Das Zeitalter der Industrie

Politik gegen den Klimawandel

Seit 1992 hat sich die Weltgemeinschaft eigentlich verpflichtet, Maßnahmen gegen eine gefährliche Temperaturerhöhung einzuleiten - die Emissionen an Treibhausgasen steigen aber ungebremst weiter. Ob die Selbstverpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll erreicht werden, steht in den Sternen, genauso wie die Frage nach einer Nachfolgeregelung. Dabei ist inzwischen klar, dass eine Erderwärmung um mehr als 2 Grad Celsius die Risiken des Klimawandels schnell zunehmen lässt.

15. UN-Klimagipfel in Kopenhagen 2009

Der Klimawandel ist Thema weltweiter Bemühungen: Eröffnungssitzung des 15. UN-Klimagipfels in Kopenhagen 2009. Foto: SustainUS, Lizenz: >> cc 2.0 (aus >> wikipedia, abgerufen 21.12.2009).

1992 hat die Weltgemeinschaft beschlossen, “die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird.”

Warnungen vor den Folgen einer Erderwärmung gibt es seit 1965 (>> Anmerkung), der UN-Weltklimarat IPCC (>> hier) wurde 1988 ins Leben gerufen; und 1992 einigten sich auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro fast alle Länder der Welt auf ein gemeinsames Klimaschutzziel: Sie unterzeichneten die Klimarahmenkonvention (Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaschutz, auch UN-Klimaabkommen genannt); seit 1994 ist sie in Kraft. In Artikel 2 wurde als Ziel vereinbart, “die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene [vom Menschen verursachte, JP] Störung des Klimasystems verhindert wird.” Zur gemeinsamen Diskussion der Umsetzung dieses Ziels finden seit 1995 jedes Jahr Konferenzen der Vertragsstaaten statt, zuletzt im November/Dezember 2011 in Durban (>> hier). Diese werden auch als “Klimagipfel” bezeichnet. Das erste greifbare Ergebnis war das auf dem 3. Klimagipfel 1997 in Kyoto angenommene, völkerrechtlich verbindliche Kyoto-Protokoll.

Das Kyoto-Protokoll

In diesem Protokoll verpflichten sich die Industrieländer (sogenannte Annex-1-Staaten), ihre in CO2-Äquivalenten berechneten Emissionen an Treibhausgasen von 2008 bis 2012 um mindestens 5 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken. Die einzelnen Länder haben dabei unterschiedliche Vorgaben; die EU hat eine Blockverpflichtung zu einer Reduzierung um 8 Prozent. 1998 haben die EU-Staaten untereinander geklärt, wie dieses umgesetzt wird, dabei hat Deutschland sich zu einer Reduktion um 21 Prozent unter den Wert von 1990 verpflichtet. Schwellen- und Entwicklungsländer (sogenannte Nicht-Annex-1-Staaten) sind dagegen nicht zur Reduktion verpflichtet, jedoch können Industriestaaten hier Emissionseinsparungen finanzieren und sich die eingesparten Emissionen anrechnen lassen; das ganze heißt “Clean Development Mechanism” (CDM). Das Protokoll trat am 16.2.2005 in Kraft (so lange hat es gedauert, bis es von einer ausreichenden Anzahl von Ländern ratifiziert wurde).

Die USA als größter Emittent von Treibhausgasen sind dem Kyoto-Protokoll bis heute nicht beigetreten: US-Präsident und Kyoto-Befürworter Bill Clinton scheiterte am Senat, sein Nachfolger George Bush lehnte den Vertrag ohnehin ab. Die Gegner in den USA fürchteten wirtschaftliche Nachteile gegenüber den Schwellenländern wie Indien und China, die keine Verpflichtungen zur Verringerung ihrer Emissionen eingehen mussten (>> mehr zur Klimapolitik der USA). Die Schwellenländer haben erfolgreich darauf hingewiesen, dass der Klimawandel auf die historischen Emissionen der Industrieländer zurückzuführen sei (siehe >> hier). Aber auch die Unterzeichner glänzen nicht durch eine konsequente Klimaschutz-Politik: Auch die die Europäische Union wird sich noch erheblich anstrengen müssen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen: Seit 1990 sank der Ausstoß an Treibhausgasen nur um 0,6 Prozent (bei einem Ziel von 8 Prozent), seit dem Jahr 2000 steigt er sogar wieder (von 2000 bis 2004 um 2,4 Prozent). Knapp wird es auch in Deutschland: Zwar “profitierte” unser Land aus der Sicht des Klimaschutzes vom Niedergang der Industrie in Ostdeutschland, die gesamtdeutschen Emissionen fielen von 1990-1992 um 9 Prozent und bis 1998 um 18 Prozent, aber seither fielen sie kaum noch - bis 2006 wurden 19 Prozent erreicht. Von einem selbst gewählten Minderungsziel von 25 Prozent bis 2005 hat die Bundesregierung stillschweigend Abschied genommen; und wenn das Ziel doch noch erreicht wird, liegt es nicht an konsequenter Klimapolitik, sondern an der zwischenzeitlichen Wirtschaftskrise.

Treibhausgasemissionen der USA  Treibhausgasemissionen der EU  Treibhausgasemissionen Deutschland

Entwicklung des Ausstoßes an Treibhausgasen von 1990, dem Bezugsjahr des Kyoto-Protokolls, bis 2004, dem letzten Jahr, zu dem zuverlässige Daten vorliegen. Die Emissionen der USA - die dem Kyoto-Protokoll nicht beigetreten sind - haben um 15,8 Prozent zugenommen, die der Europäischen Union sind um 0,6 Prozent zurückgegangen (Kyoto-Ziel -8 Prozent) und die Deutschlands um 17,2 Prozent (Kyoto-Ziel -21 Prozent). Das Kyoto-Ziel gibt den durchschnittlichen Ausstoß der fünf Jahre von 2008 bis 2012 vor. Datenquelle: UNFCC, Changes in GHG Emissions from 1990 to 2004 for Annex 1 Parties (2006)

Der europäische Emissionshandel

Um die europäische Verpflichtung zum Klimaschutz zu erfüllen, hat die Europäische Gemeinschaft im Jahr 2003 für industrielle Großemittenten aus Energiewirtschaft und Produzierendem Gewerbe/Industrie ein System des Emissionshandels beschlossen: Rund die Hälfte der insgesamt zulässigen Menge an Kohlendioxid-Emissionen wurde der erfassten Industrie zugeteilt, und diese wiederum von den Mitgliedsstaaten einzelnen Anlagen (dies geschieht in so genannten “Nationalen Allokationsplänen”, abgekürzt NAP) als handelbare "Emissionsberechtigung". Unternehmen, die mit ihrer Zuteilung nicht zurecht kommen, würden in den Klimaschutz investieren müssen - oder Emissionsberechtigungen kaufen. Damit sollte erreicht werden, dass das Geld über Marktmechanismen dort investiert wird, wo der Klimaschutz am wenigsten kostet (siehe auch: Deutsche Emissionshandelsstelle: >> Allgemeine Informationen über den Emissionshandel).

Das System begann mit einer Pilotphase 2005 - 2007 mit einem Emissionsbudget für die teilnehmende deutsche Industrie von 499 Millionen Tonen/Jahr, und zahlreichen Kinderkrankheiten: Insbesondere waren die Zuteilungsregeln zu komplex, und zahlreiche Sonderregeln führten zwar zu Umverteilung zwischen und innerhalb von Industriebranchen, aber geringen Emissionsreduzierungen. Den Stromerzeugern brachte der Emissionshandel einen schönen Zusatzgewinn, da die Emissionsrechte kostenlos zugeteilt wurden, aber in den Strompreis eingeflossen sind (Ökonomen reden in diesem Fall von "Opportunitätskosten"; die Unternehmen die Rechte ja verkaufen können).

In der zweiten Phase (2008 bis 2012) wurde das deutsche Emissionsbudget für die betroffene Industrie von der Europäischen Kommission 456,1 Millionen Tonnen reduziert, zahlreiche Ausnahmen wurden abgeschafft. 40 Millionen Tonnen wurden zudem nicht mehr kostenlos verteilt, sondern versteigert - damit sollten die Zusatzgewinne der Stromerzeuger abgeschöpft werden. (Strom wurde dadurch nicht teurer, da die Rechte ohnehin in den Preis eingeflossen waren, siehe oben.) Die Effizienz des Emissionshandels litt aber weiter daran, dass aufgrund der Wirtschaftskrise und vom Emissionshandel unabhängiger Maßnahmen die Emissionen soweit fielen, dass es mehr  Emissionsberechtigungen gab als benötigt wurden - und diese daher kaum einen Wert hatten. Wenn die Emissionen von Kohlendioxid aber nur wenig kosten, löst der Preis keine Verhaltensänderungen aus: so blieben in Deutschland beispielsweise Kohlekraftwerke wirtschaftlich attraktiver als Gaskraftwerke, was etwa dazu führte, dass im Jahr 2012 erstmals seit langem die Kohlendioxid-Emissionen wieder ansteigen.

Anlässlich der beginnenden dritten Phase (2013 bis 2020) wird daher diskutiert, Emissionsberechtigungen aus dem Markt zu nehmen, um den Preis zu stützen. In einer Zeit, in der etwa die USA mit billigem Erdgas (siehe auch den folgenden Kasten) einen neuen industriellen Aufschwung erlebt, wird dieses aber von manchem Industrievertreter als Wettbewerbsnachteil europäischer Unternehmen gesehen. Dabei gäbe es eine einfache Lösung: Ähnlich wie die Mehrwertsteuer bei Ausfuhren aus der EU an der Grenze erstattet wird, könnte man auch mit den Kosten für Emissionsberechtigungen verfahren. Auf Einfuhren müsste entsprechend eine Kohlendioxid-Abgabe erhoben werden - die allerdings in die Regeln für den freien Welthandel eingebaut werden müsste, um rechtlich zulässig zu sein.

Die USA und die Klimapolitik

Die USA als das Land, das historisch am meisten Kohlendioxid von allen Ländern der Welt in die Atmosphäre geblasen hat, haben das Kyoto-Protokoll unterschrieben - es aber nicht ratifiziert, wodurch es für die USA nicht verbindlich ist. Grund: Die USA fürchteten wirtschaftliche Nachteile gegenüber den Schwellenländern wie Indien und China, die keine Verpflichtungen zur Verringerung ihrer Emissionen eingingen. Mit dieser Weigerung der USA begründete wiederum China seine Weigerung, verbindliche Reduktionsziele zu akzeptieren.

Bewegung in die amerikanische Klimapolitik brachten aber die Staaten. Den Anfang machte Kalifornien unter Gouverneur Arnold Schwarzenegger: Der Staat verpflichtete sich, seine Treibhausgase bis 2020 auf den Wert von 1990 senken (25 Prozent unter den zuvor vorhergesagten Werten); und bis 2050 um 80 Prozent unter den Wert von 1990 (siehe >> California Climate Change Portal [englischsprachig]). Andere Staaten arbeiten an ähnlichen Regeln. Kalifornien alleine wäre die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde und ist für Maschinenbauer und Autohersteller ein wichtiger Markt. Sie passen daher ihre Produkte an die kalifornischen Vorgaben an (schon die strenge kalifornische Politik zur Luftreinhaltung hatte diese Wirkung), fürchten aber eine Vielzahl einzelstaatlicher Regeln - dann hätte die Industrie doch lieber eine einheitliche, bundesstaatliche Vorgabe. Außerdem wird dieses System nur mitgestalten können, wer nicht als grundsätzlicher Gegner gilt. So ist zu verstehen, dass Initiativen wie die Climate Action Partnership (>> www.us-cap.org), der Großunternehmen wie General Motors, General Electric, BP und Alcoa angehören, nach strengen Regelungen zum Klimaschutz rufen.

Dazu kommt: Die Landwirte entdecken neue Zukunftschancen in der Ethanolproduktion für alternative Treibstoffe oder mit Windfarmen; konservative Politiker wehren sich gegen die Abhängigkeit von arabischen Ländern und entdecken alternative Treibstoffe als Waffe gegen Öl, und konservative Christen starten Kampagnen zum Klimaschutz. Und längst finanzieren große Stiftungen wie die Hewlett-Stiftung Forschungen zum Klimaschutz. Auch lokal wird gehandelt: Auf Initiative des Bürgermeisters von Seattle haben sich über 1.000 Städte dazu verpflichtet, freiwillig die Kyoto-Ziele einzuhalten (>> US Mayors Climate Protection Agreement).

Mit der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten schien dieser Wandel auch auf Bundesebene ankommen: Als eine seiner ersten Initiativen sagte er am 26.1.2009, dass die USA “im Interesse der Sicherheit des Landes, der Wirtschaft und des Planeten ... jetzt den Mut und die Entschlossenheit zum Wandel haben [müssten]. Amerika wird sich nicht zur Geisel schwindender Ressourcen, feindlicher Regimes und eines sich aufheizenden Planeten machen". Unter anderem sagte er, dass in Zukunft spritsparende Autos auch aus den USA kommen müssen und kündigte eine Verdoppelung erneuerbarer Energien in den nächsten drei Jahren an. Der Clean Energy and Security Act (nach den Hauptautoren Henry Waxman und Edward Markey auch Waxman-Markey bill genannt), mit dem die Emissionen gegenüber 2005 bis 2020 um 17 Prozent sinken sollen, wurde am 26.6.2009 im Repräsentantenhaus verabschiedet. Im Jahr 2010 verkündeten Obamas Demokraten aber, das Gesetz nicht im Senat zur Abstimmung zu stellen. Auch bei den Demokraten gibt es Abgeordnete aus Kohle- und Stahlstaaten, die allzu strenge Regelungen verhindern wollen. Die USA sind politisch tief gespalten, auch was den Klimaschutz angeht: Die einen - für die etwa Al Gore steht - sehen die historische Verantwortung der USA und wollen eine Führungsrolle der USA auch bei der Bekämpfung des Klimawandels; die anderen halten das “Gerede vom Klimawandel” für einen Angriff auf den “American Way of Life”.

Barack Obama setzt, wenn er sich überhaupt um Energie- und Klimapolitik kümmert, inzwischen vor allem auf die energiepolitische Unabhängigkeit der USA, schützt dafür die Kohleindustrie vor strengeren Auflagen (wie sie etwa die Umweltbehörde EPA im Herbst 2011 zur Smogbekämpfung plante) und tut wenig gegen den Einsatz giftiger Chemikalien beim Fracking, mit dem derzeit die amerikanische Erdgasförderung gesteigert wird.

Aber selbst wenn das Reduktionsziel des Kyoto-Protokolls eingehalten werden könnte: Der globale  Ausstoß an Treibhausgasen ist von 1990 bis 2008 um über 30 Prozent gestiegen, also im wesentlichen ungebremst. Bis 2012 wird er voraussichtlich um etwa 40 Prozent steigen. Dies liegt auch an den Emissionen der bisher nicht zu Reduktionen verpflichteten Schwellenländer, insbesondere China mit seiner boomenden Wirtschaft und riesigen Bevölkerung:

Treibhausgasemissionen weltweit (nach Regionen)

Entwicklung des Anteils der Regionen an den globalen Kohlendioxid-Emissionen von 1973 bis 2004 (Asien* = Asien ohne China). Insbesondere der Anteil von Asien einschl. China ist stark gestiegen. Abbildung nach Internationale Energieagentur: Key World Energy Statistics 2006.

 

Das Ziel: höchstens 2 Grad Celsius

und Anstrengungen, die noch nicht ausreichen

Dieses Wachstum der Kohlendioxid-Emissionen steht in einem unübersehbaren Widerspruch zu den wachsenden Erkenntnissen, was “die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird,” eigentlich bedeutet. Was eine gefährliche anthropogene Störung ist, ist letztlich eine politische Entscheidung - welche Folgen sind wir bereit, in Kauf zu nehmen, welche Risiken sind wir bereit zu tragen? Die Antwort hierauf kann also nicht vom Weltklimarat IPCC kommen, der nur die wissenschaftlichen Fakten zusammenstellt. Diese sind: a) eine Erwärmung der Erde von 1,4 Grad Celsius ist bereits unvermeidlich (>> hier), und b) ab einer Erwärmung von 2 Grad Celsius steigt das Risiko deutlich an, dass es zu abrupten Klimaänderungen kommt (>> mehr). Wie wir mit diesem Wissen umgehen, ist wie gesagt eine gesellschaftliche und politische Entscheidung; Wissenschaftler, die im Gegensatz zum IPCC in der Politikberatung tätig sind, schlagen wegen des ansteigenden Risikos einen Schwellenwert von 2 Grad Celsius vor (zum Beispiel im Jahr 1995 der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen - WBGU). Auch die Europäische Union hat bereits 1996 eine Begrenzung des Klimawandels auf 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Wert zu ihrem Ziel erklärt.

Auf der Vertragsstaatenkonferenz 2007 auf Bali wurde ein Fahrplan beschlossen, um auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz 2009 in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu verabschieden, dass die Einbeziehung aller Länder und die weltweite Reduktion der Emission von Treibhausgasen festlegen sollte. Diese Verabschiedung einer rechtsgültigen Vereinbarung ist jedoch gescheitert (>> Anmerkung) und konnte auch 2010 in Cancún (Mexiko) nicht erreicht werden.

Die Kopenhagener Vereinbarung 2009

Stattdessen wurde eine Vereinbarung (“Copenhagen Accord”) zur Kenntnis genommen, in der erstmals das Ziel der Klimarahmenkonvention, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern, mit einer Zahl versehen wurde: Die Temperaturerhöhung soll unter 2 Grad Celsius bleiben. Staaten oder Staatengruppen (wie die EU) , die den “Copenhagen Accord” anerkennen, sollen ihre jeweiligen Reduktionsziele bis 2020 (Industriestaaten) oder ihre Maßnahmen zum Klimaschutz (Entwicklungs- und Schwellenländer) in einem Anhang registrieren lassen; die Einhaltung der Reduktionsziele unterliegt - auch das ist neu - internationaler Überwachung.

Was das 2-Grad-Ziel für die Emissionen von Treibhausgasen bedeutet, ist wieder eine wissenschaftliche Rechenaufgabe. Damit es gelingt, den globalen auf 2 Grad Celsius zu beschränken, darf die Konzentration der Treibhausgase nicht über 440/450 ppm Kohlendioxid-Äquivalent steigen. Dies entspricht etwa einer Kohlendioxidkonzentration von 400 ppm - zum Zusammenhang siehe >> hier -; diese Werte werden etwa in einer Untersuchung des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (>> PIK-Report Nr. 93) und der Tagung “Avoiding Dangerous Climate Change” und dem IPPC genannt (>> mehr). Dieses aber wird nur gelingen, wenn der CO2-Ausstoß gegenüber dem Niveau von 1990 (dem “Basisjahr” vieler internationaler Vereinbarungen; die Emissionen betrugen 21 Milliarden Tonnen) um über 60 Prozent gesenkt wird beziehungsweise auf insgesamt 750 Milliarden Tonnen beschränkt werden. Diese Zahlen ergeben sich aus einfachen Überschlagsrechnungen (siehe >> hier).

Die bislang absehbaren Selbstverpflichtungen würden aber nicht ausreichen, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Klimaforscher wie Hans Joachim Schellnhuber gehen davon aus, dass sie zu einer Temperaturerhöhung um 3,5 Grad Celsius führen würden (>> spiegel online).

Welche Selbstverpflichtungen sind absehbar?

Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, ist bis zum Jahr 2020 ein Rückgang der Emissionen an Treibhausgasen gegenüber 1990 um 25 bis 40 Prozent nötig. Die bisher auf dem Tisch liegenden Vorschläge entsprechen etwa einem Rückgang um 15 Prozent.

USA: Bis 2020 sollen die Emissionen verglichen mit 2005 um 17 Prozent fallen (und bis 2030 um 42 Prozent). Das entsprechende Gesetz (Waxman-Markey bill) wurde allerdings im Senat gar nicht erst zur Abstimmung gestellt (siehe auch >> oben). (Das amerikanische Angebot entspricht gegenüber 1990 einer Reduktion um etwa 5 Prozent - und wird von den Europäern als unzureichend bezeichnet. Andererseits sind Amerikas Emissionen heute 17 Prozent höher als 1990; das Ziel von 2005 bis 2020 ist ambitionierter als das europäische; und angesichts des Bevölkerungswachstums in den USA gilt dies noch mehr.)

Europa: Die EU hat beschlossen, die europäischen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent zu verringern; im Falle eines globalen Klimaschutzabkommens um 30 Prozent. Nach einem Vorschlag der EU-Kommission vom Januar 2008 müssten die deutschen Kohlendioxid für das 20-Prozent-Ziel um 14 Prozent sinken (>> Webseite der Kommission). Die Bundesregierung hatte sich bereits nach der Zielsetzung im Europäischen Rat verpflichtet, die Kohlendioxid-Emissionen in Deutschland im Fall eines globalen Klimaschutzabkommens bis 2020 um 40 Prozent zu senken und im Dezember ein Maßnahmenprogramm zu seiner Umsetzung beschlossen, siehe Bundesumweltministerium >> Das integrierte Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung.

Russland: Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent anschließen; möglicherweise aber auch 25 Prozent. Die russischen Emissionen sind seit 1990 vor allem aufgrund des Wirtschaftszusammenbruchs nach dem Ende der Sowjetunion zurückgegangen.

Japan: Die neue japanische Regierung hat angekündigt, ihre Emissionen gegenüber 1990 um 25 Prozent zu senken. Wie, ist bisher noch nicht beschlossen.

Australien: Australien ist nach den USA der größte Pro-Kopf-Emittent; das Land diskutiert gerade seine Selbstverpflichtung - der Rahmen liegt zwischen 5 und 25 Prozent weniger Emissionen bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2000.

Weitere Maßnahmen:

Nicht-Annex-I-Staaten müssen auch bei Anerkennung des Copenhagen Accords keine Selbstverpflichtung eingehen, können aber geplante Aktivitäten registrieren lassen - was die meisten auch tune werden, schon um den Genuss der versprochenen Finanzhilfen kommen zu können. Besonders wichtig war die Ankündigung Chinas, das als weltgrößter Emittent von Kohlendioxid eine besonders wichtige Rolle spielt.

China: China hat angekündigt, freiwillig seine Emissionen an Treibhausgasen pro Einheit an Wirtschaftsleistung bis 2020 gegenüber 2005 um 40 bis 45 Prozent zu senken. Da im schnell wachsenden China gleichzeitig die Wirtschaftsleistung kräftig ansteigen dürfte, wird die absolute Emissionsmenge voraussichtlich steigen. (Die USA haben denn auch Chinas Angebot als unzureichend kritisiert, es entspreche in etwa dem, was ohnehin durch die bereits eingeleitet Politik erreicht werde. Der Economist schrieb dazu (5.12.2009), dass dies zwar stimme, aber China im Gegensatz zu den USA eben bereits Maßnahmen eingeleitet habe.)

Indien: Indien hat einen niedrigen Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen (jährlich 1,7 Tonnen/Kopf - USA: 24 Tonnen, Europa: 10 Tonnen), ist aufgrund seiner Bevölkerungszahl dennoch einer der großen Treibhausgasproduzenten. Gegenwärtig werden Maßnahmen zur Energieeffizienz, eine Aufforstungskampagne und ein 20-Milliarden-US$ Programm in Sonnenenergie diskutiert.

Brasilien: Die brasilianischen Klimaziele (Brasilien ist kein Annex-I-Staat) entsprechen einem Rückgang der Emissionen bis 2020 um rund 20 Prozent gegenüber 2005. Rund ein Viertel davon soll durch einen besseren Schutz der Wälder erreicht werden.

Wie geht es weiter?

Die entscheidende Frage der Emissionen bis zum Jahr 2050 bleibt damit vorerst ungelöst. Der WBGU schlug in einem “Politikpapier” im April 2010 vor, dass die EU sich um den Aufbau anderer Klimaallianzen kümmern sollte, solange die USA und China sich gegenseitig und damit den UN-Klimaprozess blockieren (oder dies gemeinsam tun, siehe >> oben). Ein Abkommen mit einem derartig anspruchsvollen Ziel wie die Begrenzung des Klimawandels auf 2 Grad Celsius in einem Konsensverfahren mit allen Ländern der Welt zu erreichen - wie auf den Klimagipfeln angestrebt -, wird zunehmend als illusorisch erkannt. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Voraussetzungen und Interessen. Der WBGU schlägt stattdessen vor, mit Ländern wie Indien, Brasilien oder Indonesien, die ambitionierte Klimaziele unterstützen,  Partnerschaften einzugehen werden, um den Umbau zu einer “grünen Weltwirtschaft” unter Berücksichtigung von Themen wie dem Waldschutz und dem Aufbau einer umweltfreundlichen Infrastruktur sowie der Ausdehnung des europäischen Emissionshandels modellhaft zu betreiben. Um dabei ein glaubwürdiges Vorbild zu sein, sollte die Europäische Union ihr (für einen erfolgreichen Abschluss in Kopenhagen versprochenem) Ziel einer Reduktion von Treibhausgasen um 30 Prozent bis zum Jahr 2020 festschreiben und gleichzeitig bis 2050 die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energiequellen als Ziel festlegen (mehr: WBGU >> Politikpapier Nr. 6 “Klimapolitik nach Kopenhagen; pdf, 1,67 MB).

Was auf Deutschland zukommt, zeichnet sich unabhängig von einer zukünftigen internationalen oder regionalen Vereinbarung ab: Bis 2050 gilt ein Reduktionsziel von 80 (G-8-Modell) bis 90 Prozent (weltweit gleiche Pro-Kopf-Rechte, >> mehr); der WBGU errechnete für Deutschland eine klimaverträgliches Emissionsbudget von neun Milliarden Tonnen insgesamt (>> Sondergutachten 2009). Unsere Anstrengungen müssen also in jedem Fall noch erheblich gesteigert werden - die bisherigen Maßnahmen würden bis 2050 höchstens zu einer Emissionsminderung um 45 Prozent führen (laut WBGU Sondergutachten 2009). Bleibt die Frage, was dieses nützt, wenn andere nicht mitziehen: Der Wandel von fossilen zu erneuerbaren Energien ist ohnehin unvermeidlich, weil die fossilen Rohstoffe immer teurer werden und zum Verbrennen viel zu schade sind. Wer mit der Energiewende anfängt, hat die Industrien und die Erfahrungen, wenn die anderen nachziehen - und Zukunftsindustrien sind genau das, was eine Exportnation wie Deutschland braucht. Die Wahrscheinlichkeit, allein zu bleiben, ist allerdings gering: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, ebenfalls zunächst ein Alleingang, hat inzwischen weltweit über fünfzig Nachahmer gefunden.

Der Stand des UN-Klimaabkommens

Auf dem 17. Klimagipfel im südafrikanischen Durban wurde beschlossen, dass auf dem Klimagipfel 2012 in Qatar über weltweite Obergrenzen für Treibhausgase bis zum Jahr 2050 sowie einen Zeitpunkt, ab dem die Emissionen an Treibhausgasen sinken sollen, beraten werden soll. Das weltweite Ziel, den Anstieg der Temperatur in Folge von Emissionen auf 1,5 bis zwei Grad Celsius zu beschränken, wurde bekräftigt und die Industriestaaten aufgefordert, ihre nationalen Anstrengungen und Selbstverpflichtungen zu verstärken. Die Schwellenländer wurden ermutigt gleiches zu tun, und bei ihrer Entwicklung von vornherein einen emissionsarmen Weg zu beschreiten. Bis spätestens 2015 soll ein “Protokoll, rechtliches Instrument oder anderes Ergebnis” erarbeitet werden, das auf dem 21. Klimagipfel verabschiedet werden und ab 2020 in Kraft treten soll; in diesem sollen weitere Maßnahmen festgelegt werden, um den Temperaturanstieg dem Ziel entsprechend zu verringern. Das Kyoto-Protokoll wird ab 1.1.2013 verlängert, noch unklar ist, ob die zweite Verpflichtungsperiode bis Ende 2017 oder 2020 läuft. Dies, und die Reduktionsziele (für die die Vertragsparteien verbindliche Vorschläge bis zum 1. Mai 2012 machen sollen) sollen auf dem 18. Klimagipfel (in Doha, 26.11. - 7.12.2012) festgelegt werden.

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>> Wie können wir den Klimawandel stoppen?
Auf dieser Seite erfahren Sie detaillierter, welcher Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft noch erlaubt ist, um gefährliche Folgen des Klimawandels zu vermeiden, wer die Verantwortung für den Klimawandel jetzt und in Zukunft trägt - und darum handeln muss - was der Klimaschutz kostet und was das Handeln auslösen wird: eine zweite Industrielle Revolution.

>> Strategien gegen den Klimawandel
Auf dieser Seite erfahren Sie, was getan werden muss, um den Klimawandel zu stoppen: Wir brauchen in erster Linie effiziente Energiedienstleistungen - Energie muss also effizient erzeugt, verteilt und genutzt werden -, erneuerbare Energiequellen und den Schutz von Wäldern und Böden, damit diese Kohlendioxid aufnehmen können.

 Websites zum Thema

www.ipcc.ch: Website des International Panel on Climate Change; Berichte können dort heruntergeladen werden (englischsprachig). Eine deutschsprachige Zusammenfassung des Berichts von 2007 ist >> hier zu finden.

Klimarahmenkonvention und Kyoto-Protokoll: Website der Klimarahmenkonvention. Unter “Essential Background” findet sich auch der komplette deutsche Text der Konvention und des Kyoto-Protokolls; unter “background publications” Berichte über den aktuellen Stand der Treibhausgasemissionen (“Key GHG Data”) (englischsprachig).

Klimapolitik der EU: Website des Umweltdirektorats (englischsprachig)

Klimaschutz: Aktuelles auf der Webseite des Bundesumweltministeriums

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen

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