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Hintergrundinformation
Die Industrielle Revolution
Die zweite Industrielle Revolution: Chemie, Elektrizität und Auto
Die erste Phase der industriellen Revolution mit Kohle, Dampfmaschine und Stahl ist noch weitgehend von „Tüftlern und Bastlern“ ausgelöst worden, nicht durch wissenschaftlich-technische Forschung. Anders sah es mit Erfindungen und Entdeckungen in der Chemie und mit Elektrizität aus: hier hatten Amerikaner, Franzosen und Deutsche mit ihren guten wissenschaftlichen und technischen Ausbildungsstätten die Nase vorn. Erdöl wurde zum Grundstoff der chemischen Industrie und diente der Herstellung von Benzin - die Autoindustrie setzte Maßstäbe in der Produktivität.
 Badische Anilin- und Sodafabrik 1881, unbekannter Maler. Aus >> wikipedia, abgerufen 5.3.2010. Gemeinfrei
Die chemische Industrie entsteht
Die Geschichte der Chemie als moderne Naturwissenschaft beginnt Ende des 18. Jahrhunderts, als Experimente und genaue Messungen die alchimistische Arbeitsweise ablösten – etwa mit den Arbeiten Lavoisiers, der zeigte, das Verbrennungsprozesse chemisch gesehen Oxidationen sind: die verbrennenden Elemente reagieren mit Sauerstoff (>> mehr). In Deutschland legte Justus Liebigs Forschung in Gießen die Grundlage für die Düngerwirtschaft, die die Erträge der Landwirtschaft wirkungsvoll steigern sollte (>> mehr). Die neue Wissenschaft Chemie wandte sich auch den Abfallprodukten der Kohleindustrie zu: In den Kokereien entstanden große Menge stinkenden und giftigen Teers, und 1856 entdeckte der engliche Chemiker William Henry Perkin bei Experimenten mit dem Teerbestandteil Anilin zufällig einen Farbstoff, mit dem sich Seide ausgezeichnet färben ließ; und 1858 endeckte Justus Liebigs Assistenz August Wilhelm von Hoffmann den ebenfalls aus Anilin abgeleiteten Farbstoff Fuchsin (benannt nach der ähnlich gefärbten Fuchsie). In Deutschland wurden mehrere Teerfarbenfabriken gegründet, darunter 1863 bei Frankfurt die Farbenfabrik Meister, Lucius & Brüning (die später in Farbwerke HOECHST umbenannt wurde) und die Firma Friedr. BAYER & Co. in Wuppertal, 1865 bei Mannheim die Badische Anilin- & Sodafabrik (BASF) und 1867 bei Berlin die Gesellschaft für Anilinfabrikation (die spätere AGFA) - dies war die Geburt der deutschen Chemieindustrie. Im Jahr 1900 produzierte Deutschland 80 bis 90 Prozent aller synthetischen Farbstoffe der Welt.
Die Teerfarbenindustrie wurde zum Ausgangspunkt der organischen Chemie insgesamt, denn bei den Versuchen, Farben zu entdecken, wurden beispielsweise auch Medikamente und Parfüme entdeckt. Eine ähnliche Bedeutung als Geburtshelfer der Chemieindustrie hatte nur noch die Herstellung von Soda (und wie die “Badische Anilin- und Sodafabrik” zeigt, sind beide eng verknüpft: Soda wird hauptsächlich bei der Glasherstellung, aber auch zur Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln und in der Papierindustrie gebraucht). 1865 gelang es dem belgischen Chemiker Ernest Solvay, Soda nach einem neuen, billigeren Verfahren herzustellen; der Solvay-Konzern ist noch heute einer der weltgrößten Chemiekonzerne. Auch die anorganische chemische Industrie profitierte von den Techniken und Bedürfnissen der Teerfarbenfabriken. So wurde etwa für die Indigosynthese konzentrierte Schwefelsäure benötigt, die mit den damaligen Verfahren nicht hergestellt werden konnte: 1901 entwickelte BASF das “Kontaktverfahren”, mit dem sich diese herstellen ließ (und das inzwischen durch BAYER zum “Doppelkontaktverfahren” weiterentwickelt wurde). Schwefelsäure wurde damit zum Massenprodukt und wird zur Herstellung von Düngemitteln, in der Chemie-, Metall- und Elektroindustrie reichlich verwendet - im Jahr 2000 wurden 167 Millionen Tonnen hergestellt. Stickstoffverbindungen konnten seit 1913, als die erste auf Grundlage eines von dem deutschen Chemiker Fritz Haber und seines Kollegen Carl Bosch bei der BASF entwickelten Verfahrens zur Herstellung von Ammoniak arbeitende Syntheseanlage ihren Betrieb aufnahm, industriell hergestellt werden. Diese Anlage diente der Herstellung von Ammoniumsulfat, einem Stickstoffdünger.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges (>> hier) wurde die Chemieindustrie auf Spreng- und Kampfstoffproduktion umgestellt und ausgebaut. So wurde bei Leuna unter der Leitung von Carl Bosch der Bau einer Ammoniaksyntheseanlage mit anschließender Erzeugung von Salpetersäure begonnen - Salpetersäure war die Basis für die Herstellung von Sprengstoffen wie “Nitroglycerin” (und damit des 1867 von Alfred Nobel erfundenen Dynamits, bei dem Nitroglycerin mit Granulat gemischt wird und so relativ sicher zu transportieren war), Pikrinsäure und TNT. Nach dem verlorenen Krieg wurden dann wieder Stickstoffdünger hergestellt; als sich große Teile der deutschen Farbenindustrie 1925 zur IG Farben zusammenschloss, machte das Stickstoffgeschäft über 40 Prozent ihres Umsatzes aus. Vor allem die Industrialisierung und damit einhergehende Chemisierung der Landwirtschaft (>> hier) führten dazu, dass die Produktion von Stickstoffverbindungen im Jahr 2000 etwa 90 Millionen Tonnen betrug. Mit der Verfügbarkeit von elektrischem Strom (>> mehr) waren zudem neue Produktionsverfahren möglich gewurden. So wurde der viel gebrauchte Grundstoff Natronlauge seit Anfang des 20. Jahrhundert mittels Elektrolyse einer Steinsalzlösung hergestellt. Bei dieser Elektrolyse fiel aber Chlor in großen Mengen an. Chlor ist ein aggressives Gift, und um dieses loszuwerden, begann die Suche nach Verwandungsmöglichkeiten: Mit der Chlorierung von Acetylen wurden Chlorkohlenwasserstoffe (CKW) wie Trichlorethan und später Trichlorethen (TRI) erzeugt, andere CKW wie Chloroform wurden als Narkosemittel verwendet. Die so entstehende Chlorchemie sollte wesentlich die Umweltauswirkungen der chemischen Industrie bestimmen. Im Ersten Weltkrieg wurde Chlor aber zunächst direkt als Giftgas genutzt, später vor allem das aus der Reaktion von Chlor mit Kohlenmonoxid entstehende Phosgen und andere Giftgase wie Lost, gegen die auch keine Gasmasken mehr halfen. Alleine Deutschland stellte im Ersten Weltkrieg 105.000 Tonnen chemischen Kampfstoffe her.
Nach dem Krieg musste dann wieder eine zivile Verwendung für das Chlor gefunden werden, ein Verfahren war die bei Hoechst entwickelte Methanchlorierung. Insbesondere Tetrachlormethan (TETRA) begann seinen Siegeszug als Entfettungs- und Lösemittel sowie Feuerlöschmittel - und führte zu einer Welle von Vergiftungsfällen, weshalb die Verwendung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgegeben wurde. Auch TRI erwies sich als giftig, wurde aber noch bis 1970 in steigenden Mengen hergestellt. Auch der “Nachfolger” Tetrachlorethen (PER) erwies sich als ähnlich giftig, und inzwischen sind die Emissionen leichtflüchtiger Halogenkohlenwasserstoffe gesetzlich streng geregelt. Aber im Jahr 2000 betrug die Einsatzmenge in Deutschland immer noch 22.500 Tonnen. (Siehe zum Thema auch >> Das Ozonloch.)
Eine andere Verwendungsmöglichkeit für die Chlorüberschüsse war die Herstellung von Kunststoffen. Grundlage war die 1869 gelungene Entwicklung des Zelluloid und der 1872 erfundenen Spritzgussmaschine. Zelluloid entstand - wie Kunstseide - noch auf Basis natürlicher Polymere (Zellulose). Es wurde, da es sehr brennbar war, später durch andere Kunststoffe ersetzt; nur als Grundlage für fotografische Filme blieb es lange bedeutsam. Aber es war der erste Stoff, mit dem man wertvolle Naturmaterialien wie Elfenbein imitieren und als billige Massenware herstellen konnte. Den ersten Kunststoffboom auf dem Massenmarkt erlangte als durchsichtige Verpackungsfolie das als Cellophan oder Zellglas bekannte Zellulosehydrat. Der erste echte “Kunst-Stoff” war das 1907 von Leo Hendrik Baekeland in den USA hergestellte “Bakelit”. Damit begann ein neues Zeitalter.
Anfang des 20. Jahrhundert hatte der deutsche Chemiker Hermann Staudinger wichtige Beiträge zur Polymerchemie geleistet, wofür er 1953 den Chemie-Nobelpreis bekam. Seine Forschung bildet die Grundlage für die heutige Kunststoffindustrie. 1930 hatte die IG Farben ein Patent für die Herstellung des künstlichen Polymers Polyvinylchlorid (PVC), dessen industrielle Produktion 1935 begann. Kunstfasern auf der Basis von Zelluloseacetat, die seit den 1920er Jahren als Basis preiswerter Kleidung immer bedeutsamer geworden waren (Kunstseide kostete ein Viertel natürlicher Seide), wurden durch rein synthetische Materialien wie das von DuPont entwickelte Nylon abgelöst. Insbesondere Nylonstrümpfe lösten eine “Nylonmanie” aus: bereits im ersten Jahr auf dem Markt wurden in den USA etwa 64 Millionen Paar verkauft. (Die Nylonmanie endete bereits 1941, als Nylon, das für die Herstellung von Fallschirmen, Zelten und Militäruniformen gebraucht wurde, kriegswichtig wurde: Viele amerikanische Frauen spendeten dafür ihre Nylonstrümpfe. In Deutschland wurde das von der IG Farben entwickelte Perlon als deutsche Alternative zum Nylon genutzt. Chemisch sind beide Polyamide.)
Dabei wurde zunehmend Erdöl (genauer: das in den Erdölraffinerien entstehende Destillat Naphta) als Grundstoff genutzt, und ab den 1930er Jahren fanden weitere Kunststoffe wie Polystyrol (z.B. für Schaumstoffschalen, Dämmstoff, Elektrogeräte), Polyethylen (z.B. für “Tupperware”, Folien, Plastikflaschen) und Polyurethan (z.B. als Montageschaum, Dämmstoff) einen stetig wachsenden Markt und führten mit dem Bedarf der immer bedeutender werdenden Autoindustrie (>> hier) mit ihrem Bedarf an Kraftstoffzusätzen, Schmiermitteln, Lacken, Kautschuk etc. zur Entstehung der Petrochemie. In Deutschland begann ihr Siegeszug in der Zeit des “Wirtschaftswunders” nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Weltproduktion an Kunststoffen stieg von 10.000 Tonnen/Jahr im Jahr 1930 auf eine Millionen Tonnen/Jahr im Jahr 1949 an; 1976 betrug sie 50 Millionen, 1979 übertraf sie erstmals die Menge des im selben Jahr hergestellten Stahls und im Jahr 2003 betrug die Produktion 200 Millionen Tonnen/Jahr. Kennzeichnendes Produkt der Jahrtausendwende ist die PET-Flasche: Alleine in den USA wurden pro Jahr 25 Milliarden PET-Flaschen (für deren Produktion 17 Millionen Barrel Öl gebraucht wurden) weggeworfen. Die Petrochemie ist heute der bei weitem wichtigste Zweig der Chemieindustrie.
Ebenfalls der Chlorchemie entstammen die meisten Pestizide. Der Bedarf an “Schädlingsbekämpfung” stieg nach dem Zweiten Weltkrieg enorm an, als sich die Monokulturen der industrialisierten Landwirtschaft ausbreiteten. Zu den giftigsten Pestiziden zählten DDT, Lindan und Derivate von Di- und Trichlorphenol (2,4-D und 2,4,5-T). Lindan und DDT wurden als Insektenvernichtungsmittel verwendet; beide reicherten sich in der Nahrungskette an: DDT führte zum Rückgang von Seeadlern und anderen Raubvögeln (und wurde in Deutschland 1972 verboten), Lindan erwies sich als Gesundheitsgefahr für den Menschen. Dioxinhaltige Rückstände aus der Lindanproduktion, die ungesichert auf dem Gelände der Firma Boehringer gefunden wurden, führten 1984 in Hamburg zur ersten Werksschließung aus Gründen des Umweltschutzes in Deutschland. 2,4-D und 2,4,5-T wurden im Vietnamkrieg von den Amerikanern als Entlaubungsmittel “Agent Orange” eingesetzt, was zu Missbildungen Neugeborener und Krebserkrankungen führte.
Die Nutzung der Elektrizität
Die Revolution bei der Nutzung der Elektrizität ermöglichte Werner Siemens, als er auf Basis des Jahrzehnte zuvor von Michael Faraday entwickelten Dynamos im Jahr 1866 eine kommerziell nutzbare Dynamomaschine entwickelte: Mechanische Arbeit konnte in elektrischen Strom umgewandelt werden – eine Erfindung so wichtig wie die Dampfmaschine. Das Gegenstück war der Elektromotor, der elektrischen Strom zu mechanischer Arbeit machte – damit gab es eine kleine, erschwingliche Antriebs- und Arbeitsmaschine. Zunächst wurde Strom aber vor allem für den 1837 von Samuel Morse entwickelten elektrischen Telegrafen gebraucht; die 1847 von Werner Siemens und Johann Georg Halske gegründete “Telegraphenbau-Anstalt von Siemens & Halske” baute im Winter 1848/49 die Telegrafen-Leitung von Frankfurt nach Berlin und weitete ihr Geschäft auch ins Ausland aus: Aus der Anstalt sollte einer der ersten internationalen Konzerne werden und später die heutige Siemens AG hervorgehen. Ihr wichtigster Wettbewerber war die aus der 1883 gegründeten “Deutschen Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität” hervorgegangene “Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft” (AEG). 1913 lieferte die deutsche Elektroindustrie dreißig Prozent der Weltproduktion an elektrotechnischen Erzeugnissen.
Morses Telegraf bedeutete aber vor allem eine Revolution für die Übermittlung von Nachrichten: Zuvor waren Nachrichten an Land über größere Entfernungen nur durch Läufer- oder Reiterstafetten zu übermitteln; mit dem Telegrafen gewann die Nachrichtenübermittlung enorm an Schnelligkeit. Auf dem Meer waren die Nachrichten noch langsamer unterwegs, und erst das erste Seekabel, das 1866 Amerika mit Europa verband, änderte dies. Morses Telegraf regte auch viele Forscher an, über die Sprachübertragung durch elektrische Leitungen nachzudenken: Als Sieger ging der 1876 von dem amerikanischen Erfinder Alexander Graham Bell patentierte Telefonapparat hervor, der zur Basis der weiteren Entwicklung des Telefons wurde. 1897 zeigt der italienische Physiker Guglielmo Marconi, dass man Morsesignale auch drahtlos übertragen konnte, und wurde damit zum Pionier der Funktechnik - die Kommunikation war nun nicht mehr an Drähte gebunden; vom Fernsehsender bis zum Mobiltelefon nutzten wir heute Marconis Entdeckung.
Strom wurde auch zur Grundlage der Beleuchtung: Bereits 1875 wurde der Pariser Gare du Nord elektrisch beleuchtet - den Durchbruch brachte aber die Weiterentwicklung der Glühlampe durch den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison. Edison hatte 1874 einen verbesserten Telegrafen erfunden und verdiente mit seinem Verkauf viel Geld, das er in sein später weltberühmtes Erfinder-Labor in Menlo Park steckte. Hier erfand er unter anderem das Mikrofon und den Phonografen (den Vorläufer des Plattenspielers) - und verbesserte die Glühlampe. 1881 wurde das Unterhaus des englischen Parlaments mit der von Edison erfundenen Kohlefadenglühlampe beleuchtet, und bald erreichten diese Glühlampen eine Lebensdauer, die sie auch für Haushalte attraktiv machten. Glühlampen nutzen aber nichts, solange es keine Stromversorgung gab; und auch diese Thema ging Edison an. Er entwickelte ein verbessertes Dampfmaschinen-Dynamo, und eröffnete 1882 in New York das erste Zentralkraftwerk der Welt. Über Kabel, die in 30 Kilometer unterirdischer Tunnel verliefen, versorgte es Gebäude an der Wall Street, darunter das der New York Times, mit Strom. Zwei Monate später hatte Edison schon 3.500 Glühlampen verkauft, ein Jahr später brannten 10.000 Glühlampen. Zahlreiche Unternehmen stiegen in das Geschäft ein, und am Ende des Jahrzehnts waren über eine Millionen Glühlampen in Betrieb. 1892 vereinigte Edison seine Gesellschaften mit seinem größten Konkurrenten zu General Electric, noch heute einer der größten Konzerne der Welt. Bei der Stromversorgung setzten jedoch andere Erfinder wie George Westinghouse wie in Europa auf Wechselspannung durch (Edison hatte in New York ein Gleichspannungsnetz aufgebaut, da er Wechselspannung für zu gefährlich hielt); und als Westinghouse 1893 die Weltausstellung in Chicago mit Wechselspannung versorgte und mit einem Lichtermeer die Besucher begeisterte, setzte sich diese Technologie durch. Westinghouse verbesserte auch die Dampfturbine und sein Unternehmen, Westinghouse Electric, wurde zu bedeutenden Kraftwerksbauer. Strom wurde immer billiger, und als 1911 die Wolframfaden-Glühlampen durch Zusatz eine Stickstoff-Argon-Schutzgases noch langlebiger wurde, setzte sich die elekrische Glühbirne endgültig durch.
Der elektrische Strom veränderte das Leben in den Städten: In der Industrie sorgten Beleuchtung und Elektromotoren für immer höhere Produktivität, Aufzüge erlaubten den Bau von Hochhäusern, Ab den 1920er Jahren zogen Tiefkühlgeräte, Kühlschrank und Waschmaschine in die Haushalte ein. Aus den von George Westinghouse, Thomas A. Edison und Alexander G. Bell gegründeten Unternehmen wurden riesige Konzerne. Auf dem Land änderte sich zunächst wenig: Der Bau von Stromleitungen lohnte sich dort für die privaten Konzerne nicht. Erst 1935 begann unter der Präsidentschaft Roosevelts die Elektrifizierung des ländlichen Raums; Roosewelt sah hier die Möglichkeit, inmitten der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze zu schaffen und dabei der Wirtschaft und der Landwirtschaft neue Impulse zu geben. Bis Mitte der 1950er Jahre war fast jeder amerikanische Haushalt an das Stromnetz angeschlossen, Klimaanlagen und Fernseher zogen in die Häuser ein. In Westeuropa setzten sich elektrische Haushaltsgeräte erst nach dem zweiten Weltkrieg durch, in Japan ab den 1960er Jahren. In dieser Zeit wurde auch die Musik elektrisch: Rock’n Roll wäre ohne die E-Gitarre undenkbar gewesen.
Die Bedeutung der Autoindustrie
Der erste Gasmotor wurde in Frankreich gebaut und regte den deutschen Maschinenbauer Nikolaus Otto zu seinem wegweisenden Viertaktmotor an, der wesentlich weniger Kraftstoff verbrauchte. Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach machten daraus einen Benzinmotor, der für Kraftwagen zu gebrauchen war; 1886 baute Daimler den Motor in eine Kutsche – das Automobil war erfunden. Zunächst blieb das Auto ein handwerklich hergestelltes Spielzeug für (reiche) Enthusiasten, im Jahr 1908 gab es über 250 Autohersteller in den USA. Berichte über Ottos Motor hatte aber in den USA auch der Ingenieur Henry Ford gelesen, und er träumte davon, das Automobil zum Massenprodukt zu machen. 1908 begann Ford mit der Herstellung des “Model T” („Tin Lizzy“), das er für 850 Dollar (19.300 heutige US-Dollar) verkaufte. Bis 1914 entwickelte er das amerikanische Fabrikwarensystem zum Fließband weiter, bis 1916 senkte Ford den Preis auf 345 Dollar. Mit solchen Preisen eröffnete sich auch einem so exotischen Produkt erscheinendem Produkt wie dem Automobil ein großer Markt – 1923 baut Ford 1,8 Millionen Autos; die Massenproduktion hatte begonnen. Das Automobil eroberte die Welt in drei Schüben: USA, Westeuropa und Ostasien.
In den USA gab es im Jahr 1900 etwa 8.000 Autos, 1921 bereits 10 Millionen und im Jahr 1930 über 23 Millionen. In den 1950er Jahren fuhren in den USA die Hälfte aller Autos der Welt. Ford hatte die Massenproduktion durchgesetzt, aber seine Idee eines preiswerten Transportmittels für die Massen setzte sich nicht durch; Fords Hauptkonkurrent, der von Alfred Sloan angeführte Konzern General Motors, machte das Auto zu einem Modeartikel: Jedes Jahr geänderte Modelle sollten die Kauflust anreizen, Autos sollten den sozialen Status ihrer Besitzer anzeigen: General Motors schuf Marken wie Chevrolet (für Arbeiter mit guten Job und junge Familien), Pontiac (für Aufsteiger, die sportlichere Autos wollten), Oldsmobile (für Verwaltungsangestellte und Mittelmanagement), Buick (für Anwälte, Ärzte und höheres Management) und Cadillac (für Fabrikbesitzer und Geschäftsführer; Zielgruppen nach David Halberstamms Buch The Fifties). Immer größere Autos rechtfertigten Preissteigerungen, und Ford schloss sich schließlich mit Marken wie Lincoln und Mercury dieser Modellpolitik an.
Das Auto veränderte das Land; Tankstellen wurden zu den “Tempeln der neuen Zeit” (Daniel Yergin); damit begann auch der Aufstieg der Ölindustrie (siehe auch >> Eine kleine Geschichte des Erdöls). Ganze Städte wie Los Angeles wurden rund um das Auto neu geplant. Das Auto ermöglichte es, riesige Shopping-Center außerhalb der Innenstädt aufzubauen. Es kostete schon früh seinen Preis an Menschenleben: 1925 starben in den USA 24.000 Menschen bei Verkehrsunfällen, darunter 10.000 Kinder. 1936 gründeten General Motors, die Ölfirma Standard Oil of California und der Reifenhersteller Firestone eine gemeinsame Tochterfirma, um Anbieter öffentlichen Personenverkehrs aufzukaufen - und stillzulegen. Die Regierung unterstützte (wie später die Regierungen Europas und Ostasiens) den Vormarsch des Autos durch groß angelegte Straßenbauprogramme. Lastwagen und Panzer sollten eine strategische Rolle im Ersten Weltkrieg spielen, ihre Überlegenheit bei motorisierten Fahrzeugen (und bei der Sicherung des Treibstoffnachschubs) trugen seitens der Alliierten entscheidend zum Sieg bei (>> mehr). Noch bedeutsamer war die Rolle der Fahr- und Flugzeuge und der Ölversorgung im Zweiten Weltkrieg (>> hier). Diese Erfahrung brachte den Oberkommandierenden der Alliierten in Europa, Dwight D. Eisenhower, der 1953 US-Präsident wurde, dazu, mit dem Bau eines amerikanischen Highway-Netzes zu beginnen, dass schließlich über 40.000 Meilen (über 64.000 Kilometer) umfassen sollte. Zusammen mit den ersten 1947 durch William Levitt aus industriell produzierten Fertighäusern gebauten vorstädtischen Siedlungen (“Levittowns”), begann ein Prozess, der dazu führte, dass 1970 mehr Amerikaner in Vorstädten als in den Städten selbst lebten - und der einen enormen Flächenverbrauch (“urban sprawl”) bedeutete.
In Westeuropa begann die Motorisierung in großem Maßstab erst nach dem Krieg (von dem in Deutschland seit 1931 durch Ferdinand Porsche entwickelten “Volkswagen” wurden vor dem Krieg nur wenige Hundert Exemplare gebaut, dann wurde das neue Werk in Wolfsburg für die Produktion für Kübel- und Schwimmwagen für den Krieg gebraucht). Ab den 1950er Jahren wurde die Automobilproduktion zum Kennzeichen des deutschen Wirtschaftswunders: Alleine in Wolfsburg wurden bis 1965 acht Millionen “Käfer” gebaut; in den 1980er Jahren hatten 84 Prozent aller Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland ein Auto. In England stieg die Zahl der Autos von 2,5 Millionen im Jahr 1939 auf 23 Millionen im Jahr 1980. In Ostasien begann der Boom mit der Motorisierung Japans in den 1960er Jahren; hier hält er bis heute an. In China gab es 1997 erst zwei Millionen Autos, seither explodiert der Verkauf förmlich: Im Jahr 2005 wurden 2,8 Millionen Autos neu zugelassen, 2009 bereits 12 Millionen - damit war China 2009 der größte Automarkt der Welt. Die Probleme des Autos zeigten sich hier durch die dichtere Besiedlung noch deutlicher als in den USA: Die Städte bieten nicht genug Platz für die Autos, Staus wurden zur alltäglichen Begleitung der Autofahrer. Der Bau von Straßen löste die Probleme nicht, sondern ermutigte nur neuen Verkehr. Und: Im Jahr 2000 starben weltweit über eine Millionen Menschen im Straßenverkehr. In den Industrieländern sind Autounfälle heute die häufigste Todesursache für Kinder ab 5 Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene.
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