Das Zeitalter der Industrie
Das Ende des billigen Öls

Der weltweite Ölverbrauch steigt Jahr um Jahr - und jedes Jahr werden weniger und kleinere Ölfelder gefunden. Damit nehmen die Reserven ab; der Löwenanteil des heute geförderten Öls stammt aus Ölfeldern, die schon vor 1970 gefunden wurden. Die aufgehende Schere zwischen Ölverbrauch und Reserven bedeutet vor allem eins: Die Zeit des billigen Öls ist vorbei.

Erdöl gilt als der Lebenssaft der Industriegesellschaft: Es ist mit einem Anteil von 34 Prozent am weltweiten Energieverbrauch der wichtigste Energieträger, vor Kohle und Erdgas (>> mehr). Der Verkehr wird gar zu über 90 Prozent von Erdöl angetrieben. Im Jahr 2010 wurden jeden Tag ca. 87,4 Millionen Barrel Öl verbraucht, gegenüber dem Jahr 2009 ein Anstieg um 3,1 Prozent. Die Produktion stieg dagegen nur um 2,2 Prozent und lag mit 82,1 Millionen Barrel/Tag deutlich unter dem Verbrauch300. In ihrem Weltenergiebericht 2010 hat zudem die Internationale Energieagentur darauf hingewiesen, dass die Produktion von Rohöl (siehe Kasten >> rechts) im Jahr 2006 ihren Höhepunkt erreicht hat: das bedeutet, dass eine weiter steigende Nachfrage, wenn überhaupt, nur mit Öl aus “unkonventionellen Quellen” gedeckt werden kann. Unabhängig von der Frage, ob dieses bereits der Peak Oil, derHöhepunkt der Weltölförderung istt oder nicht, heißt dies, dass die Ölpreise weiter steigen werden - Ölpreise, die jetzt schon über dem Niveau der >> Ölkrise 1973 liegen und das der >> Ölkrise 1979 erreicht haben (siehe Abbildung).

Rohölpreise von 1861 bis 2010
in US-$ pro Barrel
Rohölpreise von 1861 bis 2010 in US-$ pro Barrel
Ölpreise von 1861-2010 (dunkelgrün: US-$ zum Tageskurs, hellgrün: US-$ 2010, also inflationsbereinigt). Der Ölpreis betrug im Jahr 2010 durchschnittlich 79,50 US-$, gegenüber 2009 ein Anstieg um 29 %.
Nach BP Weltenergiestatistik, Juni 2011.

Ölpreis: Welche Rolle spielen Spekulanten?

Der Einfluss von Spekulanten auf den Ölpreis ist umstritten: Die einen glauben, dass es ihn garnicht gibt - Spekulanten handelten ja nicht mit Öl, sondern nur mit Verträgen. Wenn sie etwa überzeugt sind, dass Öl in Zukunft teurer wird, kaufen sie zukünftige Liefermengen, um diese später teurer verkaufen zu können. Vor der Lieferung müssen sie aber die Verträge zum tatsächlichen Marktwert weiterverkaufen, sie könnten mit dem Öl ja nichts anfangen. War ihre Einschätzung richtig, haben sie Geld verdient. Der Haken an dieser Theorie: Hätte dieser Handel keinen Einfluss auf den Preis hätte, würden die Spekulanten an diesem Geschäft im Durchschnitt auch nichts verdienen. Dann wäre der Umfang der Spekulation nur schwer erklärlich. Tatsächlich hat der Preis auch eine psychologische Komponente, und Käufe oder Verkäufe großer Mengen Öl können den Preis wohl doch beeinflussen. Die meisten Ökonomen glauben daher, dass die Spekulation die Ausschläge des Ölpreises verstärkt: Schlechte Nachrichten lassen den Preis über Gebühr ansteigen, gute Nachrichten über Gebühr fallen. Die grundsätzliche Richtung des Ölpreises wird aber nicht von den Spekulanten, sondern von realen Gegebenheiten bestimmt.

Der Ölverbrauch steigt immer noch

Nach den Theorien der Wirtschaftswissenschaftler sollten steigende Ölpreise eigentlich zu sinkenden Verbräuchen führen; tatsächlich stieg aber auch im Jahr 2010 der weltweite Ölverbrauch - in der Praxis ist der Ölverbrauch wenig “elastisch”: Anpassungen brauchen ihre Zeit - zwar kann man leicht die Raumtemperatur absenken und öfter Bahn fahren, aber die Isolierung von Häusern, der Austausch von Heizungssystemen und der Ersatz spritschluckender Autos gehen nicht so schnell. In absoluten Mengen spielen bei der Verbrauchssteigerung seit Jahren die aufstrebenden Schwellenländer wie China und Indien eine besonders wichtige Rolle (siehe Abbildung unten): Steigender Wohlstand und die damit einhergehende Motorisierung sind die wichtigste Triebkraft dieser Entwicklung. China ist inzwischen der weltgrößte Automarkt der Welt, und im Jahr 2010 stieg der chinesische Olverbrauch um über 10 Prozent. Bis zum Jahr 2030 könnte er sich vervierfachen (so das Referenzszenario 2007 der Internationalen Energieagentur). Auch in Indien ist Treibstoff der Sektor, in dem die Nachfrage am stärksten wächst, in Indien (wie auch in Bangladesh) ist Öl zudem in der Landwirtschaft unverzichtbar: Millionen Bauern bewässern ihre Felder mit dieselbetriebenen Pumpen. Daneben stieg auch der Verbrauch in den mit höheren Ölpreisen reicher werdenden Produktionsländern im Mittleren Osten (um 7,1 Prozent in Saudi Arabien, um 8,4 Prozent in den Vereinigten Arabischen Emiraten) und der früheren Sowjetunion (um 9,2 Prozent in Russland) sowie in Mittel- und Südamerika.

Ölverbrauch nach Regionen 1985 bis 2010
Millionen Barrel pro Tag
Ölverbrauch nach Regionen 1985 bis 2010
Abb. aus BP Weltenergiestatistik, Juni 2011, eigene Übersetzung.

Am Beispiel der USA, wo fünf Prozent der Weltbevölkerung 22 Prozent des Öls verbrauchen, zeigt sich die typische Entwicklung in den reichen Industrieländern deutlich: Nach der Ölkrise 1979 sank der Ölverbrauch bis 1981 um 15 Prozent, aber diese Zeiten waren bald vergessen: Seit 1988 stieg der Durchschnittsverbrauch amerikanischer Autos wieder; und da 70 Prozent des amerikanischen Öls in den Verkehr gehen, stieg auch der Ölverbrauch des Landes – seit Mitte der achtziger Jahre um 25 Prozent. Erst mit dem hohen Ölpreis und Programmen zur Förderung von Biotreibstoffen sank er 2006 erstmals wieder - um bescheidene 1,3 Prozent; im Jahr 2007 nur noch um 0,1 Prozent, und 2010 stieg er gegenüber 2009 wieder um 2 Prozent. In den OECD-Ländern insgesamt stieg der Verbrauch im Jahr 2010 um 0,9 Prozent; in Deutschland um 1,1 Prozent. Das insgesamt mangelnde Energiebewusstsein der reichen Industrieländer und die Aufholjagd der Schwellenländer summieren sich: Aus den 87,4 Millionen Barrel täglichen Ölverbrauch könnten so bis zum Jahr 2035 99 Millionen Barrel werden, schätzte die Internationale Energieagentur in ihrem Weltenergiebericht 2010 (und das bereits unter Berücksichtigung der ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung des >> Klimawandels, zuvor - im Weltenergiebericht 2006 - hielt sie sogar einen Verbrauch von 116 Millionen Barrel/Tag im Jahr 2030 für möglich, siehe auch >> hier).

Wieviel Öl liegt noch in der Erde?

Für die zukünftige Fördermenge (und damit den Ölpreis) ist entscheidend, welche Reserven der vorhergesehenen Verbrauchssteigerung entgegenstehen. Dabei sagt die oft verwendete “statische Reichweite” (das Verhältnis der Reserven zum Verbrauch, zur Zeit auf 40 Jahre geschätzt) wenig aus, wenn der Verbrauch weiter ansteigt; und auch die Angaben zu den Reserven selbst sind mit Vorsicht zu betrachten: Sie stammen entweder von den Förderstaaten, die sie möglicherweise aus politischen Gründen manipulieren (bei den Mitgliedsstaaten der OPEC beispielsweise hängt die Förderquote von den Reserven ab), oder von Ölfirmen, die an ihren Aktienkurs denken müssen. Unabhängige, geprüfte Angaben zu Reserven gibt es nicht. Dazu kommen unterschiedliche Verwendungen des Begriffs, so unterscheiden sich nachgewiesene Reserven (die beim aktuellen Ölpreis mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent gefördert werden können) von wahrscheinlichen Reserven (Förderwahrscheinlichkeit 50 Prozent)301. Mancher Zuwachs in der Statistik kommt nur daher, dass der Ölpreis steigt und teurere Fördertechnik lohnend wurde oder das Wissen über eine Ölquelle wächst und wahrscheinliche zu nachgewiesenen Reserven werden, die etwa in der BP-Weltenergiestatistik aufgeführt werden - in beiden wurde aber kein Tropfen Öl mehr gefunden.

Geeigneter für die Abschätzung der künftigen Ölförderung ist daher die Untersuchung der historischen Entwicklung von Fund- und Förderverläufen. Eine Ölquelle steht zu Anfang ihrer Ausbeutung unter hohem Druck, danach kann die Förderung mit einigem technischen Aufwand auf einem Plateau gehalten werden; und am Ende des Lebenszyklusses läuft die Förderung langsam aus. Im Jahr 1956 hat der Geologe King Hubbert eine mathematische Gleichung aufgestellt, die den Produktionsverlauf einer Gruppe von Ölfeldern in Form einer Glockenkurve beschrieb: mit langsamer Steigerung der Produktion bis zum Höhepunkt bei der Hälfte der Reserven –  und danach einem zunehmenden Rückgang der Fördermenge. Mit

Die Glockenkurve der Ölförderung
Förderschema einer Ölregion (Glockenkurve)
Typisches Förderschema einer Ölregion: Zuerst werden die großen Ölfelder
erschlossen, im Laufe der Zeit immer kleinere. Gibt es nicht mehr genug
neue Ölfelder, geht die Produktion zurück. Quelle: Energy Watch Group
2008: Zukunft der weltweiten Ölversorgung, Seite 42, eigene Übersetzung.

dieser Gleichung hat er auch den Beginn des Rückgangs der amerikanischen Ölförderung für den Zeitraum von 1966 bis 1972 vorhergesagt - tatsächlich wurde der Höhepunkt der amerikanischen Ölförderung 1970 erreicht. Diese Glockenkurve bedeutet: Lange bevor die Vorräte erschöpft sind, geht die Produktion zurück. Der Zeitpunkt der maximalen Ölförderung, nach dem die Förderrate sinkt, wird englisch Peak Oil genannt (der “Gipfel des Öls” - gemeint ist der Gipfel der Ölproduktion; in Deutschland meist mit Ölfördermaximum übersetzt).

Diese einfache statistische Auswertung funktioniert aber vor Erreichen des Fördermaximums nicht immer; genauere Ergebnisse erhält man, wenn auch die Funde neuer Ölquellen in die Betrachtung einbezogen werden: Bevor ein Ölfeld ausgebeutet werden kann, muss es erst einmal gefunden und erschlossen werden (das scheint trivial, sei aber hier nochmal gesagt, da es in mancher Diskussion vergessen wird). Trotzt immer besserer Erkundungstechnologie gehen bereits seit den 1970er Jahren Zahl und die Größe der gefundenen Ölfelder zurück; seit den 1980er Jahren übersteigt die Fördermenge die Menge des neu gefundenen Öls.

Ölfunde und Ölverbrauch: Die Schere geht auf
Milliarden Barrel pro Jahr
Ölfunde und Ölverbrauch von 1930 bis 2050
Ölfunde von 1930 bis 2050 (Schätzungen ab 2009: weiße Balken); im Vergleich
die Ölförderung bis 2008. Änderungen sind zurückdatiert (
302). Quelle: ASPO Newsletter 100, April 2009,
eigene Übersetzung.

Zur Erklärung gibt es zwei grundverschiedene Annahmen: Die einen (oft Ökonomen) sehen keinen Grund zur Unruhe. Dass seit den 70er Jahren wenige neue Ölfelder gefunden wurden, liege daran, dass ölreiche Länder wie Irak, Iran und Saudi Arabien in den vergangenen Jahren keinen Grund hatten, Öl zu suchen – und die gegenwärtige Marktsituation schaffe diesen Grund. Allerdings gibt es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Ölpreis und Ölfunden, und geopolitische Hindernisse der Suche nach neuen Erdölquellen (wie die Irakkriege) alleine reichen nciht aus, den Rückgang der Funde zu erklären.

Die anderen Seite (oft Geologen) sehen den Grund daher vor allem in einer Erschöpfung der Ölvorräte. Einer der ersten dieser Mahner war der ehemalige Produktionschef von Saudi Aramco, Sadad Al Husseini, der seit Mitte der 90er Jahre darauf hinweist, dass weniger Öl entdeckt als gefördert wird, die Vorräte also zurückgehen. Prominentester Sprecher dieser Experten ist heute Colin Campbell, der als Geologe für zahlreiche Ölgesellschaften arbeitete und jetzt im Ruhestand Regierungen und Ölfirmen berät – vor allem aber als Gründer der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) zur "Kassandra der Ölindustrie" (Neue Zürcher Zeitung) wurde. Die Botschaft dieser Mahner: Inzwischen kennen wir die Voraussetzung für die Entstehung von Erdöl gut genug, um zu wissen, wo wir suchen müssen; die wesentlichen Erdölvorkommen sind bereits entdeckt, die lohnenden werden bereits ausgebeutet. Die Schätzung der Geologen, wieviel Öl noch zu entdecken ist, liegen alle unter oder um 200 Milliarden Barrel (siehe auch Abbildung oben) – wir müssen daher uns auf eine in Zukunft sinkende Ölproduktion einstellen. Campbell geht von folgenden Zahlen aus: In der Vergangenheit wurden 944 Milliarden Barrel Öl gefördert; 764 Milliarden Barrel liegen noch in den bekannten Ölfeldern und weitere 142 Milliarden Barrel werden aus Ölfeldern hinzukommen, die als sicher gelten, aber noch zu entdecken sind. Nach diesen Annahmen aber wäre die Hälfte der konventionellen Ölvorräte bereits verbraucht – und nach der Hubbertschen Glockenkurve der Höhepunkt der Ölförderung erreicht (Abbildung unten).

Der Höhepunkt der Öl- und Gasförderung naht
Millionen Barrel pro Tag

Szenario der Weltöl- und Gasförderung 1930 - 2050
Colin Campbells Szenario der Weltöl- und Gasförderung. Beim konventionellen Öl ist der
Höhepunkt der Förderung erreicht, unkonventionelle Ölquellen können ihn um ein paar
Jahre hinauszögern. Beim Gas sieht er den Höhepunkt um 2010 erreicht. Abb. nach ASPO
Newsletter 100, April 2009, eigene Übersetzung.

Und Campbell steht mit diesen Annahmen nicht allein. 2001 untersuchte der Geophysiker Ken Deffreyes (ehem. Shell, damals Princeton University) die Weltölförderung mit einer verbesserten Version von Hubberts Modell und vermutete den Höhepunkt der Weltölproduktion Ende 2005 oder Anfang 2006303. Chris Skrebowski, Herausgeber der Fachzeitschrift Petroleum Review, schätzte, dass die bekannten Ölreserven um vier bis sechs Prozent pro Jahr zurückgehen. 18 wichtige Förderländer würden ihren Höhepunkt in den nächsten Jahren erreichen, neue Vorkommen in Äquatorialguinea, São Tomé und Príncipe, im Tschad und in Angola könnten diese Lücke nicht schließen. Skrebowski untersuchte zudem die geplanten Investitionsprojekte der Ölkonzerne und glaubt, dass diese nicht ausreichen, um existierende Quellen zu ersetzen, auch er erwartete den Höhepunkt der Welt-Ölproduktion zwischen 2007 und 2010304. Ein ehemaliger Berater der amerikanischen Regierung, Matthew Simmons, hat in einem Buch über Saudi Arabien305 dargelegt, dass dort die wichtigsten Ölvorkommen, ein Fünftel der bekannten Vorkommen weltweit, bald erschöpft seien. Die deutsche Energy Watch Group, ein von der Ludwig-Bölkow-Stiftung gefördertes Netzwerk unabhängiger Experten und Parlamentarier, kam in einer Studie306 gar zu dem Ergebnis, dass der Höhepunkt der Ölproduktion bereits im Jahr 2006 erreicht wurde; für das Jahr 2030 rechnet sie nur noch mit einer Fördermenge von 39 Millionen Barrel pro Tag.

In ihrem Weltenergiebericht (World Energy Outlook) 2010 hat auch die Internationale Energieagentur (IEA) erklärt, dass der Spitzenwert der Rohölproduktion aus dem Jahr 2006 von etwa 70 Millionen Barrel nicht wieder erreicht wird, und damit indirekt den Mahnern zumindest teilweise nachträglich Recht gegeben. Die IEA rechnet aber damit, dass die Rohölproduktion bis zum Jahr 2020 noch auf einem Niveau von 68 bis 69 Millionen Barrel gehalten werden kann. Dabei rechnet sie damit, dass neue Ölfunde die zur Neige gehenden Rohölquellen ersetzen könnnen; die Differenz zur steigenden Nachfrage müsste durch Öl aus “unkonventionellen Ölquellen” wie Öl aus der Tiefsee, Schweröl aus Venezuela oder Öl aus Teersanden kommen - die schwieriger und teuer zu fördern bzw. gewinnen sind. Schon die Annahme, dass neue Funde die alten Förderstellen ersetzen können, ist umstritten; in der Einschätzung des Potenzials unkonventioneller Ölquellen liegt ein weiterer großer Unterschied zwischen denen, für die Peak Oil bereits erreicht ist oder unmittelbar bevorsteht und den optimistischen Vertretern wie der IEA, die noch große Ölreserven sehen. Kjell Alekett, Leiter der Global Energy Systems Group der Universität Uppsala und Präsident der ASPO, sieht das Potential unkonventioneller Ölquellen im Jahr 2030 bei 8 Millionen Barrel/Tag - das würde gerade einmal ausreichen, die Verluste auszugleichen, die durch die Erschöpfung konventioneller Öl in zwei Jahren entstehen. Aber auch die optimistischeren Einschätzungen sind kein Grund zur Entspannung: So senkt die Internationale Energieagentur ihre Schätzungen der Produktion für 2030 seit Jahren in jedem Weltenergiebericht - und fürchtet aufgrund der steigenden Nachfrage eine Ölknappheit schon bald (>> mehr).

Wie viel Öl fördern wir im Jahr 2030?

Internationale Energieagentur, World Energy Outlook 2004:

121 Millionen Barrel/Tag

Internationale Energieagentur, World Energy Outlook 2006:

116 Millionen Barrel/Tag

Internationale Energieagentur, World Energy Outlook 2008:

106 Millionen Barrel/Tag

Internationale Energieagentur, World Energy Outlook 2010:

96 Millionen Barrel/Tag*

Energy Watch Group, Zukunft der weltw. Erdölvers., 2008:

39 Millionen Barrel/Tag

ASPO-Newsletter 100, April 2009: Rohöl
Rohöl plus unkonventionelle Ölquellen

36 Millionen Barrel/Tag
55 Millionen Barrel/Tag

* Bezugsjahr 2035

Unabhängig von dieser Frage ist aber sicher: Die Zeit des billigen Öls ist vorbei. Die Produktion aus zur Neige gehenden Ölfeldern wird immer teurer, da der Aufwand steigt, neue Ölfelder sind in der Regel kleiner und liegen in immer unzugänglicheren Regionen der Erde, was ihre Ausbeutung ebenfalls teuer macht, und die Gewinnung von Öl aus der Tiefsee oder aus Teersanden ist ohnehin schwierig und teuer. Angesichts der klaffenden Lücke zwischen Nachfrage und Produktion und der zunehmenden Konzentration der Ölförderung in wenigen Ländern können die Produzenten diese Kosten auch weitergeben. Steigende Preise sind überhaupt die Voraussetzung dafür, das der prognostizierte Bedarf gedeckt werden kann, da sich nur dann die Investitionen in die Ölgewinnung in der Tiefsee oder aus Teersand lohnen. Die einzige Chance, diese Spirale zu durchbrechen, wäre eine dauerhaft sinkende Nachfrage.

Können neue Technologien oder Schieferöl Peak Oil verhindern?

In der Diskussion um Peak Oil werden immer wieder zwei Argumente genannt, die das Erreichen des Ölfördermaximums verscheiben oder sogar verhindern könnten: Erstens die Nutzung neuer Technologien, um das in den bereits ausgebeuteten Ölquellen verbliebene Öl noch zu fördern, und zweitens die angeblich riesigen Mengen an Schieferöl, die “ausreichen, um unseren gesamten Energiebedarf für 5000 Jahr zu decken” (Björn Lomborg, Running on Empty, 2001). Tatsächlich werden sogenannte enhanced oil recovery (EOR-)Verfahren, schon seit 30 Jahren eingesetzt, um die Ausbeute zu erhöhen: Erhöhung des Drucks durch Einpressen von Erdgas, Wasser, Kohlendioxid oder Stickstoff in Lagerstätten oder Einpressen von Chemikalien oder Erwärmung des Öls zur Verringerung seiner Viskosität. Natürlich mögen hier neue Techniken die Ausbeute erhöhen, aber die bestehenden Techniken zeigen auch, dass es eine Grenze gibt: Diese Techniken kosten selber Energie und senken den Netto-Energiegewinn (siehe den folgenden Kasten). Der Energieaufwand ist auch die große Schwachstelle des Schieferöls: Ölschiefer enthält nämlich gar kein Öl, sondern ein festes organisches Material namens Kerogen. Zur Ölgewinnung muss es auf 500 °C erhitzt und - wie Teersande - mit Wasserstoff versetzt werden, dessen Gewinnung ebenfalls Energie kostet. Der Nettoenergiegewinn ist derart gering, das bisher alle großtechnischen Projekte zur Ölgewinnung aus Ölschiefer daran gescheitert sind. Aus diesen Gründen spielt Ölschiefer in den Szenarien von Kjell Alekett nur eine kleine Rolle, die Energy Watch Group betrachtet Ölschiefer nicht als großtechnisch nutzbare Energiequelle.

Energieaufwand der Energiegewinnung

Die Gewinnung von Energie kostet selber Energie: Um konventionelles Rohöl aus der Erde zu holen, müssen mindestens Löcher gebohrt werden; zur Gewinnung von Öl aus Ölschiefer muss dieser auf 500 °C erhitzt werden, der zur Ölgewinnung notwendige Wasserstoff muss ebenfalls energieaufwendig hergestellt werden. Der Energieaufwand, der zur Energiegewinnung betrieben wird, wird als EROEI (engl. Energy Return on Energy Input) gemessen. Er ist das Verhältnis Gewonnene Energie / Aufgewendete Energie - ein EROEI von 20 bedeutet also, dass je Einheit aufgewendeter Energie 20 Einheiten Energie gewonnen werden. In der Frühzeit des Öls lag der EROEI bei über 100, heute liegt er in den USA für importiertes Öl aus dem Nahen Osten bei etwa 8. Das heißt, es muss immer mehr Energie aufgewendet werden, um Öl zu fördern; und das Verhältnis wird bei immer aufwendigeren Fördertechniken immer schlechter (siehe Schieferöl im Kasten oben). Spätestens bei einem EROEI von 1 macht die Ölförderung - jedensfalls als Energiequelle - keinen Sinn mehr.

Neue Ölgroßmacht Brasilien?

Im Herbst 2007 ging eine Nachricht um die Welt: Im Santos-Becken vor der Küste Brasiliens wurde ein “Tupi” genanntes Ölfeld gefunden, in dem 5 bis 8 Milliarden Barrel lagern sollen, ähnlich groß soll das daneben gelegene “Jupiter”-Feld sein. Im Frühjahr 2008 wurde das vermutlich noch viel größere “Carioca”-Feld gefunden. Wenn diese bisher noch nicht bestätigten Schätzungen stimmen, wäre dies der bedeutendste Rohölfund seit den 1970er Jahren, und Brasiliens Ölreserven wären mit denen von Venezuela oder Russland vergleichbar. Aber auch dieser Fund wird nicht ausreichen, um den Verlust anderer Fördergebiete auszugleichen; und: das gefundene Öl liegt bis zu 6.000 Meter unter dem Meeresspiegel. Die brasilianische Erdölgesellschaft Petrobras gilt als führend bei offshore-Fördertechniken, ihre bisher tiefste Förderstelle liegt aber bei 2.000 Metern. Zwischen 2.000 und 6.000 Meter Tiefe werden die Bohrungen und die Förderung auf jeden Fall sehr teuer - das billige Öl werden sie auf keinen Fall retten.

Mehr: >> DIE ZEIT 25/2008: Die brasilianische Hoffnung

Die Kehrseite dieser Medaille sind neben hohen Preisen auch sinkende Energieeffizienz und steigende Umweltbelastungen – Teersande beispielsweise erfordern den Abbau und die Verarbeitung von zwei Tonnen Sand, um ein Barrel Öl zu gewinnen. Das in Teersanden enthalte Öl ist nämlich oxidiert und ähnelt eher Bitumen; bei seiner Aufbereitung werden enorme Mengen an Energie und Wasser verbraucht: die Sande werden mit heißem Wasser und Ätznatron so lange durchspült, bis sich Bitumen absetzt, das anschließend vom enthaltenen Schwefel befreit und in sogenannten upgradern mit Wasserstoff aus Erdgas versetzt wird, um synthetisches Öl zu erhalten. Dabei entstehen auch riesige Mengen giftiger Abfälle, die in Auffangbecken “endgelagert” werden. Krebserregende Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle wie Arsen in diesen Abfällen, die aus undichten Becken immer wieder in Gewässer gelangen, werden für eine Häufung von Krebsfällen in der Region verantwortlich gemacht. Andererseits sind die Reserven beträchtlich: Die wirtschaftlich abbaubaren kanadischen Teersande werden auf - je nach Quelle 40 bis 174 Milliarden Barrel Öl geschätzt; wenn wir die Umweltfolgen in Kauf nehmen, kann der Höhepunkt der Erdölförderung um ein bis einige Jahre verschoben werden.

Eine weitere Folge knappen Öls ist ebenfalls vorauszusehen: Das geopolitische Interesse an den Regionen mit bedeutenden Ölreserven wird weiter wachsen; angesichts der Erfahrungen mit den Irak-Kriegen und der Krise um die iranische Atomwaffenproduktion ist dies vielleicht noch beunruhigender als steigende Preise. Da zudem die Förderung außerhalb Russlands und der OPEC-Staaten bereits zurückgeht, wird deren Bedeutung wieder zunehmen – nach den Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Anteil der OPEC im Jahr 2030 auf über die Hälfe der Weltöflieferungen steigen.

Die Ölproduzenten der Welt
im Jahr 2006
Die Ölproduzenten der Welt
Die Ölproduzenten der Erde. Nicht alle Ölproduzenten sind auch Ölexporteure, die USA, China und Indien bespielsweise sind Netto-Importeure, da ihr Verbrauch die Fördermenge überschreitet. Ölexporteure sind der Mittlere Osten, Russland, Lateinamerika und Afrika. Abbildung nach Le Monde diplomatique: L’atlas environnement, basierend auf Zahlenangaben aus der BP Weltenergiestatistik Juni 2007; eigene Übersetzung.

Die steigende Konzentration der verfügbaren Ölquellen, die steigende Nachfrage auf den Weltmärkten; und dazu die zunehmende Verwundbarkeit durch terroristische oder kriegerische Anschläge auf die Transportrouten: Erfreulich sind die Aussichten nicht. Der Ölpreis hat auch Folgen für die Energiepreise insgesamt: Wenn Erdgas auch nur das Öl für Heizungen ersetzten muss, kommen auch hier Fördermengen und Transportkapazitäten an eine Grenze – mit Folgen für den Gaspreis, und für die dann schneller schrumpfenden Gasvorräte. Zum anderen ist Öl für die petrochemische Industrie ein Rohstoff, neben Kraftstoffen werden zahlreiche Kunststoffe aus Erdöl hergestellt - eigentlich ist der Stoff zum Verbrennen viel zu schade.

Kann Erdgas das schwindende Erdöl ersetzen?

Erdgas scheint auf den ersten Blick die ideale Alternative zum Erdöl: Es verbrennt sauberer, kann Autos, Lastwagen und Busse antreiben und wird bereits zur Stromerzeugung sowie zum Kochen und Heizen verwendet, so dass eine Infrastruktur zu seiner Nutzung bereits besteht. Die nachgewiesenen Reserven betragen laut BP Weltenergiestatistik 2011 187.100 Milliarden Kubikmeter, bei einem Jahresverbrauch wie im Jahr 2010 (3.169 Milliarden Kubikmeter) würden diese noch knapp 60 Jahre reichen. Allerdings würde diese Reichweite drastisch sinken, wenn der Verbrauch stark ansteigen würde, um eine zurückgehende Ölproduktion zu ersetzen; und ähnlich wie beim Erdöl würde die Förderung nicht in 60 Jahren plötzlich zu Ende gehen, sondern lange vorher langsam sinken. Die Entdeckung neuer konventioneller Gaslager hat längst - wie beim Erdöl - seinen Höhepunkt überschritten, so dass Peak Gas ebenfalls absehbar ist. Er dürfte allerdings später eintreten als beim Erdöl. Die norwegische Erdgasproduktion könnte aber schon bald ihren Höhepunkt erreichen, so dass wir in Deutschland noch abhängiger von unserem bisherigen Hauptlieferanten Russland oder Ländern wie Turkmenistan, Aserbaidschan oder Kasachstan werden, in denen die Lagerstätten am Kaspischen Meer liegen. Die Alternative wäre ähnlich wie beim Öl die Nutzung von “unkonventionellem Gas”, wie etwa Schiefergas. Auch beim Erdgas ist die Förderung dieser Vorkommen jedoch besonders umbelastend (unter anderem werden krebserregende Chemikalien eingesetzt; siehe z.B. >> hier [ZEIT online]). Damit gibt sich ein gemischtes Bild - es gibt wohl genug konventionelles Gas, um die Stromversorgung bis zur Umstellung auf erneuerbare Energiequellen abzusichern (>> hier) und einen Anteil des Kraftstoffbedarfs zu decken, aber Erdgas wird nicht oder nur unter Inkaufnahme erheblicher Umweltbelastungen ausreichen, das schwindende Erdöl für Jahrzehnte zu ersetzen.

Die Alternative zu steigenden Preisen: sinkender Verbrauch

Für die bedeutende Rolle des Erdöls in der modernen Industriegesellschaft gibt es gute Gründe: Kaum ein anderer Energieträger ist so vielseitig, leicht zu transportieren und zu speichern. Daher sind Erdölprodukte vor allem als Treibstoffe - Benzin, Diesel, Kerosin - unschlagbar bequem; Ersatzstoffe sind meist teurer und stehen auch nicht ausreichend zur Verfügung. Große Hoffnung setzt die Politik auf Treibstoffe aus Biomasse, die jedoch angesichts der gegenwärtigen Praxis mit erheblichen ethischen Problemen behaftet sind (Treibstoffe für die Reichen statt Anbau von Nahrungsmitteln, mehr >> hier).

Die IEA weist in ihrem World Energy Outlook 2010 aber darauf hin, dass die Preise im Jahr 2035 „deutlich niedriger“ lägen, wenn die Staatengemeinschaft ihr Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen (>> hier), ernsthaft angehen würde. Dann würde die Nachfrage nach Erdöl kurz vor 2020 ihren Höhepunkt erreichen, und danach stark zurückgehen. Diese Produktionsspitze wäre dann nicht durch mangelnde Reserven verursacht, sondern würde das bestätigen, was der ehemalige saudische Ölminister Scheich Yamani sagt, seitdem er diesen Posten verlassen hat: „Die Technologie ist der wahre Feind der OPEC“. Saudi Arabien bremste zu seiner Zeit oft den Anstieg der Ölpreise, da Yamani nicht indirekt die Entwicklung von effizienterer Techniken und alternativer Energiequellen fördern wollte. (Er hatte den Westen überschätzt – immer wenn die Preise sanken, wurden diese Programme wieder zurückgefahren.)

Zu steigenden Ölpreisen gibt es nur eine Alternative, und das ist die, auf die auch die Mahner wie Colin Campbell und Kollegen immer wieder hinweisen: Sinkender Verbrauch. Damit könnte auch die Nutzung der hochgradig umweltschädlichen Teersande verringert werden, die in der Summe auch noch um 5 bis 15 Prozent höhere Kohlendioxid-Emissionen als konventionelles Rohöl verursachen, und das Klima daher doppelt belasten. Wie die IEA schreibt: Peak Oil kommt auf jeden Fall; unsere Wahl ist es, ob als „als geladener Gast, oder als ungewollter Geist“. Wie wir diesen sinkenden Verbrauch erreichen können, finden Sie >> hier.

Zum Weiterlesen:

Daniel Yergin: Der Preis. Die Jagd nach Geld, Öl und Macht. S. Fischer Verlag 1991: Gut geschriebene, umfassende Geschichte des Öls.

Colin Campbell: Ölwechsel! DTV 2002: Umfassende Darstellung der geologischen, historischen und ökologischen Hintergründe und Auswirkungen des Erdöls.

Energy Watch Group: Die Zukunft der weltweiten Erdölversorgung. Umfassende Untersuchung zum Thema Peak Oil, download auf >> www.energywatchgroup.org (pdf, 2,8 MB)

Weblinks

>> www.energieverbraucher.de/de/Energiebezug/Heizoel/Ende-des-Oels__337/: Webseite des Bundes der Energieverbraucher zum ”Ende des Öls” mit weiteren links;

>> http://de.wikipedia.org/wiki/Peakoil: Lesenswerter Beitrag in der wikipedia;

>> http://www.peakoil.net: Webseite der von Colin Campbell gegründeten Association for the Study of Peak Oil & Gas (englischsprachig);

>> The Wolf at the Door: Schöne Webseite zum Thema aus Großbritannien, die englische Fassung ist viel umfangreicher als die deutsche Übersetzung;

>> http://europe.theoildrum.com/: Aktuelle News zu Peak Oil auf der Webseite des Institute für the Study of Energy and Our Future (einer gemeinnützigen amerikanischen Organisation, die vor allem im Internet publiziert).

>> www.odac-info.org/: Webseite des britischen Oil Depletion Analysis Center.

Siehe auch:
>>
Eine kleine Geschichte des menschlichen Energieverbrauchs
>>
Eine kleine Geschichte des Erdöls
>>
Eine kleine Geschichte der Atomkraft

Zurück zu:
>>
Übersicht: Das Zeitalter der Industrie
>>
Unsere Rohstoffe

© Jürgen Paeger 2006 - 2011

[Startseite] [Einführung] [Übersicht] [Planet Erde] [Leben] [Ökosystem Erde] [Mensch] [Agrarzeitalter] [Industriezeitalter] [Industrielle Revolution] [Industrielle Landwirtschaft] [Bevoelkerungszunahme] [Bodengefaehrdung] [Rohstoffe] [Energie] [Wassernutzung] [Luftverschmutzung] [Klimawandel] [Chemikalien] [Abfälle] [Gefährdung der Biodiversität] [Globale-Aenderungen] [Zukunft] [Glossar] [Fundgrube] [Literatur] [Über mich] [Impressum]

Barrel? Zu den Einheiten von Leistung und Energie und ihrer Umrechnung siehe >> Energie und ihre Einheiten.

Rohöl - Öl mit einer Viskosität von über 17°API (API steht für American Petrol Institute). Erdöl besteht daneben aus Schwer- (Viskosität 10 bis 17°API) und Schwerstöl (Viskosität unter 10°API); in vielen Statistiken wird zudem das bei der Erdgasförderung anfallende Flüssiggas (NGL – Natural Gas Liquid) zum Erdöl gerechnet. NGL (wenn sie denn überhaupt unterschieden werden) und Schwerstöle werden wie Teersande oft zu den "unkonventionellen Ölquellen" gezählt.

Zum Thema Ölabbau im Teersand siehe auch die Zeit Online: >> Die Scheichs aus Kanada