Einführung

Worum es auf diesen Seiten geht und was Sie erwartet

Als im Jahr 1968 die Raumfahrer der Apollo 8 als erste Menschen die Erde über dem Mond aufgehen sahen, war das nicht nur für sie ein neuer Blick auf die Erde: Das Foto ging um die Welt. Einer der Raumfahrer, der Astronaut James Lovell, beschrieb die Erde als “eine prachtvolle Oase in der riesigen Wüste des Weltalls”. Das Leben auf der Erde wurde erst durch den Blick von außen als hauchdünne, zerbrechlich erscheinende Schicht erkannt. Das Leben beruht auf geradezu phantastisch anmutenden "Lebenserhaltungssystemen", von denen auch das Wohlergehen der Menschheit abhängt – deren Funktionsfähigkeit wir heute aber gefährden. Wenn uns das Leben wichtig ist, sollten wir vom Ausbeuter zum Hüter des "Raumschiffs Erde" werden.

Aufgang der Erde über dem Mond

Aufgang der Erde über dem Mond. Aufgenommen von der Besatzung der Apollo 8
im Dezember 1968. Foto: NASA.

Der neue Blick auf die Erde fiel in eine Zeit, in der erstmals viele Menschen ein Bewusstsein für den "Umweltschutz" entwickelten und eine globale Umweltbewegung entstand (und vielleicht trug ja das Foto auch zu der Entstehung dieses Bewusstseins bei). Diese Umweltbewegung hatte erkannt, dass die Menschheit allen technischen Fortschritten zum Trotz immer noch auf Gedeih und Verderb von Prozessen in natürlichen Ökosystemen abhängt: In diesen entsteht die Luft, die wir atmen, wird das Wasser gereinigt, das wir trinken, der Boden gebildet, auf dem unsere Nahrung wächst... Und nichts geht ohne den ständigen Energiefluss von der Sonne, ohne den ständigen Kreislauf von Stoffen in den Ökosystemen, ohne die komplexen Prozesse, die unser Klima regulieren. Das ist es, was die Erde von allen anderen Himmelskörpern unterscheidet, die wir kennen: die Erde ist selbst ein Ökosystem, eben jene von James Lovell beschriebene Oase in den Weiten des Weltraums.

Wir sind auf Gedeih und Verderb von der Funktion
natürlicher Ökosysteme abhängig

Das Bild vom Ökosystem Erde hat noch eine andere Vorgeschichte: Bei der theoretischen Vorbereitung der Apollo-Missionen fragte sich der englische Naturwissenschaftler James Lovelock, der als Berater der NASA an Programmen zur Entdeckung von außerirdischem Leben beteiligt war, woran dieses zu erkennen wäre? Lovelocks Idee: Durch ihren Stoffwechsel verändern lebende Organismen das chemische Gleichgewicht ihrer Umgebung. So ist etwa der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre nur durch die ständige Produktion von Sauerstoff durch Pflanzen zu erklären – ohne ständigen Nachschub hätte der chemisch sehr reaktionsfreudige Sauerstoff längst mit anderen Substanzen reagiert; freien Sauerstoff in der Atmosphäre würde es nicht geben.

Als Lovelocks Tätigkeit für die NASA endete, beriet er den Mineralölkonzern Shell – Shell begann damals, auch ein Erfolg der Umweltbewegung, sich ernsthaft mit der Luftverschmutzung zu beschäftigen. Lovelock verband seine alten mit den neuen Fragen: Wenn die Luft der Erde durch die Lebewesen verändert wird, dann kann man die Atmosphäre nicht als passive chemische Einheit betrachten, sondern muss die Wechselwirkungen zwischen Lebewesen, Erde und Atmosphäre – und jetzt eben auch der Luftverschmutzung – untersuchen. Das Ergebnis dieser neuen Sichtweise war die GAIA-Hypothese, die Lovelock 1979 veröffentlichte: Das Leben beeinflusse seine Umgebung derart, dass diese für das Leben optimal sei; die Erde insgesamt könne als planetengroßer Organismus betrachtet werden – den Lovelock nach der griechischen Erdgöttin „GAIA“ nannte. Die GAIA-Hypothese wurde heftig diskutiert. Vor allem der Ausdruck optimal führte zu scharfer Kritik, da hierdurch ein Ziel nahe gelegt werde. Lovelock überarbeitete daraufhin seine Hypothese und zeigte, dass Rückkoppelungen auch ohne irgendein vorgegebenes Ziel zur Stabilisierung der Umwelt – zur Entstehung von "Lebenserhaltungssystemen" – führen können.

Dass diese Diskussion nicht zu einer esoterischen wurde, lag an den in den 1980er Jahren erstmals ins Bewusstsein tretenden globalen Umweltveränderungen: Am Ozonloch und am Klimawandel. Konnte es wirklich sein, dass die relativ kleinen Mengen der für harmlos gehaltenen Fluorchlorkohlenwasserstoffe die Ozonschicht zerstörten? Woran lag es, dass die Erde immer wärmer wurde? Schnell gerieten die Treibhausgase in Verdacht; und um deren Rolle genauer zu verstehen, untersuchten die Wissenschaftler das Klima vergangener Zeiten und die damalige Zusammensetzung der Luft. Schnell wurde klar, dass hinter der Steuerung des Erdklimas ein komplexer Mechanismus steckt, und dass nicht nur das Leben dabei eine entscheidende Rolle spielt, sondern sogar kosmische und geologische Ereignisse. Das Treibhausgas Kohlendioxid ist beispielsweise Bestandteil eines erdumspannenden Kohlenstoffkreislaufs: es wird von den Lebewesen in riesigen Mengen aus der Luft genommen und abgelagert, etwa in Form von Kalkstein (der aus den Kalkschalen abgestorbener Meeresorganismen entsteht) oder von Kohle – das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entsteht, wurde vor vielen Tausend Jahren von Pflanzen der Umwelt entzogen. Was die Freisetzung von Kohlendioxid durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe bedeutet, kann man nur verstehen, wenn man die Rolle des Kohlenstoffkreislaufes auf der Erde und für das Leben versteht.

Das Treibhausgas Kohlendioxid ist Bestandteil eines erdumspannenden Kohlenstoffkreislaufs

Lovelocks Idee von der Erde als Organismus geht zu weit (die Erde kann sich ja zum Beispiel nicht fortpflanzen); aber dass das Leben seine Umwelt verändern kann, ist inzwischen unbestreitbar. Und auch, dass diese Veränderungen bisher dem Erhalt des Lebens förderlich waren – in den über drei Milliarden Jahren des Lebens auf der Erde hat sich trotzt erheblicher Veränderungen etwa der Sonneneinstrahlung das Leben auf der Erde halten können.

Eine Art hatte in jüngster Zeit einen besonders großen Einfluss: der Mensch. Wir sind inzwischen selbst zu einer Art geologischer Kraft geworden, die im Laufe unserer Geschichte einen Einfluss auf die Ökosysteme der Erde erlangt wie keine einzelne Art jemals zuvor. Es gibt keinen Flecken Erde mehr, der nicht von uns verändert wurde. Wir verwenden inzwischen etwa 40 Prozent der biologischen Produktion auf der Erde für uns; und dieser Einfluss wird noch zunehmen: Die Zahl der Menschen wird aller Voraussicht nach von heute über 7,5 Milliarden auf 9 Milliarden wachsen; und mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung wächst (bisher jedenfalls) auch der Pro-Kopf-Verbrauch an natürlichen Ressourcen. Der Klimawandel zeigt, dass dieser menschliche Einfluss die Erde insgesamt verändert – manche Wissenschaftler gehen sogar soweit, die letzten hundert Jahre der Erdgeschichte als Anthropozän zu bezeichnen, als das Zeitalter, in dem der Mensch den Zustand der Erde bestimmte.

Immer deutlicher wurde dabei umgekehrt auch, wie tiefgreifend die Gegebenheiten des Ökosystems Erde schon immer die Geschichte des Menschen beeinflusst hatten. Die Evolution der Tierwelt lässt sich nur erklären, wenn man die Bewegung der Kontinentalplatten berücksichtigt; und als Ergebnis gab es in Eurasien Tiere, die man zähmen konnte – darunter Pferde, ohne die wohl die Geschichte nach der Entdeckung Amerikas seitens der Europäer ganz anders verlaufen wäre. Oder die Entstehung und Verteilung der Rohstoffe auf der Erde, die ebenfalls die Geschichte beeinflussen sollte: Wie sähe wohl heute Saudi-Arabien ohne Erdöl aus? Ökologische Gegebenheiten gaben die Richtung vor, in die menschliche Gesellschaften sich entwickeln konnten: Ackerbau braucht fruchtbare Böden und ausreichend Wasser; Grasländer, die für den Ackerbau zu trocken waren, brachten Nomadengesellschaften hervor. Wo der Ackerbau aber möglich war, wuchs die Bevölkerung; und erreichte eine kritische Masse für technische und soziale Erfindungen, die es dem Menschen immer leichter machte, sich die Ressourcen für sein eigenes Überleben zu sichern: Nahrung, Kleidung, eine Behausung, Brennstoffe und vieles andere. Und letztlich zur Industriellen Revolution führte, die wiederum die Umweltverschmutzung derart beschleunigte, dass sie zu globalen Problem wurde. Längst befindet sich die Menschheit – ohne dass die meisten Menschen es bereits bemerken – auf dem Rückzug: einst produktive Böden sind verloren, einst fruchtbare Täler versalzen, vielerorts wurde das Grundwasser unter die Reichweite von Pflanzenwurzeln abgesenkt; und jetzt gefährdet der Anstieg des Meeresspiegels die am dichtesten besiedelten Regionen der Erde: die Meeresküsten.

Was Sie erwartet

“Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”, hat Friedrich Hölderlin geschrieben, und so sind ganz neue Wissenschaftsrichtungen entstanden wie die Erdsystem-Wissenschaften Geophysiologie oder Biogeochemie, die sich im Grenzbereich von Geologie und Biologie mit den Wechselwirkungen zwischen Leben und  Umwelt beschäftigt. Die anderen Wissenschaften haben sich des Themas natürlich auch angenommen, und viele neue Erkenntnisse gewonnen, die wir brauchen werden, wenn der oben angedeutete Rückzug der Menschheit nicht ins Unglück führen soll. Der globale Einfluss des Menschen ist heute etwa dank der Raumfahrt unbestreitbar dokumentiert: Satellitenfotos zeigen für jeden frei zugänglich im Internet, wie der Mensch die Erde verändert und in vielen Fällen Ökosysteme komplett zerstört hat. Die Medien berichten ausführlich über diese Erkenntnisse.

Wir wissen, dass alles, was die Funktionsfähigkeit der natürlichen Ökosysteme – unserer "Lebenserhaltungssysteme" – stört, letztendlich unser eigenes Wohlergehen und die  Zukunftsaussichten der menschlichen Zivilisation beeinträchtigt. Wenn diese uns etwas bedeuten, sollten wir schon daher vom Ausbeuter zum Hüter der Biosphäre dieser Erde werden. Der Philosoph Peter Sloterdijk hofft, dass die Satelliten die Rolle übernehmen, für die der Mensch einst die Götter hatte: die allaufmerksame Beobachtung unseres Lebens von oben. Was wir mit der Erde machen, die Satelliten sehen und messen es. Nur werden wir von Satelliten nach unserem Tod nicht wie von Göttern zur Rechenschaft gezogen: diese Rolle muss unser Gewissen selbst übernehmen. Das nötige “Weltgewissen” wird, so hofft Sloterdijk, dann entstehen, wenn die Beobachtung von außen stark genug wird, ein Gegengewicht zur lokalen Egozentrik zu bilden. Es gibt genug Möglichkeiten, es besser zu machen – klüger mit dem "Raumschiff Erde" umzugehen: Mit dem heute verfügbaren Wissen können wir eine Zukunft entwerfen, die uns mit einer wesentlich effizienteren Nutzung von natürlichen Ressourcen und von Energiequellen ein gutes Leben ermöglicht, ohne die Funktionsfähigkeit natürlicher Ökosysteme zu gefährden. Qualitativ hochwertige, langlebige Güter, die man auch reparieren kann; effiziente Energienutzung und erneuerbare Energiequellen; aber auch eine Abkehr von der (falschen) Vorstellung, dass man Glück kaufen könne, sind Bausteine auf diesem Weg; die Nachahmung der zahlreichen, seit Jahrtausenden bewährten Beispiele für gute Lösungen aus der Natur (genannt "Biomimikry") eine der vielen möglichen Methoden.

Um all diese Themen geht es auf diesen Webseiten. Angefangen von unserem aktuellen Wissen über die Entstehung des Universums und der Erde werden die Erkenntnisse der Biogeochemie über die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Leben dargestellt, die Entwicklung des Lebens, die Evolution des Menschen, unsere Geschichte mit der Erfindung der Landwirtschaft und der Industriellen Revolution und ihren Folgen für die Umwelt und schließlich die Möglichkeiten einer Zukunft, die natürliche Ökosysteme nicht gefährdet, sondern als schützenswerte Basis unseres Lebens begreift. Wo was zu finden ist, zeigt die Übersicht über die thematische Gliederung dieser Seiten. Ich hoffe, mit diesen Seiten dazu beitragen zu können, allen an Umwelt- und Zukunftsfragen Interessierten einen Einstieg in die aktuelle Diskussion zu bieten, der auch für Nicht-Fachleute verständlich ist. Mit der Bedeutung des Themas ist ja nicht nur die Menge der Informationen gewachsen, sondern auch die Versuche von Interessengruppen und Exzentrikern, die Menschen mit falschen Informationen zu verwirren oder mit ihnen Aufmerksamkeit zu erregen. Dagegen kann man sich nur wehren, indem man selber denkt; indem man lernt, hilfreiche Informationen von offensichtlichem Unsinn zu unterscheiden. Darum geht diese Darstellung auch weiter, als nur Informationen anzubieten: Immer wieder wird auch gezeigt, wie welche Informationen gewonnen wurden und woher wir das eigentlich wissen, was da behauptet wird.

Ein paar Worte zu den Naturwissenschaften

Der Autor dieser Seiten ist Naturwissenschaftler. Was hier dargestellt wird, ist das Ergebnis von mittlerweile ein paar Hundert Jahren (natur)wissenschaftlicher Forschung. (Natur)wissenschaftliche Forschung beruht auf der Annahme, dass es eine natürliche, materielle Welt gibt, die wir mit Naturgesetzen beschreiben können. Alles, auch das Leben und das Bewusstsein des Menschen, ist letztlich eine (emergente, das heißt aus dem Zusammenwirken der Bestandteile dieser natürlichen Welt in Systemen entstandene) Eigenschaft dieser materiellen Welt. Wir können mit dem heutigen Stand der Wissenschaft noch längst nicht alles verstehen, aber doch erstaunlich viel. Aber wissenschaftliches Denken hat einige Voraussetzungen, die man kennen sollte, um seine Aussagen richtig verstehen zu können. Daher an dieser Stelle  ein paar Worte zur Arbeitsweise der Naturwissenschaften. Zuerst gilt es zu verstehen, dass die Naturwissenschaften eine Methode sind, kein Bestand an Fakten. Die Naturwissenschaften versuchen, sich mit Experimenten einer zutreffenden Beschreibung der Realität immer weiter anzunähern. Typischerweise wird zunächst eine Annahme (Hypothese) formuliert, aus dieser werden Vorhersagen abgeleitet, die mit Experimenten möglichst bestätigt (oder widerlegt, siehe hierzu auch unten) werden. Experimente werden möglichst so angelegt, dass es nur eine offene Frage gibt, die mit dem Experiment nachvollziehbar beantwortet werden kann. Diese Art zu denken fing mit Galileo Galilei an: Dieser vermutete (Annahme), dass alle Gegenstände unabhängig von ihrem Gewicht gleich schnell zur Erde fallen. Eine seiner Vorhersagen war, dass eine Blei- und eine Holzkugel gleich schnell fallen sollen, wenn man sie vom schiefen Turm von Pisa fallen lässt. Das konnte er aber mit den damaligen Mitteln nicht messen, deshalb untersuchte er (seine Experimente) den verlangsamten Fall auf einer schiefen Ebene. Mit dem Vergleich zweier Kugeln versuchte er zudem, den Einfluss des Luftwiderstands zu minimieren; Kugeln und Oberfläche der schiefen Ebene polierte er zudem, um auch die Reibung zu minimieren. Auch große Fragen werden in kleinere Teile zerlegt, die mit solchen Experimenten beantwortet werden können, diese Methode heißt Reduktionismus. Die Experimente werden in wissenschaftlichen Artikeln immer genau beschrieben - damit man nachvollziehen kann, welche Frage wie beantwortet werden sollte, wie andere Einflussfaktoren ausgeschaltet wurden und auf welchen Ergebnissen die anschließenden Schlussfolgerungen beruhen. Natürlich können auch Wissenschaftler dabei Fehler machen, aber bei guten wissenschaftlichen Zeitschriften werden die Beiträge schon vor der Veröffentlichung von Kollegen geprüft, die nicht wissen, wer der Autor ist (um nicht von “großen Namen” beeindruckt zu werden), und anschließend von ihren übrigen Kollegen ebenso kritisch - kann man doch eine eigene Veröffentlichung erreichen, wenn man einem Kollegen einen Fehler nachweist. Hier geht es aber - und das wird oft missverstanden - nicht um Meinungen, sondern Fehler sind objektiv nachweisbar - ein Ergebnis hat etwa deshalb keine Aussagekraft, weil der Einfluss des Faktors X nicht ausgeschlossen wurde. Wird ein Naturwissenschaftler dabei erwischt, hat er verloren (und darum sind gute Forscher oft vor der Veröffentlichung selbst die schärfsten Kritiker ihrer Arbeit).

Wie kann man hilfreiche Informationen von offensichtlichem Unsinn unterscheiden?

Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei quantitatives Denken: Wissenschaftler – und die Leser ihrer Ergebnisse – müssen in der Lage sein, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen und zufällige Resultate zu erkennen. Wer dieses nicht kann, fängt an, Zufälligkeiten eine verborgene Bedeutung zuzuschreiben (die Grundlage von Aberglauben): Wer kennt nicht das Beispiel von Bekannten, die einen gerade dann anrufen, wenn man an sie denkt? (Nathalie Angier berichtet in ihrem Buch Naturwissenschaften von einer Geschichte des Physikers Alan Guth, dessen Schwester seine Mutter genau in dem Augenblick anrief, als ein Polizist die Todesnachricht eines Onkels überbrachte. Musste das nicht Gedankenübertragung sein? Guth als Physiker errechnete die Wahrscheinlichkeit: Da die Schwester die Mutter einmal in der Woche vor oder nach der Arbeit anrief, und der Polizist von etwa 17 bis nach 19 Uhr bei der Mutter war, war das Zusammentreffen jedenfalls auch ohne Gedankenübertragung nicht unwahrscheinlich. Ansonsten entsteht das Phänomen dadurch, dass wir in der Regel vergessen, an wen wir im Laufe des Tages gerade denken – es sei denn, er ruft uns gerade dann an.) Quantitatives Denken kann man üben, indem man etwa Zahlenangaben immer anhand von Überschlagsrechnungen darauf prüft, ob sie wenigstens von der Größenordnung her stimmen könnten. (Wieder ein Beispiel frei nach Angier: Ihr Nachbar erzählt Ihnen, dass er in diesem Jahr so oft laufen geht, dass er zusammengerechnet einmal die Erde umrundet. Selbst wenn sie gerade nicht wissen, wie groß der Erdumfang ist, erinnern Sie sich an ihren letzten Flug nach Australien – in 24 Stunden einmal halb um die Erde. Da ein Flugzeug – sie erinnern sich an die Pilotendurchsage – 800 Stundenkilometer fliegt, macht das 19.200 Kilometer; einmal um die Erde also gut 38.000 Kilometer. Sie können stolz auf Ihren Nachbarn sein: er hat anspruchsvolle Pläne, er will im Schnitt über 100 km pro Tag laufen ...) Ein spezieller Aspekt quantitativen Denkens sind Statistiken. Mit Statistiken kann und wird viel Schindluder getrieben, und eine Einführung in die Statistik würde diesen Text überfordern. Tückisch ist schon die Angabe von Durchschnittswerten: Wenn 21 Familien eine Steuererstattung von durchschnittlich 3.500 Euro erhalten, kann das auch bedeuten, dass 20 von ihnen eine Rückerstattung zwischen 100 und 300 Euro erhalten und eine Familie eine von 70.000 Euro – wenn solche Extreme vorliegen, wäre der Zentralwert (Median) die sinnvollere Angabe; er läge in diesem Beispiel, das wieder von Nathalie Angier stammt, bei 200 Euro. Das sind aber schon Feinheiten. Was Sie auf jeden Fall wissen müssen: Eine statistische Beziehung, eine Korrelation, ist kein Beweis! So gibt es eine Korrelation zwischen der Abnahme der Störche in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und dem Rückgang der Geburtenrate – trotzdem sind es nicht die Störche, die die Kinder bringen. Fragen Sie sich also immer, ob eine Korrelation sich mit dem deckt, was Sie aus anderen Quellen wissen. Dann glauben Sie auch keinem mehr, der ihnen erzählt, dass die Fruchtbarkeitsrate von Frauen vom Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens abhängt (obwohl es eine statistische Korrelation gibt!); und es kann ihnen keiner erzählen, dass Sie länger in Urlaub fahren können, wenn ihre Miete erhöht wird (es gibt eine statistische Korrelation zwischen Miethöhe und Urlaubslänge, in diesem Fall dadurch bedingt, dass beide vom Einkommensniveau abhängen.) Auch die zugrundeliegenden Annahmen sollte man immer prüfen, siehe das Beispiel der Berechnung des Anteils erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung.

Aber all dieser Methodik und Sorgfalt zum Trotz, beweisen können Naturwissenschaftler eigentlich gar nichts. Der Philosoph Karl Popper etwa vertrat die Ansicht, dass noch so viele Einzelbelege ja nicht ausschließen, dass es einen übersehenen Einflussfaktor gibt, und man daher streng gesehen nur falsche Vermutungen widerlegen, aber niemals richtige “beweisen” kann. Naturwissenschaft ist daher immer nur eine Annäherung an die Realität. Um diese immer besser zu machen, machen Wissenschaftler Kontrollversuche, um möglichst viele Einflussfaktoren auf verschiedene Art und Weise auszuschließen (den Einfluss des Luftwiderstandes im obigen Beispiel können Sie etwa auch ausschließen, indem der Versuch im Vakuum durchgeführt wird). Und sie versuchen, ihre Ergebnisse auf andere Art und Weise zu bestätigen. Ein aktuelles Beispiel: Die Frage, ob die Erde in den letzten Jahrzehnten wirklich wärmer geworden ist, wird nicht nur durch Temperaturmessungen belegt, sondern beispielsweise auch durch Untersuchungen des Blütebeginns im Frühjahr (immer früher), der Veränderung von Höhenstufen in den Bergen (Pflanzen und Tiere wandern nach oben) und der Ausdehnung von Gletschern (geht zurück). Und so kommen wir insgesamt zu einer Beschreibung der Realität, die recht zuverlässig ist; manche Erkenntnisse sind auch so gut belegt, dass sie praktisch als sicher gelten (das heißt zum Beispiel, dass es sich praktisch nicht lohnt, immer wieder Alternativen zu prüfen – etwa die neueste Version des Perpetuum mobile). Das ist auch daran zu erkennen, dass die meisten großen wissenschaftlichen Theorien ihre Vorläufer nicht ablösen, sondern ergänzen: Albert Einsteins Relativitätstheorie hat Newtons klassische Physik ja nicht als falsch abgelöst, sondern “nur” für die Anwendung auf extrem kleine und extrem große Dimensionen oder Energien erweitert. (>> mehr). Wenn aber heute die Bahn der Erde um die Sonne berechnet wird, werden dazu immer noch Newtons Bewegungsgesetze verwendet – in diesen Dimensionen stimmen sie und sind viel einfacher zu verwenden. Wissenschaftliche Revolutionen sind selten, und finden vor allem dort statt, wo Neuland betreten wird. Beispiele auf diesen Seiten, in denen hiervon berichtet wird, sind Darwins Evolutionstheorie (>> hier), die Entdeckung der Plattentektonik (>> hier) und die Entdeckung der DNA als “Erbmolekül” (>> hier). Die Wissenschaft weiß aber recht gut, wo ihre Feststellungen hohe Aussagekraft haben (und faktisch dann doch als Tatsache gelten – die Fallgeschwindigkeit von Körpern ist unabhängig von Ihrem Gewicht, und die Lebewesen einschließlich des Menschen haben eine Evolution durchlaufen) und wo noch Revolutionen zu erwarten sind (siehe etwa >> hier). Wenn aber jemand behauptet, dass der menschliche Einfluss auf den Klimawandel noch nicht bewiesen ist, ja selbst der Weltklimarat nur von Wahrscheinlichkeiten spricht, dann wissen Sie: Der Weltklimarat ist einfach wissenschaftlich korrekt und kann daher nur sagen, dass der menschliche Einfluss “sehr wahrscheinlich” ist (was eine Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent bedeutet); auf einen “Beweis” aber können wir ewig warten. Was wir aus einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent für Schlussfolgerungen schließen, ist dann keine Wissenschaft mehr, sondern eine individuelle Entscheidung. Ich persönlich würde, wenn mein Haus mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent abbrennen würde, eine Feuerversicherung abschließen.

Effektive Beschreibungen

Was Sie hier finden, ist natürlich keine Wissenschaftsseite, sondern der Versuch einer allgemeinverständlichen Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse. Die Welt besteht eben nicht nur aus Atomen, sondern auch aus Geschichten (frei nach der US-amerikanischen Schriftstellerin Muriel Rukeyser). Aber diese Geschichten dürfen – das ist hier ein Qualitätskriterium – den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Welt nicht widersprechen. Ebenso, wie es in der Wissenschaft „effektive Theorien“ gibt, gibt es „effektive Beschreibungen“, die verschiedene Ebenen der Welt mit ihren emergenten Eigenschaften widergeben. Eine solche ist z.B. die Zuschreibung von Ursache und Wirkung. Auf fundamentaler Ebene ist nicht sicher, ob es diese wirklich immer gibt: Warum sind die Naturkonstanten so, wie sie sind? Es kann sein, dass es eine Ursache gibt, die wir noch nicht kennen, es kann aber auch sein, dass sie – als „nackter Fakt“ – einfach so sind, wie sie sind. In unserem Leben hat sich aber die Annahme, dass es immer eine Ursache für bestimmte Ereignisse geben muss, bewährt; sie hat der Menschheit oft weitergeholfen. (Ist aber auch mit Vorsicht zu genießen: Die Suche nach Mustern ist im Menschen so tief verankert, dass mitunter Unsinn „erkannt“ wird, vom Gesicht des Planeten Mars bis hin zur menschlichen Tendenz, zu vermuten, dass Menschen an ihrem Unglück irgendwie selbst Schuld sein müssen, auch wenn offensichtlich Schicksalsschläge hinter diesem stecken.)

Was nicht zu den Aufgaben der Wissenschaft gehört (auch wenn jeder Wissenschaftler als Mensch hierzu natürlich eine Meinung hat), sind die Schlussfolgerungen, die wir aus den Beschreibungen ziehen: Gut und schlecht sind ebenso wie Schönheit menschlichen Bewertungen jenseits der Beschreibung der Welt. Insofern geht diese Seite auch über die Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse hinaus: Ich bin der Meinung, dass die Welt und das Leben schön sind, und dass es sich lohnt, für ihre Erhaltung zu kämpfen. Und gerade weil wir kosmologisch gesehen nur ein kleiner unbedeutender Planet irgendwo am Rande der Milchstraße sind, einer von über 100 Milliarden, also unzählig vielen Galaxien, glaube ich auch nicht, dass sich irgendwer außerhalb der bekannten natürlichen Welt darum kümmern wird, das müssen wir schon selber machen. Die Menschheit ist vermutlich nur für uns Menschen selbst interessant. Die Entscheidungen, die unsere Zukunft betreffen, treffen wir selber. Ich hoffe, diese Seiten leisten einen kleinen Beitrag, dass es die richtigen Entscheidungen werden.

Noch ein paar praktische Hinweise ...

Manche Fachwörter sind unverzichtbar oder hilfreich, da sie auch in der öffentlichen Diskussion verwendet werden. Sie sind auf diesen Seiten wie oben bei “Stoffwechsel” blau hinterlegt (oder, auf älteren Seiten wie ein Link grün, aber mit einem Pfeil gekennzeichnet) und in einem Glossar erläutert. Eine Übersicht über die thematische Gliederung dieser Seiten finden Sie, wie schon erwähnt, >> hier. Zu jedem Thema gibt es Literaturtipps (>> Literatur) und oft auch Hinweise auf empfehlenswerte Webseiten (“Webtipps”).

Gerne nehme ich auch Anregungen und Hinweise auf. Meine Kontaktdaten finden Sie im >> Impressum. Ob Sie andere Webseiten kennen, auf die ich hinweisen sollte; sachliche Fehler oder auch Rechtschreibfehler entdecken oder sogar eigene Beiträge anbieten wollen – schreiben Sie mir. Für Kritik und Anregungen bin ich offen; mit einer Ausnahme: Wenn Sie mich darauf hinweisen wollen, dass die Evolution nicht stattgefunden haben kann, weil in der Bibel was anderes steht oder dass der Klimawandel nicht wahr sein kann, weil Sie einfach nicht glauben, dass so wenig Kohlendioxid in der Luft ein Treibhausgas sein kann (in den ersten vier Jahren des Bestehens dieser Seite die häufigsten Themen von Zuschriften), dann können Sie sich die Mühe sparen. Für Glaubensfragen ist diese Seite nicht gedacht, die werden hier auch nicht diskutiert. Und ebenso akzeptiere ich auch gegen Bezahlung (die häufigsten Anfragen in letzter Zeit) keine Beiträge, die einen Link auf die Seite des „Sponsors“ enthalten (also in Wirklichkeit versteckte Werbung sind). Das ist auch ein Versprechen an die Leser: Über alle Links entscheide ich ausschließlich aufgrund meiner Einschätzung der verlinkten Seite, versteckte bezahlte Werbung sollte es nicht (ich kann aber nicht jede verlinkte Seite ständig prüfen, und es ist schon vorgekommen, dass verlinkte Seiten sich plötzlich überraschend verändert haben – Internet-Marketing ist erfinderisch. Sollten Sie eine verlinkte Seite finden, die nicht zu dem oben Gesagten zu passen scheint, bitte ich um einen Hinweis).

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