Der Mensch

Jäger und Sammler und ihre Umwelt

Die Jäger und Sammler waren keine “edlen Wilden”, die in “Einklang mit der Natur lebten”: Auch wenn viele Gruppen sich als Bestandteil eines lebenden Kosmos sahen und andere Lebewesen wie auch ihre unbelebte Umwelt respektvoll behandelten, scheuten andere nicht vor Massentötungen ganzer Herden zurück. Es war wohl nur ihre geringe Zahl und fehlende Mittel, die dafür sorgten, dass Jäger und Sammler die Umwelt weniger als Bauern und Industriegesellschaft veränderten.

Lager von Jägern und Sammlern
Stich eines Lagers der australischen Ureinwohner, die zum Zeitpunkt der Besiedlung Australiens durch die Europäer noch als Jäger und Sammler lebten (aus: Edwin Carton Booth, Australia in the 1870th, Virtue and Co. 1873, übernommen aus >> wikipedia commons, abgerufen 1.11.2008). Die australischen Ureinwohner veränderten die Vegetation des Landes durch regelmäßige Feuer (>> mehr) und rotteten vermutlich viele große Säugetiere aus (>> mehr).

Wir können heute nur vermuten, wie frühere Jäger und Sammler ihre Rolle in der Umwelt verstanden haben: Die heute noch bestehenden Jäger- und Sammler-Gesellschaften lassen eine Gemeinsamkeit erkennen, die wir auch für die damaligen Jäger vermuten dürfen: Sie machen keine Trennung zwischen Menschen und Natur, sondern fassen vielmehr den ganzen Kosmos als belebt auf. In vielen Fällen hat dies zu großem Respekt vor den belebten, aber auch den unbelebten Bestandteilen der Umwelt geführt - wie etwa am Beispiel der Koyukon-Indianern in Nordalaska gezeigt wurde. Aber die Kulturen der Jäger und Sammler waren sehr unterschiedlich, und dieser Respekt war nicht immer und überall zu erkennen: Die archäologischen Spuren zeigten auch, dass in den Great Plains in Amerika Bisons und in Europa (etwa in Solutré bei Lyon) Pferde massenhaft über Abgründe gehetzt wurden; dabei wurden derart viele Tiere getötet, dass das Fleisch nur zu einem kleinen Teil verwertet werden konnte. Und viele Stämme waren später in Kontakt zu europäischen Händlern auch gerne bereit, diesen bei der Ausrottung vieler Tierarten zu helfen, etwa bei der Pelzjagd in Amerika (>> mehr). Wenn die Jäger und Sammler global gesehen dennoch in Einklang mit der Natur lebten, hat dieses vor allem mit ihren geringen Zahl (die weltweit wohl nie mehr als neun Millionen Menschen betragen hat) und ihren geringen technischen Möglichkeiten zu tun. Der Bison überlebte die Jagdpraktiken der frühen Amerikaner, ohne selten zu werden - erst die industrielle Jagd der Weißen brachte ihn an den Rand des Aussterbens. Ganz ohne Einfluss auf die Umwelt waren aber auch die Jäger und Sammler nicht, wie die folgenden Kapitel zeigen.

Die Rolle des Feuers

Feuer sind eine natürliche ökologische Kraft: Vor allem Blitzeinschläge sorgen immer wieder für brennende Wälder, Busch- und Grasländer. Manche Pflanzen brauchen Feuer, um überhaupt keimen zu können. Bereits Homo erectus hat gelernt, mit Feuern umzugehen (>> mehr) und damit die natürliche Vegetation beeinflusst, wie Pollenanalysen belegen. Die ökologische Bedeutung der Frühgeschichte des Menschen könnte man so zusammenfassen: Der Mensch begann, einen immer größeren Anteil der Energie- und Stoffflüsse des Ökosystems Erde für sich zu nutzten. Das beginnt mit dem Gebrauch von Werkzeugen - wer Tiere mit scharfen Steinwerkzeugen zerteilen kann, ist nicht mehr nur auf seine Zähne angewiesen; und mit der Nutzung des Feuers: Mit Feuer konnte man kühlere Lebensräume besiedeln, Tiere in Fallen und Hinterhalte treiben und Fleisch durch Kochen und Braten besser nutzen. Menschen brannten auch die Vegetation ab, um bestimmte, essbare Pflanzen zu fördern oder durch das anschließend austreibende frische Grün Jagdwild anzulocken - eine Praxis, die in allen Kontinenten verbreitet war, besondere Auswirkungen aber in Australien (siehe >> hier) und der afrikanischen Savanne (siehe >> hier) hatte. Die Nutzung des Feuers veränderte die Artenzusammensetzung der Ökosysteme und die Eigenschaften ihrer Böden; sie war wohl die erste großflächige Umweltauswirkung der wachsenden Menschheit.

Massenaussterben durch frühe Jäger?

Homo sapiens war mit seiner Sprache und seinen ausgetüftelten Waffen ein guter und sehr anpassungsfähiger Jäger, als er die Welt eroberte. Es gibt kein anderes Beispiel, wie eine große Säugetierart über Klimazonen und Meere hinweg die Welt besiedelte. Irgendwann vor 30.000 bis 15.000 Jahren entwickelten unsere Vorfahren Pfeil und Bogen; damit konnten sie noch schnellere und gefährlichere Tiere jagen.

Unsere Ahnen waren offensichtlich so gute Jäger, dass, wo immer der Mensch neue Kontinente und Inseln besiedelte, es zu einem Massenaussterben von Tierarten kam. Dies traf vor allem großer und flugunfähiger Landtiere. In Australien verschwanden die größten Kängurus, nashornähnliche Riesenbeuteltiere und die Beutellöwen, in Nordamerika Mammuts, Mastodonten und Säbelzahntiger, auf den karibischen Inseln die Antillenaffen, auf Neuseeland alle 15 Arten der flugunfähigen Moas, auf Madagaskar der Elefantenvogel; in Amerika wurden bald nach der Besiedelung durch den Menschen zwei Drittel aller großen Säugetiere (Arten, bei denen erwachsene Tiere mehr als 50 kg wiegen) ausgerottet. Der Schluss liegt nahe, dass mindestens die Pflanzenfresser vom Menschen ausgerottet wurden. Skelettansammlungen in Schluchten und Sümpfen deuten ebenfalls an, wie wirksam die Waffen und die Jagdstrategie inzwischen geworden waren - zumal die Tiere auf den neu besiedelten Kontinenten keine Menschen kannten und daher auch nicht scheu waren. Die Raubtiere könnten dann ausgestorben sein, da der Mensch ihnen die Beute genommen hatte. Diese als “Overkill”-Hypothese bezeichnete Annahme ist nicht unumstritten, da das Aussterben auch durch Krankheitserreger verursacht worden sein könnte: Ähnlich wie später bei Kolumbus (>> mehr) könnten mit den Einwanderern neue Krankheitserreger auf die Kontinente gelangt sein, die dem Großwild das Garaus machten. Gelegentlich werden auch die Eiszeiten als mögliche Ursache angeführt - aber die Tierwelt hatte zuvor weit härtere Eiszeiten ohne ähnliche Aussterberaten überstanden, und die jeweilige zeitliche Übereinstimmung mit dem Eintreffen des Menschen spricht eher für die “Overkill”-Hypothese oder Krankheitserreger. Beide erklären zudem, warum es in Afrika kein vergleichbaren Aussterben gab - hier hatte es ein Aussterben vor 100.000 bis 50.000 Jahren gegeben, das ebenfalls mit verbesserten Jagdtechniken erklärt wird; dann aber hatten die Tiere gemeinsam mit dem Jäger Mensch gelernt und eine gesunde Scheu entwickelt. Daher ist der Kontinent heute verhältnismäßig reich an Großwild.

Die “Overkill-Hypothese” wird auch durch die spätere Geschichte gestützt: Als europäische Siedler mit ihren Schusswaffen die Welt entdeckten (>> Das Zeitalter der Entdeckungen), rotteten sie zahlreiche weitere Tierarten aus; während Krankheitserreger nicht erklären können, warum die Eiszeitriesen auch in Europa ausstarben, dem vermuteten Herkunftsgebiet der Erreger.

Tierische Gärtner - oder die Wiederentdeckung der Großtiere


Die Ausrottung der Großtiere in weiten Teilen der Welt hatte Folgen: Ähnlich wie heute in Afrika und Asien noch bei Elefanten zu beobachten, prägen Großtiere (die sogenannte Megafauna) die Landschaft. Sie können ganze Wälder zerstören, denn in offenen Landschaften wächst mehr Nahrung für sie. Eine offene Landschaft ist aber meist auch artenreicher (weshalb Naturschützer sich bemühen, artenreiche Wiesen und Magerrasen zu erhalten). Die heute vorherrschende Theorie, dass Mitteleuropa von Natur aus ein fast reines Waldland wäre, stimmt möglicherweise nur, wenn man die Megafauna nicht in die Rechnung einbezieht. Seit einigen Jahren wird die Megafauna-Theorie praktisch erprobt: Im niederländischen Oostvaardersplassen halten rückgezüchtete Wildpferde und Rinder die Landschaft offen. In Deutschland wird die Auswilderung von Wisenten im Rothaargebirge diskutiert; in der Döberitzer Heide bei Berlin sollen Wisente und Przewalski-Pferde ausgewildert werden. Die Naturschützer versuchen damit, eine Schlüsselfunktion im Ökosystem, die der großen Pflanzenfresser, wieder zu besetzen.
 



Wisent. Abb. >> Wikipedia, freie Nutzung

Eine zentrale Rolle hatten die Großtiere auch in der arktischen Tundra: Indem sie die isolierende Schneedecke zerstörten, konnten die winterlichen Bodentemperaturen tiefer sinken und die Permafrostböden wurden erhalten. In einem Pleistozän-Park in Sibierien untersuchen russische Ökologien die Folgen der Wiedereinführung von Elchen, Rentieren und Pferden - nur die Wirkung der Mammuts muss heute mit einem Panzer imitiert werden (>> mehr, englischsprachig).

Die Bevorzugung nützlicher Tiere und Pflanzen

Wenn die Hypothese von der Ausrottung durch den Menschen stimmt, wäre das Aussterben großer Tierarten die nächste globale Umweltveränderung durch den Menschen nach dem Feuer (wenn nicht, folgte diese auf die Erfindung der Landwirtschaft, >> Die Folgen der Landwirtschaft). Sicher ist aber, dass der Mensch andere, ihm genehme Tier- und Pflanzenarten förderte: So zähmten er Wölfe (>> mehr). Die Pflanzenwelt wurden durch das Abbrennen der Landschaft verändert: Dadurch wurden Pflanzen gefördert, die besser mit Feuer zurechtkamen und solche verdrängt, die stärker durch Feuer geschädigt wurden.

Die Folgen: Beispiel Australien

Wie all diese Faktoren die Umwelt der Jäger und Sammler veränderten, ist besonders gut an Australien erkennbar, wo bis zum Eintreffen der Europäer keine Landwirtschaft entstanden war. Die australischen Ureinwohner nutzten Feuer so intensiv, dass James Cook Australien als “Kontinent des Rauchs” bezeichnete und der holländische Seefahrer Abel Tasman “überall Feuer und Rauch” bei seiner Erkundung der australischen Westküste entdeckte (mehr zur “Entdeckung” Australiens und deren Folgen >> hier). In den Mythen der Aborigines machte Feuer das Land überhaupt erst bewohnbar. Möglich war dieser Einfluss des Feuers aber erst dadurch, dass die Aborigines die großen Pflanzenfresser ausgerottet hatten: Dadurch stand mehr pflanzliche Biomasse zur Verfügung, die die Kraft der Feuer erhöhte. Durch die seit mindestens 45.000 Jahren verbreiteten Feuer veränderte sich die Vegetation, trockene Regenwälder wurden durch Eukalyptuswälder ersetzt; und dadurch änderte sich das Klima - es wurde trockener, was wiederum die Feuer förderte. Nachdem die großen Pflanzenfresser einmal ausgerottet waren, stellte das “fire stick farming” der Aborigines vermutlich die bestmögliche Form der Landnutzung dar: Mit vielen gezielt gelegten Feuern vermieden sie große Brände und erhielten die Bestände kleineren Jagdwildes. Als die Europäer nach Australien kamen, fanden sie in weiten Teilen offene, parkartige Eukalyptuswälder ohne Unterwuchs vor. Sie hielten diese für die natürliche Vegetation, heute wissen wir es besser: Sie waren das Ergebnis regelmäßigen Abbrennens.

Jäger und Sammler und ihre Ökosysteme

Australien steht mit der Veränderung seiner Umwelt durch seine Ureinwohner nicht allein: Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für Nordamerika, >> mehr; der Amazonas-Regenwald wurde bereits vor Einsetzen des Ackerbaus offenbar von den indianischen Ureinwohnern regelmäßig abgebrannt: Diese legten Gärten an, mit denen sie (auch) Jagdwild anlockten - der Amazonas-Regenwald, den wir heute schützen, ist womöglich ein Wald, der erst nach 1500 in Folge der weitgehenden Entvölkerung durch eingeschleppte europäische Krankheiten entstanden ist. Feuerland erhielt seinen Namen durch die Rauchwolken, die Magellan an der Südspitze Südamerikas aufsteigen sah; und auch die afrikanische Savanne ist offensichtlich durch regelmäßige Feuer, die den Graswuchs förderten und junge Bäume verbrannten, wenn nicht entstanden, so doch erhalten worden. In vielen Fällen war also das Land, das die späteren europäischen “Entdecker” für jungfräulich hielten, durch seine menschlichen Bewohner tiefgreifend verändert.

Vorige Seiten:
>>
Übersicht Der Mensch
>>
Vom Affen zum Menschen
>>
Hintergrundinformation: Gehirn und Sprache
>>
Der moderne Mensch - Homo sapiens

Nächster Abschnitt:
>>
Das Agrarzeitalter

© Jürgen Paeger 2006 - 2010

[Startseite] [Einführung] [Übersicht] [Planet Erde] [Leben] [Ökosystem Erde] [Mensch] [Mensch-01] [Homo sapiens] [Homo sapiens - Umwelt] [Agrarzeitalter] [Industriezeitalter] [Zukunft] [Glossar] [Fundgrube] [Literatur] [Über mich] [Impressum]