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Die Kopenhagener Vereinbarung 2009
Aber selbst wenn das Reduktionsziel des Kyoto-Protokolls eingehalten werden könnte: Der globale Ausstoß an Treibhausgasen ist von 1990 bis 2008 um über 30 Prozent gestiegen, also im wesentlichen ungebremst. Bis 2012 wird er voraussichtlich um etwa 40 Prozent steigen. Dies liegt auch an den Emissionen der bisher nicht zu Reduktionen verpflichteten Schwellenländer, insbesondere China mit seiner boomenden Wirtschaft und riesigen Bevölkerung:
Entwicklung des Anteils der Regionen an den globalen Kohlendioxid-Emissionen von 1973 bis 2004 (Asien* = Asien ohne China). Inbesondere der Anteil von Asien einschl. China ist stark gestiegen. Abbildung nach Internationale Energieagentur: Key World Energy Statistics 2006.
Das Ziel: 2 Grad Celsius und Anstrengungen, die noch nicht ausreichen
Dieses Wachstum der Kohlendioxid-Emissionen steht in einem unübersehbaren Widerspruch zu den wachsenden Erkenntnissen, was “die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird,” eigentlich bedeutet. Was eine gefährliche anthropogene Störung ist, ist letzlich eine politische Entscheidung - welche Folgen sind wir bereit, in Kauf zu nehmen, welche Risiken sind wir bereit zu tragen? Die Antwort hierauf kann also nicht vom Weltklimarat IPCC kommen, der nur die wissenschaftlichen Fakten zusammenstellt. Diese sind: a) eine Erwärmung der Erde von 1,4 Grad Celsius ist bereits unvermeidlich (>> hier), und b) ab einer Erwärmung von 2 Grad Celsius steigt das Risiko deutlich an, dass es zu abrupten Klimaänderungen kommt (>> mehr). Wie wir mit diesem Wissen umgehen, ist wie gesagt eine gesellschaftliche und politische Entscheidung; Wissenschaftler, die im Gegensatz zum IPCC in der Politikberatung tätig sind, schlagen wegen des ansteigenden Risikos einen Schwellenwert von 2 Grad Celsius vor (zum Beispiel im Jahr 1995 der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen - WBGU). Auch die Europäische Union hat bereits 1996 eine Begrenzung des Klimawandels auf 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Wert zu ihrem Ziel erklärt.
Auf der Vertragsstaatenkonferenz 2007 auf Bali wurde ein Fahrplan beschlossen, um auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz 2009 in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu verabschieden, dass die Einbeziehung aller Länder und die weltweite Reduktion der Emission von Treibhausgasen festlegen sollte. Diese Verabschiedung einer rechtsgültigen Vereinbarung ist jedoch gescheitert. (Nach im Mai 2010 vom SPIEGEL veröffentlichten Ausschnitten aus Tonaufzeichnungen vom entscheidenden Treffen der Staatschefs lag dies am Widerstand Chinas, die eine langfristige Reduzierung der Treibhausgase um 50 Prozent, den der auf dem Tisch liegende Vorschlag vorsah, auf keinen Fall zustimmen wollten. Auch der amerikanische Präsident Barack Obama, dem eine rechtlich bindende Vereinbarung “zu Hause im Kongress um die Ohren gehauen” worden wäre, so der Spiegel, war nicht erkennbar am Zustandekommen einer Vereinbarung interessiert. DER SPIEGEL: “Obama und die Chinesen sitzen in Wahrheit in einem Boot”. Stattdessen wurde eine Vereinbarung (“Copenhagen Accord”) zur Kenntnis genommen, in der erstmals das Ziel der Klimarahmenkonvention, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern, mit einer Zahl versehen wurde: Die Temperaturerhöhung soll unter 2 Grad Celsius bleiben. Staaten oder Staatengruppen (wie die EU) , die den “Copenhagen Accord” anerkennen, sollen ihre jeweiligen Reduktionsziele bis 2020 (Industriestaaten) oder ihre Maßnahmen zum Klimaschutz (Entwicklungs- und Schwellenländer) in einem Anhang registrieren lassen; die Einhaltung der Reduktionsziele unterliegt - auch das ist neu - internationaler Überwachung.
Was das 2-Grad-Ziel für die Emissionen von Treibhausgasen bedeutet, ist wieder eine wissenschaftliche Rechenaufgabe. Damit es gelingt, den globalen auf 2 Grad Celsius zu beschränken, darf die Konzentration der Treibhausgase nicht über 440/450 ppm Kohlendioxid-Äquivalent steigen. Ddies entspricht etwa einer Kohlendioxidkonzentration von 400 ppm - zum Zusammenhang siehe >> hier -; diese Werte werden etwa in einer Untersuchung des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (>> PIK-Report Nr. 93), in der Zusammenfassung der Tagung “Avoiding Dangerous Climate Change” (>> Zusammenfassung: www.metoffice.com/ corporate/pressoffice/adcc/index.html (“Executive Summary” auswählen; englischsprachig) und dem IPPC genannt (>> mehr). Dieses aber wird nur gelingen, wenn der CO2-Ausstoß gegenüber dem Niveau von 1990 (dem “Basisjahr” vieler internationaler Vereinbarungen; die Emissionen betrugen 21 Milliarden Tonnen) um über 60 Prozent gesenkt wird beziehungsweise auf insgesamt 750 Milliarden Tonnen beschränkt werden. Diese Zahlen ergeben sich aus einfachen Überschlagsrechnungen (siehe >> hier).
Die bislang absehbaren Selbstverpflichtungen würden aber nicht ausreichen, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Klimaforscher wie Hans Joachim Schellnhuber gehen davon aus, dass sie zu einer Temperaturerhöhung um 3,5 Grad Celsius führen würden (>> spiegel online).
Welche Selbstverpflichtungen sind absehbar?
Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, ist bis zum Jahr 2020 ein Rückgang der Emissionen an Treibhausgasen gegenüber 1990 um 25 bis 40 Prozent nötig. Die bisher auf dem Tisch liegenden Vorschläge entsprechen etwa einem Rückgang um 15 Prozent.
USA: Bis 2020 sollen die Emissionen verglichen mit 2005 um 17 Prozent fallen (und bis 2030 um 42 Prozent). Das entsprechende Gesetz (Waxman-Markey bill) muss allerdings noch den Senat passieren, seine Verabschiedung ist alles andere als sicher, die USA sind in der Klimafrage tief gespalten (siehe auch >> oben). (Das amerikanische Angebot entspricht gegenüber 1990 einer Reduktion um etwa 5 Prozent - und wird von den Europäern als unzureichend bezeichnet. Andererseits sind Amerikas Emissionen heute 17 Prozent höher als 1990; das Ziel von 2005 bis 2020 ist ambitionierter als das europäische; und angesichts des Bevölkerungswachstums in den USA gilt dies noch mehr.)
Europa: Die EU hat beschlossen, die europäischen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent zu verringern; im Falle eines globalen Klimaschutzabkommens um 30 Prozent. Nach einem Vorschlag der EU-Kommission vom Januar 2008 müssten die deutschen Kohlendioxid für das 20-Prozent-Ziel um 14 Prozent sinken (>> Webseite der Kommission). Die Bundesregierung hatte sich bereits nach der Zielsetzung im Europäischen Rat verplichtet, die Kohlendioxid-Emissionen in Deutschland im Fall eines globalen Klimaschutzabkommens bis 2020 um 40 Prozent zu senken und im Dezember ein Maßnahmenprogramm zu seiner Umsetzung beschlossen, siehe Bundesumweltministerium >> Das integrierte Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung.
Russland: Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent anschließen; möglicherweise aber auch 25 Prozent. Die russischen Emissionen sind seit 1990 vor allem aufgrund des Wirtschaftszusammenbruchs nach dem Ende der Sowjetunion zurückgegangen.
Japan: Die neue japanische Regierung hat angekündigt, ihre Emissionen gegenüber 1990 um 25 Prozent zu senken. Wie, ist bisher noch nicht beschlossen.
Australien: Australien ist nach den USA der größte Pro-Kopf-Emittent; das Land diskutiert gerade seine Selbstverpflichtung - der Rahmen liegt zwischen 5 und 25 Prozent weniger Emissionen bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2000.
Weitere Maßnahmen:
Nicht-Annex-I-Staaten müssen auch bei Anerkennung des Copenhagen Accords keine Selbstverpflichtung eingehen, können aber geplante Aktivitäten registrieren lassen - was die meisten auch tune werden, schon um den Genuss der versprochenen Finanzhilfen kommen zu können. Besonders wichtig war die Ankündigung Chinas, das als weltgrößter Emittent von Kohlendioxid eine besonders wichtige Rolle spielt.
China: China hat angekündigt, freiwillig seine Emissionen an Treibhausgasen pro Einheit an Wirtschaftsleistung bis 2020 gegenüber 2005 um 40 bis 45 Prozent zu senken. Da im schnell wachsenden China gleichzeitig die Wirtschaftleistung kräftig ansteigen dürfte, wird die absolute Emissionsmenge voraussichtlich steigen. (Die USA haben denn auch Chinas Angebot als unzureichend kritisiert, es entspreche in etwa dem, was ohnehin durch die bereits eingeleitet Politik erreicht werde. Der Economist schrieb dazu (5.12.2009), dass dies zwar stimme, aber China im Gegensatz zu den USA eben bereits Maßnahmen eingeleitet habe.)
Indien: Indien hat einen niedrigen Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen (jährlich 1,7 Tonnen/Kopf - USA: 24 Tonnen, Europa: 10 Tonnen), ist aufgrund seiner Bevölkerungszahl dennoch einer der großen Treibhausgasproduzenten. Gegenwärtig werden Maßnahmen zur Energieeffizienz, eine Aufforstungskampagne und ein 20-Milliarden-US$ Programm in Sonnenenergie diskutiert.
Brasilien: Die brasilianischen Klimaziele (Brasilien ist kein Annex-I-Staat) entsprechen einem Rückgang der Emissionen bis 2020 um rund 20 Prozent gegenüber 2005. Rund ein Viertel davon soll durch einen besseren Schutz der Wälder erreicht werden.
Wie geht es weiter?
Die entscheidende Frage der Emissionen bis zum Jahr 2050 bleibt damit vorerst ungelöst. Der WBGU schlug in einem “Politikpapier” im April 2010 vor, dass die EU sich um den Aufbau anderer Klimaallianzen kümmern sollte, solange die USA und China sich gegenseitig und damit den UN-Klimaprozess blockieren (oder dies gemeinsam tun, siehe >> oben). Mit Ländern wie Indien, Brasilien oder Indonesien, die ambitionierte Klimaziele unterstützen, sollten Partnerschaften eingegangen werden, um den Umbau zu einer “grünen Weltwirtschaft” unter Berücksichtigung von Themen wie dem Waldschutz und dem Aufbau einer umweltfreundlichen Infrastruktur sowie der Ausdehnung des europäischen Emissionshandels modellhaft zu betreiben. Um dabei ein glaubwürdiges Vorbild zu sein, sollte die Europäische Union ihr (für einen erfolgreichen Abschluss in Kopenhagen versprochenem) Ziel einer Reduktion von Treibhausgasen um 30 Prozent bis zum Jahr 2020 festschreiben und gleichzeitig bis 2050 die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energiequellen als Ziel festlegen (mehr: WBGU >> Politikpapier Nr. 6 “Klimapolitik nach Kopenhagen; pdf, 1,67 MB).
Was auf Deutschland zukommt, zeichnet sich unabhängig von einer zukünftigen internationalen oder regionalen Vereinbarung ab: Bis 2050 gilt ein Reduktionsziel von 80 (G-8-Modell) bis 90 Prozent (weltweit gleiche Pro-Kopf-Rechte, >> mehr); der WBGU errechnete für Deutschland eine klimaverträgliches Emissionsbudget von neun Milliarden Tonnen insgesamt (>> Sondergutachten 2009). Unsere Anstrengungen müssen also in jedem Fall noch erheblich gesteigert werden - die bisherigen Maßnahmen würden bis 2050 höchstens zu einer Emissionsminderung um 45 Prozent führen (laut WBGU Sondergutachten 2009).
Weiter mit: >> Wie können wir den Klimawandel stoppen? Auf dieser Seite erfahren Sie detaillierter, welcher Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft noch erlaubt ist, um gefährliche Folgen des Klimawandels zu vermeiden, wer die Verantwortung für den Klimawandel jetzt und in Zukunft trägt - und darum handeln muss - was der Klimaschutz kostet und was das Handeln auslösen wird: eine zweite Industrielle Revolution.
>> Strategien gegen den Klimawandel Auf dieser Seite erfahren Sie, was getan werden muss, um den Klimawandel zu stoppen: Wir brauchen in erster Linie effiziente Energiedienstleistungen - Energie muss also effizient erzeugt, verteilt und genutzt werden -, erneuerbare Energiequellen und den Schutz von Wäldern und Böden, damit diese Kohlendioxid aufnehmen können.
Websites zum Thema
www.ipcc.ch: Website des International Panel on Climate Change; Berichte können dort heruntergeladen werden (englischsprachig). Eine deutschsprachige Zusammenfassung des Berichts von 2007 ist >> hier zu finden.
Klimarahmenkonvention und Kyoto-Protokoll: Website der Klimarahmenkonvention. Unter “Essential Background” findet sich auch der komplette deutsche Text der Konvention und des Kyoto-Protokolls; unter “background publications” Berichte über den aktuellen Stand der Treibhausgasemissionen (“Key GHG Data”) (englischsprachig).
Klimapolitik der EU: Website des Umweltdirektorats (englischsprachig)
Klimaschutz: Aktuelles auf der Webseite des Bundesumweltministeriums
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
Weiter mit: >> Chemikalien in der Umwelt
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