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Das Zeitalter der Industrie Das Ende des billigen Öls
Der weltweite Ölverbrauch steigt Jahr um Jahr - und neue Ölfelder werden kaum noch gefunden. Die bekannten Reserven nehmen ab, und der Löwenanteil des heute geförderten Öls stammt aus Ölfeldern, die vor 1970 gefunden wurden. Die aufgehende Schere zwischen Ölverbrauch und Reserven bedeutet vor allem eins: Die Zeit des billigen Öls ist vorbei.
Erdöl gilt als der Lebenssaft der Industriegesellschaft: Es ist mit einem Anteil von 34 Prozent am weltweiten Energieverbrauch der wichtigste Energieträger, vor Kohle und Erdgas. Der Verkehr wird gar zu 90 Prozent von Erdöl angetrieben. Im vergangenen Jahr wurden jeden Tag ca. 85,2 Millionen Barrel Rohöl verbraucht, gegenüber dem Jahr 2006 ein Anstieg um 1,1 Prozent. Die Produktion ging jedoch gegenüber dem Jahr 2006 um 0,2 Prozent zurück und lag mit 81,6 Millionen Barrel deutlich unter dem Verbrauch - das heißt, gelagerte Bestände wurden weiter abgebaut. Eine Produktion, die wegen voller Auslastung der Produktionsanlagen den Verbrauch nicht übersteigen konnte, gab es zuletzt während der >> Ölkrise 1973 – und trug maßgeblich zu den scheinbar unaufhaltsam steigenden Ölpreisen bei.
Rohölpreise von 1861 bis 2007 in US-$ pro Barrel
 Ölpreise von 1861-2007 (dunkelgrün: US-$ zum Tageskurs, hellgrün: US-$ 2007). Der Ölpreis betrug im Jahr 2007 durchschnittlich 72,39 $, dabei stieg er im Laufe des Jahres von knapp über 50 auf über 96 Dollar. Nach BP Weltenergiestatistik, Juni 2008.
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Ölpreis: Welche Rolle spielen Spekulanten?
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Der Einfluss von Spekulanten auf den Ölpreis ist umstritten: Die einen glauben, dass es ihn garnicht gibt - Spekulanten handelten ja nicht mit Öl, sondern nur mit Verträgen. Wenn sie etwa überzeugt sind, dass Öl in Zukunft teurer wird, kaufen sie zukünftige Liefermengen, um diese später teurer verkaufen zu können. Vor der Lieferung müssen sie aber die Verträge zum tatsächlichen Marktwert weiterverkaufen, sie könnten mit dem Öl ja nichts anfangen. War ihre Einschätzung richtig, haben sie Geld verdient. Der Haken an dieser Theorie: Hätte dieser Handel keinen Einfluss auf den Preis hätte, würden die Spekulanten an diesem Geschäft im Durchschnitt auch nichts verdienen. Dann wäre der Umfang der Spekulation nur schwer erklärlich. Tatsächlich hat der Preis auch eine psychologische Komponente, und Käufe oder Verkäufe großer Mengen Öl können den Preis wohl doch beeinflussen. Die meisten Ökonomen glauben daher, dass die Spekulation die Ausschläge des Ölpreises verstärkt: Schlechte Nachrichten lassen den Preis über Gebühr ansteigen, gute Nachrichten über Gebühr fallen. Die grundsätzliche Richtung des Ölpreises wird aber nicht von den Spekulanten, sondern von realen Gegebenheiten bestimmt.
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Der Ölverbrauch steigt immer noch
Nach den Theorien der Wirtschaftswissenschaftler sollten steigende Ölpreise eigentlich zu sinkenden Verbräuchen führen; tatsächlich stieg auch im Jahr 2007 der weltweite Ölverbrauch - in der Praxis ist der Ölverbrauch wenig “elastisch”, das heißt Anpassungen brauchen ihre Zeit - zwar kann leicht die Raumtemperatur absenken und öfter Bahn fahren, aber die Isolierung von Häusern, der Austausch von Heizungssystemen und der Ersatz spritschluckender Autos gehen nicht so schnell. In absoluten Mengen spielen bei der Verbrauchssteigerung seit Jahren die aufstrebenden Schwellenländer wie China und Indien eine besonders wichtige Rolle (siehe Abbildung unten): Steigender Wohlstand und die damit einhergehende Motorisierung sind die wichtigste Triebkraft dieser Entwicklung. China soll etwa um 2015 herum die USA als größten Markt für PKW ablösen, die Ölnachfrage für Treibstoffe könnte sich bis 2030 vervierfachen (so das Referenzszenario der Internationalen Energie Agentur IEA). Dazu kommt eine steigende Nachfrage nach Heizöl. Auch in Indien ist Treibstoff der Sektor, in dem die Nachfrage am stärksten wächst; in Indien (wie auch in Bangladesh) ist Öl zudem in der Landwirtschaft unverzichtbar: Millionen Bauern bewässern ihre Felder mit dieselbetriebenen Pumpen. Daneben stieg auch der Verbrauch in den mit höheren Ölpreisen reicher werdenden Produktionsländern im Mittleren Osten (um 7 Prozent in Saudi Arabien) und der früheren Sowjetunion (um 10 Prozent in Russland) sowie in Mittel- und Südamerika.
Ölverbrauch nach Regionen 1982 bis 2007 Millionen Barrel pro Tag
 Ölverbrauch 1982-2007. Nach BP Weltenergiestatistik, Juni 2008
Am Beispiel der USA, wo 5 Prozent der Weltbevölkerung ein Viertel des Öls verbrauchen, wird die Entwicklung in den reichen Industrieländern deutlich: Nach der >> Ölkrise 1979 sank der Ölverbrauch bis 1981 um 15 Prozent, aber diese Zeiten waren bald vergessen: Seit 1988 stieg der Durchschnittsverbrauch amerikanischer Autos wieder; und da 70 Prozent des amerikanischen Öls in den Verkehr gehen, stieg auch der Ölverbrauch des Landes – seit Mitte der achtziger Jahre um 25 Prozent. Erst mit dem hohen Ölpreis und Programmen zur Förderung von Biotreibstoffen sank er 2006 erstmals wieder - um bescheidene 1,3 Prozent; im Jahr 2007 nur noch um 0,1 Prozent. In den OECD-Ländern insgesamt fiel der Verbrauch im Jahr 2007 um 0,9 Prozent; in Deutschland immerhin um 9 Prozent. Das insgesamt mangelnde Energiebewusstsein der reichen Industrieländer und die Aufholjagd der Schwellenländer summieren sich: Aus den 85,2 Millionen Barrel täglichen Ölverbrauch könnten so bis zum Jahr 2030 116 Millionen Barrel werden, schätzte die Internationale Energie Agentur in ihrem Jahresbericht 2007.
Wieviel Öl liegt noch in der Erde?
Für die zukünftige Fördermenge (und damit den Ölpreis) ist entscheidend, welche Reserven der vorhergesehenen Verbrauchssteigerung entgegenstehen. Dabei sagt die oft verwendete “statische Reichweite” (das Verhältnis der Reserven zum Verbrauch, zur Zeit auf 40 Jahre geschätzt) wenig aus: Eine Ölquelle steht zu Anfang ihrer Ausbeutung unter hohem Druck, danach kann die Förderung mit einigem technischen Aufwand auf einem Plateau gehalten werden; und am Ende des Lebenszyklusses läuft die Förderung langsam aus. Im Jahr 1956 hat der Geologe King Hubbert eine mathematische Gleichung aufgestellt, die den Produktionsverlauf einer Gruppe von Ölfeldern in Form einer Glockenkurve beschrieb: mit langsamer Steigerung der Produktion bis zum Höhepunkt bei der Hälfte der Reserven – und danach einem zunehmenden Rückgang der Fördermenge. Mit dieser Gleichung hat er auch den Rückgang der amerikanischen Ölförderung um 1970 vorhergesagt, der tatsächlich im Jahr 1971 begonnen hat. Diese Glockenkurve bedeutet: Lange bevor die Vorräte erschöpft sind, geht die Produktion zurück. Der Zeitpunkt der maximalen Ölförderung, nach dem die Förderrate sinkt, wird englisch Peak Oil genannt (der “Gipfel des Öls” - gemeint ist der Gipfel der Ölproduktion; in Deutschland meist mit Ölfördermaximum übersetzt).
Die Glockenkurve der Ölförderung
 Typisches Förderschema einer Ölregion: Zuerst werden die großen Ölfelder erschlossen, im Laufe der Zeit immer kleinere. Gibt es nicht mehr genug neue Ölfelder, geht die Produktion zurück. Quelle: Energy Watch Group 2008: Zukunft der weltweiten Ölversorgung, Seite 42, eigene Übersetzung.
Ein Blick auf die weltweiten Ölfunde zeigt: Trotz immer besserer Erkundungstechnologie gehen bereits seit den 1970er Jahren die Zahl und die Größe der gefundenen Ölfelder zurück; seit den 1980er Jahren übersteigt die Fördermenge die Menge des neu gefundenen Öls.
Ölfunde und Ölverbrauch: Die Schere geht auf Milliarden Barrel pro Jahr
 Ölfunde von 1930 bis 2050 (Schätzungen ab 2007: weißen Balken); im Vergleich die Ölförderung bis 2006. Quelle: ASPO Newsletter 11/2007, eigene Übersetzung.
Zur Erklärung gibt es zwei grundverschiedene Annahmen: Die einen (oft Ökonomen) sehen keinen Grund zur Unruhe. Dass seit den 70er Jahren wenige neue Ölfelder gefunden wurden, liege daran, dass ölreiche Länder wie Irak, Iran und Saudi Arabien in den vergangenen Jahren keinen Grund hatten, Öl zu suchen – und die gegenwärtige Marktsituation schaffe diesen Grund. Die anderen (eine zunehmende Anzahl von Geologen) sehen den Grund in einer Erschöpfung der Ölvorräte. Der erste dieser Mahner war der ehemalige Produktionschef von Saudi Aramco, Sadad Al Husseini, der seit Mitte der 90er Jahre darauf hinweist, dass weniger Öl entdeckt als gefördert wird, die Vorräte also zurückgehen.
Prominentester Sprecher dieser Experten ist heute Colin Campbell, der als Geologe für zahlreiche Ölgesellschaften arbeitete und jetzt im Ruhestand Regierungen und Ölfirmen berät – vor allem aber als Gründer der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) zur "Kassandra der Ölindustrie" (Neue Zürcher Zeitung) wurde. Seine Botschaft: Die wesentlichen Erdölvorkommen sind bereits entdeckt, die lohnenden werden bereits ausgebeutet – und wir müssen uns auf eine in Zukunft sinkende Ölproduktion einstellen. Den optimistischen offiziellen Zahlen traut er aufgrund seiner Erfahrung in der Branche nicht, sowohl die Zahlen aus der Industrie als auch die aus den Ölstaaten seien üblicherweise aus (geschäfts-)politischen Gründen manipuliert: Mitgliedsstaaten der OPEC würden übertreiben, um höhere Förderquoten zu erzielen; Unternehmen würden bei Zahlenangaben eher an den Aktienkurs als an die Wahrheit denken. Campbell geht von folgenden Zahlen aus: In der Vergangenheit wurden 944 Milliarden Barrel Öl gefördert; 764 Milliarden Barrel liegen noch in den bekannten Ölfeldern und weitere 142 Milliarden Barrel werden aus Ölfeldern hinzukommen, die als sicher gelten, aber noch zu entdecken sind. Nach diesen Annahmen aber wäre die Hälfte der konventionellen Ölvorräte bereits verbraucht – und der Höhepunkt der Ölförderung erreicht.
Der Höhepunkt der Öl- und Gasförderung naht Millionen Barrel pro Tag
 Colin Campbells Szenario der Weltöl- und Gasförderung. Beim konventionellen Öl ist der Höhepunkt der Förderung erreicht, unkonventionelle Ölquellen können ihn um ein paar Jahre hinauszögern. Beim Gas sieht er den Höhepunkt um 2010 erreicht. Abb. nach ASPO Newsletter 11/2007, eigene Übersetzung
Und Campbell steht mit diesen Annahmen nicht allein. Chris Skrebowski, Herausgeber der Fachzeitschrift Petroleum Review, schätzt, dass die bekannten Ölreserven um vier bis sechs Prozent pro Jahr zurückgehen. 18 wichtige Förderländer würden ihren Höhepunkt in den nächsten Jahren erreichen, neue Vorkommen in Äquatorialguinea, São Tomé und Príncipe, im Tschad und in Angola könnten diese Lücke nicht schließen. Skrebowski erwartet den Höhepunkt der Welt-Ölproduktion im Jahr 2008. Ein ehemaliger Berater der amerikanischen Regierung, Matthew Simmons, hat in einem Buch über Saudi Arabien (Matthew Simmons: Wenn der Wüste das Öl ausgeht. FinanzBuch Verlag 2006) dargelegt, dass dort die wichtigsten Ölvorkommen, ein Fünftel der bekannten Vorkommen weltweit, bald erschöpft seien. Die Energy Watch Group, ein von der Ludwig-Bölkow-Stiftung gefördertes Netzwerk unabhängiger Experten und Parlamentarier, kam in einer Studie (Zukunft der weltweiten Erdölversorgung, Mai 2008) gar zu dem Ergebnis, dass der Höhepunkt der Ölproduktion bereits im Jahr 2006 erreicht wurde; für das Jahr 2030 rechnet sie nur noch mit einer Fördermenge von 39 Millionen Barrel pro Tag.
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Wie viel Öl fördern wir im Jahr 2030?
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Internationale Energieagentur, World Energy Outlook 2007:
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116 Millionen Barrel / Tag
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Energy Watch Group, Zukunft der weltw. Erdölvers., 2008:
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39 Millionen Barrel / Tag
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Ob der Rückgang der Ölproduktion 2007 der Anfang vom Ende ist oder nur ein vorübergehender Einbruch, wird sich erst in einigen Jahren zweifelsfrei feststellen lassen. Welche Einschätzung richtig ist, macht natürlich einen riesigen Unterschied bei den zu ergreifenden Maßnahmen aus. Aber auch die optimistischeren Einschätzungen sind kein Grund zur Entspannung: Auch die auf offiziellen Zahlen basierenden Schätzungen sehen den Höhepunkt der Welt-Ölproduktion kommen – nicht 2005 oder 2008, aber um das Jahr 2020 bis 2030 herum. Dann sieht etwa die Internationale Energie Agentur den Höhepunkt der Weltölförderung - fürchtet aber aufgrund der steigenden Nachfrage eine Ölknappheit bereits ab 2010 (>> mehr). Nach James Mulva, Chef des Ölkonzern ConocoPhilllips, müssen 2010 bereits 40 Prozent des Öls aus Ölfeldern kommen, in denen heute noch nicht gefördert wird - oder die noch gar nicht entdeckt sind.
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