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Der Mensch

Jäger und Sammler und
ihre Umwelt

Die Jäger und Sammler waren nicht immer “edle Wilde”, die im “Einklang mit der Natur lebten”: Bei seiner Ausbreitung über die Welt zog Homo sapiens eine Spur der Zerstörung nach sich; viele große Säugetiere wurden ausgerottet. Erst im Laufe der Zeit entwickelten viele Kulturen Traditionen, die sie zu Hütern ihrer Ökosysteme machten: Sie sahen sich als Bestandteil eines lebenden Kosmos und behandelten andere Lebewesen wie auch ihre unbelebte Umwelt respektvoll. 

Jäger und Sammler in Australien: Stich eines Lagers

Stich eines Lagers der australischen Ureinwohner, die zum Zeitpunkt der Besiedlung Australiens durch die Europäer noch als Jäger und Sammler lebten (aus: Edwin Carton Booth, Australia in the 1870th, Virtue and Co. 1873, übernommen aus >> wikipedia commons, abgerufen 30.05.2012). Die australischen Ureinwohner veränderten die Vegetation des Landes durch regelmäßige Feuer (>> mehr) und rotteten vermutlich viele große Säugetiere aus (>> mehr).

Wie frühere Jäger und Sammler ihre Rolle in der Umwelt verstanden haben, darüber können wir heute nur noch spekulieren. Die heute noch bestehenden Jäger- und Sammler-Gesellschaften lassen eine Gemeinsamkeit erkennen, die wir auch für die damaligen Jäger vermuten dürfen: Sie machen keine Trennung zwischen Menschen und Natur, sondern fassen vielmehr den ganzen Kosmos als belebt auf. In vielen Fällen hat dies zu großem Respekt vor den belebten, aber auch den unbelebten Bestandteilen der Umwelt geführt - wie etwa am Beispiel der Koyukon-Indianern in Nordalaska gezeigt wurde. Aber die Kulturen der Jäger und Sammler waren sehr unterschiedlich, und dieser Respekt war nicht immer und überall zu erkennen und vermutlich auch nicht ursprünglich: Seinen Erfolg verdankte Homo sapiens ja gerade seiner Fähigkeit, die größten und wildesten Tiere zu jagen, und von dieser Fähigkeit machte er reichlich Gebrauch: archäologische Spuren zeigten, dass beispielsweise in den Great Plains in Nordamerika Bisons und in Europa (etwa in Solutré bei Lyon) Pferde massenhaft über Abgründe gehetzt wurden; dabei wurden derart viele Tiere getötet, dass das Fleisch nur zu einem kleinen Teil verwertet werden konnte. Und viele Stämme waren später in Kontakt zu europäischen Händlern auch gerne bereit, diesen bei der Ausrottung vieler Tierarten zu helfen, etwa bei der Pelzjagd in Amerika (>> mehr). Wenn die Jäger und Sammler global gesehen dennoch in Einklang mit der Natur lebten, hat dieses vor allem mit ihren geringen Zahl (die weltweit wohl nie mehr als neun Millionen Menschen betragen hat) und ihren geringen technischen Möglichkeiten zu tun. Der Bison überlebte die Jagdpraktiken der frühen Amerikaner, ohne selten zu werden - erst die industrielle Jagd des weißen Mannes brachte ihn an den Rand des Aussterbens. Ganz ohne Einfluss auf die Umwelt waren aber auch die Praktiken der Jäger und Sammler nicht, wie die folgenden Kapitel zeigen.

Die Rolle von Werkzeugen und Feuer

Mit der Nutzung von Werkzeugen und der Nutzung des Feuers - beide nicht spezifisch menschlich (siehe rechts), aber niemand sonst hat beide so ausgeprägt genutzt - begann der Mensch, einen immer größeren Anteil der Energie- und Stoffflüsse des Ökosystems Erde für sich zu nutzten. Feuer sind eine natürliche ökologische Kraft: Vor allem Blitzeinschläge sorgen immer wieder für brennende Wälder, Busch- und Grasländer. Manche Pflanzen brauchen Feuer, um überhaupt keimen zu können. Schon Homo erectus hat gelernt, mit Feuern umzugehen (>> mehr) und konnte sich damit Nahrungsmittel erschließen, die sonst von anderen Fleischfressern, von Insekten oder Bakterien gefressen worden wären: Fleisch ließ sich durch Kochen und Braten viel intensiver nutzen. Der Mensch brannte auch bereits früh in seiner Geschichte die Vegetation ab, um bestimmte, essbare Pflanzen zu fördern oder durch das anschließend austreibende frische Grün Jagdwild anzulocken. Damit hat er bereits die natürliche Vegetation beeinflusst, wie Pollenanalysen belegen; in der afrikanischen Savanne spielte das Feuer eine große Rolle (siehe >> hier). Der Gebrauch von Werkzeugen verstärkt diese “Aneignung” noch einmal - wer Tiere mit scharfen Steinwerkzeugen zerteilen kann, ist nicht mehr nur auf die Kraft seiner Zähne beschränkt. Feuer und Werkzeuge hatten noch eine zweite Wirkung: Der Mensch konnte mit Lagerfeuern und der Fähigkeit zur Herstellung von Kleidung neue, kühlere Lebensräume besiedeln; und auch damit erhöhte er noch einmal seinen Anteil an den Energie- und Stoffflüssen der Natur. Spätestens, als Homo sapiens die Erde besiedelte, war er in der Lage, die vorgefundenen Ökosysteme deutlich zu verändern. Er nahm die Brandrodung mit sich, mit deutlichen Auswirkungen nun auch in Australien (siehe >> hier). Die Nutzung des Feuers veränderte die Artenzusammensetzung der Ökosysteme und die Eigenschaften ihrer Böden; sie war wohl die erste großflächige Umweltauswirkung der wachsenden Menschheit.

Massenaussterben durch frühe Jäger

Homo sapiens war mit seiner Sprache und seinen ausgetüftelten Waffen ein guter und sehr anpassungsfähiger Jäger, als er die Welt eroberte. Es gibt kein anderes Beispiel, wie eine große Säugetierart über Klimazonen und Meere hinweg die Welt besiedelte. Irgendwann vor 30.000 bis 15.000 Jahren entwickelten unsere Vorfahren Pfeil und Bogen; damit konnten sie noch schnellere und gefährlichere Tiere jagen. Unsere Ahnen waren offensichtlich zu gute Jäger: Wo immer der Mensch neue Kontinente und Inseln besiedelte, kam es zu einem Massenaussterben von Tierarten - vor allem großer und flugunfähiger Landtiere. Besonders deutlich war dies in den Regionen, die zuvor auch noch nicht mit Homo erectus in Berührung gekommen waren: In Australien verschwanden die größten Kängurus, nashornähnliche Riesenbeuteltiere und die Beutellöwen; in Nordamerika Mammuts, Mastodonte und Säbelzahntiger; auf den karibischen Inseln die Antillenaffen; auf Neuseeland alle 15 Arten der flugunfähigen Moas; auf Madagaskar der Elefantenvogel... In Amerika wurden bald nach der Besiedelung durch den Menschen zwei Drittel aller großen Säugetiere (Arten, bei denen erwachsene Tiere mehr als 50 kg wiegen) ausgerottet; die überlebenden Arten wie Bison, Braunbären und Elche waren solche, die den amerikanischen Kontinent erst über dieselbe Landbrücke wie der Mensch besiedelt hatten.

 Der Schluss liegt nahe, dass mindestens die Pflanzenfresser vom Menschen ausgerottet wurden. Die oben schon erwähnten Skelettansammlungen in Schluchten und Sümpfen deuten ebenfalls an, wie wirksam die Waffen und die Jagdstrategie inzwischen geworden waren - zumal die (nicht mit dem Menschen zusammen eingewanderten) Tiere auf den neu besiedelten Kontinenten keine gefährlichen zweibeinigen Affen kannten und daher auch nicht scheu waren. Die Raubtiere starben womöglich aus, da der Mensch ihnen die Beute genommen hatte. Diese als “Overkill”-Hypothese bezeichnete Annahme ist nicht unumstritten, da das Aussterben auch durch Krankheitserreger verursacht worden sein könnte: Ähnlich wie später zu Zeiten von Kolumbus (>> mehr) könnten mit den Einwanderern neue Krankheitserreger auf die Kontinente gelangt sein, die dem Großwild das Garaus machten. Gelegentlich werden auch die Eiszeiten als mögliche Ursache angeführt - aber die Tierwelt hatte zuvor weit härtere Eiszeiten ohne ähnliche Aussterberaten überstanden; und warum sollte das Mammut ausgerechnet auf der im arktischen Ozean liegenden Wrangelinsel die Eiszeiten überleben (hier überlebte es nämlich bis vor 3.700 Jahren)? Auch die jeweilige zeitliche Übereinstimmung mit dem Eintreffen des Menschen spricht eher für die “Overkill”-Hypothese oder Krankheitserreger. Beide erklären zudem, warum es in Afrika kein vergleichbaren Aussterben gab - hier hatte es ein Aussterben vor 100.000 bis 50.000 Jahren gegeben, das ebenfalls mit verbesserten Jagdtechniken erklärt wird -; dann aber hatten die Tiere gemeinsam mit dem Jäger Mensch gelernt und eine gesunde Scheu entwickelt (ein Beispiel für >> Koevolution). Daher ist der afrikanische Kontinent heute noch verhältnismäßig reich an Großwild.

Auch auf dem eurasischen Kontinent waren die großen Tiere bereits an Homo erectus gewöhnt und daher schon deutlich scheuer, weshalb das große Aussterben bei der Besiedlung durch Homo sapiens nicht ganz so drastisch ausfiel wie in Australien und Amerika; aber hier starben beispielsweise das Mammut, die Waldelefanten und die Waldnashörner überall dort bald aus, wo Homo sapiens hinkam; auf unbewohnten Inseln überlebten sie dagegen länger. Die “Overkill-Hypothese” wird auch durch die spätere Geschichte gestützt: Als europäische Siedler mit ihren Schusswaffen die Welt entdeckten (>> Das Zeitalter der Entdeckungen), rotteten sie zahlreiche weitere Tierarten aus. ; während Krankheitserreger nicht erklären können, warum die Eiszeitriesen auch in Europa ausstarben, dem vermuteten Herkunftsgebiet der Erreger.

Tierische Gärtner -
oder die Wiederentdeckung der Großtiere

Die Ausrottung der Großtiere in weiten Teilen der Welt hatte Folgen: Ähnlich wie heute inWisent Afrika und Asien noch bei Elefanten zu beobachten, prägen Großtiere (die sogenannte Megafauna) die Landschaft. Sie können ganze Wälder zerstören, denn in offenen Landschaften wächst mehr Nahrung für sie. Eine offene Landschaft ist aber meist auch artenreicher (weshalb Naturschützer sich bemühen, artenreiche Wiesen und Magerrasen zu erhalten). Die heute vorherrschende Theorie, dass Mitteleuropa von Natur aus ein fast reines Waldland wäre, stimmt möglicherweise nur, wenn man die Megafauna nicht in die Rechnung einbezieht. Seit einigen Jahren wird die Megafauna-Theorie praktisch erprobt: Im niederländischen Oostvaardersplassen halten rückgezüchtete Wildpferde und Rinder die Landschaft offen. In Deutschland wird die Auswilderung von Wisenten im Rothaargebirge diskutiert; in der Döberitzer Heide bei Berlin sollen Wisente und Przewalski-Pferde ausgewildert werden. Die Naturschützer versuchen damit, eine Schlüsselfunktion im Ökosystem, die der großen Pflanzenfresser, wieder zu besetzen.

Eine zentrale Rolle hatten die Großtiere auch in der arktischen Tundra: Indem sie die isolierende Schneedecke zerstörten, konnten die winterlichen Bodentemperaturen tiefer sinken und die Permafrostböden wurden erhalten. Außerdem sorgten Kot und Urin dafür, dass die Nährstoff (die heute im Torf verschwinden) recycelt wurden; eine beweidete Tundra ist daher deutlich produktiver als eine nicht beweidete. In einem Pleistozän-Park in Sibirien untersuchen russische Ökologien die Folgen der Wiedereinführung von Elchen, Rentieren und Pferden - nur die Wirkung der Mammuts muss heute mit einem Panzer imitiert werden (>> mehr, englischsprachig).

Das Wisentfoto stammt aus >> wikipedia: Wisent, gemeinfrei.

Die Folgen: Beispiel Australien

Wie all diese Faktoren die Umwelt der Jäger und Sammler veränderten, ist besonders gut an Australien erkennbar, wo bis zum Eintreffen der Europäer keine Landwirtschaft entstanden war. Die australischen Ureinwohner nutzten Feuer - allerdings wohl nur zu bestimmten Jahreszeiten - so intensiv, dass James Cook Australien als “Kontinent des Rauchs” bezeichnete und der holländische Seefahrer Abel Tasman “überall Feuer und Rauch” bei seiner Erkundung der australischen Westküste entdeckte (mehr zur “Entdeckung” Australiens und deren Folgen >> hier). In den Mythen der Aborigines machte Feuer das Land überhaupt erst bewohnbar. Möglich war dieser Einfluss des Feuers aber erst dadurch, dass die Aborigines die großen Pflanzenfresser ausgerottet hatten: Dadurch stand mehr pflanzliche Biomasse zur Verfügung, die die Kraft der Feuer erhöhte. Durch die seit mindestens 45.000 Jahren verbreiteten Feuer veränderte sich die Vegetation, trockene Regenwälder wurden durch Eukalyptuswälder ersetzt; und dadurch änderte sich das Klima - es wurde trockener, was wiederum die Feuer förderte. Nachdem die großen Pflanzenfresser einmal ausgerottet waren, stellte das “fire stick farming” der Aborigines vermutlich die bestmögliche Form der Landnutzung dar: Mit vielen gezielt gelegten Feuern vermieden sie große Brände und erhielten die Bestände kleineren Jagdwildes. Als die Europäer nach Australien kamen, fanden sie in weiten Teilen offene, parkartige Eukalyptuswälder ohne Unterwuchs vor. Sie hielten diese für die natürliche Vegetation. Heute wissen wir es besser: Sie waren das Ergebnis regelmäßigen Abbrennens.

Jäger und Sammler und ihre Ökosysteme

Australien steht mit der Veränderung seiner Umwelt durch seine Ureinwohner nicht allein: Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für Nordamerika, >> mehr; der Amazonas-Regenwald wurde bereits vor Einsetzen des Ackerbaus offenbar von den indianischen Ureinwohnern regelmäßig abgebrannt: diese legten Gärten an, mit denen sie (auch) Jagdwild anlockten - der Amazonas-Regenwald, den wir heute schützen, ist womöglich ein Wald, der erst nach 1500 in Folge der weitgehenden Entvölkerung durch eingeschleppte europäische Krankheiten entstanden ist (>> mehr). Feuerland erhielt seinen Namen durch die Rauchwolken, die Magellan an der Südspitze Südamerikas aufsteigen sah; und auch die afrikanische Savanne ist offensichtlich durch regelmäßige Feuer, die den Graswuchs förderten und junge Bäume verbrannten, wenn nicht entstanden, so doch erhalten worden. In vielen Fällen war also das Land, das die späteren europäischen “Entdecker” für jungfräulich hielten, durch seine menschlichen Bewohner bereits tiefgreifend verändert.

 Andererseits aber hatten die Jäger und Sammler, die die Megafauna zerstört hatten, sich im Laufe der Zeit auch an das Land angepasst: Mythen, Riten und Tabus der Aborigines schränkten etwa das Abbrennen größerer Flächen auf bestimmte Jahreszeiten ein und verhinderten Überjagung; ihre Populationsgröße wurde durch lange Stillzeiten und empfängnisverhütende Kräuter niedrig gehalten. Ganze Berge waren tabu; Totemtiere würden geschützt. Auf Neuguinea gab es rings um die Kulthäuser "heilige Haine", in denen jede Jagd verboten war (ein Refugium für Paradiesvögel), außerhalb der Haine wurden andere Tierarten mit Tabus geschützt. Indianische Ureinwohner hielten Tiere und Pflanzen, die als Nahrung dienen konnten, für heilig; die mutwillige Zerstörung von Ökosystemen wurde als moralisch unheilvoll betrachtet. Dahinter könnte eine Liebe zur Natur stecken, die ein evolutionäres Erbe der Menschheit ist, wenn der Biologe E.O. Wilson recht hat, der dieses 1984 in seinem Buch "Biophilie" beschrieb.

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© Jürgen Paeger 2006 - 2012

 

Werkzeuge werden auch von Affen und Vögeln verwendet; Feuer vom indischen Feuerfalken, der glimmende Stöcke aus Feuern aufsammelt und auf trockenes Gras fallen lässt, um dann flüchtende Kleintiere zu fangen.

 

Die Nutzung des Feuers erhöhte nicht nur die Verwertbarkeit von Nahrung, es war auch der größte Energieverbrauch der Jäger und Sammler, siehe:
>> Energiegeschichte