam und Laos haben Nebenflüsse gestaut. Obgleich das Herz des Mekong jetzt schon schwächer schlägt, die überschwemmte Waldfläche kleiner wird und weniger fruchtbarer Schlick im Mekong-Delta ankommt, planen nun auch Laos und Kambodscha Dämme über den Hauptarm – die ersten im Unterlauf. Der hier erzeugte Strom wird vor allem die boomenden Städte in Thailand und Vietnam versorgen. Die Regierungen versprechen, dass billiger Strom auch der eigenen Bevölkerung zu Gute kommt – nur ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas und zwei Drittel der Bevölkerung Laos sind mit Strom versorgt. Aber die Gegner der Dämme glauben, dass die absehbaren Verluste in der Fischerei die Armut verschärfen werden.

Dabei gäbe es bessere Lösungen. Durch andere, ebenso saubere Formen der Energieerzeugung könnte die gleiche Strommenge sogar billiger erzeugt werden, aber diese Techniken sind in Südostasien nicht so bekannt und verfügbar wie Wasserkraft. Deutlich weniger Folgen für die Fischerei könnten auch sichergestellt werden, würden die Anrainerstaaten sich bei der Auswahl der Standorte für Dämme besser abstimmen. Aber die hierfür mit Unterstützung internationaler Organisationen gegründete Mekong River Commission wurde durch Laos düpiert, das im vergangenen Jahr – nachdem es dieses lange abgestritten hatte - zugab, trotzt einer negativen Stellungnahme der Commission bereits am Xayaburi-Damm über den Hauptarm zu bauen. Mit diesem Präzedenzfall ist das Tor auch für die zehn weiteren geplanten Dämme am Unterlauf weit geöffnet. Verlierer werden die Menschen sein, die vom Fischfang leben. (Auch in vielen anderen regulierten Flüssen ist die Artenvielfalt aus ähnlichen Gründen zurückgegangen: Viele Fische brauchen die Überschwemmung von Flachwassergebieten als Signal zum Laichen.)

Auch Feuchtgebiete haben eine zentrale Funktion im Wasserkreislauf: Sie halten das Wasser nach Starkregen oder bei der Schneeschmelze zurück und verhindern damit Hochwasser außerhalb der Überschwemmungsgebiete. (Bei eingedeichten Flüssen werden diese Hochwasser vermieden, indem das Wasser schneller abfließt - und Überschwemmungen flussabwärts verursacht; bisher ist noch kein großer Fluss dauerhaft gezähmt worden, wie auch in Deutschland die Anwohner von Rhein und Elbe wissen.) Da die Überschwemmungsgebiete wasserdurchlässig sind, füllen sie die Grundwasserspeicher wieder auf. Die Vernichtung von Feuchtgebieten reduziert damit das zur Verfügung stehende Wasser. Trotzdem kommt es auch hinter Staudämmen immer wieder zu katastrophalen Überschwemmungen, wenn die Betreiber bei Hochwasser Wasser aus den Stauseen ablassen, um den Staudamm zu schützen - oder wenn die Dämme versagen. Während die Trockenlegung von Feuchtgebieten die Grundwasserneubildung einschränkt, verringert auch die Verdunstung aus den Stauseen die Wassermenge: Die Verdunstung kann in heißen Regionen wie am Assuan-Damm bis zu einem Viertel der Wassermenge und mehr betragen.

Eine weitere ökologische Folge wurde auch Umweltschützern erst in den letzten Jahren bewusst: Staudämme können zum >> Klimawandel beitragen. Die überflutete Vegetation verrottet und setzt riesige Mengen der >> Treibhausgase Kohlendioxid und Methan frei - die Treibhausgase von solchen Wasserkraftwerken können die von Kohlekraftwerken übertreffen, wie eine Studie in Brasilien ergab! Dieses kann über sehr lange Zeiträume so bleiben, da die Verrottung sich etwa im Amazonas bis zu 500 Jahre hinzieht und zudem der Zufluss weitere Pflanzen mitbringt. Die Sauerstoffarmut der stehenden Gewässer führt dann dazu, dass viel Methan entsteht, das als Treibhausgas noch wirksamer ist als Kohlendioxid.

Neben den ökologischen gibt es auch soziale Folgen: Indien (siehe oben) ist nicht das einzige Land, in dem Menschen ihre Heimat verloren - weltweit waren es mindestens 80 Millionen Menschen. Alleine in China wurden für Dämme offiziell 10 Millionen Menschen umgesiedelt, inoffizielle Schätzungen reichen bis zu 40 Millionen umgesiedelte Menschen. Sie verloren damit oft ihre Existenzgrundlage, zuweilen unter Anwendung brutaler Methoden. Da die Menschen oft keine oder eine sehr geringe Entschädigung erhalten, landen viele ehemalige Bauern danach in den Slums der Megastädte. In der Sowjetunion mussten die umgesiedelten Menschen sogar beim Niederbrennen ihrer Häuser mithelfen.

Durstige Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat heute am weltweiten Wasserverbrauch einen Anteil von 69 Prozent (in Europa von 33 Prozent); dies auch dank der >> grünen Revolution. Die Erträge der Hochertragssorten hängen aber von der Bewässerung ab, auf die etwa die Hälfte der erzielten Ertragssteigerungen zurückgeht - 18 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird bewässert, und diese bringt 40 Prozent der gesamten Erträge hervor (>> Industrielle Landwirtschaft). Die grüne Revolution war daher oft mit dem Aufbau von Staudämmen und Bewässerungskanälen verbunden; anderswo wurde zur Bewässerung der Felder Grundwasser genutzt (zur Grundwassernutzung siehe >> hier).

Von virtuellem, grünen und blauem Wasser

Das technisch umgeleitete Oberflächen- und Grundwasser, dass zur künstlichen Bewässerung genutzt wird, wird auch “blaues Wasser” genannt - im Unterschied zum “grünen Wasser” aus Niederschlägen, dass in den Statistiken zur Wassernutzung gar nicht auftaucht. Bewässerung ist vor allem in trockenen Ländern nötig, und den Wasserverbrauch der Landwirtschaft kann man auf die Produkte umrechnen: In einem Kilo Weizen “verbergen” sich 1.000 bis 1.300 Liter blaues Wasser, in einem Kilo Reis zwischen 2.000 und 5.000 Liter. Ein Kilo Käse braucht etwa 5.000 Liter Wasser, das Fleisch eines Hamburgers 11.000 Liter. In einem Kilo Kaffee schließlich stecken 20.000 Liter Wasser, in der Baumwolle für ein T-Shirt etwa 75.000 Liter. Dieses Wasser steckt im >> ökologischen Rucksack der Produkte und wird, da man es nicht sehen kann, auch “virtuelles Wasser” genannt. Aufgrund dieses virtuellen Wassers wird Wasser über die Länder verteilt, trockene Länder wie Algerien oder Ägypten importieren über ihre Nahrungsmittelimporte indirekt große Mengen Wasser; reiche Länder importieren zum Beispiel mit Kaffee, Tee, Kakao oder Baumwolle große Mengen virtuelles Wasser aus trockenen Ländern. So haben auch wir unseren Anteil an der Wasserknappheit der trockenen Regionen: Mit jedem T-Shirt mit Baumwolle aus Pakistan - dem viertgrößten Baumwollerzeuger der Welt - importieren wir 75 Tonnen Induswasser. Der bedeutendste Exporteur virtuellen Wassers sind aber die USA - vor allem in Form von Weizen, Rindfleisch und Baumwolle.

Wassernutzung in Industrie und Haushalten

Die Industrie nutzt weltweit 23 Prozent des Wassers; vor allem als Kühl-, Löse- und Reinigungsmittel. Dieser Verbrauch schwankt je nach Industrialisierungsgrad (in Europa verbraucht die Industrie 54 Prozent des Wassers, in Afrika nur 5 Prozent); vor allem aber von Branche zu Branche: Für die Herstellung einer Tonne Kunststoff werden im Schnitt 240 Tonnen Wasser verbraucht, für eine Tonne Papier werden 390 Tonnen Wasser. Auch Industrieprodukte haben “virtuelles Wasser” in ihrem ökologischen Rucksack, aber wie der Mengenvergleich zeigt, in der Summe nur ein Drittel von landwirtschaftlichen Produkten. Die Industrie griff aber (und greift noch heute) durch die Einleitung von Abwässern (siehe >> Wasserschmutzung) in den Wasserhaushalt ein und verringert damit die nutzbare Wassermenge.

Dagegen ist der direkte Wasserverbrauch in den Haushalten2 (weltweit 8 Prozent des Gesamtverbrauchs, in Europa 13 Prozent) fast schon zu vernachlässigen. Der direkte Wasserverbrauch pro Kopf ist sehr unterschiedlich: Ein Bewohner der USA verbraucht durchschnittlich 260 Liter/Tag, ein Bewohner Deutschlands 128 Liter/Tag und ein Bewohner Indiens 31 Liter/Tag. Gerade in den armen Ländern verbergen sich hinter den Durchschnittszahlen oft große Unterschiede innerhalb der Länder: In der Regel verbrauchen Stadtbewohner viel mehr Wasser als Landbewohner, die oft mit dem absoluten Minimum auskommen müssen (in Somalia etwa 9 Liter/Tag). Bei den Haushalten besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Lebensstandard und Wasserverbrauch; auch in armen Ländern steigt der Wasserverbrauch stark an, sobald Hausanschlüsse vorhanden sind. Berücksichtigt man das virtuelle Wasser, das in Nahrungsmitteln und Industrieprodukten steckt, werden die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern noch größer - ein Bewohner Deutschland verbraucht dann über 4.000 Liter am Tag, ein Bewohner der USA über 8.000 Liter (oder 3.000 Kubikmeter pro Jahr). Trinkwasser wird in Europa zu 80 Prozent aus Grundwasser gewonnen, in den Städten Afrikas und Asiens dagegen überwiegend aus Oberflächenwasser (Seen oder Flüssen).

Neben dem Wasserverbrauch gibt es noch Nutzungsformen, bei denen das Wasser nicht entnommen, sondern vor Ort genutzt wird: Wasserkraft erzeugt eine knappes Fünftel des weltweit verbrauchten Stroms.

Grundwassernutzung

Wo das Wasser der Flüsse nicht ausreichte (oder die staatlichen Bewässerungssysteme das Wasser nicht auf die Felder brachte), wurde auch das Grundwasser angezapft. Grundwasser kann eine erneuerbare Ressource sein: Ein kleiner Teil des Grundwasser (etwa 2.200 Kubikkilometer im Jahr) nimmt am schnellen Wasserkreislauf teil; dieses Wasser kann in dem Maß genutzt werden, wie es wieder aufgefüllt wird. Brunnen werden seit Jahrtausenden genutzt, aber die Grenzen der Muskelkraft sowie später der Techniken zur Nutzung von Wind- und Wasserkraft begrenzten auch die Grundwassererschließung. Seit aber billige (und in vielen Ländern künstlich verbilligte) Energie in großen Mengen zur Verfügung steht, konnte die Grundwasserförderung enorm gesteigert werden - und oft zur Übernutzung werden.

In Indien besitzen schätzungsweise 21 Millionen Bauern eigene Brunnen, mit denen sie nicht nur ihre Felder bewässern, sondern auch Trinkwasser an Stadtbewohner und Industrien verkaufen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Die entnommene Menge kann nur geschätzt werden, sie dürfte alleine in Indien bei 250 Kubikkilometern pro Jahr liegen. Auch in China und Pakistan nutzen die Bauern Grundwasser in gewaltigem Ausmaß, und andere Länder wie Vietnam, Bangladesch und Indonesien haben in den letzten Jahren damit begonnen. In vielen Regionen Indiens, Chinas und Pakistans fällt der Grundwasserspiegel um ein bis drei Meter im Jahr oder mehr. Da die Brunnen immer tiefer gebohrt werden müssen, treten neue Probleme auf: Oftmals ist hier Fluorid aus dem Muttergestein gelöst, in Indien und China sind hieran Millionen Menschen erkrankt. In Bangladesch und Westindien findet sich Arsen in den Brunnen, das aus dem Himalaja stammt und sich über die Jahrmillionen unter dem Schwemmland der Flüsse in Tiefen von 20 bis 100 Meter abgelagert hat - und jetzt von den Brunnen zu Tage gefördert wird.

Weizenanbau - ebenfalls eine platzende “Blase”?

Wassermangel trifft auch einige der Hauptanbauregionen von Weizen: Indiens Kornkammer, die Bundesstaaten Punjab und Haryana, den Norden Chinas, wo der Grundwasserspiegel jährlich um 1,5 Meter sinkt, und den Mittleren Westen der USA. Hier liegt der Ogallala-Grundwasserspeicher, das größte Grundwasservorkommen in Nordamerika; er bewässert 3,3 Millionen Hektar Farmland und ein Fünftel der Bewässerungsfläche der USA. Dafür werden ihm werden pro Minute 50 Millionen Liter Wasser entnommen - 14 Mal mehr, als neu gebildet wird. Seit 1991 ist der Pegel dieses Grundwasserspeichers jedes Jahr um mindestens einen Meter gefallen. (Unter Wassernot leiden auch die boomenden Städte im Südwesten der USA, die zur Sicherung ihrer Wasserversorgung bereits landwirtschaftliche Flächen stilllegen.) Nach Schätzungen des amerikanischen Autors Lester R. Brown beruhen etwa zehn Prozent der weltweiten Weizenproduktion auf Übernutzung von Grundwasser. Brown spricht daher von einer „bubble economy“, einer mit einer Börsenblase vergleichbaren, durch Übernutzung von Wasser künstlich hochgetriebenen Lebensmittelproduktion. Wenn diese „Blase“ platzt, könnten steigende Weltmarktpreise vor allem die armen Länder vor erhebliche Probleme bei der Getreideversorgung stellen.

Blühende Wüsten - für wie lange?

In der Arabischen Halbinsel und Libyen werden gar Weizen und andere Feldfrüchte mit fossilem Grundwasser bewässert – Grundwasser, das aus Zeiten mit feuchterem Klima stammt und sich überhaupt nicht nachbildet. Libyen etwa hat mit einem 1860 Kilometer langen Pipelinesystem (dem “großen, von Menschenhand gemachten Fluss”) den Nubischen Grundwasserspeicher angezapft und leitet Wasser zu den Feldern und Städten im Norden. Geplant ist am Ende die Förderung von 40 Milliarden Kubikmetern im Jahr - der Grundwasserspeicher würde 40 bis 50 Jahre dafür reichen, danach wäre er für immer verbraucht.

Israel und seine arabischen Nachbarn - kein Frieden ohne Wasser

Israel deckt 40 Prozent seines Grundwasserbedarfs aus den Grundwasserspeichern unter dem besetzten Westjordanland; der neben dem Regenwasser einzigen bedeutsamen Wasserquelle der Palästinenser. Dadurch hat heute ein Palästinenser nur ein Viertel des Wassers eines Israeli zur Verfügung (Israel bestreitet diesen 2009 von der Weltbank veröffentlichten Wert - es sei die Hälfte). Dieser ungleiche Zugang spiegelt die Machtverteilung wider. Dazu kommt, dass die Grundwasserspeicher durch ungeklärte Abwässer verunreinigt werden - die israelischen Siedler sind mit 10 Prozent der Bevölkerung für über ein Viertel der unbehandelten Abwässer verantwortlich, können sich aber tiefe Brunnen leisten. Dagegen ist das Grundwasser für die Palästinenser oft verunreinigt, die Weltgesundheitsorganisation hat bereits eine Zunahme wasserbedingter Erkrankungen festgestellt.

Weitere 30 Prozent des israelischen Wassers kommen aus den besetzten Golanhöhen: Hier entspringt in einer subtropisch anmutenden Landschaft der Banyas, einer der Quellflüsse des Jordan, der den See Genezareth, Israels wichtigste Quelle für Oberflächenwasser speist. Die Sicherung des Jordanwassers, der für Israel wichtigsten Wasserquelle, war nach Ariel Scharons Autobiographie der wichtigste Grund für den Sechstagekrieg 1967 - kein Friedensabkommen für die Region wird um die Lösung der Wasserfrage herumkommen. Andererseits kann vielleicht gerade die gemeinsame Abhängigkeit von knappen Ressourcen dabei helfen, Kriege zu vermeiden. Dies ist etwa der Ansatz der Organisation Friends of the Earth Middle East, die versucht, Israelis, Jordanier und Palästinenser an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Absprachen zu treffen (mehr: www.foeme.org).

Nicht genug Wasser...

In den reichen Ländern verfügen heute fast alle Haushalte über sauberes Leitungswasser und eine gesicherte Abwasserentsorgung. Das Problem ist hier vor allem die >> Wasserverschmutzung, die zu hohen Kosten bei der Aufbereitung des Trinkwassers führt. In den armen Ländern haben aber ein Viertel der Menschen überhaupt keinen Zugang zu sicherem Wasser und die Hälfte keinen Zugang zu adäquaten sanitären Einrichtungen, womit vor allem eine sichere Beseitigung menschlicher Fäkalien gemeint ist - im einfachsten Fall eine Latrine. Ist das Wasser nicht sauber und werden Fäkalien nicht sicher beseitigt, kann Wasser zur Todesursache werden.

Lösung Privatisierung?

Um die Wasserversorgung in den armen Ländern sicherzustellen, setzen viele Staaten und Organisationen auf die Privatisierung der Wasserversorgung. Private Unternehmen, so die Hoffnung, verfügen über das Know-how und ausreichend Geld, um die Versorgung sicherzustellen. Vor allem Unternehmen aus Frankreich, wo die Wasserversorgung seit langem privatisiert ist, nutzen die Gelegenheit auf den Weltmärkten. Das Problem: Städte sind für private Versorger interessante Märkte, ländliche Regionen kaum. Und selbst in den Städten, wo die Versorgung durch private Versorger oft tatsächlich besser wird (wie etwa in Manila auf den Philippinen), häufen sich Klagen, etwa über steigende Wasserpreise. Oftmals glauben die Behörden, die nicht über das Know-how der Konzerne verfügen, von diesen über den Tisch gezogen zu werden. Um insbesondere den Ärmsten den Zugang zu Wasser zu gewähren, muss nach Ansicht vieler Entwicklungshilfeorganisationen die Wasserversorgung öffentliche Aufgabe bleiben. Der kanadische Autor Tony Clarke, der sich in seinem Buch “Blaues Gold” kritisch mit Wasser als Handelsware auseinandersetzt, fordert, das jeder Erdenbürger 25 Liter sauberes Wasser am Tag umsonst bekommen sollte.

Dreckiges Wasser kann töten

1,2 Milliarden Menschen verfügen nicht über sauberes Trinkwasser; 2,4 Milliarden nicht über adäquate sanitäre Einrichtungen. Wenn Menschen kein sauberes Trinkwasser haben, trinken sie unsicheres Wasser: Krankheiten wie Typhus, Cholera oder Amöbenruhr werden durch unsauberes Trinkwasser übertragen; an Durchfall alleine sterben jedes Jahr 2 Millionen Menschen, meistens Kinder unter 5 Jahren. Wenn keine adäquaten sanitären Einrichtungen vorhanden sind, kommen weitere Krankheiten dazu: Hakenwürmer verursachen etwa 100.000 Todesfälle pro Jahr. Die Hälfte aller Krankenhausbetten der Welt ist mit Menschen belegt, die an wasserbedingten Krankheiten leiden (UNEP), daher ist laut WHO die Anzahl der Wasserhähne pro 1.000 Einwohner ein besserer Gesundheitsindikator als die Anzahl der Krankenhausbetten.

In vielen Ländern wird zudem unbehandeltes Abwasser zur Düngung von Feldern verwendet - weil die enthaltenen Nährstoffe die Felder düngen und Abwasser oft zuverlässiger fließt als sauberes Wasser. Aufgrund fehlender Regelungen und Kontrollen gelangen dabei jedoch oft Krankheitserreger, chemische Schadstoffe und Schwermetalle an die Nahrungsmittel.

Die Bilanz des 20. Jahrhunderts

Die Bilanz des 20. Jahrhunderts ist also gemischt: Die sichere Wasserversorgung in den trockenen reichen Ländern wurde mit hohen ökonomischen, sozialen und ökologischen Kosten erkauft; in den armen Ländern ist der fehlende Zugang zu sauberem Wasser nach wie vor ein Hauptproblem für eine nachhaltige menschliche Entwicklung.

Der Wasserverbrauch der Menschheit betrug im Jahr 2000 etwa 5.200 Kubikkilometer. Verglichen mit 505.000 Kubikkilometern Niederschlag sind dies nur wenig mehr als ein Prozent - auf den ersten Blick scheint dieses eher unbedeutend. Aber nur 107.000 Kubikkilometer dieser Niederschläge fallen auf dem Land (>> Wasser), davon werden knapp 5 Prozent genutzt. Der größte Teil der Niederschläge wird als “grünes Wasser” von Pflanzen aufgenommen und von diesen wieder verdunstet, steht uns also nicht zur technischen Nutzung zur Verfügung (bewässert aber den größten Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche). Theoretisch nutzbar sind die 36.000 Kubikkilometer, die als Oberflächenwasser oder mobiles Grundwasser jedes Jahr wieder ins Meer zurückfließen, das sogenannte “blaue Wasser”. Aber auch von diesem kann nur ein Teil genutzt werden - ein anderer Teil fließt in Form von Überschwemmungen ab, manche Flüsse wie der Amazonas, der Orinoco und der Kongo fließen da, wo kaum Menschen wohnen. Nach Schätzungen bleiben für eine (bezahlbare) Nutzung etwa 14.000 Kubikkilometer: gut 2.000 Kubikmeter pro Jahr und Kopf. Von dieser Menge nutzten wir bereits 37 Prozent! Der Wasserverbrauch der reichen Industrieländer (hier vor allem aufgrund ihrer Importe “virtuellen Wassers”) und der Länder, die in trockenen Regionen auf Basis der “grünen Revolution” Landwirtschaft betreiben, überschreitet bereits diese Menge.

Eine Übertragung dieser Vorbilder auf die ganze Welt ist unmöglich. Das Wasser würde nicht reichen, die ökologische Katastrophe begänne aber schon vorher: Die vollständige Nutzung des technisch und wirtschaftlich erschließbaren Wassers mit heutigen Methoden hieße das Ende aller Flüsse und Feuchtgebiete. Nahezu unmöglich wäre diese Strategie auch aus finanziellen Gründen: die Kosten hierfür werden auf jährlich 180 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 geschätzt.

Aussichten für das 21. Jahrhundert

Wenn sich die Politik nicht schnell ändert, werden vor allem der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum für eine deutliche Verschlechterung der Wasserversorgung in den armen Ländern sorgen. Wassermangel wird vermutlich eine der am stärksten spürbaren Folgen des >> Klimawandels sein wird (>> hier), und da der Weltbevölkerung vor allem in den armen, schon heute unter Wassermangel leidenden Ländern wächst, könnten im Jahr 2050 bereits etwa 40 Prozent der Bevölkerung (3,6 Milliarden Menschen!) unter Wassermangel leiden. Eine effizientere Verteilung und Nutzung des Wassers wird dadurch um so dringlicher. Die gute Nachricht ist: Es gibt dies Möglichkeit. Mehr hierzu unter >> Wasser fürs Leben, Wasser für Menschen.

Müssen wir in Deutschland noch mehr Wasser sparen?

Die Entwicklung wassersparender Waschmaschinen und Geschirrspüler und die Nutzung von “Grauwasser” etwa zur Toilettenspülung zeigen, was möglich ist - und haben inzwischen absurde Folgen: In manchen Städten müssen die für sinkende Verbräuche überdimensionierten Trinkwassernetze (natürlich mit Trinkwasser) gespült werden, um eine Verkeimung zu verhindern... Tatsächlich gehört Deutschland zu den Regionen mit Wasserüberschuss (auch wenn lokale Wasserknappheit etwa in den Einzugsgebieten von Großstädten schon einmal möglich ist), und das bei uns eingesparte Wasser hilft nichts in den Mangelgebieten. Aber Deutschland gehört zu den weltweit zehn größten Importeuren von “virtuellem Wasser” (>> hier); dadurch tragen wir erheblich zum Wassermangel in Trockengebieten bei. Uns mit diesem Thema zu beschäftigen und weniger virtuelles Wasser zu verbrauchen, würde den Regionen mit Wassermangel viel mehr helfen, als weiter an unserem direkten Wasserverbrauch herumzutüfteln.

Empfehlenswerte Websites zum Thema

International Rivers Network:
>> internationalrivers.org/ (Website einer Naturschutzorganisation, die sich kritisch mit großen Staudämmen auseinandersetzt; englischsprachig). Hier auch spezielle Seiten unter anderem zum >> Drei-Schluchten-Damm, zum >> Mekong (Lancang) und zum >> Mekong außerhalb Chinas.

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>> Wasserverschmutzung

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>> Der Mensch bewegt die Erde - unsere Rohstoffe

oder zur:
>> Übersicht Industriezeitalter

Anmerkung: Haushalte umfassen in der üblichen Statistik beim Wasserverbrauch auch öffentliche Einrichtungen und Betriebsstätten, im eigentlichen Sinne also eher die öffentliche Wasserversorgung mit Trinkwasser.

© Jürgen Paeger 2006 - 2015

Siehe zu diesem Thema auch die Seite: >> Eine kleine Geschichte der Wasserverschmut- zung.

Dai Qing ist Autorin des 1989 erschienenen Buches "Yangtse! Yangtse!", nach dessen Veröffentlichung sie 10 Monate ins Gefängnis musste.

Der Jangtsekiang und seine Nebenflüsse war der einzige Lebensraum des Chinesischen Flussdelphins - der aufgrund der Staudämme, des Schiffsverkehrs und übermäßiger Fischerei im Jahr 2006 vermutlich ausstarb; >> mehr.

“Wenn die Flüsse versiegen” ist auch der Titel eines sehr lesenswerten Buches von Fred Pearce über die Folgen der Umgestaltung der Erde auf den Wasserhaushalt, siehe >> hier.

Im August 2009 veröffentlichte die NASA in nature eine Studie, wonach die Grundwasservorräte in Nordindien zwischen 2002 und 2008 - bei leicht überdurchschnitt- lichen Niederschlägen - um 109 Kubikkilometer zurück gegangen seien. Bauern berichten, dass Brunnen, die vor 10 Jahren 60 Meter tief waren, heute 130 Meter tief sein müssten. Da die landwirtschaftliche Produktion in dem Gebiet 95 Prozent des Grundwassers braucht, fürchtet die NASA “mehr als nur eine Wasserkrise”.
>> NASA - India Water
>> Blog zum Thema