Strategien für die Zukunft

Bevölkerung und Gesundheit
Wie 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben können

Die Menschheit wird, wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, bis zum Jahr 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Die Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich ist eine Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft: Erst muss Brot auf dem Tisch, bevor die Ärmsten anfangen werden, sich um ihre künftige Umwelt zu sorgen. Der Kampf gegen die Armut muss ernsthafter als in der Vergangenheit geführt werden. Dies wäre gleichzeitig ein Baustein für eine gesündere Welt - und die Voraussetzung für ein schnelles Ende des Bevölkerungswachstums.

Kurve, die das Bevölkerungswachstum im Industriezeitalter und die mittlere UN-Vorhersage bis 2050 zeigt

Zunahme der Bevölkerung im Industriezeitalter (>> hier) und
mittlere Variante des UN World Population Prospects 2012 zur
Bevölkerungsentwicklung bis 2050. Eigene Abbildung.

In der Geschichte der Menschheit war das Wachstum der Menschheit die Voraussetzung für die Entwicklung, die wir >> genommen haben; mehr Menschen bedeuteten mehr Austausch, mehr Kreativität, mehr >> neue Erfindungen. Aber heute hat dieses Wachstum im Zusammenspiel mit dem Ressourcenverbrauch eines modernen, “westlichen” Lebensstils eine Grenze überschritten, wo mehr nicht mehr besser ist, sondern zunehmend seine >> eigenen Grundlagen gefährdet. Auch wenn in vielen bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und Bangladesch die Geburtenrate längst zurückgeht (Phase 3 des >> demografischen Übergangs), ist ein weiteres Wachstum der Weltbevölkerung durch die große Zahl der heute hier lebenden jungen Menschen vorprogrammiert: Die Hälfte der Bevölkerung in den am schnellsten wachsenden ärmeren Ländern ist unter 25, und daher könnte kurzfristig ein weiteres Wachstum nur durch schwere Katastrophen verhindert werden. Mittel- und langfristig ist jedoch eine Stabilisierung der Weltbevölkerung die Voraussetzung dafür, dass für den einzelnen nicht auch bei erheblich gesteigerter Effizienz immer weniger Ressourcen bleiben und der >> ökologische Fußabdruck der Menschheit nicht endgültig zu groß wird.

Wie viele Menschen werden wir?

Vorhersagen über das künftige Bevölkerungswachstum sind immer mit den intimsten Entscheidungen von Menschen verknüpft: Sie hängen davon ab, wie viele Paare sich in Zukunft für wie viele Kinder entscheiden. Aber die >> Geschichte des Bevölkerungswachstums nach der Industriellen Revolution zeigt, dass es  Gesetzmäßigkeiten gibt, die man mit wissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Das Wachstum der Bevölkerung geht nicht unendlich weiter (>> demografischer Übergang). Die Vereinten Nationen schätzen regelmäßig ab, wie sich die Erdbevölkerung in den verschiedenen Regionen der Welt vermutlich entwickeln wird. Aktuell sind die >> World Population Prospects - The 2012 Revision (englischsprachig), aus denen die folgenden Zahlen stammen.

Nach der mittleren Variante dieses Berichts wird die Weltbevölkerung von 2013 gut 7,2 Milliarden Menschen auf 8,1 Milliarden Menschen im Jahr 2025, auf 9,6 Milliarden Menschen im Jahr 2050 und auf 10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2100 anwachsen. Gegenüber früheren Ausgaben des Berichts sind diese Annahmen angestiegen - neuere Daten aus einigen Ländern zeigen ein Bevölkerungswachstum, das höher liegt als zuvor angenommen. Wie viele Menschen wir wirklich werden, hängt von der durchschnittlichen Fruchtbarkeit der Elternpaare ab. Je nach Sterblichkeitsrate bedeutet eine durchschnittliche Fruchtbarkeit von 2,1 (in Industrieländern) bis 2,6 (in armen Entwicklungsländern) Kindern je Elternpaar, dass die Bevölkerung stabil bleibt. Eine höhere durchschnittliche Fruchtbarkeit bedeutet Bevölkerungswachstum, eine niedrigere durchschnittliche Fruchtbarkeit einen Bevölkerungsrückgang. Im weltweiten Durchschnitt beträgt die durchschnittliche Fruchtbarkeit heute 2,53 Kinder; bei der mittleren Variante sind die UN-Experten von einem Rückgang auf 2,24 im Jahr 2050 und auf 1,99 im Jahr 2100 ausgegangen. Trifft diese Annahme nicht zu, hat das Einfluss auf die künftige Weltbevölkerung: Bei einer hohen Variante mit einer um etwa 0,5 Kinder höheren durchschnittlichen Fruchtbarkeit würde die Bevölkerung auf 10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 und 16,6 Milliarden Menschen im Jahr 2100 anwachsen; bei einer niedrigen Variante mit einer um etwa 0,5 Kinder niedrigeren Fruchtbarkeit würde sie auf 8,3 Milliarden Menschen im Jahr 2050 anwachsen und auf 6,8 Milliarden Menschen im Jahr 2100 zurückgehen. Dass die Bevölkerung auch bei dieser Variante trotzt einer durchschnittlichen Fruchtbarkeit von unter 2 zunächst noch weiter anwächst, liegt an der hohen Zahl junger Menschen, die erst noch ins fortpflanzungsfähige Alter kommen - die Bevölkerungszahl verhält sich daher wie ein sehr schwerer, schnell fahrender Tanker: sie hat einen sehr langen Bremsweg.

Das Bevölkerungswachstum ist sehr unterschiedlich verteilt, es gibt große Unterschiede zwischen den Ländern. In den meisten entwickelten Ländern liegt die Fruchtbarkeit seit langem unter der Reproduktionsrate von 2,1 Kindern; hier geht die Bevölkerung zurück (sofern der Rückgang nicht, wie zum Beispiel in den USA, durch Einwanderung ausgeglichen wird). In den letzten Jahren ist die Fruchtbarkeit hier leicht auf durchschnittlich 1,66 Kinder angestiegen. In den 49 ärmsten Ländern beträgt sie 4,53 Kinder pro Elternpaar; die UN-Bevölkerungsexperten gehen in der mittleren Variante davon aus, dass sie auf 2,87 Kinder im Jahr 2050 und 2,11 Kinder im Jahr 2100 fällt. In den ärmsten Ländern dürfte die Bevölkerung also noch länger deutlich zunehmen - die stärksten Auswirkungen auf die Bevölkerungszahl haben dabei schon heute bevölkerungsreiche Länder wie Indien, Nigeria, Tansania oder die Demokratische Republik Kongo. Insbesondere in Indien, wo die Geburtenrate bereits zurückgeht, könnte die Bevölkerung aufgrund des hohen Anteils junger Menschen noch von 1 Milliarde auf über 1,6 Milliarden Menschen anwachsen; Indien könnte damit vor China das bevölkerungsreichste Land der Erde werden. Aber die bevölkerungsreichsten Länder wie Indien, China und die USA befinden sich längst in Phase 3 oder 4 des >> demografischen Übergangs; eine Herausforderung stellt das Bevölkerungswachstum vor allem in Ländern wie Afghanistan, Angola, Nigeria und Uganda dar, die sich in Phase 2 befinden, deren Geburtenrate also noch sehr hoch ist.

Zwar ist das Bevölkerungswachstum alleine heute nicht die wichtigste Ursache unserer ökologischen Probleme, sondern das Produkt aus Anzahl an Menschen und individuellem Konsum (mehr dazu >> hier), und auch bei 9,6 Milliarden Menschen im Jahr 2050 wird die durchschnittliche Bevölkerungsdichte der Erde deutlich weniger als ein Drittel der heutigen Dichte Deutschlands betragen. Aber der Ressourcen- und Umweltverbrauch unser Lebensstils übertrifft die ökologische Tragfähigkeit der Erde längst (mehr dazu >> hier), unsere Ernährung ist von Futtermittelimporten abhängig; und immer mehr Menschen auf der Welt streben diesen Lebensstil an. Zwar haben wir ein riesiges Potenzial, über >> effizientere Ressourcennutzung und >> geändertes Verhalten Verbesserungen zu erreichen, aber mittel- und langfristig wird sich die Frage neu stellen: Soll nicht jeder Einzelne immer weniger verbrauchen dürfen, darf die Zahl der Menschen nicht endlos weiterwachsen. Dazu kommen andere Aspekte: Wenn das Bevölkerungswachstum in armen, instabilen Staaten stattfindet, werden junge Menschen, denen Grundrechte und die Befriedigung von Grundbedürfnissen verweigert werden, in einer vernetzten Welt Instabilität und Extremismus verstärken - der Direktor des amerikanischen CIA sagte 2008 bei einem Vortrag, der CIA halte inzwischen die Bevölkerungsentwicklung für gefährlicher als den Terrorismus.

Lässt sich das Bevölkerungswachstum menschlich bremsen?

“Bevölkerungskontrolle” ist politisch ein heikles Thema: Zum einen mischt sich die Politik in privateste Lebensentscheidungen ein, zum anderen wurde zu oft Missbrauch betrieben, in dem zum Beispiel Minderheiten besonders intensiv “kontrolliert” (z.B. durch Sterilisation) wurden. Erfreulicherweise gibt es andere Ansätze: Die meisten Frauen wollen nämlich gar nicht viele Kinder. Die Zahl der unbeabsichtigten Schwangerschaften entspricht etwa dem jährlichen Bevölkerungswachstum! In vielen Entwicklungsländern haben die Menschen aber keinen Zugang zu Aufklärung und modernen Verhütungsmitteln. Dazu tragen auch die Kirche und manche Industrieländer bei: So knüpften die USA unter George Bush einen großen Teil ihrer Entwicklungsgelder an eine abstinence-only-Richtlinie - Projektpartner mussten Enthaltsamkeit statt moderner Verhütungsmittel empfehlen; die katholische Kirche predigt Enthaltsamkeit und verdammt Kondome. Sein Nachfolger Barack Obama hat die US-Politik bereits am dritten Tag seiner Amtszeit geändert, zu recht: Zugang zu allen Methoden der Familienplanung ist ein wichtiger Schritt aus der Armut - Familien mit weniger Kindern investieren mehr in Nahrung, Gesundheit und Bildung für jedes Kind; und setzen damit einen positiven Kreislauf in Gang: Je besser die Bildung, vor allem der Mädchen, desto weniger Kinder. Das größte Hindernis bei der weltweiten Umsetzung dieser Erkenntnis ist, dass Themen wie Emanzipation der Frau (Mitbestimmung in der Familie und bei der Zahl der Kinder) und Verhütung in vielen Ländern dieser Erde aufgrund kultureller oder religiöser Traditionen nahezu ein Tabu sind.

Armut ist der zweite Verbündete des Bevölkerungswachstums: Arme Menschen müssen auf Kinder als Arbeitskraft und Alterssicherung setzen - und viele Kinder haben, da bei ihnen die Kindersterblichkeit höher ist. Hohe Geburtsraten gibt es daher fast ausschließlich in armen Ländern oder Ländern mit einem großen Anteil armer Menschen. Die höchsten Raten findet man in den ärmsten afrikanischen Ländern. Das Bevölkerungswachstum fördert wiederum die Armut: Land und Wasser müssen mit immer mehr Menschen geteilt werden, Sozialsysteme sind der Zahl an Menschen nicht gewachsen. Viele Mädchen werden früh schwanger, gehen nicht mehr zu Schule - und bleiben arm. Aus diesem Grund ist auch die Bekämpfung von extremer Armut ein grundlegender Beitrag, um das Wachstum der Weltbevölkerung zu bremsen - die Wege dahin sind allerdings umstritten (>> Der Streit um die Entwicklungshilfe).

Das Jahrtausend der Städte

Inzwischen lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten (>> mehr); die Vereinten Nationen schätzen, dass es im Jahr 2030 bereits 60 Prozent sind. Bis 2050 könnten bereits 6 Milliarden Menschen in Städten wohnen, fast doppelt so viele wie heute. Der Zustrom in die besonders schnell wachsenden Städte der Schwellen- und Entwicklungsländer wird anhalten, solange das Leben ihrer Bewohner besser ist als das auf dem Land. Eine besondere Herausforderung wird es daher sein, den Energie- und Ressourcenverbrauch von Ballungsräumen nachhaltig zu gestalten und durch die Stadtplanung sicherzustellen, dass der Flächenverbrauch nicht gleichermaßen wächst und Ackerland verschont - Städte liegen nämlich oft in fruchtbaren Flussniederungen, auf Land, das auch für den Ackerbau geeignet wäre. Die andere große Herausforderung für die Stadtplanung wird es auch sein, ein weiteres Anwachsen von Elendsvierteln zu verhindern und den Bewohnern sauberes Wasser zu liefern, Abwässer und Abfälle hygienisch zu entsorgen und die Luftqualität zu verbessern. Dann bieten Städte auch Chancen für die zukünftige Entwicklung: Der Energieverbrauch pro Einwohner ist in Städten mit verdichtetem Wohnen, kürzeren Wegen und Massenverkehrsmitteln oft wesentlich niedriger als im Landesdurchschnitt (ein Einwohner New Yorks produziert zwei Drittels des Kohlendioxids eines Durchschnittsamerikaners, ein Bewohner von São Paulo nur ein Fünftel eines Durchschnittsbrasilianers). Der Zugang zu medizinischer Versorgung und besserer Bildung ist einfacher, und Stadtbewohner wollen in der Regel weniger Kinder haben.

Die Energieversorgung der Städte bietet beste Möglichkeiten, die bei der Stromerzeugung in Wärmekraftwerken anfallende Abwärme (>> hier) zur Heizung zu nutzen; dazu sind aber kleine, dezentrale Kraftwerke besser geeignet als die heute bevorzugten Großkraftwerke (>> hier). Durch die hohe Energiedichte bieten sich in Städten auch exotische Lösungen an; so gewinnt der Stockholmer Stadtteil Hammarby Sjöstad über Wärmetauscher selbst die Wärme aus dem Abwasser zurück (>> hier). Die Nutzbarkeit von Erdwärme mittels Tiefengeothermie ist dagegen von Stadt zu Stadt - abhängig von der Geologie - sehr unterschiedlich. Die direkte Stromerzeugung mittels Sonnenenergie bleibt aufgrund beschränkter (geeigneter) Dachflächen und die aus großen Windkraftwerken aufgrund mangelnder Akzeptanz seitens der Bevölkerung eingeschränkt; regenerativer Strom muss auch in Zukunft zu einem bedeutenden Anteil aus dem Umland kommen. Dort könnte auch Biogas erzeugt werden, das die kleinen Kraft-Wärme-Koppelungskraftwerke antreibt (mehr zum Thema >> Energiezukunft).

Inzwischen entstehen auf der Welt bereits Hochhäuser (>> mehr) und erste Städte nach energieeffizienten Bauprinzipien: In Abu Dhabi entsteht die Siedlung Masdar, die die traditionelle  Bauform arabischer Siedlungen mit engen Gassen und moderne Solartechnik verbinden will - die Stadt soll keine fossilen Brennstoffe mehr brauchen (>> spiegel online); China plant eine Ökostadt in Dongtan vor Schanghai (>> sueddeutsche.de). Zu den wichtigsten Grundsätzen, die in solchen Häusern und Projekten angewendet werden, gehören die Anpassung der Gebäude an das lokale Klima und die lokalen Gegebenheiten, optimale Orientierung zur Sonne und die Nutzung neuer Techniken, wie extrem effektive Vakuumdämmung (>> mehr), passive (>> mehr) oder solare Kühlsysteme (>> mehr)).

Der Streit um die Entwicklungshilfe

Die Zahlen belegen: Eine der wichtigsten Ursachen sowohl für Hunger als auch für Krankheiten ist Armut. Die 1,1 Milliarden Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen, leiden oft unter Hunger und sterben viel früher als der Rest der Menschheit. Extreme Armut, Hunger und Elend sind in einer Welt, in der genug Nahrung und genug Ressourcen für eine Basisversorgung aller Menschen da sind, eine moralische Bankrotterklärung.

Aber welches ist der beste Weg, um Hunger und Elend zu bekämpfen? Einen Weg vertritt >> Jeffrey Sachs, Leiter des Millennium-Projekts der UN. Für ihn kann ein groß angelegtes und gezieltes öffentliches Investitionsprogramm das ganze Problem bis 2025 lösen. Nötig wären nach Sachs 160 Milliarden US-$ pro Jahr, das Doppelte des gegenwärtigen Hilfsbudgets. Rechnet man Kosten für humanitäre Projekte wie die Tsunami-Hilfe rund um den Indischen Ozean hinzu, wären 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Geberländer nötig. Das versprechen diese seit 1980, halten es jedoch selten ein. Das Geld sollte in die systematische Verbesserung von Nahrungsmittelproduktion, Ernährung, Gesundheit und Transportwesen investiert werden.

Die Kritiker, allen voran der frühere Weltbank-Mitarbeiter >> William Easterly, halten diesen Ansatz für technokratisch und fürchten, dass schlüsselfertige Lösungen wie die der UN-Projekte Sozialstrukturen, Kulturen und Traditionen der Regionen nicht genug berücksichtigen - Ergebnis werde ein weiteres Großprojekt sein, das scheitere. Schlimmer: Solche Projekte lähmten die Eigeninitiative in den Empfängerländern und verstärken die Idee, dass die Rettung von außen kommen müsste. Im Ergebnis verdoppele Sachs’ Plan nur die Finanzflüsse in die Taschen korrupter lokaler Eliten.

Richtig ist, dass manche Reiche in den armen Ländern ihr Vermögen lieber im Ausland anlegen, als im eigenen Land zu investieren - sie müssen viel stärker in die Pflicht genommen werden. Richtig ist auch, dass reiche Länder oft korrupte Regime unterstützen - aber meist nicht, um Armen zu helfen, sondern weil diese Rohstoffe besitzen (>> Der Kampf um die Rohstoffe). Die Diskussion um die richtige Entwicklungshilfe ist wichtig, um keine Fehler zu wiederholen. Der Gegensatz ist jedoch längst nicht so stark wie oft geglaubt: Auch Sachs fördert die Landwirtschaft und keine industriellen Großprojekte, auch Sachs weiß, dass seine Projekte ohne die Einbindung lokaler Autoritäten scheitern werden.

Wir dürfen aber vor allem nicht vergessen, dass unsere Wirtschafts- und Handelspolitik (Export subventionierter Agrarprodukte, deren Preise lokale Märkte zerstören; Zollschranken für Entwicklungsländer; ...) erheblich zum Hunger und Elend auf der Welt beitragen. Entwicklungshilfe kann nur dann wirksam sein, wenn wir auch hieran etwas ändern.

Gesunde Nahrung für alle

Siehe Seite >> Die Zukunft der Landwirtschaft

Eine gesündere Welt

Eine der Ursachen für den Anstieg der Bevölkerungszahlen in der Vergangenheit war der >> erfolgreiche Kampf gegen Krankheiten. Klassische Infektionskrankheiten wie Typhus und Cholera sind heute aus medizinischer Sicht dank Schutzimpfungen und Antibiotika weitgehend unter Kontrolle; aber besonders die Armen leiden immer noch unter ihnen. In den Tropen ist Malaria immer noch eine unbesiegte Krankheit. Hier ist wieder Armutsbekämpfung (wie beim Hunger) der wichtigste Faktor; insbesondere eine ausreichende Ernährung von Kindern muss erste Priorität haben. Zu den oben erwähnten Millennium-Entwicklungszielen gehört auch eine medizinische Basisversorgung der Weltbevölkerung, etwa Impfungen für Kinder. Beunruhigen muss es, dass sich zunehmend Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, unter anderem aufgrund der massiven Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung.

Medizinisch viel problematischer als die klassischen Infektionskrankheiten sind aber die neuartigen, meist auf einen Virus zurückgehenden Infektionskrankheiten. Gegen diese hat der Mensch kaum Abwehrkräfte. Der Aids-Virus HIV hat bereits eine globale Katastrophe ausgelöst. Zur Zeit fürchten Infektiologen vor allem einen Ausbruch der Vogelgrippe - dies kann dann geschehen, wenn ein mutierter Virus auftritt, der von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Gegen Epidemien solcher Krankheiten helfen vor allem Vorbeugungsprogramme; bei ausgebrochenen Krankheiten kommt es dann darauf an, die Therapien auch armen Menschen zugänglich zu machen. Wie aber beispielhaft die Ausrottung der Pocken zeigt, ist die Menschheit in der Lage, solche Kampagnen durchzuführen. Um mögliche Epidemien rechtzeitig einzudämmen, ist insbesondere der Aufbau globaler Überwachungsstrukturen notwendig - bestehend aus Labors, die neuartige Krankheitserreger erkennen können.

Tödliche Begegnungen

Tiere waren seit jeher auch Krankheitsüberträger; von Tieren auf den Menschen übertragene Infektionskrankheiten heißen Zoonosen. Etwa 60 Prozent aller Infektionskrankheiten des Menschen stammen ursprünglich von Tieren; die häufigste ist der Befall mit Salmonellen, Grippe, Pest und Tollwut sind weitere Beispiele. Im Laufe der Zeit passen sich Mensch und Krankheitserreger oftmals soweit an, dass die Krankheit weniger tödlich wird. (Von dieser Anpassung profitierten die Europäer bei ihrer Eroberung der Welt, >> mehr.)

Die neuartigen Infektionskrankheiten kommen in der Regel ebenfalls von Tieren - so ist der Aids-Virus HIV eine veränderte Form des ähnlichen Affenvirus SIV, die Lungenkrankheit SARS ein veränderter Katzenvirus, der Ebola-Virus wird von Flughunden (einer mit den Fledermäusen verwandten Tiergruppe), die Vogelgrippe von Vögeln übertragen. Als ein Grund für das Auftreten dieser neuartigen Infektionskrankheiten wird der immer intensivere Kontakt zwischen Mensch und Wildtieren, in deren Lebensraum wir zunehmend eindringen, genannt: So werden in Afrika Affen, die ebenfalls an Ebolafieber erkranken, als “bush meat” gegessen - und dabei wird der Virus vermutlich auf den Menschen übertragen. Anderswo begünstigt Massentierhaltung die Ausbreitung von Krankheitserregern, wie bei der Vogelgrippe, und natürlich fördert auch die intensive menschliche Reisetätigkeit die Ausbreitung von Krankheiten, sobald diese es “schaffen”, von Mensch zu Mensch übertragen zu werden. Solche “Wirtswechsel” bedeuten die Gefahr, dass aus einer Zoonose eine Pandemie wird: So war etwa das Virus, dass die “Spanische Grippe” auslöste, die zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Todesopfer forderte, ein mutiertes Vogelgrippevirus.

Während die klassischen Infektionskrankheiten zurückgehen, nehmen chronische Krankheiten an Bedeutung zu. Viele haben mit ungesunder Lebensweise zu tun - Zigarettenrauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel führen zu Herz-, Kreislauf oder Lungenerkrankungen. Ungesunde Lebensweise mag man im Bereich der persönlichen Freiheit ansiedeln - Rauchen ist aber eher als Sucht anzusehen; eine Beschränkung der Werbung für und des Verkaufs von Tabak weltweit wäre vermutlich die wirksamste Einzelmaßnahme gegen chronische Krankheiten überhaupt.

Chronische Krankheiten werden noch aus einem anderen Grund häufiger werden: Sinkende Fruchtbarkeit bedeutet auch, dass das Durchschnittsalter der Menschen zunimmt - die Weltbevölkerung >> wird älter. Statt heute 672 Millionen werden im Jahr 2050 fast 2 Milliarden Menschen über 60 Jahre alt sein. Die Folgen dieser Entwicklung hängen wieder von der Gesundheit der Menschen ab, und diese unter anderem vom erlangten Bildungsgrad - besser ausgebildete Menschen sind in der Regel gesünder. 80 Prozent der Menschen über 60 Jahre werden im Jahr 2050 in Entwicklungsländern leben, wo sich heute noch ausschließlich die Familie um Menschen kümmern muss, die zu alt oder krank zum Arbeiten sind - was angesichts zunehmender Mobilität immer schlechter funktioniert. Daher muss der Faktor Alter bei der Armutsbekämpfung unbedingt mit einbezogen werden.

Vor allem in den Schwellenländern nimmt die Zahl tödlicher Arbeitsunfälle und berufsbedingter Krankheiten stark zu; ebenso nehmen mit zunehmender Motorisierung Verkehrsunfälle als Krankheits- und Todesursache zu: Im Jahr 2020 könnten sie bereits an dritter Stelle stehen. Die Abhilfemaßnahmen liegen auf der Hand: Durchsetzung der Mindeststandards zum Arbeitsschutz in der Arbeitswelt und Schulung von Verkehrsteilnehmern sowie regelmäßige technische Kontrolle der Fahrzeuge.

Webtipps

Bevölkerung und Armutsbekämpfung

>> Stiftung Weltbevölkerung: Viele Informationen und Aktivitäten rund um Bevölkerungszuwachs und Armutsbekämpfung. Ein guter Einstieg sind die Infoblätter (http://www.weltbevoelkerung.de/publikationen-downloads/publikationen.html).

Verstädterung

Wie Städte ihren Energieverbrauch senken können, zeigt das Städtische Energieeffizienz- Programm der Stadt Wien. >> Energiestadt Wien (ein Artikel aus der ZEIT).

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© Jürgen Paeger 2006 - 2014

Bevölkerung 2050 in Millionen Menschen:

1 Indien 1.620
2 China 1.385
3 Nigeria 440
4 U.S.A. 401
5 Indonesien 321
6 Pakistan 271
7 Brasilien 231
8 Bangladesch 202

nach UN World Population Prospects 2012, mittlere Variante.

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