Das Zeitalter der Industrie

Die Energiewende

Seit Mitte der 1970er Jahre planen alternative Denker eine Energieversorgung, die auf erneuerbaren Energiequellen und effiziente Energienutzung beruht. Lange wurden sie für Spinner gehalten, aber nach den Atomunfällen von Tschernobyl und Fukushima wurde die "Energiewende" zur offiziellen deutschen Politik. Deutschland ist damit das erste Industrieland, das eine Energieversorgung mit erneuerbaren Energiequellen anstrebt.

Grafische Darstellung der Energiewende


Die Energiewende bedeutet: Durch effiziente Energienutzung geht der Energieverbrauch
- zumindest in den hochentwickelten Industriestaaten - zurück; der verbleibende Energiebedarf
wird möglichst umweltfreundlich durch erneuerbare Energien gedeckt. Eigene Abbildung.

Die "Vorgeschichte" der Energiewende

Als 1973 die erste >> Ölkrise zu Sonntagsfahrverboten führte und 1975 der >> Widerstand gegen die Atomenergie mit der Besetzung des geplanten Bauplatzes eines Atomkraftwerkes bei Wyhl am Kaiserstuhl auch in Deutschland zur Volksbewegung wurde, begann - insbesondere innerhalb der Anti-Atom-Bewegung - auch ein intensives Nachdenken über alternative Formen der Energieversorgung. So wurde 1975 in Wyhl die VHS Wyhler Wald gegründet, die als alternative Bildungseinrichtung die Atomkraftgegner mit Informationen über die Atomkraft, aber eben auch über alternative Energieformen versorgte. Die neue Bewegung entdeckte die Arbeiten von Pionieren, die Sonnenkollektoren zur Erzeugung von warmem Wasser und Windräder zur Stromerzeugung bastelten, und von Wissenschaftlern, die abseits der Industrie über die Energieversorgung nachdachten. 1976 fanden im benachbarten Sasbach die ersten badisch-elsässischen „Sonnentage“ statt, die die Möglichkeiten „alternativer Energien“ vorstellten. Viele Ideen hierzu kamen aus den USA; vor allem in Kalifornien wurde in Folge der Ölkrise an der Entwicklung von Sonnenkollektoren, Windrädern und kleinen Wasserkraftwerken gearbeitet.

Dass alternative Energiequellen tatsächlich ganze Industrienationen mit Energie versorgen konnten, zeigte zuerst der für die internationale Umweltorganisation Friends of the Earth arbeitende amerikanische Physiker Amory B. Lovins mit dem Aufsatz "Energy Strategy: The Road not Taken?" in der Zeitschrift Foreign Affairs (Oktober 1976). Der Aufsatz war ein Vorabdruck aus seinem 1977 erscheinenden Buch "Soft Energy Paths" (dt.: Sanfte Energie, Rowohlt Verlag 1978). Amory B. Lovins setzte der offiziellen Energiepolitik, die einen stetig steigenden Energieverbrauch als Voraussetzung für weiteres Wirtschaftswachstum ansah und zur Deckung des ansteigenden Bedarfs auf die Steigerung des Kohle- und Ölverbrauchs (und dazu, um die Abhängigkeit von arabischem Öl zu mindern, Ölförderung in der Tiefsee und der Arktis betreiben wollte) sowie den Ausbau der Atomkraft setzte, einen ganz neuen, "sanften" Pfad entgegen. Dieser basierte auf wesentlich verbesserter Energienutzung und wollte den Ölverbrauch durch dezentrale Nutzung erneuerbarer Energiequellen ersetzten: Sonnenenergie für die Heizung und für Warmwasser, Treibstoff aus land- und forstwirtschaftlichen Abfällen und Wind- und Wasserkraft zur Stromerzeugung. Lovins' Überlegungen regten auch die Wissenschaftler an, die die Bürgerinitiativen mit Vorträgen in der VHS Wyhler Wald unterstützten. Einige von ihnen gründeten 1977 in Freiburg das >> Öko-Institut; und dieses veröffentlichte 1980 die Studie Energiewende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran (S. Fischer Verlag 1980). Die Studie zeigte, dass auch in Deutschland mit verbesserter Energienutzung der Energieverbrauch sinken (auf 60 Prozent des Wertes von 1973) und dass dieser niedrigere Verbrauch durch heimische Kohle (der >> Klimawandel spielte damals in Deutschland in der energiepolitischen Diskussion noch keine Rolle) und erneuerbare Energien gedeckt werden könnte (siehe die folgende Abbildung).

Darstellung der zukünftigen Energieversorgung Deutschland nach dem "Energiewende"-Szenario des Öko-Instituts aus dem Jahr 1980


Energiewende 1980: Die mögliche zukünftige Energieversorgung Deutschlands bis zum Jahr 2030 nach der Variante "Kohle und Sonne" aus der 1980 erschienenen Energiewende-Studie des Öko-Instituts Freiburg. Die Autoren Florentin Krause, Hartmut Bossel und Karl-Friedrich Müller-Reißmann hatten den 1977 von Amory B. Lovins für die USA vorgestellten Pfad einer "sanften" Energieversorgung auf Deutschland übertragen und erstmals gezeigt, dass eine Energieversorgung auch ohne Erdöl und Atomkraft möglich wäre. Stattdessen setzten sie auf bessere Energienutzung, Kohle und erneuerbare Energien wie Biomasse, Sonne, Wind und Wasser. Moderne Szenarien, wie etwa die Studie >> Treibhausgasneutrales Deutschland im Jahr 2050 des Umweltbundesamtes zeigen, dass im Jahr 2050 eine vollständige Energieversorgung Deutschlands mit erneuerbaren Energien möglich ist; als Heiz- und Kraftstoffe sowie Nachfolger der Erdgases bei der Stromerzeugung dient strombasiertes ("power-to-gas") Methan. Eigene Abbildung nach Abb. 5.4 aus Krause, Bossel, Müller-Reißmann: Energiewende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. S. Fischer Verlag, 1980.

Die "Energiewende" hob die Diskussion in Deutschland auf ein neues Niveau. Von den "Experten" aus der Industrie wurde die Studie lächerlich gemacht; auch die Presse nahm sie kaum ernst (DIE ZEIT musste 2012 in einem Beitrag über die Energiewende gestehen, dass sie das Buch in einer kurzen Rezension als "mehr oder weniger unseriös" eingestuft hatte). Aber der >> Atomunfall von Harrisburg 1979 hatte die Diskussion über die Nutzung der Atomkraft wieder aufleben lassen; im Oktober demonstrierten 100.000 Menschen in Bonn gegen die Atomkraft. Zahlreiche Bürgerinitiativen und  "Energiewende-Komitees" setzten sich für bessere Energienutzung und erneuerbare Energien ein. Mit dem Einzug grüner Parteien in die ersten Landtage (Bremer Grüne Liste 1979, DIE GRÜNEN in Baden-Württemberg 1980) und in den Bundestag (1983) gelangten der Begriff und das Thema auch in die Parlamente, zumal nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler im Oktober 1982 auch in der SPD die Opposition gegen die Atomkraft zunahm. Die Energiewende-Studie des Öko-Instituts war die erste von vielen weiteren Studien, mit denen seither über die zukünftige Energieversorgung nachgedacht wurde - und >> bis heute wird.

Erste Schritte zur Energiewende

1986 gab die >> Reaktorkatastrophe von Tschernobyl der Anti-Atombewegung erneut Aufwind. In Deutschland konzentrierte sich die Auseinandersetzung auf die Wiederaufbereitungsanlage, die im bayerischen Wackersdorf geplant wurde. Wie schon zuvor im badischen Wyhl und im niedersächsischen Gorleben spielten auch hier vor Ort allgemeinpolitische Einstellungen eine untergeordnete Rolle, und so ging der erste zentrale politische Schritt zur Energiewende von zwei ungewöhnlichen Partnern aus: Der CSU-Abgeordnete Matthias Engelsberger und der GRÜNE Wolfgang Daniels entwarfen 1990 ein "Stromeinspeisungsgesetz" (100). Engelsberger hatte seinen Wahlkreis in Siegsdorf; einem Ort, der mit einem kleinen Wasserkraftwerk mit Strom versorgt wurde. Wasserkraftwerke waren bis dahin die einzigen nennenswerten erneuerbaren Energiequellen, Laufwasserkraftwerke an Flüssen erzeugten drei bis vier Prozent (1990: 3,4 Prozent) des deutschen Stroms. Engelsberger ärgerte sich darüber, dass die mächtigen Stromkonzerne des Betreibern von kleinen Wasserkraftwerken weniger zahlten, als sie ihre eigene Stromerzeugung kostete (101). Daniels war über den Widerstand gegen Wackersdorf in die Politik gelangt. Das Stromeinspeisungsgesetz trat am 1.1.1991 in Kraft und verpflichtete die Stromkonzerne, Strom aus erneuerbaren Energien abzunehmen und zu einem festen Preis zu vergüten. Dieser richtete sich nach den Durchschnittserlösen der Stromversorger im vorletzten Kalenderjahr; bei Einführung betrug der Preis 13,84 Pfennig pro Kilowattstunde (kWh), und  16,61 Pfennig/kWh für Strom aus Wind- und Sonnenenergie. Das Gesetz wurde ebenfalls von vielen nicht ernst genommen (der SPD-Abgeordnete Sperling bezeichnete es in der Parlamentsdebatte als "Zehenwackelei"), aber es hatte Folgen: Vor allem Windkraftanlagen waren an guten Standorten zu dem gezahlten Preis wirtschaftlich; ihre Zahl stieg von weniger als 1.000 im Jahr 1991 auf über 10.000 im Jahr 1999, der Anteil erneuerbarer Energieträger an der Stromerzeugung stieg auf 5,5 Prozent. Mehrere Stromkonzerne versuchten, das Stromeinspeisungsgesetz durch Klagen wieder loszuwerden, scheiterten letztendlich aber. Kaum eine Rolle spielte 1999 noch die Stromerzeugung mittels Photovoltaik, die 1990 mit dem "1000-Dächer-Programm" gefördert worden waren. Das Programm war aber - nachdem rund 2.000 Photovoltaik-Anlagen gefördert wurden - 1992 ausgelaufen. Gelohnt hatte das Programm sich trotzdem: Zwar war selbst mit der Förderung die Photovoltaik damals ein Zuschussgeschäft, aber vielen überzeugten Enthusiasten eröffnete die Förderung überhaupt erst die Möglichkeit einer eigenen solaren Stromerzeugung, mit der viele später wertvolle Erfahrungen gesammelt wurden.

Erneuerbare-Energien-Gesetz und Atomausstieg

Seit Oktober 1998 regierte in Deutschland eine rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Am 1.4.2000 wurde das Stromeinspeisungsgesetz durch das maßgeblich von den SPD-Politikern Hermann Scheer und Dietmar Schütz sowie den GRÜNEN Michaele Hustedt und Hans-Josef Fell erarbeitete Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) abgelöst. Mit dem EEG wurden feste (nicht mehr von den Erlösen der Stromversorger abhängige) Vergütungen festgelegt; die Vergütungen für Strom aus Photovoltaik wurden stark angehoben und betrugen im ersten Jahr 50,6 Cent/kWh. Die Vergütung wurde als "EEG-Umlage" auf die Stromverbraucher umgelegt; und sollte zukünftig fallen, um die erhofften Kostensenkungen abzubilden: für Sonnenstrom sollte sie jährlich um 5 Prozent fallen, für Windstrom um 1,5 Prozent und für Strom aus Biomasse um 1 Prozent. Sonnenstrom wurde zudem durch zinsreduzierte Kredite im Rahmen des "100.000-Dächer-Programms" gefördert; zusammen mit der hohen Einspeisevergütung sorgte das EEG für einen Boom bei Photovoltaikanlagen auf den Hausdächern in Deutschland.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)

Mit dem EEG wurden Netzbetreiber verpflichtet, neue Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien unverzüglich an das Netz anzuschließen, selbst wenn hierzu die Netze ausgebaut und verstärkt werden müssen, und den in diesen Anlagen erzeugten Strom unverzüglich vorrangig abzunehmen, zu übertragen und zu verteilen (es sei denn, während einer Übergangszeit bis zum Ausbau der Netze würde hierdurch das Netz überlastet – dann sind die Anlagenbetreiber aber vom Netzbetreiber zu entschädigen). Für den abgenommenen Strom aus erneuerbaren Energien muss 20 Jahre lang eine im Gesetz festgelegte Vergütung gezahlt werden, die von der Art und Leistung der Anlage zur Stromerzeugung abhängt (und im Laufe der Geschichte des EEG immer wieder geändert wurde).

Die Netzbetreiber leiten diesen Strom zum Übertragungsnetzbetreiber durch und erhalten dafür den Abnahmepreis (abzüglich vermiedener Netzentgelte). Die  Übertragungsnetzbetreiber vermarkten den Strom an der Börse; und ermitteln aus der Differenz zwischen Abnahmepreis und an der Börse erzielten Erlösen einen Differenzbetrag ("EEG-Umlage"), die von den Energieversorgungsunternehmen (EVU) an die Endverbraucher weitergegeben wird (aber nicht an alle - mehr >> hier). Die EVU müssen den Endverbrauchern in der Rechnung angeben, wie hoch der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien war, der nach dem EEG gefördert wurde; sie dürfen auch die EEG-Umlage ausweisen.

Ferner ist in dem Gesetz geregelt, dass Strom aus Anlagen, die nach dem EEG gefördert werden, nicht doppelt (etwa als „Grünstrom“) vermarktet werden darf; er darf auch nicht für Emissionsminderungen im Rahmen des Emissionshandels angerechnet werden.

Parallel zum EEG hatte die rot-grüne Bundesregierung am 14.6.2000 eine oft als "Atomkonsens" bezeichnete Vereinbarung mit den Energieversorgungsunternehmen geschlossen, die 2002 in das Atomgesetz übernommen wurde: Vereinbart wurde der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland. Es sollten keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden; die bestehenden Atomkraftwerke sollten ab dem 1. Januar 2000 noch höchstens 2,62 Millionen Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugen. Diese Menge sollte je nach Inbetriebnahmedatum auf die einzelnen Kraftwerke verteilt werden, voraussichtlich 2021 wäre nach dieser Regelung das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet worden. (Als erstes Atomkraftwerk wurde am 11.10.2003 das Kraftwerk Stade [vorzeitig] aufgrund dieser Vereinbarung abgeschaltet.) Die Konsequenz war klar: Die rund 20 Prozent, die die Atomkraftwerke zur Stromversorgung beitrugen, mussten in den folgenden 20 Jahren durch andere Energiequellen - am besten erneuerbare - ersetzt werden.

Unterdessen wurde 2003 die im EEG als Fördergrenze festgelegte Grenze von 350 MW installierter Photovoltaikleistung überschritten. Um Sonnenstrom weiter fördern zu können, wurde das EEG zum 1.8.2004 neu gefasst. Die Beschränkung für Sonnenstrom entfiel, und das Wachstum der erneuerbaren Energien ging weiter: 2005 überschritten erneuerbare Energiequellen erstmals einen Anteil von 10 Prozent an der deutschen Stromproduktion; 2008 wurde ein Anteil von 15,1 Prozent erreicht. Die EEG-Umlage, die von den Stromverbrauchern zu zahlen war, stieg damit an: von 0,2 Cent/kWh im Jahr 2000 auf 0,68 Cent/kWh im Jahr 2005 und 1,12 Cent/kWh im Jahr 2008. Dazu trug nicht nur die steigende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen bei, sondern auch, dass die EEG-Umlage für industrielle Großverbraucher begrenzt wurde: 2003 wurde sie für Stromverbräuche über 100 GWh/Jahr auf 0,05 Cent/kWh begrenzt; mit dem EEG 2004 griff die Begrenzung für Industriebetriebe mit einem Stromverbrauch über 10 GWh/Jahr. Damit sollte die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gewahrt bleiben, aber die Kosten mussten von allen anderen Verbrauchern mitgetragen werden. Die mitzutragende Last sollte aber 10 Prozent der EEG-Umlage nicht überschreiten (eine Begrenzung, die im Jahr 2006 von der seit Ende 2005 regierenden großen Koalition auf Druck der Industrie aufgegeben wurde; zu den aktuellen Regelungen für gewerbliche Großverbraucher >> hier). Immer deutlicher wurde auch eine andere Herausforderung der erneuerbaren Energien: Die Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne hing vom Wind und vom Sonnenlicht ab, sie schwankte daher stark. Diese Schwankungen belasteten das Stromnetz, das hierfür nicht ausgelegt war. Gleichzeitig wurde das Stromnetz von anderer Seite - und noch viel stärker - belastet: der mit der Liberalisierung der Strommärkte einhergehenden Zunahme des Stromhandels. Das Netz diente nicht mehr nur der Stromversorgung, sondern musste europaweit gehandelten Strom transportieren. Zu welchen Belastungen dies führte, zeigte ein Stromausfall am 4.11.2006, der weite Teile Europas betraf - wie sich herausstellt, war die Ursache, dass (vom Stromhandel verursachte) "unvorhergesehene Stromflüsse" nicht berücksichtigt wurden, als eine Hochspannungsleitung abgeschaltet werden musste, die über die Ems führt, um einem neu gebauten Kreuzfahrtschiff die gefahrlose Durchfahrt zur Nordsee zu ermöglichen.

Die schwarz-gelbe(n) Energiewende(n)

Unterdessen war Ende 2009 die seit 2005 regierende große Koalition aus SPD und CDU von einer schwarz-gelben Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP abgelöst worden. Diese veröffentlichte im Herbst 2010 ihr Energiekonzept: Sie bekannte sich zu einem weiteren (wenn auch "kosteneffizienten") Ausbau der erneuerbaren Energien, wollte aber gleichzeitig (wie bereits im Koalitionsvertrag vereinbart) die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern - sie beschloss den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft. Auch diese Regelung wurde mit einer Änderung des Atomgesetzes am 28.10.2010 rechtsverbindlich.

Dann kam es am 11.3.2011 zum >> Atomunfall von Fukushima. Am 6. Juni 2011 beschloss die Bundesregierung die Abschaltung von acht Atomkraftwerke und einen stufenweisen Atomausstieg bis 2022 - der Ausstieg aus dem Ausstieg wurde wieder zurückgenommen. Wieder wurde das Atomgesetz geändert, die neue Fassung trat am 6.8.2011 in Kraft. Abgesehen vom Atomausstieg blieb das Energiekonzept aber Grundlage der Regierungspolitik: Bis 2020 soll der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien 35 Prozent betragen; bis 2030 50 Prozent, bis 2040 65 Prozent und bis 2050 80 Prozent. Am Energieverbrauch insgesamt soll ihr Anteil bis 2020 18 Prozent betragen, bis 2030 30 Prozent, bis 2040 45 Prozent und bis 2050 60 Prozent.

Die "Energiewende" von 2011 (mit dem Titel nahm eine konservative Bundesregierung den Begriff der Atomkraftgegner von 1980 auf - wie sich die Zeiten ändern...) führte dazu, dass sich jetzt auch viele traditionell eher in etablierten Strukturen denkende konservative Politiker und Unternehmenschefs mit dem Siegeszug der erneuerbaren Energien abfanden, der Ausbau erneuerbarer Energien legte noch einmal zu. Dazu trug auch bei, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung die Vergütung für Strom aus Photovoltaik zweimal außerplanmäßig herabsetzte: Um den Kürzungen zuvor zu kommen, stieg die installierte Leistung stärker an als zuvor. Bereits 2011 hatte der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch 20 Prozent überschritten, und im Jahr 2013 erreichte er (nach der offiziellen Statistik, die z.B. auch die Verbrennung von biogenen Hausmüll berücksichtigt) 25 Prozent (siehe >> hier). Absehbar war, dass die für 2020 vorgesehenen 35 Prozent viel früher erreicht werden können - wenn man denn wollte. Aber längst nicht alle wollen das wirklich - Klimawandel durch Kohlekraftwerke hin, schwindende fossile Vorräte her: Wer früher von grünen Spinnern sprach, die zurück in die Steinzeit wollten, redet heute von drohender Deindustrialisierung und entdeckt auf einmal sein Herz für die Armen, die sich Strom bald nicht mehr leisten können. Schuld daran soll das EEG sein. Das aber ist ein Märchen:

Das Märchen vom teuren Ökostrom

Strom aus neue Windkraftanlagen an Land und großen Photovoltaikanlagen kostet heute nicht mehr als Strom aus neuen Gas- und Kohlekraftwerken: 8 bis 9 Cent/kWh. Strom aus kleinen Photovoltaikanlagen kostet aufgrund der Installationskosten etwas mehr (10 bis 12 Cent/kWh), lohnt sich aber ebenfalls, wenn er teilweise selbst verbraucht wird und Strombezugskosten (von durchschnittlich 28 Cent/kWh) einspart. Das ist ein weiterer Erfolg des EEG: Die Förderung hat neue Technologien, hat die Produktion von Windrädern und Solarmodulen so preiswert gemacht, dass sie mit konventionellen Kraftwerken mithalten kann.

Warum aber steigt dann die EEG-Umlage immer weiter an (im Jahr 2010 betrug sie schon 2,05 Cent/kWh, 2012 3,59 Cent/kWh und 2014 6,24 Cent/kWh)? Um dieses zu verstehen, muss man sich ansehen, wie die EEG-Umlage entsteht: Berücksichtigt werden Kosten und Einnahmen der mit der Vermarktung des Ökostroms beauftragten Übertragungsnetzbetreiber: Die Kosten sind im wesentlichen die festgelegten Vergütungen für eingespeisten Strom; die Einnahmen die Erlöse aus dem Stromverkauf an der Strombörse. Die Kosten steigen fraglos, das sich die Kosten für die in der Vergangenheit geförderten, teureren Anlagen summieren. Den Anstieg der EEG-Umlage erklärt dies aber nur zum Teil, wie ein Blick auf die Entwicklung von EEG-Vergütungen und EEG-Umlage zeigt:

Darstellung der Entwicklung von EEG-Vergütung und EEG-Umlage von 2004 bis 2014


Entwicklung von EEG-Vergütung (grau) und EEG-Umlage (rot) von 2004 bis 2014:
Während sich die EEG-Vergütung etwa versechsfacht hat, ist die EEG-Umlage etwa
doppelt so schnell gestiegen. Die Kostensteigerungen durch die Stromerzeugung aus
erneuerbaren Energien trägt also nur rund die Hälfte zum Anstieg der EEG-Umlage bei.
Eigene Abbildung, Zahlenquelle: (105)

Neben den Ausgaben wird die Höhe ja von den Erlösen an der Strombörse bestimmt. Und die sinken seit 2010. Das hat auch mit den erneuerbaren Energien zu tun: Im Unterschied zu klassischen Kraftwerken verursachen Wind, Sonne und Wasser keine Brennstoffkosten. Wenn sie viel Strom produzieren, sinkt der Börsenpreis für Strom. Konventionelle Kraftwerke werden dann abgeschaltet, da sie ihre Brennstoffkosten nicht mehr einspielen; Windräder, Wasserkraftwerke und Photovoltaik produzieren dann weiter. Welchen Einfluss sinkende Börsenpreise auf die EEG-Umlage haben, ist nicht leicht zu berechnen, für das Jahr 2013 haben die Energieberater von Energy Brainpool in einer Studie (106) für Agora Energiewende errechnet, dass ein um ein Cent sinkender Börsenpreis die EEG-Umlage um 0,3 Cent ansteigen lässt. Die meisten Stromversorger, die ihren Strom ebenfalls nicht selber erzeugen, sondern an der Strombörse einkaufen, profitieren natürlich von sinkenden Einkaufspreisen: Wie Energy Brainpool in einer weiteren Studie (107) für die Grünen gezeigt hat, sind je nach Beschaffungsstrategie die Einkaufspreise von 2009 bis 2014 um 1 bis fast 3 Cent/kWh gefallen. Das sollte eigentlich dazu führen, dass fallende Einkaufspreise zumindest diesen Anteil der EEG-Umlage überkompensieren; aber fallende Preise werden in der Regel nur verspätet und teilweise an die Endkunden weitergegeben - ein Teil der finanziellen Vorteile, die aus dem Ausbau erneuerbarer Energien auch folgen, bleibt also bei den Stromversorgern stecken.

Weiter steigt die EEG-Umlage dadurch, dass die EEG-Vergütung längst nicht mehr auf alle Stromverbraucher umgelegt wird. Insbesondere die Befreiungen für die stromintensive >>  Industrie führen dazu, dass eine steigende Last auch noch auf weniger Schultern verteilt wird. Grundsätzlich sind diese Befreiungen und Begrenzungen auch gerechtfertigt: Die Stahlindustrie etwa, bei denen die Stromkosten die Hälfte der Bruttowertschöpfung ausmachen, wäre ohne international nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber gute Interessenvertretung hat dafür gesorgt, dass die Befreiungen und Begrenzungen längst auch für Unternehmen gewährt werden, die überhaupt nicht im internationalen Wettbewerb stehen - der Braunkohleabbau etwa, obwohl Braunkohle weder importiert noch exportiert wird. Die Industriebefreiungen haben das sinnvolle Ausmaß längst weit überschritten; die Grünen fordern beispielsweise, sie auf den Stand von 2008 zurückzuführen. (Zum Argument der "Deindustrialisierung" - die deutsche Außenhandelsbilanz hat 2013 einen neuen Rekord erreicht, die deutsche Industrie gilt als die wettbewerbsfähigste der Welt. So hat beispielsweise der Aluminiumhersteller Norsk Hydro seine Produktion am Standort Neuss wieder hochgefahren (108), und die Aluhütte Adel in den Niederlanden meldete Insolvenz an - mit Verweis auf die niedrigen Industrie-Strompreise in Deutschland. Die EU-Kommission sieht die Begrenzung der EEG-Umlage in der Form des EEG 2012 denn auch als Verstoß gegen den fairen Wettbewerb und hat im Dezember 2013 ein Beihilfeprüfverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet.)

Die Auswirkungen dieser Faktoren auf die EEG-Umlage hat das Öko-Institut in einer >> Studie untersucht: Demnach ging der Anstieg der EEG-Umlage im Jahr 2014 zu weniger als die Hälfte auf den Zubau erneuerbarer Energien zurück, 37 Prozent gingen auf den fallenden Börsenstrompreis und 15 Prozent auf die Ausweitung der Privilegien für stromintensive Industrien zurück.

Damit bleiben aber immer scheinbare Mehrkosten für Strom aus erneuerbaren Energien; diese liegen nach dem oben gesagten bei rund der Hälfte der EEG-Umlage, also bei gut 3 Cent/kWh. Aber: Auch andere Energieträger wie Kohle und Atomstrom wurden (und werden) gefördert. Diese Förderung wirkt sich nur nicht auf den Strompreis aus, da sie (mit Ausnahme des "Kohlepfennigs") aus Steuergeldern erfolgte. Nach Berechnungen des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft machte die Kohleförderung von 1970 bis 2012 3,3 Cent/kWh aus, Atomkraft wurde mit 4 Cent/kWh gefördert. Würden diese Kosten ebenfalls auf den Strompreis umgelegt, gäbe es keinen Preisunterschied mehr.

Das ist aber noch nicht alles: Sowohl die Kosten für erneuerbare Energien als auch die für fossile Energieträger sind in Wirklichkeit noch höher. Bei den erneuerbaren Energien müsste man für einen fairen Vergleich berücksichtigen, dass bei einer alleinigen Stromversorgung mit erneuerbaren Energien entweder Stromspeicher oder Reservekraftwerke bereitgehalten werden mussten, um Schwankungen auszugleichen, und dass ein verstärkter Ausbau von Stromnetzen notwendig ist (>> mehr). Die Schätzungen über die Kosten hierfür schwanken: Der Sachverständigenrat für Umweltfragen geht auch langfristig von weniger als einem Cent/kWh aus, die Forschungsstelle für Energiewirtschaft von 3 Cent/kWh. Bei einer Stromversorgung aus erneuerbaren Energien wäre als mit weiteren Kosten von 1 bis 3 Cent/kWh zu rechnen (wobei die Erzeugungskosten weiter fallen dürften). Bei den allen Energieträgern müssten zudem die Kosten für die von ihnen verursachte Luftverschmutzung und den Klimawandel eingerechnet werden - die betragen bei den erneuerbaren Energieträgern nach einer Abschätzung (110) des Umweltbundesamtes zwischen 0,18 (Wasserkraft) und 3,84 Cent/kWh (Biomasse); bei fossilen Energieträgern zwischen 4,91 (Gas) und 10,75 Cent/kWh (Braunkohle). Spätestens hier wird klar: Berücksichtigt man wirklich alle Kosten, die die Energieerzeugung verursacht, sind erneuerbare Energien längst deutlich billiger als fossile Energien. (Atomkraft wäre übrigens noch teurer: Die Betreiber der beiden in Großbritannien in Hinkley Point C geplanten neuen Reaktoren fordern einen über 35 Jahre garantierten Preis von 10,9 Cent/kWh mit Inflationsausgleich (111) - umgerechnet auf die deutsche EEG-Förderung (20 Jahre ohne Inflationsausgleich) entspräche dies bei einer Inflation von 2 Prozent einem garantierten Preis von rund 34 Cent/kWh! Dazu kommen die externen Kosten der Atomkraft, die sehr umstritten sind, in den meisten Studien aber bei 10 - 30 Cent/kWh liegen.)

Bleibt noch die "neue sozialen Frage", nach der angeblich arme Hartz-IV-Empfänger mittels EEG reichen Zahnärzten fette Renditen aus Photovoltaikanlagen finanzieren. Wenn es den Kritikern wirklich um die Vermeidung sozialer Härten ginge (richtig ist, dass Bezieher niedriger Einkommen einen höheren Anteil ihres Einkommens für Strom bezahlen und daher von Strompreiserhöhungen - aus welchen Gründen auch immer diese erfolgen - stärker betroffen sind), wäre dieses leicht zu lösen: Alleine die Mehreinnahmen durch die Mehrwertsteuer, die ja auch auf die EEG-Umlage erhoben wird und mit dieser gestiegen ist, würden reichen, die Empfänger niedriger Einkommen von der EEG-Umlage zu befreien. Oder man könnte mit den Mehreinnahmen Grundsicherung, BAföG und Wohngeld erhöhen.

Wollte man Bezieher niedriger Einkommen entlasten, wäre dies also längst möglich gewesen - geschehen ist nichts. Ein Blick auf die Statistik zeigt zudem, dass die Haushalte durch steigende Kosten für Öl, Treibstoffe und Gas viel stärker belastet werden als durch die EEG-Umlage. Darüber wird nicht geredet. Bleibt also der Eindruck, dass die "neue soziale Frage" vor allem dafür sorgen soll, dass abgeschriebene Kohle- und (solange sie noch laufen dürfen) Atomkraftwerke noch lange für ihre Betreiber hochprofitabel (deren Renditen liegen übrigens höher als die von Photovoltaikanlagen) Strom erzeugen können. Dafür werden dann eben "geeignete Kommunikationsstrategien" entwickelt - manche sagen auch Strompreiskomplott dazu (112).

Wie weiter mit der Energiewende und dem EEG?

Wenn, wie oben dargestellt, Strom aus Windrädern an Land und Photovoltaik heute bereits konkurrenzfähig mit Strom aus neuen Kohle- und Gaskraftwerken ist, brauchen wir dann das EEG überhaupt noch? Ja, denn die Börsenpreise für Strom sind derzeit so niedrig, dass sich neue Kraftwerke - auch Gas- und Kohlekraftwerke - überhaupt nicht rechnen. Neue Kraftwerke brauchen wir aber - auch die bestehenden Kohlekraftwerke, im Schnitt über 30 Jahre alt, müssten in den nächsten Jahrzehnten erneuert werden. Solange aber bei der betriebswirtschaftlichen Entscheidung die externen Kosten keine Rolle spielen, sind ohne Förderung die besonders umweltschädlichen - und mit allen Nebenkosten insgesamt teuersten - Braunkohlekraftwerke mit Stromgestehungskosten von 4 bis 5 Cent/kWh am wirtschaftlichsten. Wenn wir den Klimaschutz ernst meinen und die Energiewende weitergehen soll, muss die Förderung erneuerbarer Energien weitergehen.

Eine bestehende Überförderung (auch die Hersteller von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien verstehen sich mittlerweile auf Lobbyismus) kann aber durchaus abgebaut werden. Die Denkfabrik "Agora Energiewende" (114) hält eine Vergütungs-Obergrenze von 8,9 Cent/kWh, die jährlich um ein Prozent fällt, für ausreichend, um im Jahr 2020 einen Anteil von 40 Prozent erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung zu erreichen. Für Unternehmen, die bisher eine auf 0,05 Cent/kWh reduzierte EEG-Umlage zahlen, sollte diese auf 0,5 Cent/kWh angehoben werden, um auch industrielle Großverbraucher, die von sinkenden Börsenpreisen profitieren, angemessen an den Kosten erneuerbarer Energieträger zu beteiligen. Ferner sollte es für steuerbare Anlagen, die bei Bedarf Strom erzeugen können (etwa aus Biogas) zusätzlich zur Vergütung eine Kapazitätsprämie von höchstens 500 Euro/kW geben. Mit dieser Regelung würde die Summe aus Großhandels-Strompreis und EEG-Umlage etwa gleich bleiben, für die Verbraucher müsste der Strom also nicht teuer werden.

Schnelle Energiewende macht unabhängig von russischem Gas

Über die Hälfte des Energieverbrauchs der EU beruht auf Importen - 2012 haben die EU-Länder hierfür 545 Milliarden Euro ausgegeben. Beim Öl beträgt der Importanteil 86 Prozent, bei Gas 66 Prozent. Da die heimischen Vorräte zu Neige gehen, steigt dieser Anteil tendenziell. Dass er voraussichtlich nur langsam steigt, liegt laut der Folgenabschätzung, die die EU-Kommission für die Weiterentwicklung der EU-Klima- und Energiepolitik hat erstellen lassen, an der Energiewende: Europa hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 20 Prozent energieeffizienter zu werden und einen Anteil von 20 Prozent erneuerbarer Energien zu erreichen. Energieeffizienz und erneuerbare Energieträger verringern aber den Verbrauch von Öl und Gas, deren heimische Vorräte besonders schnell zu Ende gehen.

Die Folgeabschätzung zeigt aber auch, dass es noch besser ginge: ein Klimaschutzziel von 40 Prozent weniger Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 würde die Gasimporte nicht - wie die Fortschreibung der bisherigen Politik - nur langsamer ansteigen, sondern sogar sinken lassen. Bei einem ambitionierteren Ziel von 45 Prozent weniger Emissionen und einem Anteil von 35 Prozent erneuerbarer Energien im Jahr 2030 würden die Gasimporte sogar um 28 Prozent sinken können - das entspricht rund drei Viertel der heute aus Russland importierten Gasmenge. Die Krimkrise hat gerade wieder gezeigt, wie erpressbar eine hohe Importabhängigkeit politisch macht - und das gilt nicht nur für Lieferungen aus Russland, wie die >> Geschichte des Erdöls zeigt. Die EU hat im März 2014 dennoch die Entscheidung über ihre zukünftige Klima- und Energiepolitik auf den Herbst vertagt; vor allem die stark von Kohle abhängigen Länder Osteuropas haben die vorgeschlagenen (ohnehin nicht sonderlich ambitionierten) Ziele abgelehnt. Hoffentlich verstehen auch diese Länder bald, dass die Alternative zur dreckigen Kohle nicht russisches Gas, sondern erneuerbare Energien sind.

Weitere Informationen:
>> Folgenabschätzung der europäischen Klima- und Energiepolitik, COM(2014) 15 final (pdf, 1,9 MB, englischsprachig)-

Vor allem aber wird es Zeit, unsere Stromerzeugung wirklich an das Zeitalter der erneuerbaren Energien anzupassen: Zur Deckung der Spitzenlast bei Flaute und an trüben Tagen werden sogenannte Back-up-Kapazitäten benötigt. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: ein ausgebautes Leitungsnetz (meist gibt es anderswo genug Wind und Sonne, der Strom muss aber transportiert werden); nach dem Strombedarf gesteuerte, flexible Kraft-Wärme-Koppelungsanlagen und Biomassekraftwerke; Lastmanagement (Anpassung der Nachfrage an die Stromproduktion, z.B. über veränderliche Strompreise); die Entwicklung von Speichertechnologien und die Bereitstellung von Gasturbinen. Technisch ist das Problem lösbar, problematisch ist der aktuelle Strommarkt - gehandelt werden heute Kilowattstunden, einen Markt für Erzeugungskapazität gibt es nicht. Zentraler Ansatzpunkt, damit die Stromversorgung zukünftig genauso sicher bleibt wie sie heute ist, ist die Schaffung eines neuen Markts für Investitionen in Kapazität.

Wie für zu einem neuen, auf die Energiewende abgestimmten Marktdesign für die Energiewirtschaft kommen, hat Agora Energiewende ebenfalls vorgeschlagen. Um das Vorgehen transparent zu halten, schlagen die Experten folgende Schritte vor:

  • Analyseprozess: Wissenschaftler und Berater stellen die verschiedenen Modelle, die zugrunde liegenden Annahmen sowie deren Kosten und Anforderungen transparent dar.

  • Die verschiedenen hieraus entstehenden Optionen für ein künftiges Energiemarktdesign werden in einem "Grünbuch" beschrieben und öffentlich diskutiert; Stellungnahmen hierzu werden veröffentlicht.

  • In einem "Weißbuch" wird die Position der Bundesregierung dargestellt; hierzu eingehende Kommentare werden wiederum veröffentlicht.

  • Auf dieser Basis wird ein Gesetzesentwurf entwickelt, der im üblichen Verfahren verabschiedet wird.

Mit dem EEG 2014 gab es erstmals verbindliche, technologiespezifische "Ausbaukorridore" für erneuerbare Energien - angeblich, um den Ausbau kosteneffizienter zu machen. Tatsächlich wird damit erstmals der Ausbau erneuerbarer Energien praktisch gesetzlich begrenzt. Angesichts der Tatsache, dass die EEG-Vergütung vor allem von teuren Altanlagen verursacht wird und die Industrieprivilegien weitgehend erhalten wurden (sogar die gar nicht im internationalen Wettbewerb stehende Braunkohle zahlt weiterhin - im Rahmen einer unbegrenzten "Härtefallregelung" - eine reduzierte EEG-Umlage), dürfte die EEG-Umlage kaum sinken. Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte aber gebremst werden. Für die Energiekonzerne ist das aber eine gute Nachricht: sie bekommen "Zeit für den Umbau" des Energiesystems und können mit ihren Kohle- und Atomkraftwerken ein wenig länger gutes Geld verdienen. Ihre Lobbyarbeit (beschrieben z.B. in >> Kreutzfeld 2014) scheint Früchte zu tragen.

Nach so viel "erneuerbaren Energien" sei aber auch noch einmal daran erinnert, dass die Energiewende mehr ist als der Umstieg auf erneuerbare Energien: Genauso wichtig - und sogar noch preisgünstiger - ist die Steigerung der >> Energieeffizienz. Die aber ist bisher sehr halbherzig angegangen worden. Immerhin hat auch Wirtschaftsminister Gabriel, mittlerweile zuständig für die Energiewende, erkannt, dass wir auf dem Weg zur Energiewende erst zehn Prozent geschafft haben, und Energieeffizienz als "schlafenden Riesen" identifiziert (116). Da hat er recht - hoffen wir, dass die Einsicht Konsequenzen hat.

Mehr zur Energie der Zukunft auf diesen Seiten:
>> Saubere Energie
>> Erneuerbare Energien
>> Mögliche Energiezukünfte

Einstiegsseite >> Energie (im Industriezeitalter)

Hintergrundinformationen auf diesen Seiten:
>> Eine kleine Geschichte des menschlichen Energieverbrauchs
>> Energie und ihre Einheiten
>> Eine kleine Geschichte der Erforschung der Energie

Webtipps

>> Energiewende "für Dummies": die wichtigsten Zusammenhänge einfach und
     verständlich - so hoffen zumindest die Autoren (ist auch gelungen ).

>> Erneuerbare Energie und Klimaschutz: die Seite von Volker Quaschning, Autor des
     gleichnamigen Fachbuches (Hanser Verlag 2013 - ebenfalls lohnend).

>> Energiewende: das Original vom Öko-Institut Freiburg.

>> Agora Energiewende: der wohl aktivste "Think Tank" zum Thema.

© Jürgen Paeger 2006 - 2014