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Hintergrund

IPCC und Klimareport

Die Erforschung des Klimasystems der Erde und der Ursachen der Erderwärmung machen schnelle Fortschritte, seit aufgrund des Verdachtes einer menschlichen Verursachung auf der ganzen Welt enorme Forschungsanstrengungen unternommen werden. Inzwischen erscheinen jedes Jahr über 10.000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Gesichtet,  zusammengefasst und bewertet werden diese von den IPCC-Klimareports.

Titelbild des aktuellen 5. UN-Klimareports

Die Berichte des IPCC über den Klimawandel (hier: Teil
1 des aktuellen Berichts von 2013) sind eine sorgfältig
erarbeitete Zusammenfassung des Standes des Wissens
 über den Klimawandel. Download unter
www.ipcc.ch.

Als die Hinweise auf einen Klimawandel immer >> unübersehbarer wurden, riefen im Jahr 1988 das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gemeinsam den UN-Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, abgekürzt IPCC) ins Leben.

Seine Aufgabe: Er soll die in der Fachliteratur verstreuten Studien zum Klimawandel finden, zusammenfassen und bewerten. Die Ergebnisse werden in regelmäßigen Sachstandsberichten, auch bekannt als UN-Klimareport, veröffentlicht.

Der erste Bericht erschien 1990, er wurde zur die maßgebliche Grundlage für die UN-Klimarahmenkonvention (siehe >> hier). Weitere Berichte erschienen in den Jahren 1995, 2001 und 2007; im Augenblick erscheint der 5. UN-Klimareport 2013/2014. Die Berichte sind in drei Teile gegliedert, die jeweils von eigenen Arbeitsgruppen erstellt werden:

Der ganze Prozess der Berichterstellung ist in erster Linie darauf angelegt, eine hohe Glaubwürdigkeit der Ergebnisse in Wissenschaft und Politik zu gewährleisten. Angesichts der Tatsache, dass inzwischen jedes Jahr über 10.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema “Klima” erscheinen, müssen die Berichte von Hunderten von Wissenschaftlern verfasst werden. Anschließend werden sie einer dreistufigen Begutachtung unterworfen, an der wieder Hunderte von Experten mitarbeiten. Auswahlkriterien sind wissenschaftliche Qualifikation und in zweiter Linie eine geographische Balance, so dass die ganze Welt repräsentiert ist. Autorenteams und Gutachter werden für jeden Bericht neu bestimmt, so dass die Faktenlage immer wieder neu gesichtet wird. Der Bericht stellt nicht nur Erkenntnisse, sondern auch verbleibende Unsicherheiten und offene Fragen dar. Aus diesen Gründen sind die Berichte die zuverlässigste Informationsquelle, was den Stand der Wissenschaft zur Klimaforschung angeht. Allerdings umfasst jeder Teil des Berichts mehrere Hundert Seiten (enthält aber eine ausführliche “Technische Zusammenfassung”).

Zudem gibt es zu jedem Teil eine kürzere “Zusammenfassung für Entscheidungsträger”. Diese Zusammenfassung bestimmt meist die öffentliche Diskussion, sie wird in einer Plenarsitzung von Regierungsdelegationen Wort für Wort diskutiert und verabschiedet. Dabei kommt es durchaus zu Änderungswünschen, mit denen Delegationen die Gewichtung aus nationalem Interesse zu ändern versuchen (siehe zum Beispiel spiegel online vom 4.4.2007: >> Grabenkämpfe um bunte Landkarten). Diese Diskussion ist Stärke und Schwäche zugleich: Einerseits sind die Wissenschaftler gezwungen, ihre Aussagen auch gegenüber skeptischen Regierungsvertretern (etwa aus den USA oder Saudi Arabien) zu verteidigen, andererseits ist das Ergebnis manchmal ein in langen Nächten ausgehandelter Kompromiss. Aber auch dieser Prozess ist transparent: Der Entwurf der Wissenschaftler ist auf den Internet-Seiten des IPCC (unter “meeting documents” der jeweiligen Sitzungen) zu finden, so dass man ihn mit dem Ergebnis vergleichen kann.

Gelegentlich zu hörende Kritik, der IPCC würde die Gefahren des Klimawandels übertrieben, ist angesichts dieses Verfahrens kaum zu begründen. Natürlich wird es allen Prüfungen zum Trotz in einem von Menschen gemachten Werk wie den insgesamt vielen Tausend Seiten des IPCC-Klimareports immer möglich sein einzelne Fehler zu finden; die Gesamtaussage wird davon aber nicht verändert (siehe auch Kasten). Im Gegenteil ist eher zu beobachten, dass durchaus mögliche, aber eben noch nicht konsensfähige Folgen des Klimawandels in den IPCC-Berichten nicht auftauchen. Ein Beispiel wäre der mögliche Anstieg des Meeresspiegels, der weit höher sein könnte als im IPCC-Bericht dargestellt (>> mehr). Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese durchaus “konservativ” (was in der Sprache der Wissenschaft heißt: vorsichtig). Ein Problem des aufwendigen Verfahrens ist jedoch die im Laufe der Zeit schwindende Aktualität der Bericht: So waren beim vierten Bericht vom Ende der Literaturauswertung (Mitte 2006) bis Erscheinen des Synthesebands 15 Monate vergangen.

"Immer neue Fehler, Schlampereien und Übertreibungen"?

Im Winter 2009/10 machte ein Zahlendreher Karriere: Der IPCC-Report 2007 hat eine Studie zitiert, die das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher auf das Jahr 2035 prognostizierte: Eine offensichtliche Unsinns-Prognose, die durch einen Zahlendreher entstand (der Autor meinte das Jahr 2350). Diese wurde von Kritiker sogleich als Beleg für angeblichen Alarmismus und fehlende Qualitätskontrolle beim IPCC vorgebracht, und von der Presse freudig aufgegriffen: Der Spiegel berichtete etwa im Heft 13/2010, im IPCC-Bericht “tauchen immer neue Fehler, Schlampereien und Übertreibungen auf”; stellt ausführlich den Streit um die Rekonstruktion der Temperaturen aus der Vergangenheit (die im Artikel zitierten Klimaforscher glauben aber nicht, dass die geforderte Neurekonstruktion die Sicht auf den Klimawandel nennenswert verändern würde) und den ansteigenden Meeresspiegel dar (der vom IPCC bis zum Ende des Jahrhunderts mit 18 - 59 Zentimetern angegeben wird; nach dem vom Spiegel zitierten Peter Lemke, Chefklimatologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven halten “die meisten Experten ... diese Schätzung für zu gering” - wohl kaum ein Beleg für Übertreibungen des IPCC).

Am Ende bleibt: Jeder aufgezeigte Fehler ist ein Hinweis auf Verbesserungspotenzial, und auch die Reaktion des IPCC auf den Himalaya-Zahlendreher war nicht glücklich. Angesichts der intensiven Suche zahlreicher wie auch immer motivierter Menschen nach Fehlern in den rund 3.000 Seiten umfassenden IPCC-Reports ist aber eher deren geringe Zahl - und dass es über zwei Jahre gedauert hat, bis der oben genannte Fehler entdeckt wurde - bemerkenswert. Trotzdem wird der Internationale Akademierat Vorschläge für eine noch besser Qualitätssicherung erarbeiten. Vor allem ist aber nichts gefunden worden, was die Kernaussagen der Berichte relativieren müsste. Die Qualität der Kritik ist längst nicht so gut: Am 30.3. legte spiegel online (>> hier) nach: “Neue Vorwürfe setzen den Weltklimarat unter Druck”, die Kosten des Klimaschutzes sollen absichtlich klein gerechnet worden sein. Neu war daran nichts. Die Quelle, der niederländische Wirtschaftsforscher Richard Tol, zieht seit Jahren mit dieser Botschaft durch die Welt und gehört etwa zu den schärfsten Kritikern des >> Stern-Reports. Tol kommt zu anderen Ergebnissen als Stern und der IPCC, da er (als Wirtschaftsforscher) erklärt, dass die Klimatologen Ausmaß und Folgen des Klimawandels übertreiben, geringere Folgen annimmt und so auch zu geringeren Folgekosten des Klimawandels kommt, wodurch sich das Verhältnis der Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels zu den Folgekosten natürlich verschlechtert. Nun mag spiegel online ja glauben, dass ein Ökonom wie Tol mehr vom Klimawandel versteht als die große Mehrheit der Klimatologen, aber dass sie nicht merken, wie hier alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird, ist peinlich.

Die Berichte des IPCC und die Zusammenfassungen für Entscheidungsträger sind im Internet frei verfügbar (Webseite des IPCC: www.ipcc.ch). An den Berichten des IPCC ist die Entwicklung des Wissens über den Klimawandel deutlich abzulesen: Im ersten Bericht von 1990 wurde noch festgestellt, dass die Belege für einen menschlichen Einfluss auf die Erderwärmung nicht ausreichen, um sie sicher von der natürlichen Variabilität des Klimas abzugrenzen; im zweiten Bericht von 1995 hieß es bereits, dass die Belege darauf hindeuten, dass der Mensch einen erkennbaren Einfluss hat; und im dritten Bericht von 2001 war von neuen und stärkeren Belegen die Rede, dass der größte Anteil der Erderwärmung in den letzten 50 Jahren auf menschliche Aktivitäten zurückgeht. Im letzten Bericht von 2007 wird eine Wahrscheinlichkeit von 90 bis 99 Prozent dafür angegeben, dass der Mensch der Hauptverursacher der Erderwärmung seit 1950 ist, vor allem durch die Emission von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen. Eine Zusammenfassungen des aktuellen Klimareports finden Sie auf diesen Seiten (Arbeitsgruppe 1: >> 5. UN-Klimareport 2013; Arbeitsgruppen 2, 3 und Syntheseband: >> 4. UN-Klimareport 2007). Im Jahr 2007 erhielt der IPCC den Friedensnobelpreis, da er mit seinen Berichten einen Konsens über die Zusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und Klimaerwärmung hergestellt habe.

Websites zum Thema

www.ipcc.ch: Website des International Panel on Climate Change; Berichte können dort heruntergeladen werden (englischsprachig). Deutschsprachige Zusammenfassungen sind >> hier (unten auf der Seite unter “Translations into non-UN languages”) zu finden.

 

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