|
In Frankreich entstand dagegen 1871 nach einem erneuten Volksaufstand (Pariser Kommune) die dritte Republik. In Europa war sie zunächst außenpolitisch isoliert - dafür sorgte das Deutsche Kaiserreich. Prestige und Macht suchte Frankreich daher im Rest der Welt. Mit dieser Orientierung war Frankreich nicht allein, die neuen technischen Möglichkeiten nach der industriellen Revolution - Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, Unterseekabel, Kanäle -, die Suche nach Rohstoffen und Märkten für die Industrieprodukte, die Entdeckung des Chinins zur Malariavorbeugung, Rivalitäten durch einen aggressiver werdenden Nationalismus, aber mitunter auch der idealistische Wunsch, die “überlegene” Zivilisation zu verbreiten, führten zu einer enormen Beschleunigung der Ausbreitung der Großmächte über die Welt - die Zeit zwischen 1870 und 1914 wurde zum Imperialistischen Zeitalter.
Das Imperialistische Zeitalter
Das britische Kolonialreich
Nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien (>> hier) war Indien zu Großbritanniens wichtigster und reichster Kolonie geworden; wichtige Teile des Landes gehörten der Ostindien-Gesellschaft (>> hier). Auf der klassischen Indienroute rund um Afrika hatte das Land mit der Kapkolonie und Natal an der Südostküste Afrikas früh wichtige Stützpunkte erworben; mit Kolonien in Gambia, Sierra Leone, Goldküste (dem heutigen Ghana), Nigeria, der Kapkolonie, großer Teile Ostafrikas, Mauritius, den Seychellen und Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) wurde die Route strategisch gesichert - ebenso wie der Weg durchs Mittelmeer mit Stützpunkten in Gibraltar, Malta und Aden. Aber Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Probleme: Das indische Söldnerheer meuterte nach einer Reihe von Fehlentscheidungen von Generalgouverneur Dalhousie, und die Briten überstanden den Aufstand nur dank der Unterstützung der Sikhs (die sich so für ihre eigene Niederlage gegen die Söldner rächten). Aber der Krieg und der Sieg waren so teuer, dass der Staat Indien von der Ostindien- Gesellschaft übernehmen musste: Indien kam unter die Herrschaft der Krone. Mit seinem Eisenbahn- und Telegraphennetz wurde Indien in den Weltmarkt integriert - was durch den 1869 eingeweihten Suezkanal und schnelle Dampfschiffe noch erleichtert wurde; und 1876 wurde Königin Victoria zur “Kaiserin von Indien” gekrönt. 1878 versuchten die Briten zum zweiten Mal, das benachbarte Afghanistan zu erobern, scheiterten aber. Der Iran, der 1813 und 1828 den größten Teil seiner Kaukasus-Gebiete an Russland verloren hatte, blieb als Pufferstaat zu den Russen im Norden ein souveräner Staat. (Die Briten bauten jedoch ihre Handelsinteressen aus, insbesondere, nachdem 1908 Öl gefunden wurde: die 1914 gegründete Anglo-Persian Oil Company war ein einseitiges Joint-Venture; iranische Arbeiter lebten in Slums, während die Briten im Luxus schwelgten. Siehe auch: >> Eine kleine Geschichte des Erdöls.) 1886 wurde jedoch das endgültig eroberte Birma Britisch-Indien angegliedert, und 1903/04 wurde Tibet dem britischen Einfluss unterworfen.
Auch die Besiedlung Australiens war eine indirekte Folge des Verlusts der nordamerikanischen Kolonien: Dorthin waren zuvor Sträflinge “nutzbringend” verbracht worden; und nun brauchte man ein neues Ziel. In Australien gab es Kiefern, die für Schiffsmasten geeignet waren, und Flachs zur Herstellung von Segeln, und so wurde 1788 die erste Schiffsladung Sträflinge dort angesiedelt. Diese hatten zuerst Mühe, zu überleben, aber als sie die Inlandsebenen jenseits der Blue Mountains entdeckten, war Australiens Zukunft entschieden: Schon eine Generation später lieferten australische Schafe große Mengen australischer Wolle, heute leben etwa 160 Millionen Schafe in Australien.
Die ursprünglich vor allem an der fruchtbareren Ostküste Australiens lebenden Ureinwohner, die Aborigines, wurden als rückständig (zum Teil gar als offenkundiges Bindeglied zwischen Affe und Mensch) angesehen und verjagt, vergiftet und, zum Teil in regelrechten Treibjagden, erschossen. Andere fielen eingeschleppten Krankheiten zum Opfer; 1836 wurden den Aborigines alle Landrechte abgesprochen. Von den ursprünglich ca. 300.000 Ureinwohnern überlebten ca. 60.000, und die wurden in die landwirtschaftlich nicht nutzbaren Wüsten abgedrängt. Die tasmanischen Ureinwohner wurden bis 1865 von Europäern völlig ausgerottet. Die englischen Siedler bauten mit eingeführten Pflanzen (Weizen, Gerste, Äpfel, Trauben), Tieren (neben Schafen auch Rinder) und moderner Technik eine erfolgreiche Agrarwirtschaft auf. (Im Jahr 1992 entschuldigte sich der australische Premierminister offiziell bei den Aborigines für das erlittene Unrecht, ihre Landrechte wurden im „Native Title Act“ teilweise wieder hergestellt.)
1867 wurde Kanada die innere Selbstverwaltung zugestanden, neben die abhängigen Kolonien waren Dominions getreten; ein Status, den bald auch die von Weißen beherrschten Australien, Neuseeland, Südafrika (>> mehr) und Neufundland erhielten. Im Ersten Weltkrieg wurden diese faktisch unabhängig, seither bilden sie mit Großbritannien das Commonwealth of Nations, das also im Gegensatz zum British Empire ein freiwilliger Bund souveräner Staaten ist.
Französisch-Indochina und Afrika
Frankreich hatte Kolonien in der Karibik und Ozeanien; in Asien blieb es jedoch den Briten unterlegen. Anläufe zu Eroberungen gab es in den 1850er und 1860er Jahren, als Frankreich Saigon eroberte und Kambodscha unterwarf, aber erst die dritte Republik verstärkte die Aktivitäten wieder und errichtete 1884 ein Protektorat über Vietnam, das sie zwischen 1887 und 1897 zur “Union Indochinoise” ausbaute, die Teile Chinas, Kambodscha und Laos einschloss.
1830 hatte Frankreich Algier erobert und hatte seinen Einfluss bereits seit den 1850er Jahren vom Senegal und dem Golf von Guinea nach West- und Äquatorialafrika ausgedehnt. Auch dieses Engagement wurde von der dritten Republik ausgeweitet; und dadurch fühlten sich die Briten bedroht und verstärkten ihrerseits ihr Engagement in Afrika (>> hier). Nachdem es 1898 zur Faschoda-Krise gekommen war, redeten beide Mächte über ihre Differenzen, und erzielten 1904 ein Übereinkommen (die “Entente cordiale”), das auch in Europa zu einer weit reichenden Zusammenarbeit führte. Insbesondere einte beide Staaten die Besorgnis über die deutsche Flottenpolitik - Deutschland wollte im Zuge der “Weltpolitik” Kaiser Wilhelm II. mit der englischen Flotte gleichziehen. Das Verhältnis verschlechterte sich weiter, als Deutschland 1905 und 1911 vermeintliche Ansprüche in Marokko durchsetzen wollte.
Amerikas Imperialismus
Amerika als einstige Kolonie verstand sich seit seiner Unabhängigkeit eigentlich als anti-imperialistisch. Aber andererseits hatten die Amerikaner die Tendenz, ihre eigenen Werte als Menschheitsideale zu sehen - und für ihre Verbreitung zu sorgen; und dazu kamen wirtschaftliche Interessen. Als der kubanische Freiheitskampf die amerikanischen Investitionen auf der Insel gefährdete und die Amerikaner die Märkte im Pazifikraum - vor allem in China - ins Visier nahmen, brachte der spanisch-amerikanische Krieg 1898 die Philippinen (gegen 20 Millionen Dollar Entschädigung) in amerikanischen Besitz, das unabhängig gewordene Kuba wurde 1901 amerikanisches Protektorat. Dieses Vorgehen wurde aber in den USA kritisiert, und Amerika beschränkte sich anschließend auf indirekte Einflussnahme - es sah sich beispielsweise als “Polizist Lateinamerikas”, wo es mehrfach militärisch eingriff.
Russland Imperialismus
Russlands Ausdehnung fand vor allem entlang der Transsibirischen Eisenbahn statt, die von 1891 bis 1916 gebaut wurde und das europäische Russland mit den Märkten Ostasiens und des Pazifiks verband. Entlang der Strecke wurde zuerst Sibirien von über 5 Millionen Menschen besiedelt; dann Zentralasien, wobei Russland auf England traf (1885 beschlossen beide, Afghanistan als “Pufferstaat” zwischen ihnen zu lassen); und schließlich den Fernen Osten, wo sie 1860 Wladiwostok gegründet hatten und in Richtung Mandschurei und Korea drängten. Dort trafen sie jedoch auf Japan, und unterlagen im russisch-japanischen Krieg von 1905 verlustreich. Die Niederlage brachte Russland an den Rand des Bankrotts und führte zu Unruhen (1905 bis 1907), so dass Russland sich auf seine europäischen Interessen beschränken musste. Es wollte das Osmanische Reich beerben und so Zugang zu den Meeren erhalten, es begann zur Vorbereitung ein gewaltiges Rüstungsprogramm, das auch die inneren Probleme überspielen sollte.
Das deutsche Kolonialreich
Das deutsche Kaiserreich begann seine Kolonialpolitik, indem es 1884 den Reichsschutz über 580.000 Quadratkilometer Land erklärte, das der Bremer Kaufmann Lüderitz in Südwestafrika erworben hatte; im selben Jahr gab es kaiserlichen Schutz auch für Togo und Kamerun, in denen hanseatische Handelshäuser tätig waren. In Ostafrika eroberte dagegen Carl Peters für die “Gesellschaft für deutsche Kolonialisation” gezielt Land. 1898 erwarb Deutschland ein Gebiet auf der Shandong-Halbinsel an der chinesischen Ostküste, und schließlich eine Reihe von Inseln in der Südsee (unter anderem der Osten Neuguineas und Teile Samoas). Deutschland fühlte sich aber insgesamt bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen, und kompensierte dies mit einer “Weltpolitik”, die wiederum die anderen Großmächte beunruhigte.
Der kranke Mann am Bosporus: Der Zerfall des Osmanischen Reiches
Für Vielvölkerstaaten wie das Osmanische Reich bedeutete der Nationalismus keine Stärkung, im Gegenteil: Die Völker des Reichs wollten in eigenen Staaten leben. So wurde Serbien bis 1830 zum weitgehend autonomen Fürstentum, Griechenland ganz unabhängig. Auch in Ägypten wurden die osmanischen Vizekönige, die Khediven, immer mächtiger und faktisch unabhängig (wobei diese in die Abhängigkeit von den Europäern gerieten). Der russische Zar wollte das Osmanische Reich schon unter Österreich, England und Russland aufteilen, aber England und Österreich wollten das Reich er- und Russland fernhalten, der Plan scheiterte. Das Osmanische Reich zerfiel aber weiter: Serbien und Montenegro sowie Rumänien und Bulgarien wurden unabhängig. Ab 1908 versuchten die “Jungtürken”, eine Reformbewegung, das Land zu modernisieren, aber auch sie verloren weitere Landesteile: In den Balkankriegen 1912/13 fast ihr gesamtes europäisches Gebiet.
Österreich-Ungarn
Nachdem das Kaisertum Österreich im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Bund gegen Preußen den kürzeren gezogen hatte, entstand 1867 die österreichisch-ungarische, k. und k. (kaiserliche und königliche) Doppelmonarchie, die auch das heutige Tschechien, Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Herzegowina und Teile Rumäniens, Montenegros, Polens, der Ukraine und Serbiens umfasste. Auch dieses Reich litt unter Nationalitätenkonflikten, und als die k. und k. Monarchie 1908 Bosnien und Herzegowina annektierte, die zwar von Österreich-Ungarn verwaltet wurden, aber formal zum Osmanischen Reich gehörten, erhielten serbische Geheimgruppen Auftrieb. Nachdem 1914 der Thronfolger Franz Ferdinand während eines Besuches in Sarajevo von einem serbischen Attentäter erschossen wurde, folgte einen Monat später die Kriegserklärung der Monarchie an Serbien. Sie sollte der Beginn des Ersten Weltkriegs sein (>> mehr).
Die Eroberung Afrikas
Afrika war lange Zeit nur im Norden und an den Küsten von Europäern und Arabern besiedelt geblieben, ins Innere drangen zunächst nur Handelskarawanen (>> hier) oder afrikanische Sklavenjäger (>> hier) vor.
Die niederländische Kapkolonie im Süden Afrikas litt unter dem Niedergang der Niederlande und der Ostindischen Kompanie am Ende des 18. Jahrhunderts, und als 1795 ein britisches Geschwader bei Kapstadt landete, ergab sie sich fast kampflos. Der Verbot des Sklavenhandels (>> hier) war für die Buren, die sich als Herrenvolk sahen mit naturgegebenen Rechten, über die Schwarzen zu herrschen, eine Demütigung. Die Briten waren aber militärisch überlegen; und so brachen ab 1835 die Buren mit mehreren Trecks ins Innere des Kontinents auf. Nach Kämpfen mit den dort ansässigen Zulus gründeten sie schließlich zwei Buren-Republiken (Transvaal und den Oranje-Freistaat), die 1852 von den Briten anerkannt wurde. Als nach 1867 dort Diamanten und Gold gefunden wurden, flammten die Konflikte zwischen Briten und Buren wieder auf und führten 1899 zum Krieg, den die Briten gewannen. Um die Loyalität der besiegten Buren zu gewinnen, opfern die Briten die Rechte der Schwarzen: Diese erhalten in der Verfassung von 1910 kein Wahlrecht. Die ersten Wahlen in der “Südafrikanischen Union” gewannen 1913 die burischen Parteien, und Premier Louis Botha weist den schwarzen Südafrikanern Reservate in ihrem eigenen Land zu; 1923 werden auch schwarze Arbeiter in bestimmte Wohngebiete in den Städten verbannt.
Das weitere Innere Afrikas war schwer zugänglich: Im Norden lag die Sahara im Weg; und die großen Flüsse wie der Zaire, der Kongo oder Sambesi waren mit Wasserfällen für Schiffe unpassierbar. Dazu kamen tropische Krankheiten, die Europäern den Kontinent verleideten; auch gab es keine derart begehrten Güter wie die Gewürze Asiens, die abenteuerlustige Naturen dazu bringen konnten, diese Hindernisse zu überwinden. Im 19. Jahrhundert begannen zunächst protestantische Missionare, das Innere Afrikas zu erkunden; ab bekanntesten wurde David Livingstone, der unter anderem die Victoriafälle im Sambesi entdeckte. Andere Forscher entdeckten die großen Seen und kartierten den Kongo und den Niger. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Afrika zum Ziel der Kolonialstaaten Europas: Deutschland wollte nach Afrika, da Amerika und Asien bereits aufgeteilt war, Frankreich wendete sich stärker seinen Kolonien zu, und England fürchtete um seinen Einfluss. Auf der Berliner Konferenz 1884/85 wurde Afrika in Interessengebiete eingeteilt: England strebte eine Nord-Süd-Achse an, Cecil Rhodes wollte eine Eisenbahn von Kairo zum Kap bauen; Frankreich wollte Gebiete vom Westen nach Osten, von Dakar bis Dschibuti. Nach der Konferenz begannen die Staaten, “ihre” Territorien zu erobern: Im frühen 20. Jahrhundert war fast ganz Afrika europäischer Herrschaft unterworfen, unabhängig waren nur Äthiopien und Liberia. Deutschland kolonialisierte Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibien), Kamerun und Togo sowie Deutsch-Ostafrika (das heutige Tansania). 1898 trafen England und Frankreich bei der Verfolgung ihrer Achsenideen beim sudanesischen Ort Faschoda aufeinander, sie einigten sich im Sudanvertrag auf ihre jeweiligen Einflussgebiete - damit war Afrika endgültig verteilt.
China
Der Niedergang des Qing-Reiches
Das Qing-Reich litt nach 1800 zunehmend unter Bauernaufständen, die gegen steigende Geldforderungen (wegen teuerer Kriegszüge und zunehmender Korruption) gerichtet waren; auch nahm der Opiumschmuggel zu. Opium kam aus Indien; die Ostindische Gesellschaft holte sich so das Silber zurück, dass sie für chinesische Waren bezahlen musste. Als China 1839 20.000 Kisten Opium in Kanton beschlagnahmte, schickte Großbritannien ein Strafkorps: Im Opiumkrieg 1840 bis 1842 unterwarf dieses die technisch hoffnungslos unterlegenen chinesischen Truppen; Großbritannien erhielt neben einer reichlichen Entschädigung die Insel Hongkong und erzwang die Öffnung weiterer chinesischer Häfen für den Handel. Bis 1860 folgten weitere Verträge, die westlichen Mächten den Handel mit China öffneten.
Zahlreiche Chinesen verließen im 19. Jahrhundert ihr Land und verdingten sich als Kuli in anderen asiatischen Ländern oder in Amerika. In China führten die Krise des Qing-Reiches und die Öffnung im Jahr 1850 zum Taiping-Aufstand, dem mit 20 bis 30 Millionen Toten größten Bürgerkrieg der Geschichte. Angeführt von dem charismatischen Hung Xiuquan, der sich für den jüngeren Bruder Jesus’ hielt, nahmen zehntausende Aufständische eine Reihe südchinesischer Städte ein und schließlich Nanking, die alte Hauptstadt des Ming-Reiches. Darauf begannen die chinesischen Herrscher ernsthaft mit der Bekämpfung des Aufstandes; sie sollten Mittel- und Südchina für Jahre in ein Schlachtfeld verwandeln. 1864 hatte die alte Ordnung schließlich gesiegt; und Li Hongzhang versuchte, mit den Westmächten zusammenzuarbeiten - und gleichzeitig von ihnen zu lernen; China wollte sich nach westlichem Vorbild modernisieren. Der Versuch blieb jedoch regional begrenzt und verlief im Sande, und 1895 verlor China auch noch gegen den einstigen Tributstaat Japan im Kampf um Hoheit über Korea - und damit sein Ansehen bei den Großmächten. Diese siedelten nun Industrien an, legten Eisenbahntrassen an und verkauften ihre Konsumgüter im ganzen Land. 1900 kam es zu Angriffen von “Boxer” genannten Aufständischer gegen Ausländer; dieser “Boxeraufstand” wurde von einer Armee der Großmächte niedergeschlagen. In den Folgejahren musste China etwa die Hälfte seines Haushalts für Entschädigungszahlungen ausgeben.
Ab 1905 versuchte die Kaiserwitwe Cixi noch einmal, China umfassend zu reformieren - zu spät, denn 1911 wurde sie bei einem erneuten Aufstand abgesetzt. 1912 wurde China Republik, ihr Präsident war Sun Yatsen. Sun Yatsen blieb nur sechs Wochen im Amt, auf ihn folgte Yuan Shikai, der Sun Yatsens Nationale Volkspartei (Kuomintang) verbot und zum Diktator wurde. Er konnte aber China nicht zusammenhalten, Tibet und die Mongolei erklärten ihre Unabhängigkeit. 1914, mit Ausbruch des ersten Weltkriegs, riss Japan die deutsche Kolonie in Shandong an sich. Nach seinem Tod 1916 zerfiel China faktisch in Herrschaftsgebiete zahlreicher warlords (selbsternannter Kriegsherren).
Der Erste Weltkrieg
Die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien (>> hier) löste eine Kettenreaktion aus: Russland - das sich als Schutzmacht der Slawen sah - trat in den Krieg ein, was für Deutschland den Bündnisfall auslöste, worauf Frankreich und England Russland zu Hilfe kamen. So waren innerhalb weniger Tage alle Großmächte in den Krieg verstrickt. Bei Beginn des Krieges glaubten viele noch an einen schnell zu Ende gehenden “Blitzkrieg”; stattdessen wurde er zur “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”. Die Hoffnung auf einen Blitzkrieg stützte sich auf die Errungenschaften der >> Industriellen Revolution: Lastwagen konnten Truppen und Nachschub rasch bewegen. Stattdessen wurde er zum Stellungskrieg: Die neuen Maschinengewehre waren so wirksam, dass sie Soldaten zu Tausenden ummähten, und diese sich in Gräben und hinter Wällen verschanzten. Der kleinste Geländegewinn wurde mit Tausenden von Toten bezahlt. Zum Symbol wurde die Schlacht von Verdun, in der 700.000 Soldaten verwundet oder getötet wurden (in der Gedenkstätte Ossuaire [Beinhaus] de Douaumont wurden die Knochen von 130.000 nicht identifizierten Soldaten beigesetzt, >> Abbildung). In der Schlacht an der Somme 1916 starben sogar über eine Million Soldaten. Und schnell war der Krieg auch zum Weltkrieg geworden: Noch 1914 hatte Japan dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, das Osmanische Reich und 1915 Bulgarien waren an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg eingetreten. Italien, Rumänien und Griechenland traten ebenfalls in den Krieg ein, und schließlich 1917 die USA.
Um den Stellungskrieg zu überwenden, hatte Deutschland im April 1915 erstmals Giftgas eingesetzt, wenige Monate später folgten Briten, Franzosen und Russen. Aber es waren andere technische Entwicklungen, die den Krieg entscheiden sollten: 1916 brachten die Briten die ersten Panzer nach Frankreich, und diesen sollte es schließlich gelingen, die Front zu durchbrechen. Dazu kamen die Flugzeuge, die zuerst zur Aufklärung, später auch zur Bombardierung des Feindes genutzt wurden. Dabei wurde auch vor dem Bombenkrieg auf Städte nicht zurückgeschreckt, Deutschland begann 1914 mit Abwürfen über Antwerpen und später über Paris und London. Die Handelsblockade gedachte Deutschland mit U-Boot-Angriffen zu begegnen, stellte diese aber ein, nachdem sie die Lusitania mit 1.200 Menschen an Bord versenkten, darunter über 100 Amerikaner. 1917 nahm Deutschland den U-Boot-Krieg wieder auf, und löste damit den Kriegseintritt der Amerikaner aus. Dieser sollte kriegsentscheidend sein: Amerikaner, Briten und Franzosen organisierten jetzt ihren Nachschub an Öl, Panzern und Flugzeugen gemeinsam; damit waren sie in der Materialschlacht überlegen. Das Zarenreich Russland konnte dazu wenig beitragen: Seine westlichen Teile waren besetzt, seine Kommandeure waren unfähig (bis zu ein Viertel der Soldaten wurden unbewaffnet an die Front in den sicheren Tod geschickt) und das Volk lebte bei miserabler Versorgungslage im Elend - die Februarrevolution 1917 beendete die Zarenherrschaft. Die Übergangsregierung wurde im November in Petrograd (St. Petersburg) von den Bolschewiki um Lenin abgelöst und beendete den Krieg (Frieden von Brest-Litowsk im März 1918). Am Ausgang des Krieges änderte dies nichts: Erst zwangen alliierte Verbände im September Bulgarien in die Kapitulation; einen Monat später gab die neue osmanische Regierung auf; Österreich-Ungarn zerfiel - Jugoslawien und die Tschechoslowakei erklärten im Oktober ihre Unabhängigkeit; und an der Westfront durchbrachen die Alliierten mit Hilfe der amerikanischen Panzer endgültig die deutsche Linie. Im November unterzeichneten schließlich Deutschland und seine Verbündeten den Waffenstillstand. Am Ende des Ersten Weltkriegs standen über 8,5 Millionen tote und 21 Millionen verwundete Soldaten sowie acht Millionen Kriegsgefangene und Vermisste; dazu kommen das Sterben, Leiden und Hungern der Zivilbevölkerung (die Zahl der zivilen Toten ist schwer zu erfassen, vermutlich betrug sie noch einmal 5 Millionen). Das Opfer war umsonst: Eine Lösung hatte der Krieg für keines der Vorkriegsprobleme gebracht.
Die Zeit zwischen den Kriegen
Die Pariser Friedenskonferenz und ihre Folgen
Die Friedensbedingungen wurden in der Pariser Friedenskonferenz von den Siegermächten festgelegt - ohne Sowjetrussland: Lenins Vorstellungen von einer kommunistischen Umgestaltung der Welt waren mit den Vorstellungen der anderen Siegermächte zu weit entfernt. Auch Frankreich, das vor allem Deutschland entmachten wollte, und die USA, deren Präsident Wilson von einer gleichberechtigten, demokratischen Völkerfamilie träumte, hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen, fanden aber einen Kompromiss. Dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten wurde die alleinige Kriegsschuld zugesprochen; im Versailler Vertrag verpflichtete sich das Deutsche Reich, hohe Reparationszahlungen zu leisten, abzurüsten und verlor unter anderem Elsass-Lothringen an Frankreich und (nach einer Volksabstimmung) Teile Oberschlesiens an Polen. Das Osmanische Reich verlor im (niemals in Kraft getretenen) Vertrag von Sèvres alle nichttürkischen Gebiete, Konstantinopel wurde unter internationale Kontrolle gestellt. Nach Kriegen mit Griechenland, das sich die ihm zugesprochenen Gebiete in Westanatolien sichern wollte, aber von den Türken geschlagen wurde, wurden im Vertrag von Lausanne neue Grenzen festgelegt, und 1923 wurde die Republik Türkei ausgerufen. Unter seinem ersten Präsidenten, Mustafa Kemal Atatürk, wurde das Land zu einem säkularen, an Europa orientiertem Staat. Österreich verlor unter anderem Südtirol bis zum Brenner. Außerdem wurde einer Idee Wilsons folgend der Völkerbund gegründet, der zukünftig bei Konflikten zwischen Staaten vermitteln und so den Frieden dauerhaft sichern sollte. Allerdings wurden die Friedensverträge von den USA nicht ratifiziert, die daher selbst auch nie Mitglied im Völkerbund wurden. Das Fehlen dieser treibenden Kraft, und von Möglichkeiten, gefasste Entschlüsse auch durchzusetzen, verhinderten, dass der Völkerbund die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen konnte - er blieb ein Forum der kleinen und mittleren Mächte.
Die Weltwirtschaftskrise
Die Kriegsanstrengungen der Siegermächte waren zu einem guten Teil aus den USA finanziert worden. Außerdem hatten die USA und Lateinamerika ihre Wirtschaftsproduktion ausgeweitet, um die Ausfälle in Europa auszugleichen. Als hier die Wirtschaft nach dem Krieg langsam wieder anlief, kam es allmählich zu einem Überangebot - die Preise fielen. In den USA gingen immer mehr Unternehmen pleite und entließen ihre Mitarbeiter; Landwirte konnten ihre Kreditzinsen nicht mehr zahlen. Im Oktober 1929 kam es zu einem Börsenkrach. Da auch viele Anleger ihre Aktien über Kredite finanziert hatten, zogen die USA ihre Kredite aus Europa zurück, um die Banken zu retten - und machten die Krise damit zur Weltwirtschaftskrise. In den USA waren 1932/33 etwa ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos (und ohne jede staatliche Unterstützung), viele gingen als Wanderarbeiter nach Kalifornien (wo sie auf die Farmer trafen, die der Dust Bowl (>> mehr) aus der Großen Ebene vertrieben hatte). In Deutschland stieg die Zahl der Arbeitslosen bis Ende 1930 auf 5 Millionen (ebenfalls etwa 25 Prozent). Die Folgen der Weltwirtschaftskrise sollten sowohl dem Kommunismus als auch dem Faschismus Rückenwind verleihen.
Sowjetunion und Stalin-Diktatur
In Russland hatten die Bolschewiki nach einem Bürgerkrieg, der von 1917/18 bis 1920 dauerte, die Macht endgültig übernommen und gründeten Ende 1922 die Sowjetunion. Nachdem Lenin sich nach zwei Schlaganfällen aus der Politik zurückzog, verdrängte der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Josef Stalin, seine Gegner und wurde ab 1927 zum Alleinherrscher der Sowjetunion. Mit dem ersten Fünfjahresplan von 1927 begann zudem der Aufbau der Schwerindustrie (>> mehr), und Russland war kaum von der Weltwirtschaftskrise betroffen, was dem Ansehen Stalins und des kommunistischen Wirtschaftssystems zu Gute kam: Im Westen fragte sich mancher, ob die freie Marktwirtschaft wirklich besser war. Den Preis dafür zahlten die Bauern: Ab 1929 beschleunigte sich die Kollektivierung der Landwirtschaft; wer sich im widersetzte, wurde deportiert. Der landwirtschaftlichen Produktion bekam dies nicht, Hungersnöte kosteten etwa zehn Millionen Menschen das Leben. Millionen Bauern gingen in die Städte und suchten Arbeit in der Industrie. Jegliche Kritik wurde aber mit “Säuberungsaktionen” unterbunden; diese kosteten weitere 1,5 Millionen Menschen das Leben und brachte Millionen Menschen in Straf- und Arbeitslager.
Mao Zedong und die chinesische Revolution I
In China hatte der erste Weltkrieg nicht viel geändert, das Land litt vor allem auf dem Land weiterhin unter den Kriegen, mit denen die warlords sich gegenseitig bekämpften. 1926 hatte sich die Kuomintang im südchinesischen Kanton wieder etabliert, und Sun Yatsens Nachfolger Chiang Kai-shek begann gemeinsam mit der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) einen Feldzug, um China wieder zu vereinen. Den Truppen gingen Bauernaufstände voraus, die teils spontan waren, teils von der von einem Politbüromitglied der KPCh, Mao Zedong, angezettelt wurden, und Kuomintang und KP spalteten: 1927 kündigte Chiang Kai-shek die Allianz mit der KPCh auf und bekämpfte diese erbittert; die Auseinandersetzungen wurden zu einem Bürgerkrieg, der bis 1949 dauern sollte. Chiang Kai-sheks Nationalregierung saß in Nanking, und konnte in den Folgejahren ihre Herrschaft über den Westen und Süden Chinas ausdehnen und strebte eine Modernisierung Chinas an. Mao Zedong, der aus dem Politbüro der KPCh ausgeschlossen wurde, setzte weiter auf die unzufriedenen Bauern auf dem Land (und widersprach der “führenden Rolle der Arbeiterschaft” zumindest für China) und gründete in der Provinz Jiangxi die erste chinesische Sowjetregierung. Als Japan 1931/32 die Mandschurei besetzte (>> hier), erklärte die Provinz Japan den Krieg; und forderte damit auch Chiang Kai-shek heraus, der die Kommunisten für eine größere Gefahr als Japan hielt - 1934 riegelte er Jiangxi ab. Mao entschloss sich zum Durchbruch, am 16. Oktober 1934 begann der “Lange Marsch”, der 86.000 Mann - Soldaten, Parteifunktionäre und Lastenträger - zu Fuß über 10.000 Kilometer erst nach Westen, dann nach Norden, über Berge und durch Sümpfe schließlich in die Provinz Shaanxi im Norden führte, wo noch 8.000 Mann, darunter Mao Zedong, ankamen. Chiang Kai-sheks Truppen blieben ihnen auf den Fersen, aber schließlich meuterten sie: Sie wollten nicht gegen die Kommunisten, sondern gegen Japan kämpfen. Kuomintang und KPCh bildeten eine Einheitsfront, 1937 begann der Chinesisch-Japanische Krieg (>> mehr).
Die Geburt des Faschismus
Italien gehörte zu den Siegermächten, aber das Land war am Ende des Krieges wirtschaftlich und finanziell ruiniert; seine Gewinne in der Friedensregelung entsprachen nicht seinen Erwartungen. Dagegen protestierte die nationalistische Rechte im Land, und nach einem “Marsch auf Rom” beauftragte der König deren Anführer Benito Mussolini mit der Regierungsbildung. Bis Ende 1926 baute er seine Macht zu einer diktatorischen aus; Italiens Bedeutung wollte er mit Gewalt ausweiten: “Nur der Krieg bringt alle menschlichen Energien zur Anspannung und drückt den Völkern, die die Tugend haben, dem Krieg ins Gesicht zu sehen, das Siegel des Adels auf.”
Auch in Deutschland wurde der Kriegsausgang als Demütigung angesehen. Nach der Novemberrevolution und der Abdankung des Kaisers war die Weimarer Republik entstanden; die politische Orientierung blieb aber umstritten (Stichworte: Spartakusaufstand, Münchener Räterepublik, Kapp-Putsch). Außenpolitische (Ruhrkrise 1923) und innenpolitische Probleme (Inflation) schwächten zusätzlich. Der wirtschaftliche Niedergang und das soziale Elend als Folge der Weltwirtschaftskrise führten schließlich zu den ersten Wahlerfolgen der von Adolf Hitler angeführten NSDAP, die 1932 mit 37,3 Prozent zur stärksten Partei im Reichstag wurde. 1933 wurde Hitler Kanzler einer Koalition mit anderen rechten Parteien; und als 1934 der Reichspräsident Paul von Hindenburg starb, wurde Hitler faktisch Alleinherrscher. In Deutschland begann die Verfolgung der politischen Opposition, der Juden (vom ersten Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 bis zur Reichspogromnacht 1938, die die völlige Entrechtung der Juden einleitete), die Unterdrückung der Gewerkschaften und die Errichtung von Konzentrationslagern; Gesetze konnten von der Regierung ohne Zustimmung des Reichstags erlassen werden. Innenpolitisch begann mit Autobahnbau und Rüstungsproduktion aber ein wirtschaftlicher Aufschwung, der dem Regime die mehrheitliche Zustimmung (oder zumindest die schweigende Tolerierung) der Bevölkerung sicherte. Außenpolitisch war Hitler entschlossen, den Versailler Vertrag auszuhebeln und ließ keinen Zweifel an den Mitteln; 1936 verfügte er: “I. Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein. II: Die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.” Das war kein Gerede: Im März 1936 besetzten deutsche Truppen das Rheinland, im März 1938 marschierten sie in Österreich ein und im Oktober in den deutschsprachigen Teil der Tschechoslowakei.
Vorzeichen des Zweiten Weltkriegs
Wie Italien und Deutschland fühlte sich auch Japan in der Nachkriegsordnung zu kurz gekommen; auch hier führte dies zu einem Erstarken der Nationalisten. 1931/32 besetzte Japan die Mandschurei, es war der erste Versuch, die Nachkriegsordnung militärisch zu ändern. Die Siegermächte wollten noch unter dem Eindruck der Kriegsfolgen den Frieden waren und hofften, mit Konzessionen die unzufriedenen Staaten zufrieden stellen zu können; und der Völkerbund konnte gegen den Angriff nur protestieren - andere Mittel hatte er nicht. Diese Politik funktionierte nicht: Auf die Bildung der chinesischen Einheitsfront reagierte Japan 1937 mit dem Einmarsch in Peking; damit begann der japanisch-chinesische Krieg, der zum Vernichtungsfeldzug wurde (Schätzungen liegen bei 20 Millionen Toten, vor allem Zivilisten) und nach Pearl Harbor als “Pazifikkrieg” zum Bestandteil des zweiten Weltkriegs werden sollte (siehe unten). In Spanien war 1936 nach der Militärrevolte General Francos ein Bürgerkrieg ausgebrochen, in dem Deutschland und Italien auf Seiten Francos eingriffen und Russland und Verbände von Freiwilligen aus vielen Ländern auf Seiten der Republik eingriffen - und Deutschland mit der Bombardierung ziviler Ziele wie der Stadt Guernica eine neue Stufe der Grausamkeit einführte. Die Gegnerschaft in Spanien verhinderte aber nicht, dass Hitler und Stalin am 23. August 1939 einen Nichtangriffspakt schlossen - und in einem geheimen Zusatzprotokoll Polen in deutsche und sowjetische Interessengebiete aufteilten. Damit fühlte sich Hitler vor einem Zweifrontenkrieg geschützt und konnte zur Tat schreiten.
Der Zweite Weltkrieg
Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Die Beschwichtigungspolitik war damit auch in Europa gescheitert, und am 3. September erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg, und Präsident Roosevelt (der dies aufgrund der Neutralitätsgesetze nicht tun konnte) versicherte den Westmächten die Solidarität der USA. Doch zunächst konnte Deutschland Polen als Staat vernichten, besetzte 1940 Norwegen und Dänemark und begann (die Niederlande, Luxemburg und Belgien überrennend) eine Offensive gegen Frankreich; nach gut einem Monat war Paris eingenommen und einen Monat später unterzeichnete Marschall Pétain einen Waffenstillstand. Die deutsche “Blitzkriegs-Strategie” schien aufzugehen, nur Großbritannien war noch nicht geschlagen. Trotzdem begann Hitler das “Unternehmen Barbarossa”, die Niederwerfung der Sowjetunion, im Juni 1941 begann (ohne Kriegserklärung) der Feldzug. Unterdessen hatte Japan die Niederlage Frankreichs und der Niederlande genutzt, deren Kolonien zu besetzen und sich im September 1940 mit dem “Dreimächtepakt” Deutschland und Italien angeschlossen. Während sich in China vor allem die Truppen im kommunistischen Norden noch gegen Japan wehrten, rückten im Juli 1941 japanische Truppen in Saigon ein, am 1. Dezember trat Japan offiziell in den Krieg ein, und am 7. Dezember griff Japan die amerikanische Pazifikflotte, die in Pearl Harbor auf Hawaii lag, an. Gleichzeitig begann eine japanische Offensive gegen Hongkong, Singapur, die Philippinen und Thailand - der Krieg war endgültig zum Weltkrieg geworden.
Unterdessen war die Wehrmacht in Russland steckengeblieben - unter anderem, da ihr Treibstoffnachschub mit dem Verbrauch auf den schlechten russischen Straßen nicht mithielt. Dafür funktionierte in den eroberten Gebieten die Strategie der “Ausrottung”, die vor allem die jüdische Bevölkerung und die “kommunistische Intelligenz” traf; diese verordnete Gewalt gegen die Zivilbevölkerung führte zu einer Spirale aus Gewalt und Gegengewalt, die den ganzen Krieg prägen sollte (und am Ende auf die deutsche Bevölkerung selbst zurückfiel). Im Winter 1941 beendeten russische Truppen vor Moskau den deutschen Vormarsch. Mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor waren auch die USA in den Krieg eingetreten. 1942 konnte Deutschland in Osteuropa und Nordafrika noch einmal Siege feiern, ein Vorstoß gegen Stalingrad scheiterte jedoch. Die Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/43 brachte die Wende in Russland: Die Russen sollten die Deutschen bis nach Berlin treiben, wobei die Deutschen versuchten, im Land so viel Schaden wie möglich anzurichten (“verbrannte Erde”). Auch in Nordafrika wendete sich Ende 1942 das Blatt, im Mai 1943 mussten sich die letzten Deutschen und Italiener in Nordafrika ergeben. Im Juli 1943 landeten britische und amerikanische Truppen auf Sizilien, Mussolini wurde verhaftet und am 3. September vereinbarten die Alliierten und Italien einen Waffenstillstand. Unterdessen war durch den strategischen Bomberkrieg der Alliierten der Krieg auch in Deutschland angekommen, Treibstoffnachschub und Kriegswirtschaft wurden schwer beeinträchtigt. Auch die Briten und Amerikaner versuchten zudem nun - wie zuvor Deutschland (Warschau, Rotterdam, Coventry) - die Moral der Bevölkerung durch Flächenbombardements zu zerstören; erstes Opfer dieser Strategie war die Stadt Hamburg, am 13./14. Februar 1945 starben in Dresden 25.000 Menschen. Deutschland versucht, dem mit der Propaganda vom “Totalen Krieg” und der “Wunderwaffe”, der V2-Rakete, etwas entgegenzusetzen. Am 6. Juni 1944 war jedoch die Landung der Westalliierten in der Normandie erfolgt, im März 1945 überquerten sie den Rhein; im Januar 1945 begann die Rote Armee ihre Großoffensive und erreichte im April Wien und Berlin: Im Mai 1945 kapitulierte Deutschland, der Krieg in Europa war vorbei.
Die Japaner hatten weder die Hafenanlagen noch das Erdöllager von Pearl Harbor vernichtet, und so schwamm die amerikanische Pazifikflotte bald wieder. Bereits 1942 konnte sie erste Siege gegen Japan verzeichnen. Wie technisiert der Krieg inzwischen war, wird daran erkennbar, dass die Flugzeugträger, von denen die Angriffe ausgingen, sich außer Sichtweite voneinander befanden. Die technische Überlegenheit der Amerikaner gab den Ausschlag, Japan konnte nur “heldenhaft” untergehen. Dies aber versuchten sie, alleine die Schlacht um die Insel Okinawa im Frühjahr 1945 kostete 120.000 Menschen das Leben. Ganze Schulklassen sprangen lieber von den Klippen ins Meer, als sich den Amerikanern zu ergeben. Derartiger Fanatismus ließ die Amerikaner vor einer Invasion auf den Hauptinseln zurückschrecken: Obwohl es Anzeichen gab, dass Japan kampfunfähig und kapitulationswillig war, endete der Krieg in Japan erst nach den Abwürfen der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. Am 10. August schickte der Kaiser ein Kapitulationsangebot an die Alliierten.
Im Zweiten Weltkrieg gab es etwa (die Schätzungen schwanken erheblich) 55 Millionen Tote und Vermisste, davon etwa 25 Millionen Zivilisten. Von diesen waren mindestens sechs Millionen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns - Behinderte, Zigeuner, Homosexuelle und zahlenmäßig besonders bedeutsam: Juden. Viele weitere Millionen Menschen blieben dauerhaft versehrt. Und über 30 Millionen Europäer verloren ihre Heimat: Durch die Zwangsumsiedelung von Polen, die Deportation von Volksdeutschen und “unzuverlässigen Völkern” nach Sibirien durch Stalin, die Zwangsrekrutierung von Millionen “Fremdarbeitern” für die deutsche Kriegswirtschaft und am Ende mehr als zwölf Millionen Vertriebene und Flüchtlinge.
Weiter mit: >> Neue Herausforderungen (1945 bis heute)
|