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Der Tod des Aralsees
In der Sowjetunion wurden unter Stalin große Wasserkraftwerke entlang der Wolga, am Dnjepr, am Don und am Dnjestr errichtet. Ab den 1950er Jahren begann die Bewässerung Mittelasiens, die die Sowjetunion von Baumwollimporten unabhängig machen sollte. Dazu nutzte sie das Wasser des Amurdarja, der im Hindukusch entspringt, und des Syrdarja, der im Tien-Shan-Gebirge entspringt. Die Ingenieure leiteten am Ende 110 Kubikkilometer pro Jahr ab, um auf Millionen Hektar Land Baumwolle anzupflanzen. Der einst für sein blaues Wasser bekannte Aralsee, der viertgrößte Süßwassersee der Welt, größer als Belgien und die Niederlande zusammen, schrumpfte auf ein Drittel seiner einstigen Größe; er enthält noch ein Zehntel seiner ursprünglichen Wassermenge. Der Fischfang, der früher 44.000 Tonnen im Jahr betrug und 60.000 Menschen beschäftigte, war völlig zusammengebrochen. Vom ausgetrockneten Seegrund tragen die Winde ein Gemisch aus Salz und landwirtschaftlichen Chemikalien in die Umgebung, das die Erträge der Baumwolle reduziert, Gebäude korrodieren lässt und Augen- und andere Krankheiten bei den Menschen verursacht. Der See kann auch das Klima nicht mehr wie früher mildern, die Sommer sind um durchschnittlich drei Grad wärmer geworden.
Heute bekennen sich die anliegenden Nachfolgestaaten der Sowjetunion zur Rettung des Aralsees. Die offene Frage ist, wie ernst diese Bekenntnisse sind. In Usbekistan dienen 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche der (überwiegend staatlichen) Baumwollproduktion, gegen die zunehmende Versalzung wird Süßwasser zur Spülung gebraucht - Turkmenistan und Usbekistan sind pro Kopf die beiden größten Wasserverbraucher der Welt. Trotzdem ist mancherorts die Versorgung mit Trinkwasser schwierig geworden - das Grundwasser ist versalzen. Der englische Journalist Fred Pearce berichtet, dass “es den Menschen hier kaum besser [geht] als den Bewohnern des ländlichen Afrika”, die durchschnittliche Lebenserwartung sei von 64 auf 51 Jahre gesunken. Solange die Staaten am Anbau von Baumwolle festhalten, wird sich daran auch kaum etwas ändern.
Der Nil-Staudamm bei Assuan
1960 begann Ägypten mit dem Bau eines Staudamms bei Assuan. Mit dem Damm wurden die Nilhochwasser unter Kontrolle gebracht. Er sorgte für eine beständige Wasserversorgung und ermöglichte so zwei bis drei Ernten im Jahr, außerdem produzierten die Turbinen ein Drittel des ägyptischen Stroms. Allerdings fing der Damm auch 98 Prozent des Schlamms auf, der seit Urzeiten die Böden im Niltal gedüngt hatte – Ägypten wurde zu einem Großverbraucher an chemischen Düngemitteln, für deren Herstellung ein Großteil des erzeugten Stroms gebraucht wurde. Das Nildelta, das zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche umfasst, begann mangels Bodenzufuhr zu schrumpfen. Ohne die Hochwässer wurde Bodenversalzung zu einem Problem, insbesondere im Norden, wo Meerwasser landeinwärts dringen kann, und in den Bewässerungskanälen breitet sich die Wasserhyazinthe aus und mit ihr Bilharziose übertragende Schneckenarten aus (Bilharziose ist eine Tropenkrankheit, bei der der menschliche Körper von Saugwürmern befallen wird). Außerdem verdunsten im Stausee jedes Jahr 10 bis 16 Kubikkilometer Wasser, ein Viertel des Zuflusses aus dem Nil.
Der ägyptische Staatspräsident Nasser hat oft auf das Bevölkerungswachstum als hinreichenden Grund für den Bau des Dammes hingewiesen. Seit dem Bau des Dammes hat sich die Bevölkerung verdoppelt, und heute ist das Wasser wieder knapp: Der Stausee war letztlich nur ein Aufschub, für den heute die ökologischen Folgekosten mitbezahlt werden müssen.
Der Drei-Schluchten-Damm in China
Ein aktuelles Beispiel ist der Drei-Schluchten-Damm in China. Der 185 Meter hohe Damm staut den Jangtsekiang, soll Fluten verhindern und 18.200 Megawatt Strom erzeugen - damit soll er nach seiner Fertigstellung im Jahr 2009 das größte Wasserkraftwerk der Erde werden. Dabei dürfte der Schutz vor Fluten jedoch die Stromgewinnung einschränken - zu Zeiten der Flutgefahr kann der Damm nicht voll gefüllt werden, da er dann kein zusätzliches Wasser mehr aufnehmen könnte. Für den Damm müssen etwa zwei Millionen Menschen umgesiedelt werden; die Bauern mussten vom fruchtbaren Schwemmland des Jangtsekiang in schlechter geeignete, höhere Lagen ziehen; die versprochenen Entschädigungen sind oft noch nicht gezahlt. Da nicht nur Bauern, sondern auch ganze Städte, Fabriken und Minen in dem Überschwemmungsgebiet liegen, ist eine chemische Verschmutzung des Wassers zu befürchten; außerdem wird der Lebensraum von Tier- und Pflanzenarten bedroht - der Damm bedroht etwa die Vorkommen des Chinesischen Störs und des Jangtse-Störs.
Die Dammgegner fürchten, dass sich am Drei-Schluchten-Damm die Geschichte des Assuan-Dammes wiederholen wird: Der Damm wird verhindern, dass das Sediment die Felder düngt, und es wird im Laufe der Zeit die Kapazität des Stausees selbst verringern. Wenn der See zum Schutz vor Fluten wenig Wasser führt, könnte er zur Brutstätte für Krankheitserreger werden. (Mehr Informationen: >> Drei-Schluchten-Damm beim International Rivers Network [englischsprachig]).
Das größte Bauprojekt der Welt - die Umleitung des Yangtse
Im Jahr 2003 hat ein noch größeres Projekt begonnen: Die Umleitung des Yangtse in den Norden. Mit diesem Projekt will China den Wassermangel in der nordchinesischen Ebene beenden. Nach der Fertigstellung Mitte des Jahrhundert sollen jährlich knapp 45 Kubikkilometer Wasser aus dem Yangtse den Gelben Fluss entlasten - das ist eine Wassermenge, die dem gesamten Wasserfluss des Gelben Flusses entspricht. Die Umleitung besteht aus drei verschiedenen Abschnitten: Der östliche bringt Wasser aus der Mündungsregion in die Provinz Shandong und die Stadt Tianjin; der mittlere aus dem (vergrößerten) Danjiangkou-Stausee nach Peking und Umgebung; und der westliche soll Wasser aus dem Quellgebiet direkt in den Oberfluss des Gelben Flusses führen.
Ein Projekt “ganz nach dem Geschmack von Chinas Kommunistischer Partei” (Spiegel Online), das das natürliche Wassersystem Chinas völlig umgestalten würde. Die Bewegung, die sich seit dem Bau des Drei-Schluchten-Dammes in China gegen Dammbauten gebildet hat, weist darauf hin, dass mit dem Geld viel sinnvoller etwas gegen die Wasserverschwendung in China getan werden könnte - zumal absehbar nur die Hälfte des abgeleiteten Wassers im Norden ankommen wird.
Flussumleitungen - die nächste Welle?
Flussumleitungen werden auch in Indien diskutiert - das “River Interlinking Project” soll Wasser aus dem Ganges und dem Brahmaputra, die viel Monsunwasser führen, in den trockenen Süden bringen - falls nicht die Chinesen schneller sind, die angeblich ebenfalls die Umleitung des dort entspringenden Brahmaputra planen. In Spanien wird immer wieder überlegt, Wasser aus dem Ebro in den trockenen Süden, nach Murcia und Almería, zu bringen. Und in Russland werden alte sowjetische Pläne wieder aus der Schublade geholt, das Wasser der großen sibirischen Flüsse in die Baumwollanbaugebiete Mittelasiens zu leiten.
Diese Pläne würden enorme Kosten verursachen - die offiziellen Schätzungen in Indien gehen bis 200 Milliarden Dollar; in Spanien wäre das Wasser teuerer als selbst der Bau von Entsalzungsanlagen. Dazu kommen die Schäden an den Flüssen, aus denen das Wasser kommt - in Spanien würde das Ebrodelta zerstört, in Indien protestiert das am Unterlauf von Ganges und Brahmaputra liegende Bangladesh gegen die Pläne. Der Wassermangel lässt sich auf Dauer nicht gegen die Natur lösen, wie alle bisherigen Erfahrungen zeigen.
Wenn die Flüsse versiegen1 - die Folgen der Umgestaltung
Die Umgestaltung der Erde hatte Folgen: Nicht nur der Indus, auch die meisten anderen Flüsse, deren Wasser einst das Entstehen der ersten Hochkulturen ermöglichten, führen heute kaum noch Wasser bis zur Mündung - der Nil, der Ganges und der Gelbe Fluss. Dabei gingen weltweit etwa die Hälfte aller Feuchtgebiete verloren, des nach den tropischen Regenwäldern artenreichsten Lebensraums. Manche wurden gezielt für die Landwirtschaft trockengelegt, anderen indirekt durch Stauseen und Bewässerungsanlagen am Oberlauf das Wasser entzogen. Für viele arme Bauern war dies eine Katastrophe - in armen Ländern sind sie auf das kostenlose Wasser von Überschwemmungen und den düngenden Schlamm angewiesen. In vielen Fällen glichen die finanziellen Gewinne am Oberlauf die Verluste bei weitem nicht auf: So hat das britische Entwicklungshilfeministerium errechnet, dass nach dem Bau von Staudämmen am Hadejia im Norden Nigerias, die das einst riesige Hadejia-Nguru- Feuchtgebiet nahezu zerstörten, der Gewinn pro Hektar von 167 auf 20 Dollar sank - nicht eingerechnet die ökologische Funktion des Feuchtgebiets, das den Vormarsch der Sanddünen aus der Sahel-Zone aufhielt. Die traditionellen Gemeinschaften in den Feuchtgebieten beweisen immer wieder, dass ihre wirtschaftliche Nutzung mit den richtigen Techniken umweltverträglich möglich wäre.
So auch am Mekong: 60 Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet dieses südostasiatischen Flusses direkt oder indirekt vom Fischfang. Die Fische wachsen in Gewässern in den Regenwäldern heran, die der Mekong nach den Monsunregenfällen überflutet - Biologen bezeichnen das An- und Absteigen des Wasserspiegels hier als “Herzschlag des Flusses”. Der Fischreichtum ist inzwischen gefährdet: China baut acht Dämme durch den Hauptarm des Mekong (der in China Lancang heißt); Thailand, Vietnam und Laos haben Nebenflüsse gestaut. Das Herz des Mekong schlägt schon schwächer, die überschwemmte Waldfläche wird kleiner und es wird weniger Schlick herangeschwemmt. (Auch in vielen anderen regulierten Flüssen ist Ähnliches ein Grund für den Rückgang an Artenvielfalt: Viele Fische brauchen die Überschwemmung von Flachwassergebieten als Signal zum Laichen.)
Feuchtgebiete haben auch eine Funktion im Wasserkreislauf: Sie halten das Wasser nach Starkregen oder bei der Schneeschmelze zurück und verhindern damit Hochwasser außerhalb der Überschwemmungsgebiete. (Bei eingedeichten Flüssen werden diese Hochwasser vermieden, indem das Wasser schneller abfließt - und Überschwemmungen flussabwärts verursacht; bisher ist noch kein großer Fluss dauerhaft gezähmt worden, wie auch in Deutschland die Anwohner von Rhein und Elbe wissen.) Da die Überschwemmungsgebiete wasserdurchlässig sind, füllen sie die Grundwasserspeicher wieder auf. Die Vernichtung von Feuchtgebieten reduziert damit das zur Verfügung stehende Wasser. Trotzdem kommt es auch hinter Staudämmen immer wieder zu katastrophalen Überschwemmungen, wenn die Betreiber bei Hochwasser Wasser aus den Stauseen ablassen, um den Staudamm zu schützen - oder wenn die Dämme versagen. Während die Trockenlegung von Feuchtgebieten die Grundwasserneubildung einschränkt, verringert auch die Verdunstung aus den Stauseen die Wassermenge: Die Verdunstung kann in heißen Regionen wie am Assuan-Damm bis zu einem Viertel der Wassermenge und mehr betragen.
Eine weitere ökologische Folge wurde auch Umweltschützern erst in den letzten Jahren bewusst: Staudämme können zum >> Klimawandel beitragen. Die überflutete Vegetation verrottet und setzt riesige Mengen der >> Treibhausgase Kohlendioxid und Methan frei - die Treibhausgase von solchen Wasserkraftwerken können die von Kohlekraftwerken übertreffen, wie eine Studie in Brasilien ergab! Dieses kann über sehr lange Zeiträume so bleiben, da die Verrottung sich etwa im Amazonas bis zu 500 Jahre hinzieht und zudem der Zufluss weitere Pflanzen mitbringt. Die Sauerstoffarmut der stehenden Gewässer führt dann dazu, dass viel Methan entsteht, das als Treibhausgas noch wirksamer ist als Kohlendioxid.
Neben den ökologischen gibt es auch soziale Folgen: Indien (siehe oben) ist nicht das einzige Land, in dem Menschen ihre Heimat verloren - weltweit waren es mindestens 80 Millionen Menschen. Alleine in China wurden für Dämme offiziell 10 Millionen Menschen umgesiedelt, inoffizielle Schätzungen reichen bis zu 40 Millionen umgesiedelte Menschen. Sie verloren damit oft ihre Existenzgrundlage, zuweilen unter Anwendung brutaler Methoden. Da die Menschen oft keine oder eine sehr geringe Entschädigung erhalten, landen viele ehemalige Bauern danach in den Slums der Megastädte. In der Sowjetunion mussten die umgesiedelten Menschen sogar beim Niederbrennen ihrer Häuser mithelfen.
Durstige Landwirtschaft
Die Landwirtschaft hat heute am weltweiten Wasserverbrauch einen Anteil von 69 Prozent (in Europa von 33 Prozent); dies auch dank der >> grünen Revolution. Die Erträge der Hochertragssorten hängen aber von der Bewässerung ab, auf die etwa die Hälfte der erzielten Ertragssteigerungen zurückgeht - 18 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird bewässert, und diese bringt 40 Prozent der gesamten Erträge hervor (>> Industrielle Landwirtschaft). Die grüne Revolution war daher oft mit dem Aufbau von Staudämmen und Bewässerungskanälen verbunden; anderswo wurde zur Bewässerung der Felder Grundwasser genutzt (zur Grundwassernutzung siehe >> hier).
Von virtuellem, grünen und blauem Wasser
Das technisch umgeleitete Oberflächen- und Grundwasser, dass zur künstlichen Bewässerung genutzt wird, wird auch “blaues Wasser” genannt - im Unterschied zum “grünen Wasser” aus Niederschlägen, dass in den Statistiken zur Wassernutzung gar nicht auftaucht. Bewässerung ist vor allem in trockenen Ländern nötig, und den Wasserverbrauch der Landwirtschaft kann man auf die Produkte umrechnen: In einem Kilo Weizen “verbergen” sich 1.000 bis 1.300 Liter blaues Wasser, in einem Kilo Reis zwischen 2.000 und 5.000 Liter. Ein Kilo Käse braucht etwa 5.000 Liter Wasser, das Fleisch eines Hamburgers 11.000 Liter. In einem Kilo Kaffee schließlich stecken 20.000 Liter Wasser, in der Baumwolle für ein T-Shirt etwa 75.000 Liter. Dieses Wasser steckt im >> ökologischen Rucksack der Produkte und wird, da man es nicht sehen kann, auch “virtuelles Wasser” genannt. Aufgrund dieses virtuellen Wassers wird Wasser über die Länder verteilt, trockene Länder wie Algerien oder Ägypten importieren über ihre Nahrungsmittelimporte indirekt große Mengen Wasser; reiche Länder importieren zum Beispiel mit Kaffee, Tee, Kakao oder Baumwolle große Mengen virtuelles Wasser aus trockenen Ländern. So haben auch wir unseren Anteil an der Wasserknappheit der trockenen Regionen: Mit jedem T-Shirt mit Baumwolle aus Pakistan - dem viertgrößten Baumwollerzeuger der Welt - importieren wir 75 Tonnen Induswasser. Der bedeutendste Exporteur virtuellen Wassers sind aber die USA - vor allem in Form von Weizen, Rindfleisch und Baumwolle.
Wassernutzung in Industrie und Haushalten
Die Industrie nutzt weltweit 23 Prozent des Wassers; vor allem als Kühl-, Löse- und Reinigungsmittel. Dieser Verbrauch schwankt je nach Industrialisierungsgrad (in Europa verbraucht die Industrie 54 Prozent des Wassers, in Afrika nur 5 Prozent); vor allem aber von Branche zu Branche: Für die Herstellung einer Tonne Kunststoff werden im Schnitt 240 Tonnen Wasser verbraucht, für eine Tonne Papier werden 390 Tonnen Wasser. Auch Industrieprodukte haben “virtuelles Wasser” in ihrem ökologischen Rucksack, aber wie der Mengenvergleich zeigt, in der Summe nur ein Drittel von landwirtschaftlichen Produkten. Die Industrie griff aber (und greift noch heute) durch die Einleitung von Abwässern (siehe >> Wasserschmutzung) in den Wasserhaushalt ein und verringert damit die nutzbare Wassermenge.
Dagegen ist der direkte Wasserverbrauch in den Haushalten2 (weltweit 8 Prozent des Gesamtverbrauchs, in Europa 13 Prozent) fast schon zu vernachlässigen. Der direkte Wasserverbrauch pro Kopf ist sehr unterschiedlich: Ein Bewohner der USA verbraucht durchschnittlich 260 Liter/Tag, ein Bewohner Deutschlands 128 Liter/Tag und ein Bewohner Indiens 31 Liter/Tag. Gerade in den armen Ländern verbergen sich hinter den Durchschnittszahlen oft große Unterschiede innerhalb der Länder: In der Regel verbrauchen Stadtbewohner viel mehr Wasser als Landbewohner, die oft mit dem absoluten Minimum auskommen müssen (in Somalia etwa 9 Liter/Tag). Bei den Haushalten besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Lebensstandard und Wasserverbrauch; auch in armen Ländern steigt der Wasserverbrauch stark an, sobald Hausanschlüsse vorhanden sind. Berücksichtigt man das virtuelle Wasser, das in Nahrungsmitteln und Industrieprodukten steckt, werden die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern noch größer - ein Bewohner Deutschland verbraucht dann über 4.000 Liter am Tag, ein Bewohner der USA über 8.000 Liter (oder 3.000 Kubikmeter pro Jahr). Trinkwasser wird in Europa zu 80 Prozent aus Grundwasser gewonnen, in den Städten Afrikas und Asiens dagegen überwiegend aus Oberflächenwasser (Seen oder Flüssen).
Neben dem Wasserverbrauch gibt es noch Nutzungsformen, bei denen das Wasser nicht entnommen, sondern vor Ort genutzt wird: Wasserkraft erzeugt eine knappes Fünftel des weltweit verbrauchten Stroms.
Grundwassernutzung
Wo das Wasser der Flüsse nicht ausreichte (oder die staatlichen Bewässerungssysteme das Wasser nicht auf die Felder brachte), wurde auch das Grundwasser angezapft. Grundwasser kann eine erneuerbare Ressource sein: Ein kleiner Teil des Grundwasser (etwa 2.200 Kubikkilometer im Jahr) nimmt am schnellen Wasserkreislauf teil; dieses Wasser kann in dem Maß genutzt werden, wie es wieder aufgefüllt wird. Brunnen werden seit Jahrtausenden genutzt, aber die Grenzen der Muskelkraft sowie später der Techniken zur Nutzung von Wind- und Wasserkraft begrenzten auch die Grundwassererschließung. Seit aber billige (und in vielen Ländern künstlich verbilligte) Energie in großen Mengen zur Verfügung steht, konnte die Grundwasserförderung enorm gesteigert werden - und oft zur Übernutzung werden.
In Indien besitzen schätzungsweise 21 Millionen Bauern eigene Brunnen, mit denen sie nicht nur ihre Felder bewässern, sondern auch Trinkwasser an Stadtbewohner und Industrien verkaufen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Die entnommene Menge kann nur geschätzt werden, sie dürfte alleine in Indien bei 250 Kubikkilometern pro Jahr liegen. Auch in China und Pakistan nutzen die Bauern Grundwasser in gewaltigem Ausmaß, und andere Länder wie Vietnam, Bangladesch und Indonesien haben in den letzten Jahren damit begonnen. In vielen Regionen Indiens, Chinas und Pakistans fällt der Grundwasserspiegel um ein bis drei Meter im Jahr oder mehr. Da die Brunnen immer tiefer gebohrt werden müssen, treten neue Probleme auf: Oftmals ist hier Fluorid aus dem Muttergestein gelöst, in Indien und China sind hieran Millionen Menschen erkrankt. In Bangladesch und Westindien findet sich Arsen in den Brunnen, das aus dem Himalaja stammt und sich über die Jahrmillionen unter dem Schwemmland der Flüsse in Tiefen von 20 bis 100 Meter abgelagert hat - und jetzt von den Brunnen zu Tage gefördert wird.
Weizenanbau - ebenfalls eine platzende “Blase”?
Wassermangel trifft auch einige der Hauptanbauregionen von Weizen: Indiens Kornkammer, die Bundesstaaten Punjab und Haryana, den Norden Chinas, wo der Grundwasserspiegel jährlich um 1,5 Meter sinkt, und den Mittleren Westen der USA. Hier liegt der Ogallala-Grundwasserspeicher, das größte Grundwasservorkommen in Nordamerika; er bewässert 3,3 Millionen Hektar Farmland und ein Fünftel der Bewässerungsfläche der USA. Dafür werden ihm werden pro Minute 50 Millionen Liter Wasser entnommen - 14 Mal mehr, als neu gebildet wird. Seit 1991 ist der Pegel dieses Grundwasserspeichers jedes Jahr um mindestens einen Meter gefallen. (Unter Wassernot leiden auch die boomenden Städte im Südwesten der USA, die zur Sicherung ihrer Wasserversorgung bereits landwirtschaftliche Flächen stilllegen.) Nach Schätzungen des amerikanischen Autors Lester R. Brown beruhen etwa zehn Prozent der weltweiten Weizenproduktion auf Übernutzung von Grundwasser. Brown spricht daher von einer „bubble economy“, einer mit einer Börsenblase vergleichbaren, durch Übernutzung von Wasser künstlich hochgetriebenen Lebensmittelproduktion. Wenn diese „Blase“ platzt, könnten steigende Weltmarktpreise vor allem die armen Länder vor erhebliche Probleme bei der Getreideversorgung stellen.
Blühende Wüsten - für wie lange?
In der Arabischen Halbinsel und Libyen werden gar Weizen und andere Feldfrüchte mit fossilem Grundwasser bewässert – Grundwasser, das aus Zeiten mit feuchterem Klima stammt und sich überhaupt nicht nachbildet. Libyen etwa hat mit einem 1860 Kilometer langen Pipelinesystem (dem “großen, von Menschenhand gemachten Fluss”) den Nubischen Grundwasserspeicher angezapft und leitet Wasser zu den Feldern und Städten im Norden. Geplant ist am Ende die Förderung von 40 Milliarden Kubikmetern im Jahr - der Grundwasserspeicher würde 40 bis 50 Jahre dafür reichen, danach wäre er für immer verbraucht.
Israel und seine arabischen Nachbarn - kein Frieden ohne Wasser
Israel deckt 40 Prozent seines Grundwasserbedarfs aus den Grundwasserspeichern unter dem besetzten Westjordanland; der neben dem Regenwasser einzigen bedeutsamen Wasserquelle der Palästinenser. Dadurch hat heute ein Palästinenser nur ein Viertel des Wassers eines Israeli zur Verfügung (Israel bestreitet diesen 2009 von der Weltbank veröffentlichten Wert - es sei die Hälfte). Dieser ungleiche Zugang spiegelt die Machtverteilung wider. Dazu kommt, dass die Grundwasserspeicher durch ungeklärte Abwässer verunreinigt werden - die israelischen Siedler sind mit 10 Prozent der Bevölkerung für über ein Viertel der unbehandelten Abwässer verantwortlich, können sich aber tiefe Brunnen leisten. Dagegen ist das Grundwasser für die Palästinenser oft verunreinigt, die Weltgesundheitsorganisation hat bereits eine Zunahme wasserbedingter Erkrankungen festgestellt.
Weitere 30 Prozent des israelischen Wassers kommen aus den besetzten Golanhöhen: Hier entspringt in einer subtropisch anmutenden Landschaft der Banyas, einer der Quellflüsse des Jordan, der den See Genezareth, Israels wichtigste Quelle für Oberflächenwasser speist. Die Sicherung des Jordanwassers, der für Israel wichtigsten Wasserquelle, war nach Ariel Scharons Autobiographie der wichtigste Grund für den Sechstagekrieg 1967 - kein Friedensabkommen für die Region wird um die Lösung der Wasserfrage herumkommen. Andererseits kann vielleicht gerade die gemeinsame Abhängigkeit von knappen Ressourcen dabei helfen, Kriege zu vermeiden. Dies ist etwa der Ansatz der Organisation Friends of the Earth Middle East, die versucht, Israelis, Jordanier und Palästinenser an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Absprachen zu treffen (mehr: www.foeme.org).
Nicht genug Wasser...
In den reichen Ländern verfügen heute fast alle Haushalte über sauberes Leitungswasser und eine gesicherte Abwasserentsorgung. Das Problem ist hier vor allem die >> Wasserverschmutzung, die zu hohen Kosten bei der Aufbereitung des Trinkwassers führt. In den armen Ländern haben aber ein Viertel der Menschen überhaupt keinen Zugang zu sicherem Wasser und die Hälfte keinen Zugang zu adäquaten sanitären Einrichtungen, womit vor allem eine sichere Beseitigung menschlicher Fäkalien gemeint ist - im einfachsten Fall eine Latrine. Ist das Wasser nicht sauber und werden Fäkalien nicht sicher beseitigt, kann Wasser zur Todesursache werden.
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