Hintergrundinformation

Verteilungskämpfe um Rohstoffe

Knapper werdende Rohstoffe und der gleichzeitige Aufstieg der bevölkerungsreichen Schwellenländer China und Indien verändern nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch die Balance in der Weltpolitik. Die Jagd nach Rohstoffen führt zu gefährlichen Konflikten.

Die Tankstelle der Welt: Ein Pulverfass

Die Verknüpfung von Rohstoffen und Außenpolitik hat schon eine ungute Tradition. Die Ölförderung in den USA geht seit 1971 zurück, weil die Vorräte erschöpft sind, und seither wurde der “American Way of Life” immer abhängiger vom Nahen Osten, wo die größten Vorräte liegen. Jahrzehntelang haben die USA hier korrupte Diktatoren unterstützt, sofern sie nur billiges Erdöl lieferten: Auch das Regime in Saudi-Arabien, das mit diesem Geld wiederum islamistische Terroristen unterstützte - darunter Osama Bin Laden, den Drahtzieher der Terrorangriffe vom 11. September 2001, bei denen etwa 3.000 Menschen starben.

Die Vergeltung der USA traf zunächst Afghanistan, dann aber auch den Irak - ein Krieg, der mit Fehlinformationen über angebliche Massenvernichtungswaffen begründet wurde. Der Irak hat aber riesige Rohstoffreserven. Welche Rolle das Erdöl bei der Entscheidung für den Krieg gespielt hat, wird umstritten bleiben; die Folgen des Krieges auf die Energieversorgung sind heute erkennbar: Die ohnehin durch die ungelöste Palästina-Frage unruhige Region wurde weiter destabilisiert, inzwischen gefährden islamistische Anschläge auf die Öl-Infrastruktur die “Tankstelle der Welt” in weit größerem Umfang als zuvor. Als eigentlicher Sieger des Krieges gilt in der Region der Iran; ein Land, das offen nach der Atombombe strebt.

Im Iran liegen aber auch die drittgrößten Erdöl- und die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt; es ist ein wichtiger Lieferant für die aufstrebenden, bevölkerungsreichen Schwellenländer China und Indien. China hat im Oktober 2004 einen 70-Milliarden-US$-Deal mit dem Iran abgeschlossen und sich damit für weitere 25 Jahre Erdöl und für 30 Jahre Erdgas gesichert. Ernsthafte Sanktionen des UN-Sicherheitsrats gegen seinen Geschäftspartner wegen des Atomprogramms kann es als Vetomacht verhindern. Andererseits wären auch China und Indien betroffen, würde der Iran im Falle eines amerikanischen Angriffs etwa wie angedroht die Durchfahrt an der Straße von Hormus blockieren - mehr als ein Fünftel des weltweit exportierten Erdöls müssen durch diesen Engpass.

Um diese Gefahr zu umgehen, investieren alle Abnehmer in Pipelines: Ein Konsortium unter Leitung von BP baute mit Unterstützung der US-Regierung für 3,6 Milliarden Dollar eine Ölleitung von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei; China plant eine Pipeline aus dem Iran über Turkmenistan und Kasachstan. Dabei nehmen sowohl der Westen in Aserbaidschan als auch China in Turkmenistan in Kauf, korrupte Herrscher zu umwerben und zu finanzieren.

Neue Mitspieler: China und Indien

China und Indien - mit der Aufholjagd der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde (siehe >> hier) erreichte auch ihr Energieverbrauch immer neue Höhen. China war 1992 noch Erdölexporteur, heute ist der nach den USA zweitgrößte Erdölimporteur. Und Indien importiert 70 Prozent seines Öl- und 50 Prozent seines Gasbedarfs. Auch für China und Indien ist Öl aus dem Nahen Osten unverzichtbar, und der Iran ist wegen seiner politischen Distanz zu den westlichen Industriestaaten ein idealer Partner. Der politische Preis, den vor allem China für diese Quelle zu zahlen bereit ist, wird die Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm absehbar erschweren (siehe oben).

Aber auch in anderen Ländern bemüht sich insbesondere China mit riesigen Investitionen darum, seinen Nachteil als Späteinsteiger auszugleichen: 40 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen gehen nach Lateinamerika, wo der Einfluss der USA durch eine Reihe von Wahlsiegen linker Regierungen schwindet. In Afrika, dem vom Westen “vergessenen Kontinent”, investiert China unter anderem Milliarden Dollar in die Infrastruktur das ölreichen, aber korrupten Nigerias und betreibt fast die gesamte Ölförderung des Sudan. (Auch hierfür geht das Land über Leichen: Es verhindert jede harte UN-Verurteilung des Sudan wegen des Vernichtungsfeldzuges in Darfur.)

Indien steht dem Westen näher, wichtigster Öllieferant ist Saudi-Arabien. Aber Indien ist auch Atommacht - und galt bisher als Außenseiter, da es den Atomwaffensperrvertrag nie beigetreten ist. Im März sagten die USA trotzdem zu, dem Land modernste Atomtechnologie zu liefern. Bei der Suche nach Verbündeten sind alte Bedenken schnell vergessen.

Die alte neue Großmacht: Russland

Rohstoffe sind auch die Basis für den erneuten Aufstieg Russlands zur anerkannten Großmacht: Russland verfügt über Öl und Gas, und stellt vor allem für Europa, aber auch Asien, eine wichtige Alternative zu den Lieferanten im Nahen Osten dar. Auch für Deutschland - über ein Drittel unseres Gases kommen aus Russland. Aber das russische Öl- und Gasgeschäft wird weitgehend vom Kreml gesteuert und ist an dessen außenpolitische Interessen geknüpft. Dies wurde zuletzt beim Gasstreit mit der Ukraine Anfang 2006 und Anfang 2007 deutlich wurde, als im Streit mit Weissrussland die Ölversorgung Westeuropas unterbrochen wurde: Russland setzt seine Rohstoffe auch politisch ein. Um seine Stellung auch in Zukunft zu sichern, investiert der russische Monopolist Gasprom zwei Milliarden Dollar in Bolivien und verhandelt mit Algerien und Libyen über Gaslieferungen. Gasprom gehört zu 50,01 Prozent dem russischen Staat.

Auch für Asien sind die russischen Rohstoffe interessant: Japan bereitet zur Zeit den Bau einer 3.800 Kilometer langen Pipeline von den sibirischen Ölfeldern bei Angarsk am Südende des Baikalsees zum Pazifikhafen Nachodka vor; um diese Pipeline hat sich jahrelang auch China bemüht, die sie zur chinesischen Ölstadt Daqing führen wollte - möglicherweise wird hierfür noch ein Abzweig gebaut.

Die Aussichten: Kooperation oder Konflikt?

Die Jagd nach Rohstoffen kann helfen, alte Konflikte zu überwinden: Die Öllieferungen von Russland nach China sind ein Beispiel dafür. Aber es spricht wenig dafür, dass dieser Aspekt überwiegt: Zu vital sind die Interessen, die an den Rohstoffen hängen. China etwa kann sich nicht vorstellen, wie ausreichend Jobs und eine soziale Absicherung für Arme und Alte ohne Wachstumsraten von acht Prozent erreicht werden könnten - und wie die Führung andernfalls das riesige Reich zusammenhalten und sich selbst an der Macht halten kann. Zwar kann auch China an einer Konfrontation mit den westlichen Industriestaaten kein Interesse haben - hier liegen die Märkte; aber wie das Beispiel Iran zeigt, sind wirtschaftliche Interessen nicht immer eine Garantie für rationales Verhalten.

Zudem könnten manche Engpässe der Rohstoffversorgung, etwa die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des gesamten Rohöls transportiert werden, auch verlockende Ziele für Terroristen sein. Der wachsende Rohstoffbedarf läßt erwarten, dass die Auseinandersetzungen um die Rohstoffe in Zukunft härter werden - oder wie es der SPIEGEL in einer Serie formulierte: Der neue Kalte Krieg hat längst begonnen: Es ist der Kampf um die Rohstoffe.

Der beste Weg, nicht zu tief in diesen Kampf verstrickt zu werden, ist die Verringerung unseres Rohstoffbedarfs. Sparsamer Umgang mit Rohstoffen ist auch ein Beitrag zur Friedenssicherung.

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© Jürgen Paeger 2007 - 2008

© Jürgen Paeger 2006 - 2009

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